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STAR TREK

TITAN

EINE NEUE ÄRA

MICHAEL A. MARTIN UND ANDY MANGELS

Ins Deutsche übertragen von
Stephanie Pannen

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Für Dr. D. Randolph Jones,
dessen elektrokardiologisches Können mein Herz
weiterschlagen lässt. Und für meine Frau, Jenny,
für die dieses Herz schlägt
.
M.A.M.

Dieses Buch ist Paul Smalley gewidmet,
meinen auserwählten Sohn,
in Liebe von seinem auserwählten Vater
.
Ich liebe dich, mein Sohn.
A.M.

DANKSAGUNGEN

Die Autoren dieses Buches schulden mehreren anderen Star Trek-Autoren Dank (oder ist es Rache?): John Vornholt, Dayton Ward & Kevin Dilmore, Robert Greenberger, David Mack und Keith R. A. DeCandido, den Autoren der „A Time To“-Romanreihe, Josepha Sherman & Susan Shwartz, den beiden außergewöhnlichen romulanischen Historikerinnen, die der romulanischen Hauptstadt einen Namen gegeben haben; Judith und Garfield Reeves-Stevens, die sich auch einen Namen für die romulanische Hauptstadt ausgedacht haben; Michael Jan Friedman, der einige Charaktere, die in diesem Buch vorkommen (oder auf die Bezug genommen wird), durch ihr allererstes Abenteuer nach NEMESIS geführt hat; Dave Galanter, David Mack (nochmal) und Josepha Sherman & Susan Schwartz (nochmal), die uns alle nette kleine Überraschungen in der „Tales of the Dominion War“-Anthologie hinterlassen haben, sowie Diane Duane, die einen Großteil der linguistischen Grundlagen und kulturellen Hintergründe des Romulanischen Sternenimperiums ausgemalt hat.

HISTORISCHE ANMERKUNG

Der Großteil dieser Geschichte spielt während der letzten Tage des Jahres 2379 (nach dem alten Kalender), kurz nach den Ereignissen in STAR TREK – NEMESIS.

Jegliche Gewalt, alles Widerwärtige und Abstoßende, ist keine Macht, sondern das Fehlen von Macht.

—Ralph Waldo Emerson (1803–1882)

In der Politik werden Verdienste in der Weise belohnt, dass man ihren Träger erhöht wie eine Zielscheibe, auf die gefeuert werden soll.

—Christian Nevell Bovee (1820–1904)

Wir werden Frieden haben, selbst wenn wir dafür kämpfen müssen.

—Dwight D. Eisenhower (1890–1969)

KAPITEL 1

ROMULUS, STERNZEIT 56828,8

»Das ist wohl Ihr erster Besuch in Ki Baratan«, sagte die Frau, die hinter dem Agenten stand.

Soviel zu ‚je offensichtlicher, desto unauffälliger‘, dachte der Agent und gab lautlos die Hoffnung auf, dass sie ihm genauso wenig Aufmerksamkeit schenken würde wie die Massen an Zivilisten und militärischen Offizieren, an denen er auf der zentralen Eyhon der Stadt schon vorbeigegangen war. Er wendete seinen Blick kurz von dem eleganten, blutgrünen Kuppelbau des romulanischen Senats ab, drehte sich um und betrachtete die Frau. Hinter ihm erstrahlte das antike Gebäude in der Morgensonne und reflektierte den türkisfarbenen Schimmer des friedlichen Apnex-Sees, der direkt dahinter lag.

»Um ehrlich zu sein, ist das wirklich mein erster Besuch hier«, sagte der Agent und grinste breit. Er war davon überzeugt, dass sie nicht bemerken würde, wie unangenehm sich dieses spezielle Verhalten für ihn anfühlte. »Bis heute kannte ich die Großartigkeit von Dartha nur aus den Holos meines Großvaters.«

Während sie ihn beäugte, bemerkte er, dass sie alt und ergraut war. Ihre Kleidung war schmucklos und unförmig, ihr runzliges Gesicht ernst, offensichtlich geprägt von zweihundert Lebensjahren voller Mühen. Er sah teilnahmslos zu, während sie misstrauisch und mit zusammengekniffenen Augen seinen leicht abgenutzten Reisetalar musterte.

»Dartha?«, fragte die Frau, während sie ihn noch immer fest im Blick behielt. »Niemand hat die Hauptstadt des Imperiums mehr bei diesem Namen genannt, seit Neral an die Macht gekommen ist.«

Der Agent schalt sich selbst, auch wenn er sich bemühte, seinen Missmut hinter einer sorgfältig kultivierten Maske der Unempfindlichkeit zu verbergen. Obwohl sein Fehler verständlich war – ungefähr vergleichbar mit der Verwechslung des terrestrischen Konstantinopels des neunzehnten Jahrhunderts mit dem Istanbul des zwanzigsten –, machte er sich dennoch Vorwürfe.

»Vergeben Sie mir, ’lai«, sagte er und benutze damit die traditionelle ländliche Form der Anrede, die man gebrauchte, um Älteren gegenüber Respekt zu zeigen. »Ich bin erst heute angekommen, aus Leinharrh. Im Rarathik-Bezirk.«

Ein nachgiebiges, verständnisvolles Lächeln zog ihre Mundwinkel nach oben. »Genau wie ich gedacht habe. Ich habe Sie sofort für einen Hveinn gehalten. Einen Bauern, der noch nie zuvor das Waith verlassen hat.«

Der Agent zwang sein eigenes Grinsen, noch etwas breiter zu werden. Es ermutigte ihn, dass sie seinen ländlichen Rarathik-Dialekt überzeugend fand. Er blieb jedoch vorsichtig, denn diese scheinbar harmlose alte Dame war vielleicht, wie er selbst, nicht das, was sie zu sein vorgab. »Zu Ihren Diensten, ’lai. Sie können mich Rukath nennen.«

Sie nickte bedeutsam, aber dezent in Richtung des Kuppelbaus – und der mit Disruptoren bewaffneten Wachen, die um die grünen, mit Ruatinit verzierten Minarette patroullierten, die ihn umgaben. »Dann erlauben Sie mir, Ihnen einen freundschaftlichen Rat zu geben, Rukath aus Leinarrh. Starren Sie weiter so auf das Regierungsgebäude und ich werde Sie ‚tot‘ nennen müssen. Oder gar Schlimmeres.«

Der Agent erlaubte seinem Lächeln zusammenzufallen, was eigentlich eine Erleichterung war. Er täuschte nun Naivität vor, gemäß seines ausgiebigen Geheimdienst- und Taktiktrainings.

»Denken Sie, dass mich diese Uhlans dort drüben wirklich erschießen würden? Nur fürs Gucken

»Beten Sie einfach, dass die kalten Finger von Erebus Sie zu unwichtig finden, um Sie in die Unterwelt zu reißen«, sagte sie mit einem mitleidigen Kopfschütteln. »Daold klhu

Touristen, übersetzte der Agent den unvertrauten romulanischen Begriff für sich, als sich die alte Frau umdrehte und davonging. »Jolan’tru, ’lai«, sagte er zu ihrem davongehenden Rücken.

Er wandte sich wieder dem Senatsgebäude zu und beobachtete, wie die Wachen ihre Runden gingen. Er zählte sechs, die momentan in Zweiergruppen marschierten, ihre arroganten, disziplinierten Blicke starr nach vorne gerichtet. Trotz der Warnung der alten Frau hätte er für sie ebenso gut unsichtbar sein können.

Aber das ist kein Grund, selbstgefällig zu werden, dachte er und überprüfte den Chrono, der in den getarnten Subraum-Impulstransmitter eingebaut war, den er am Handgelenk trug. Die Zeit wurde knapp. Seit seiner heimlichen Ankunft auf Romulus am Tag zuvor hatte er Dinge beobachtet, die nur sehr wenige seiner Leute jemals gesehen hatten.

Sein soeben beendeter Besuch der romulanischen Hauptstadt Ki Baratan würde sich eventuell als einziger herausstellen. Nun war es an der Zeit, sich unter die Stadt zu wagen.

Der Agent schob Gedanken an die Unterwelt der romulanischen Mythologie absichtlich beiseite. Diese alten Geschichten hatten die widerlichen Gerüche nicht hinreichend beschrieben, die ihm aus den bildlichen – und wörtlichen – Eingeweiden Ki Baratans entgegenwehten. Erebus, aber wahrlich.

Von dem Licht an seinem Handgelenk durch die stygische Finsternis geführt, war der Agent erleichtert, als er bemerkte, dass das altehrwürdige Labyrinth der Aekhhwi’rhoi – den steingepflasterten Abwassertunneln, die unter Ki Baratan verliefen – genau den Plänen entsprach, die der Überläufer M’ret dem Geheimdienst der Sternenflotte beschafft hatte. Er schritt vorsichtig über zahllose auseinanderlaufende, vielbeinige Nhaidh, die hier in der Kanalisation lebten, bis er am abgemachten Treffpunkt ankam. Als er dort war, drehte er kräftig an einem großen, rostüberzogenen Rad, und öffnete damit eine schmale Zugangsluke, die älter als Surak und T’Karik zusammen zu sein schien. Die rostzerfressene Stahlöffnung ächzte protestierend und bewegte sich nur geringfügig, obwohl sich die Muskeln in seinem Rücken durch die Mühe anspannten. Nach etwa einer Minute intensiver Überredungskunst gab das Rad nach und die Luke öffnete sich mit einem Scheppern, das durch die gesamten Katakomben zu hallen schien.

Er ließ das Rad los, zog eine kleine Disruptorpistole unter seinem Talar hervor und quetschte sich durch die schmale Öffnung. Nun verstellte er sich nicht mehr, denn wer auch immer sonst noch hier unten sein mochte, er hatte seine Anwesenheit auf jeden Fall bemerkt.

Er betrat den dunklen Raum hinter der Luke, wo ihm die Luft, die nach Stillstand, modrigen alten Knochen und feuchter Erde stank, unangenehm in die Nase stieg. Als er weiter nach vorne trat, hörte er eine leise, aber dennoch harte männliche Stimme.

»Halt! Lassen Sie Ihre Waffen fallen.« Etwas Kaltes und Unnachgiebiges drückte sich mit Nachdruck in sein Kreuz.

Der Agent lockerte seinen Griff an der Waffe und ließ sie auf den unebenen Steinboden fallen. Plötzlich erstrahlte vor ihm ein grelles Licht und er musste kurz mit seinen inneren Augenlidern blinzeln. Flüchtig sah er ein paar Meter weiter in den Tiefen der Höhle mehrere humanoide Umrisse vor sich stehen.

»Nennen Sie Ihren Namen«, verlangte die Stimme hinter ihm. Sie klang jung, fast jugendlich. Oder vielleicht nur ängstlich? »Und den Grund Ihrer Anwesenheit.«

Der Agent wusste, dass dies der Moment der Wahrheit und höchstwahrscheinlich auch der letzte Moment seines Lebens war. Er stellte sich dieser Aussicht mit der den Vulkaniern eigenen Gelassenheit.

»Auf Romulus bin ich als Rukath bekannt.«

»Aus Leinharr, im weit entfernten Rarathik«, sagte jemand anderes mit einer ernsten weiblichen Stimme. »Geschickt von der Sternenflotte. Ja, wir haben Sie erwartet.«

Der Agent nickte. »Dann wissen Sie ja schon, weswegen ich hier bin. Damit habe ich gerechnet.«

Er fühlte, wie die Waffe in seinem Rücken leicht zitterte, und er rechnete sich seine Chancen aus, den Mann hinter sich zu entwaffnen. Sie waren nicht besonders gut. Dennoch, es war an der Zeit, diese Konfrontation zu beenden, wie auch immer die Folgen aussehen mochten.

»Ich überbringe außerdem eine Grußbotschaft des Föderationsraumschiffes Alliance. Captain Saavik sendet der Bewegung ihre besten Grüße. Und natürlich dem Botschafter.«

Wie der Agent gehofft hatte, veranlasste die Erwähnung der Frau des Botschafters einen der Umrisse vor ihm, sich von den anderen zu lösen und einen Schritt vorwärts zu machen. Die große, schlanke Gestalt sprach mit überraschter, doch voller Stimme. Der Agent erkannte sie sofort, obwohl mehr als achtzig Jahre vergangen waren, seit er sie das letzte Mal gehört hatte.

»Senken Sie Ihre Waffe, D’Tan. Rukath befindet sich unter Freunden.«

»Aber wie können wir sicher sein, dass es sich bei diesem Rukath um einen Freund handelt? Wenn das überhaupt sein richtiger Name ist.«

Die Gestalt machte ein paar weitere Schritte nach vorn und eine Armbewegung, bei der es sich offenbar um ein abgesprochenes Signal handelte. Daraufhin wurde das Licht etwas schwächer. Dies erlaubte dem Agenten, das Gesicht des Mannes, der da auf ihn zukam, zu erkennen, ebenso wie den Rest der Gruppe, ein halbes Dutzend bewaffneter romulanischer Zivilisten – Männer und Frauen in gleicher Zahl – die wachsam um ihn herum standen.

Botschafter Spock.

Die große, sichtbar unbewaffnete Gestalt blieb etwa einen Meter vor ihm stehen. Der Mann trug das einfache Kapuzengewand eines Pilgers, die Hände hatte er vor der Brust verschränkt. Nun studierte er sein Gesicht. Der Agent rief sich seine vorherigen Treffen mit dem Botschafter in Erinnerung, dessen finstere Miene immer noch unverkennbar war, trotz der vielen neuen Falten und Furchen. Er fragte sich, ob Spock sich nach so vielen Jahren auch an ihn erinnerte. Vielleicht erschwerten die geringfügigen chirurgischen Veränderungen seines Gesichts das Wiedererkennen.

»Ihre Wachsamkeit ist unser Gewinn, D’Tan«, sagte Spock zu dem jungen Mann mit der Waffe. »Aber, wie Surak uns lehrt, gibt es keinen Fortschritt ohne Risiko.«

Das überzeugte den jungen Mann offenbar, denn er ließ seine Waffe sinken und trat zurück. Der Agent erlaubte sich einen kurzen Blick über die Schulter, um Spocks jugendlichen Leibwächter auf eine Art und Weise zuzunicken, von der er hoffte, dass sie als harmlos und beruhigend aufgefasst werden würde. Er nahm die Reaktion des anderen Mannes zur Kenntnis: ein finsterer Blick und ein immer noch gezückter Disruptor.

Der Agent wendete seinen Blick wieder zu Spock, den Mann, der vor mehr als einem Jahrhundert auf Vulkan, in der Föderation und darüber hinaus große Berühmtheit erlangt hatte. Wie seltsam, dachte er, dass jemand, der nicht einmal das Kolinahr erreicht hat, hier an diesem unerträglichen Ort nun den gesamten Vulkan repräsentiert – und vorhat, den Vulkaniern wie den Romulanern so radikale Änderungen zu bringen. Er fragte sich, ob sich Spock überhaupt an so eine Aufgabe heranwagen würde, wenn er den Gipfel der Logik erreicht hätte, den die Lehren des Kolinahrs repräsentierten.

Wäre ich denn so töricht gewesen, ihm hierher zu folgen, wenn sich mir das Kolinahr nicht ebenfalls entzogen hätte?

»Gehen Sie ein Stück mit mir, Rukath«, sagte Spock und wandte sich unvermittelt ab, um noch tiefer in die in den groben Stein gehauene Höhle vorzudringen, die sich hinter der Abwasserluke erstreckte. Der Agent verfiel neben dem Botschafter augenblicklich in den gleichen Schritt. Er hörte das Knirschen des Schotters hinter sich, als Spocks Anhänger ihnen in respektvoller Distanz folgten. Wenn ich wirklich ein Tal Shiar oder Maulwurf des Militärs wäre, wie diese Leute befürchten, wäre diese Mission wahrlich ein Himmelfahrtskommando.

»Sie müssen D’Tan entschuldigen«, sagte Spock.

»Da gibt es nichts zu entschuldigen, Herr Botschafter. Seine Vorsicht ist verständlich. Die Augen und Ohren des Tal Shiar sind überall.«

»In der Tat. Und niemand von uns hat Senator Pardeks Verrat vergessen.«

Der Agent glaubte, einen Hauch von Schwermut in der Stimme des Botschafters zu erkennen. Auch wenn eine überraschende Abwendung vom vulkanischen Gleichmut war, konnte er das natürlich verstehen. Obwohl er Jean-Luc Picards Berichte über Romulus studiert hatte – von denen einer Spocks eigene Feststellung enthielt, dass es Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte dauern würde, um die lang getrennten Vulkanier und Romulaner wieder zu vereinen – war es enttäuschend zu sehen, dass Spocks Bemühungen nach elf Jahren harter, oftmals gefahrvoller Arbeit so wenig gefruchtet hatten.

Als ob er die düstere Wendung vermutete, die die Gedanken des Agenten genommen hatten, kam Spock direkt zum Punkt: »Sagen Sie mir, Rukath: Warum sind Sie nach Romulus gekommen?«

Der Agent war nicht überrascht, zu erfahren, dass der Geheimdienst der Sternenflotte Spock vielleicht nicht uneingeschränkt über die Gründe für seinen Besuch auf Romulus informiert hatte. Oder vielleicht testete Spock ihn auch nur, trotz seiner Beschwichtigungen D’Tan gegenüber.

»Ich überbringe ein Angebot des Föderationsrates«, sagte der Agent.

Obwohl die Beleuchtung in der Höhle weiterhin schummrig blieb, konnte der Agent sehen, wie sich Spocks rechte Augenbraue anhob. »Und die Beschaffenheit dieses Angebotes?«

»Der Rat hat beschlossen, Ihrem Ziel der vulkanisch-romulanischen Wiedervereinigung seine offizielle Unterstützung zu geben. Aber sowohl der Rat als auch der neue Präsident erwarten von Ihnen, zuerst zur Erde zurückzukehren und einen formellen Bericht abzugeben.«

Spock blieb plötzlich stehen. Seine dunklen Augen glänzten mit einer fast fanatischen Intensität. Der Agent fragte sich, was die vielen Jahre des Lebens unter den überemotionalen Vettern der Vulkanier mit der emotionalen Disziplin des Botschafters angerichtet hatten. Hatte er sich »eingelebt«?

»Meine Arbeit befindet sich hier«, sagte Spock.

Der Agent erhob beschwichtigend seine Hand. »Sie würden hierher zurückgebracht werden, Herr Botschafter, um diese Arbeit so schnell wie möglich fortzuführen. Nachdem Sie dem Rat und dem Büro des Präsidenten von Ihren Fortschritten berichtet haben.«

Spock senkte den Kopf und schien mit einem bedächtigen Gesichtsausdruck ins Nichts zu blicken. »Ich verstehe«, sagte er nach einer Weile. »Um eine Redewendung von der Erde zu benutzen: Der Rat möchte, dass der Botschafter ‚aus der Kälte kommt‘.«

Da er seit fast einem Jahrhundert zumindest sporadisch Umgang mit Menschen pflegte, war der Agent vertraut mit dem Ausdruck, den Spock gebraucht hatte. »Ja, Herr Botschafter. Und der Rat wird Ihnen ganz bestimmt Föderationsmittel zur Verfügung zu stellen, zumindest verdeckt.«

Spock zögerte erneut, bevor er antwortete. »In der Tat. Das wäre eine beträchtliche Änderung der bisherigen Föderationspolitik.«

»Wir leben in sich verändernden Zeiten, Herr Botschafter.«

»Unbestreitbar. Präsident Zifes überraschender Rücktritt ist nur eines der Zeichen dafür.« Spock faltete seine Hände ineinander. »Ich komme nicht umhin, mich zu fragen, ob das Angebot des Rates mit Zifes plötzlichem Weggang zusammenhängt.«

Der Agent war beeindruckt von Spocks Wissen über die politische Landschaft jenseits der Romulanischen Neutralen Zone, obwohl er wusste, dass es ihn eigentlich nicht überraschen sollte; er rief sich in Erinnerung, dass der Botschafter der Erde mehr als nur einen kurzen Besuch abgestattet hatte, seit er seine Arbeit auf Romulus begonnen hatte.

»Ich fürchte, ich weiß nur, was in den Nachrichtennetzen gemeldet wurde«, gab der Agent zu.

Spock nickte ernst. Der Agent hatte keinen Zweifel daran, dass der Botschafter mit diesen Berichten sehr gut vertraut war.

Er spürte, dass der Botschafter noch etwas zusätzliche Überredung brauchte, und sagte: »Ich werde mich heute Abend mit meiner Transportgelegenheit in Kontakt setzen müssen. Wenn Sie zustimmen, mich zu begleiten, werden wir Sie innerhalb einiger Tage zurück im Föderationsraum haben.«

Etwas, das beinahe einem Lächeln glich, überzog Spocks Gesicht. »Ich nehme an, Rukath, dass Sie nicht darauf vorbereitet sind, mich mit Gewalt zur Erde zurückzubringen?«

Der Agent deutete auf D’Tan, von dem er wusste, dass dieser – immer noch mit dem Disruptor im Anschlag – nur ein wenig weiter hinter ihm stand. »Ich bin ganz offensichtlich nicht in der Position, Sie zu irgendetwas zu zwingen, Herr Botschafter. Ich hatte gehofft, dass Sie freiwillig zur Erde mitkommen würden.«

Spock schüttelte sehr langsam den Kopf. »Ich bin erfreut, dass die Föderation endlich die Notwendigkeit einer Wiedervereinigung erkannt hat. Aber ich kann es mir nicht erlauben, meine Arbeit auf Romulus zu unterbrechen, nicht einmal vorübergehend. Besonders nicht jetzt, da die Spannungen zwischen dem romulanischen Senat und einer der entscheidenden remanischen Militärfraktionen zu eskalieren drohen.«

Der Agent entsann sich, dass ebendieses Thema gerade gestern in seiner täglichen Einsatzbesprechung zur Sprache gekommen war. Der geheimnisvolle Shinzon, der junge Führer der remanischen Fraktion, hatte während des Krieges eine Reihe von militärischen Einsätzen gegen die Truppen des Dominion geführt. Seine unerwartete Wichtigkeit in der romulanischen Politik konnte unvorhersehbare Schwankungen im empfindlichen Gleichgewicht der Kräfte verursachen, nun, da der Senat über Fragen von Krieg und Frieden gleichermaßen gespalten war.

»Sie wären nicht sehr lange von Romulus fort, Sir«, sagte der Agent leise.

»Das örtliche politische Umfeld ist viel zu unbeständig, als dass ich jetzt abreisen könnte. Zusätzlich zu der Unberechenbarkeit der remanischen Fraktion gibt es Gerüchte über Unruhen auf Kevratas und anderen romulanischen Vasallenwelten. Ich wage es im Moment nicht, Romulus zu verlassen, nicht einmal für kurze Zeit.«

Der Agent entschied, dass er nun riskieren musste, den Botschafter zur Kooperation anzustacheln. »Hat Ihre Wiedervereinigungsbewegung denn im letzten Jahrzehnt so wenig Fortschritte gemacht, dass Sie selbst jetzt noch vollkommen unentbehrlich für sie sind?«

Spock schluckte den Köder jedoch eindeutig nicht. Er wich der Frage aus. »Ich muss außerdem noch zwei weitere Möglichkeiten berücksichtigen. Eine davon ist, dass Sie tatsächlich ein Tal Shiar sind. Die andere lautet, dass die Absichten der Föderation anders sind, als Sie beschrieben haben.«

Trotz dieser enttäuschenden Antwort war der Agent immer noch nicht bereit, den Fehlschlag hinzunehmen. Er trat einen einzelnen Schritt näher an Spock heran und sagte: »Dann gestatte ich Ihnen Zugang zu meinem Geist. Ich biete Ihnen an, zu wissen, was ich weiß.«

Spocks rechte Augenbraue schoss wieder in die Höhe. Dann, nach einem mahnenden Blick in D’Tans Richtung, ging der Botschafter auf den Agenten zu. Dieser schloss seine Augen und fühlte den gleichmäßigen und unnachgiebigen Druck, den die Finger des Botschafters auf seine Schläfen ausübten. Pulsierende Farben und Strukturen begannen sich in eleganten Zusammenstellungen vor seinem geistigen Auge aneinanderzufügen. Es war ein spannender Blick in einen außergewöhnlich starken und perfekt organisierten Geist.

Und dann kam es: ein Schauder des Wiedererkennens. Nach all den Jahren erinnert er sich wirklich an mich.

»Ich glaube Ihnen«, sagte Spock, kurz nachdem er seine Hand zurückgezogen und damit die Gedankenverbindung unterbrochen hatte.

Die Augen des Agenten öffneten sich wieder und ein kurzzeitiges Gefühl der Desorientierung ließ ihn blinzeln. Der Botschafter trat zurück. »Dann begleiten Sie mich zurück zur Föderation.«

Erneut schüttelte Spock den Kopf. »Ich fürchte, das kann ich nicht.«

»Aber Sie haben gesagt, dass Sie mir glauben.«

»Mein Vertrauen in Ihre Ehrlichkeit ist nicht das Problem.«

»Was ist es dann, abgesehen von der romulanischen Politik?«

Spocks Blick wurde streng, als wäre er im Begriff, die Geduld mit einem absichtlich begriffsstutzigen Kind zu verlieren. »Föderationspolitik

Nun hob der Agent überrascht eine Augenbraue. »Ich verstehe nicht, Herr Botschafter.«

»Der Präsident der Föderation ist gerade zurückgetreten. Einen der zwei Bewerber um seinen Platz kann man guten Gewissens als politischen Reaktionär beschreiben, der gegenüber ehemaligen Verbündeten im Dominion-Krieg eine aggressive Haltung einnehmen will. Ich halte es für schwer zu glauben, dass solch ein Präsident die Wiedervereinigungsbewegung auf Romulus unterstützen würde.«

Der Agent brauchte keine weiteren Erklärungen: Spock sprach eindeutig von dem Sondergesandten Arafel Pagro von Ktar. Und wenn man von der bereits bekannten anti-klingonischen Einstellung des Kandidaten Pagro ausging, war es eine sichere Annahme, dass er keinerlei Friedensbemühungen auf Romulus unterstützen würde.

»Die Ergebnisse der Sonderwahl sind noch nicht vollständig ausgezählt«, sagte der Agent. »Gouverneurin Bacco von Cestus III kann immer noch als Siegerin hervorgehen.«

Spock nickte. »In diesem Fall werde ich erwägen, für ein kurzes Treffen mit Präsidentin Bacco und dem Rat zur Erde zurückzukehren. Natürlich vorausgesetzt, dass die romulanisch-remanischen Verhältnisse es erlauben.«

Auf ein wortloses Signal des Botschafters hin umringten D’Tan und der Rest von Spocks Gefolge ihren Anführer. »Leben Sie lange und in Frieden«, sagte Spock und bildete mit den Fingern seiner rechten Hand den traditionellen vulkanischen Gruß.

»Frieden und ein langes Leben«, erwiderte der Agent und benutzte seine linke Hand, um Spocks rituelle Geste zu erwidern.

Dann verschwand die Gruppe mit dem Botschafter in einer dunklen Biegung der aus grobem Stein gehauenen Höhlenwände.

Der Agent stand allein in der dämmrigen, steinernen Kammer und lauschte dem entfernten Widerhall tropfenden Wassers und seinem eigenen frustrierten Seufzen. Lautlos kehrte er dorthin zurück, wo D’Tan ihn gezwungen hatte, seinen Disruptor abzulegen, nahm ihn wieder an sich und begann seinen einsamen Aufstieg zurück zu den gepflasterten Straßen der Ira’sihaer, zu der antiken Kasbah von Ki Baratan.

Er hielt an, um einen nachmittäglichen Imbiss in einem schäbig aussehenden Gasthof einzunehmen, der mit seinen ockerfarbenen und grauen Steinen so alt wirkte wie die Zeit selbst. Obwohl seine vegetarische Bestellung die Bedienung dazu brachte, ihn misstrauisch zu beäugen, kümmerte es ihn nicht, denn er war viel zu sehr damit beschäftigt, in Gedanken seinen offiziellen Bericht an den Geheimdienst der Sternenflotte vorzubereiten.

Nach dem Essen – bei dem er feststellen musste, dass romulanische Köche keine Ahnung hatten, wie man Gemüse zubereitete – mietete er sich in einem der Einzelzimmer im relativ abgeschiedenen dritten Stock des Gasthofes ein. Sobald er sich eingerichtet und einen Trikorderscan nach Überwachungsgeräten durchgeführt hatte, nahm er diskret seinen Bericht auf. Dann benutzte er den Sender, der in seinem Chrono am Handgelenk eingebaut war, um den Bericht als verschlüsselte »Explosions«-Übertragung zu senden. Das dauerte nicht länger als den Bruchteil einer Sekunde. Die Wahrscheinlichkeit, dass selbst der gefürchtete Tal Shiar ihn abfangen, geschweige denn entschlüsseln konnte, war verschwindend gering.

Einige Minuten später hörte er durch sein Fenster laute Stimmen von der Straße. Für einen Moment fragte er sich, ob die romulanischen Behörden seine Übertragung abgehört hatten.

Doch ein Blick aus dem Flügelfenster sagte ihm, dass es sich bei den Leuten, die dort unten auf der Straße herumbrüllten, weder um Tal Shiar noch um romulanisches Militär handelte. Ein Dutzend Personen, augenscheinlich alles Zivilisten, kamen aus der Richtung des Regierungsgebäudes gerannt. Er konnte wenig Zusammenhang in ihrem Geschrei erkennen, außer ein paar allgemeinen Hinweisen auf Mord und Totschlag.

Neugierig verließ er seinen Raum, ging hinunter in die Eingangshalle und von dort auf die alte gepflasterte Straße. Immer mehr Zivilisten schlossen sich dem stetig wachsenden Pulk an und trugen so zum Lärm, Chaos und dem allgemeinen Aufruhr bei. Eine zunehmende Anzahl uniformierter Polizisten und behelmter Uhlans tauchte in der rasenden Menge auf, während diese sich die Straße vorandrängte, weg von den offiziellen Staatsgebäuden. Im Hintergrund der niedrigen Bebauung des Regierungsviertels von Ki Baratan ragte die elegante Kuppel des Senatsgebäudes in den Himmel und dominierte damit den Horizont wie das fortwährend sonnenverbrannte Antlitz von Remus. Drei wild aussehende Mogais ließen sich von den thermalen Lüften hoch über der Kuppel treiben und stießen klagevolle Laute aus, während sie mit fast bewegungslosen Flügeln ihre Kreise zogen. Der Agent fragte sich kurz, ob die fleischfressenden Vögel lebende Beute oder Aas gewittert hatten.

Eine junge Frau lief über den Gehweg und warf dabei fast einen älteren Mann um, als sie an ihm vorbeirannte. Ihr jadegrün angelaufenes Gesicht war vor Panik verzerrt. »Sie haben den Senat ermordet!«, schrie sie und wiederholte den Satz unaufhörlich.

Der Agent lief ihr ein paar Schritte nach, packte sie an der Schulter und drehte sie zu sich. »Wer? Wer hat den Senat ermordet?« Als er ihre Worte wiederholte, kam ihm die Vorstellung, dass der gesamte romulanische Senat plötzlich und gleichzeitig ausgelöscht worden sei, vollkommen absurd vor.

Die einzige Antwort der Frau war ein entsetzter Schrei. Im gleichen Moment schlug etwas von hinten auf ihn ein, traf ihn fest genug, um ihn auf den steinernen Gehweg zu schleudern. Der Aufprall trieb alle Luft aus seinen Lungen und jegliches Gefühl aus seinem linken Arm und beiden Beinen. Trotzdem gelang es ihm, sich auf den Rücken zu rollen, in der Hoffnung, das, was auch immer ihn getroffen hatte, selber zu sehen.

Zwei Uhlans mit roten Helmen und in voller Rüstung erhoben ihre Betäubungsknüppel. Derjenige, der bei der hysterischen Frau stand, brachte sie mit einem brutalen Hieb zum Schweigen. Der andere streckte den alten Mann nieder, den die Frau nur Momente zuvor aus Versehen beinahe umgerannt hatte.

»Lasst sie in Ruhe«, rief der Agent, obwohl er sich in dem wachsenden Tumult kaum selbst hören konnte.

Die Uhlans kamen auf ihn zu, ihre Knüppel bewegten sich wie Sensen, die in Rarathik reifes Kheh ernteten. Zahllose weitere Zivilisten in Panik, einfache Leute, die nicht einmal zu wissen schienen, in welche Richtung sie laufen sollten, wurden entweder auseinandergetrieben oder durch wiederholte Schläge niedergestreckt, ausgeführt von der wachsenden Front von Polizei und militärischer Uhlans.

Er erinnerte sich flüchtig an das, was er über die blutigen Aufstände vor über fünf Jahren gelesen hatte, deren Auslöser die Ermordung Shiarkieks, dem betagten Herrscher des Imperiums, durch Erzpriester N’Gathan gewesen war. Da muss wirklich etwas im Senatsgebäude passiert sein, dachte er. Etwas Furchtbares. Alle hier müssen denken, dass das Gleiche mit ihnen passieren wird.

Und dem Verhalten der Uhlans nach zu urteilen, waren diese genauso in Panik wie die restliche Bevölkerung.

Er benutzte seinen rechten Arm, um sich mühsam in eine sitzende Stellung zu bringen, weg von den beiden näherkommenden Uhlans. Er zog sich vorwärts und bemühte sich, dem Meer flüchtender Beine auszuweichen. Versehentliche Tritte von zahllosen rennenden Füßen hagelten auf seine Rippen, seine Brust und seinen Bauch.

Er hielt den Armchrono an seinen Mund, schrie einen vereinbarten Befehl direkt in den Tonabnehmer und hoffte, dass der ganze Hintergrundlärm ihn nicht übertönen würde.

»Aehkhifv!« Das romulanische Wort für »Auslöschung«.

Er wusste, dass er so gut wie sicher gefangen oder getötet werden würde. Wenn er Glück hatte, hätte sein Befehl bereits das Säuberungsprogramm in Gang gesetzt, das mit einer Überhitzung jedes bisschen Föderationstechnik zerstören würde, das in seinem Handgelenks-Chrono versteckt war.

Einschließlich des Subraum-Explosionstransmitters, der seine einzige Möglichkeit darstellte, lebendig von Romulus wegzukommen.

Dann traf ihn ein knochenzerschmetternder Schlag auf seinen Hinterkopf. Während er nach vorne über den Rand eines sich verdunkelnden Abgrundes fiel, galten seine letzten zusammenhängenden Gedanken den romulanischen Erebus-Mythen.

KAPITEL 2

U.S.S TITAN, STERNZEIT 56941,1

Inmitten von Sternen, die seine Art noch nicht bereist hatte, schwebte Will Riker in die Höhe.

Er spürte unter seinen Füßen kaum die Aussichtsplattform des Stellarkartographie-Labors der Titan. Dann ergab sich Riker der Illusion, den Arm des Orion »stromaufwärts« zu gleiten. Er wurde von den Tönen der 1928 von Louis Armstrong aufgenommen Version von »West End Blues« getrieben. Riker kam es so vor, als würde er sich viel schneller bewegen, als selbst die großen Triebwerke seines Schiffes es vermochten. Die vertrauten Sterne seiner Heimat hatten sie schon lange hinter sich gelassen. Was vor und um ihn herum lag, war eine unbekannte Weite, deren Geheimnisse er, seine Besatzung und ihr junges Raumschiff zu erforschen ausgeschickt worden waren.

So viel zu entdecken, dachte er und war bei dem Gedanken gleichermaßen demütig wie aufgeregt. Wer ist dort draußen? Was wird uns dort erwarten? Und was werden wir auf dem Weg dorthin lernen? Die gleichen Fragen, die ihn vor Jahren zur Sternenflotte geführt hatten. Damals wie heute sah er nur einen sicheren Weg, um die Antworten zu finden.

Bald, sagte er sich selbst. Schon bald

»Will?«

Deanna. Plötzlich befand er sich wieder auf dem Boden, die Stabilität seines Raumschiffes sicher und fühlbar unter ihm, obwohl die vorbeifliegenden Sterne und Nebel blieben. Er stand in der Mitte des sphärischen Holoraums und war so in die Simulation vertieft gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, wie sie in das Kartographie-Labor gekommen war.

»Computer, deaktiviere Audio«, sagte Riker und beendete so abrupt die Musik des unsterblichen Satchmo.

Deanna kam an seine Seite, ihr Blick suchte den seinen. »Alles in Ordnung?«, fragte sie.

Er nickte und legte seinen Arm um ihre Schulter. Sie erwiderte die Geste und ließ einen Arm um seine Taille gleiten. »Ich schaue mir nur den vor uns liegenden Weg an«, sagte er leise.

»Und wie wirkt er auf dich?«

Die Frage überraschte ihn und er brauchte eine Weile, um eine Antwort zu finden. »Lang«, sagte er schließlich und konnte dabei nicht verhindern, dass sich ein leichtes Lächeln in seine Stimme einschlich.

»Dann solltest du vielleicht nicht so weit nach vorne schauen«, sagte sie leichthin. »Mach immer nur einen Schritt nach dem anderen.«

Grinsend fragte er: »Spricht da mein Counselor oder meine Frau?«

Deanna zuckte mit den Schultern. »Spielt das eine Rolle? Es ist so oder so ein guter Rat.«

Seine Augenbrauen zogen sich zusammen; er konnte ihre Gefühle so deutlich lesen wie sie die jedes anderen. »Stimmt etwas nicht?«

Sie zögerte, dann sagte sie: »Ich weiß, was dieser Einsatz dir bedeutet, was er für dich repräsentiert. Ich weiß, dass du ihn sehr ernst nimmst …«

»Soll ich ihn etwa nicht ernst nehmen?«, unterbrach er sie, seine Stimme etwas schärfer, als er beabsichtigt hatte.

Deanna ließ es durchgehen. »Es sollte keine Bürde sein, Will. Das habe ich gemeint.«

Riker seufzte, lehnte sich auf das Geländer, sah hinab in die Leere und beobachtete die Sterne, wie sie weiter unter ihm vorbeiglitten. »Ich weiß. Es ist nur schwer, nicht daran zu denken, wie viel auf dem Spiel steht. Ich blicke auf die letzten zehn Jahre zurück und frage mich, wie so viel passieren konnte, wie sich so viel verändern konnte. Manchmal hatte ich das Gefühl, als ob wir durch einen dunklen Tunnel gerast wären, ohne Möglichkeit, abzubiegen, und ohne zu wissen, auf was wir als nächstes treffen würden. Die Borg, die Klingonen, das Dominion … Wir haben den Großteil der Zeit damit verbracht, uns auf den nächsten Kampf vorzubereiten, den nächsten Krieg.« Er machte sich nicht die Mühe, dieses schwierige letzte Jahr an Bord der Enterprise zu erwähnen; er brauchte es nicht. Sie wusste so gut wie er, was sie durchgemacht hatten.

Er drehte sich wieder zu ihr und bemerkte, dass sie ihn sorgfältig beobachtete. »Jetzt haben wir das alles überstanden und zum ersten Mal seit beinahe zehn Jahren fühlt es sich so an, als hätten wir eine Chance, etwas von dem wiederzuerlangen, was wir in diesen Jahren verloren haben. Wir können die Dinge tun, die wir vorhatten, als wir der Sternenflotte beigetreten sind – Dinge, von denen ich als Kind geglaubt habe, dass sie die Sternenflotte ausmachen. Die Föderation ist endlich an dem Punkt angekommen, ein Jahrzehnt nahezu konstanter Konflikte hinter sich zu lassen. Diese Mission, dieses Schiff, ist meine Chance – unsere Chance –, um dabei zu helfen. Diese Bürde ist real, Imzadi. Ich werde nicht so tun, als ob es sie nicht geben würde.«

Deanna lächelte ihn sanft an und streichelte dann seine Wange. »Das sollst du doch auch nicht. Aber du kannst sie teilen. Deswegen hast du eine Ehefrau und eine Mannschaft. Damit du sie nicht alleine tragen musst.«

Er ergriff ihre Hand, küsste sie und nickte. »Du hast recht. Und das werde ich nicht. Ich verspreche es.«

»Brücke an Captain Riker.«

Riker, der immer noch die Hand seiner Frau hielt, tippte auf seinen Kommunikator. »Was ist los, Mr. Jaza?«

»Sir, die U.S.S. Seyetik hat an der Utopia Station Eins angedockt. Sie haben gemeldet, dass sich Dr. Ree darauf vorbereitet, herübergebeamt zu werden. Wir halten Transporterraum vier bereit.«

Ein kleines, rätselhaftes Lächeln zog Deannas Mundwinkel nach oben. »Bestätigt«, sagte Riker. »Teilen Sie dem Transporterraum mit, dass Commander Troi und ich auf dem Weg sind. Riker Ende.« Er wandte sich vom Geländer ab und griff nach der Bedienungskonsole der Plattform, um die Simulation des Orion-Arms zu deaktivieren.

Dann drehte er sich wieder zu ihr. »Was hat dieses Lächeln zu bedeuten?«

»Das sag ich dir später«, sagte Deanna und ging damit über die Frage hinweg.

Rikers Augen verengten sich vor gespieltem Misstrauen, aber er entschied sich, das Thema fallen zu lassen. Als der Captain und der Counselor zusammen zum Ausgang gingen, veränderten sich die Wände des Labors und kehrten zu ihrer üblichen Bereitschaftsdarstellung zurück, dem Anblick des sichtbaren Alls, das die Titan umgab.

Außerhalb des Gittermusters des Trockendocks, lag zur rechten Seite die orangefarbene, sonnenbeschienene Planetenoberfläche des Mars, auf der man weit im Norden die flachen Ebenen erkennen konnte, auf denen sich die planetaren Anlagen des Utopia Planitia-Docks befanden. An der linken Seite der Titan zeichneten sich deutlich die Stationen und Instandhaltungsgerüste der Utopia-Orbitalanlage gegen den weißgelben Glanz von Sol ab.

»Ist der Rest der Senior-Mannschaft schon an Bord gekommen?«, fragte Riker Deanna, als sie das Labor verließen und den Gang entlang schlenderten. Er nickte zwei Schiffsbiologen zu, die an ihnen vorübergingen, ein Arkenit, dessen Name ihm im Moment nicht einfallen wollte, gefolgt von einen Chelonen, der so blassgrün war, wie Riker es noch nie bei einem Angehörigen dieser Spezies gesehen hatte. Die Wissenschaftler grüßten zurück.

»Fast«, antwortete Deanna. »Dr. Ree ist der Letzte. Vom Ersten Offizier natürlich abgesehen. Aber vorausgesetzt, dass da nichts schiefgeht, solltest du deine Mannschaftsbesprechung planmäßig und vollständig abhalten können.«

Riker bemühte sich, seinen Gesichtsausdruck ruhig zu halten, während sie an einer unverkleideten Wand vorübergingen, an der mehrere Techniker des SCE – dem Ingenieurkorps der Sternenflotte – immer noch ein fehlerhaftes ODN-Relais in einem Replikator-Netzwerk austauschten, das den halben Gang durchzog. Die Arbeit sah um einiges komplizierter aus als vor einer halben Stunde, als Riker zuletzt durch diesen Abschnitt gegangen war.

»Ich bin weniger über eine Mindestanzahl bei der Mannschaftsbesprechung besorgt als darüber, planmäßig auszulaufen.«

»Mach dir nicht immer so einen Kopf, Will«, sagte Deanna. »Ein paar Stolpersteine auf dem Weg sind doch normal. Wir haben immer noch zwei Wochen. Sie wird schon fertig werden.«

»Irgendwelche neuen Stolpersteine, von denen ich wissen sollte?«

»Nicht wirklich. Nur die vorauszusehenden Schwierigkeiten, wenn man eine biologisch so verschiedenartige Mannschaft auf einem einzigen Schiff unterbringen will. Ich war auf Deck sieben, als der Bautrupp den letzten Abschnitt von Ensign Lavenas Quartier fertiggestellt hat. Ich muss schon sagen, es ist ein wenig irritierend, eine Wand voller Pazifik-Meerwasser vom Boden bis zur Decke zu sehen. Wenn wir irgendwann mal ein Problem mit den Kraftfeldern haben sollten, muss ihr Quartier versiegelt werden, ansonsten wird das gesamte restliche Deck überflutet werden.«

Riker lächelte. Der Ruf der Titan, die meisten unterschiedlichen Arten in der Geschichte der Sternenflotte zu vereinen, war etwas, was ihn mit Stolz erfüllte. Er war überzeugt, dass es genau für die richtige Mission zur richtigen Zeit in der Geschichte der Föderation den richtigen Ton angab. Aber dadurch wurde das Ganze natürlich auch zu einem technischen und logistischen Albtraum. Wenigstens, bis man endlich alle Macken beseitigt hatte.

»Du hast recht«, sagte Riker. »Darüber werde ich mir jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Außerdem ist es noch gar nicht so lange her, dass wir uns mit Schiffen rumschlagen mussten, die eine ganze Menge mehr Wasser hätten vertragen können.« Unsere Flitterwochen im Opal-Meer, dachte er. Das war mal ein Abenteuer.

Sie erreichten einen Turbolift und traten hinein. »Transporterraum vier«, sagte Riker. Die Türen schlossen sich und der Lift setzte sich in Bewegung.

»Es gibt da etwas, das ich erwähnen muss«, sagte Deanna. »Es geht um Dr. Ra-Havreii.«

»Was ist mit ihm?«

»Er bat darum, während des Testfluges an Bord der Titan bleiben zu dürfen.«

Riker runzelte die Stirn. »Hat er gesagt, warum?«

Deanna schüttelte den Kopf. »Er hat nichts Konkretes gesagt, aber ich hatte den Eindruck, dass er wegen irgendetwas beunruhigt war.«

»Ein Problem mit dem Schiff?«

»Nein, das habe ich ihn als Erstes gefragt. Er sagte, er habe keinerlei Bedenken, wie die Titan abschneiden wird, das habe er im Gefühl. Es handelt sich um ein persönliches Gesuch.«

Riker nickte und überdachte die Angelegenheit für einen Moment. »In Ordnung. Sag ihm, dass er während des Testfluges gerne an Bord bleiben darf. Nein warte, vergiss das. Ich sage es ihm selbst. Eine persönliche Einladung durch den Captain ist die kleinste Höflichkeit, die ich dem Erbauer der Titan erweisen kann. Und solange er bei uns ist, versuche unauffällig herauszufinden, warum er an Bord bleiben will – natürlich ohne ihn zu beleidigen. Vielleicht nachdem Dr. Ree angekommen ist.«

»Verstanden«, sagte Deanna und da war es schon wieder – dieses kleine, unterdrückte Lächeln, das gleiche, das sie fast überkommen hätte, als Jaza ihn von Rees bevorstehender Ankunft in Kenntnis gesetzt hatte.

Der Lift blieb stehen und öffnete sich zum Transporterraum. Riker hielt inne. »In Ordnung, Deanna, was ist los?«

Endlich konnte sie das Lächeln nicht länger zurückhalten, es zog sich über ihr Gesicht, bis es zu einem breiten Grinsen wurde. Es wirkte fast so, als ob sie einen Lachanfall unterdrücken müsste. Kein gutes Zeichen.

»Du hast das Dossier über die Pahkwa-thanh, das ich dir hingelegt habe, gar nicht gelesen, oder?«, fragte sie.

Die Pahkwa-thanh, dachte Riker. Dr. Rees Spezies. »Ich hab nicht gedacht, dass es so dringend ist«, sagte er laut. »Was mir an Dr. Ree wichtig ist, sind seine Fähigkeiten und sein Ruf als Arzt der Sternenflotte, nicht seine Herkunft. Mich interessiert, wer, nicht was er ist.«

»Aber du hast ihn nie getroffen«, sagte Deanna und lächelte immer noch rätselhaft vor sich hin. »Oder irgendeinen anderen Pahkwa-thanh.«

»Deanna«, sagte Riker und senkte dann seine Stimme, weil ein Besatzungsmitglied vorüberging. »Wenn es irgendetwas gibt, dass ich über Ree wissen sollte, bevor ich ihn treffe, sag es mir einfach.«

Deanna rückte seinen Kommunikator zurecht, so als ob gleich ein Admiral um die Ecke kommen würde. Sie benahm sich plötzlich wie die Unschuld in Person. »Wie du gesagt hast, es ist wahrscheinlich vollkommen unwichtig. Also lass ihn uns einfach treffen.« Sie machte eine schnelle Kehrtwende und marschierte in den Transporterraum, noch bevor Riker sie aufhalten konnte. Einmal mehr stellte er seine Entscheidung in Frage, ein Schiff zu befehligen, in dessen Besatzung seine Ehefrau als Senior-Offizier und Berater tätig war. Er konnte darauf vertrauen, dass die Entscheidungen, die Deanna in seinem Namen treffen würde, sowohl in seinem Interesse als auch dem der Besatzung waren. Aber er war sich auch darüber im Klaren, dass sie sich nicht zu schade war, dabei ein wenig Spaß auf seine Kosten zu haben.

Riker seufzte und folgte ihr.

»Guten Abend, Sir«, sagte der junge Lieutenant, der hinter der Transporterkonsole stand.

»Guten Abend, Lieutenant.« Riker zermarterte sein Hirn, aber ihm wollte immer noch nicht der Name des jungen Mannes einfallen. »Es tut mir leid, aber wie war nochmal Ihr Name?«

»Radowski. Lieutenant Bowan Radowski«, sagte der dunkelhäutige Techniker. »Und Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Wir alle wissen ja, unter wem wir dienen, aber ich bin mir sicher, dass es schwierig sein muss, sich die Namen so vieler neuer Besatzungsmitglieder zu merken.«

Riker bemühte sich, nicht zu lächeln. Er war sich nicht sicher, ob der Transporterchief im Nachhinein bemerken würde, dass er gerade die Intelligenz seines Captains beleidigt hatte, aber Riker wusste, dass keine Absicht dahintersteckte. Erinnert mich irgendwie an etwas, das mir in meiner Jugend hätte passieren können, dachte er.

Ein Piepton erklang von der Konsole und Radowski huschte mit den Fingern über die Steuerung. »Dr. Ree ist bereit zum Beamen.«

»Energie, Mr. Radowski«, sagte Riker.

Auf der Transporterplattform erschien der vertraute Leuchteffekt und verschmolz zu einem festen Lebewesen. Als es sich materialisierte, verstand Riker endlich, warum Deanna sich so über seine sorglose Unwissenheit, was Dr. Rees Spezies anging, amüsiert hatte.

Er wusste von dem Portraitfoto in Rees Personalakte, dass der Doktor reptilienähnlich war. Aber nun sah er, dass das kleine zweidimensionale Bild, auf dem nur der Kopf zu sehen gewesen war, irreführend war. In voller Größe war Ree über zwei Meter groß und wie ein Dinosaurier gebaut. Rees schuppige, strahlend gelbe Haut war mit zackigen schwarzen und roten Streifen verziert und teilweise mit einer seltsam gestalteten Sternenflotten-Uniform bedeckt, die so geschneidert war, dass sie sich seinem ungewöhnlichen Körperbau anpasste. Ein dicker Schwanz schlängelte sich hinter zwei stämmigen Beinen her, die offensichtlich einmal dazu gedient hatten, Beute zu jagen. Und seine Füße endeten in Klauen und Afterkrallen. Rees obere Extremitäten ähnelten schon mehr menschlichen Armen, obwohl es schwer war, ihre Länge zu schätzen, da er sie an den Ellbogen gebeugt und eng an seine Brust hielt. Sein leguanhafter Kopf zeigte einen Mund voll scharfer, fingerlanger Zähne, die feucht glänzten.

Ree trat von der Transporterplattform herunter, kam auf Riker zu und starrte ihn dabei mit seinen großen Augen an. Die senkrechten Pupillen gaben ihm das Gefühl, eine Feldmaus unter dem Basiliskenblick einer Eule zu sein. »Ich bin Dr. Shenti Yisec Eres Ree. Habe ich die Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen?«, sagte der Pahkwa-thanh. Seine Aussprache war nahezu fehlerlos, obwohl Riker zwei Paar oberer und unterer Fangzähne bemerkte, die zwar zwischen dem Rest seiner beeindruckenden Zahnung kaum auffielen, die er aber mit der gespaltenen Zunge für die Ursache der übermäßigen Zischlaute hielt. Riker fiel außerdem auf, dass der Doktor einen seltsamen Geruch verströmte, der ihn entfernt an verbrannten Toast erinnerte.

Da er auf keinen Fall so wirken wollte, als hätte ihn die Erscheinung des Doktors auch nur in der geringsten Weise aus der Fassung gebracht, eilte Riker nach vorne und streckte die rechte Hand aus. »Erlaubnis erteilt. Ich bin Captain William T. Riker. Willkommen an Bord der Titan, Doktor.«

Ree streckte seine eigene Hand aus und ergriff die von Riker mit erstaunlicher Behutsamkeit. »Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Captain. Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit.«

Als Ree ihn berührte, wäre Riker fast reflexartig zusammengezuckt. Rees Hand war kalt, mit langen, beweglichen Fingern, die Rikers Hand beinahe komplett umschlossen. Die harten Krallen, die sich an den Spitzen der Finger des Pahkwa-thanhs befanden, waren glücklicherweise kurzgefeilt, aber Dr. Rees Hand zu schütteln, war ein Erlebnis, das ihm die Haare im Nacken zu Berge stehen ließ.

Dafür krieg’ ich dich noch dran, projizierte er in Richtung Deanna, während er sein bestes Pokerface auflegte und seine Aufmerksamkeit wieder dem Chefarzt seines Schiffes zuwandte.

Zu seiner Überraschung nickte Deanna, um ihm zu zeigen, dass sie ihn »gehört« hatte. Das geschah nur selten, meist wenn sie sich in unmittelbarer Nähe zueinander oder in einer extrem nervenaufreibenden Situation befanden. Die instinktive Unsicherheit, die er beim ersten Anblick von Ree verspürt hatte – vielleicht eine primitive menschliche Angstreaktion –, gehörte definitiv zur zweiten Kategorie, dachte Riker.

Mich interessiert, wer, nicht was er ist, zitierte ihn Deanna lautlos.

Schon gut, ich hab es kapiert, schoss er zurück. Trotz seiner edelmütigen Ideale und seines aufgeklärten Selbstverständnisses konnte Riker also immer noch vom Unerwarteten überrascht werden und von Dingen, die er noch nicht verstand. Er begriff nun, dass Deanna ihn absichtlich hereingelegt hatte, um ihn vor den Herausforderungen zu warnen, denen sich die Besatzung der Titan – einschließlich ihres Captains – stellen musste, um gemeinsam leben und arbeiten zu können. Riker entschied, Deannas Dossier über die Pahkwa-thanh so schnell wie möglich zu lesen – genau wie jedes andere, das sich mit den Spezies der sich an Bord befindlichen Mannschaftsmitgliedern befasste, und über die er nicht besonders viel wusste.

Riker überwand seine Abscheu durch reine Willensanstrengung, zog seine Hand zurück und deutete damit auf seine Frau. »Der diplomatische Offizier und Schiffscounselor der Titan, Commander Deanna Troi.«