Cover

Nikolaus Nützel · Dr. Hannes Blankenfeld

19 TIPPS, WIE DU DEINEN 20. GEBURTSTAG ERLEBST.

UND DEN 100. VIELLEICHT AUCH NOCH.

Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte dieses E-Book Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses E-Books verweisen.

1. Auflage 2015

© 2015 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Uwe-Michael Gutzschhahn

Kapitelvignetten: Hannes Blankenfeld

Bildredaktion: Tanja Zielezniak

Einbandgestaltung: init | Kommunikationsdesign, Bad Oeynhausen

aw · Herstellung: aj

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-15700-5
V003

www.jugend-in-gefahr.de

www.cbj-verlag.de

Inhalt

1 Der Todeskuss der Kokosnuss

Was tropische Baumfrüchte und Haie mit dem Kampf ums Überleben in Deutschland zu tun haben

2 Die irre Angst

Warum die Angst vor Kriminalität möglicherweise mehr Schaden anrichtet als die Kriminalität selbst

3 Du bist doch verrückt!?

Muss auch ich Sorge haben, durchzudrehen, wo es doch ganz danach aussieht, dass langsam, aber sicher alle den Verstand verlieren?

4 Leider geil: Süchte

Warum vieles, was erst einmal angenehm scheint, am Ende sehr unangenehme Folgen haben kann

5 Hirnerweichung durch Games, WhatsApp und überhaupt das Digitalzeug?

Über die Sucht, von der viele reden, aber bei der viele vor allem aneinander vorbeireden

6 Besonders fies: unsichtbare Bedrohungen

Warum es so schwer ist, Gefahren richtig einzuschätzen, die man nicht sehen kann. Und warum es wichtig ist, sie trotzdem nicht zu ignorieren

7 Menschengemachte unsichtbare Bedrohungen

Warum es so schwierig ist, mit Umweltveränderungen umzugehen, hinter denen der Mensch selbst steckt

8 Strahlen für die Ewigkeit: die überflüssigste unsichtbare Bedrohung

Warum es wirklich klug ist, aus der Atomkraft auszusteigen – und auch draußen zu bleiben

9 Die Sonne – ein Todesstern?

Riskieren wir Gesundheit und Leben, wenn wir uns in die Sonne setzen?

10 Tödlich oder Lebensretter?

Sind alle Untersuchungen stets völlig harmlos?

11 Die Brust muss weg!

Warum Angelina Jolie zu einer radikalen Maßnahme griff, um sich vor Krebs zu schützen – und was sich daraus lernen lässt

12 Die unschönen Nebensachen beim Sex

Krankheiten, über die niemand gerne spricht, über die man aber wenigstens etwas lesen sollte. Und zwar jetzt und hier

13 Dreimal Piks – und nie mehr Krebs?

Was Mädchen überlegen sollten, wenn ihnen gesagt wird: »Vor dem ersten Sex brauchst du eine Impfung.« Und was auch Jungs darüber wissen sollten

14 Schon wieder Erster … Aber da gibt’s doch eine Pille!

Wie Männer und Jungs mit dem ziemlich peinlichen Thema »Zu früh kommen« in die Arme der Pharmaindustrie getrieben werden sollen

15 Das Risiko hat Räder – und zwar zwei bis vier

Wo die wirklichen Gefahren drohen, wenn man von A nach B kommen will

16 XXXL

Warum es so schwer ist, nicht zu schwer zu sein. Und auch nicht zu leicht

17 Der Killer vom Grill

Warum man es mit der »richtigen Ernährung« auch übertreiben kann

18 Bin ich schön?

Wie die Sehnsucht nach dem perfekten Körper die Gesundheit gefährden kann – die körperliche und auch die geistige

19 Bauch über Kopf

Warum es manchmal richtig ist, über Entscheidungen nicht lange nachzudenken. Und wie man beim Hören aufs Bauchgefühl am besten den Kopf beteiligt

Register

Die Autoren

1 Der Todeskuss der Kokosnuss

Was tropische Baumfrüchte und Haie mit dem Kampf ums Überleben in Deutschland zu tun haben

Diese Frucht ist ein Killer. Hinter ihrer vermeintlich harmlos-haarigen braunen Schale verbirgt sich tödliche Gefahr. Wenn sie einem Menschen aus 30 Metern Höhe auf den Kopf fällt, dann ist das für den Schädel so, als ob er beim Motorradfahren mit fast 100 Stundenkilometern gegen eine Betonmauer knallt. Ohne Helm. Das hält kein Kopf aus.

Die Warnung vor der tödlichen Gefahr der Baumfrucht findet sich in einem wissenschaftlichen Artikel, den der Mediziner Peter Barss geschrieben hat.

Der Titel: »Injuries due to falling coconuts« – auf Deutsch: »Verletzungen durch fallende Kokosnüsse«.

Und diese Frucht ist ein Serientäter. Jeden zweiten Tag sucht sie sich ein neues Opfer. So kann man es zumindest immer wieder in Zeitungen und Internettexten lesen. »Jedes Jahr werden weltweit durchschnittlich 150 Menschen an Stränden von einer herabfallenden Kokosnuss erschlagen«, so schrieb es die hochseriöse Frankfurter Allgemeine Zeitung am 9. Juli 2002. In den folgenden Jahren fand sich dieselbe Information unter anderem in der nicht weniger seriösen Süddeutschen Zeitung, in der Zeitung Die Presse aus Wien oder auch in der Bild.

Doch es kommt noch schlimmer. Die Kokosnuss ist eine völlig unterschätzte Gefahr! Sie ist um ein Vielfaches gefährlicher als der mörderischste Meeresbewohner, der Hai. So hat es im Jahr 2002 Robert Hueter in die Welt gesetzt. »Sie haben ein 15 Mal höheres Risiko, von einer Kokosnuss getötet zu werden als von einem Hai«, rechnete es der Direktor des Mote Marine Laboratory in Sarasota, Florida vor. Denn jedes Jahr sterben etwa zehn Menschen bei Hai-Attacken. Der Amerikaner wollte damit Urlaubern eine Sorge nehmen: Wer im Meer badet, muss keine große Angst vor Haien haben. Er kann sich auf den beruhigenden Zahlen der Statistik treiben lassen wie auf einer Luftmatratze.

Klingt alles völlig einleuchtend, oder? Die Wissenschaft hat festgestellt: Der Todeskuss der Kokosnuss ist weit gefährlicher als der gierige Biss eines Hais.

Ist aber leider weitgehend Unsinn. Quatsch. Humbug.

Lehrreicher Unsinn immerhin. Humbug, aus dem man auch für das Leben in Deutschland – fernab von Palmenstränden und Hairevieren – einiges lernen kann. Etwas lernen fürs Leben und Überleben. Etwas lernen über den richtigen Umgang mit Gefahren, Risiken, Angst, Tod und allem, was zum Dasein sonst noch dazugehört.

Denn Kokosnuss und Hai können helfen, wichtige Fragen zu stellen:

#Woher bekomme ich Informationen darüber, was gefährlich ist?

#Woher weiß ich, ob ich diesen Informationen trauen kann?

#Wie kann ich unterscheiden, was gefährlich ist und was nur gefährlich scheint?

#Wie kann ich erkennen, was für mich selbst gefährlich ist und was eher im Leben anderer Menschen eine Gefahr bedeutet?

Die Wurzel der Legende

Gehen wir diese Fragen mal mit Hai und Kokosnuss durch. Informationen darüber, dass Kokosnüsse weit gefährlicher sind als Haie, finden sich im Internet an Dutzenden Stellen. Zeitungen und Radiosender wiederholen sie in regelmäßigen Abständen. Was allerdings auffällt: Dabei werden immer wieder die gleichen Zahlen verwendet, ohne dass jemand genau weiß, wo diese Daten eigentlich herkommen. »Urban legend« (oder auf Deutsch: moderne Sage) nennen es Gesellschaftswissenschaftler, wenn sich eine Behauptung irgendwann als vermeintliche Wahrheit festsetzt.

Eine solche Behauptung hat manchmal einen wahren Kern. So auch bei den Kokosnüssen. Dass die tödlich sein können, ist erwiesen. Der kanadische Mediziner Peter Barss hat die Erfahrungen, die er als Krankenhausarzt im tropischen Papua-Neuguinea mit Kokosnussverletzungen gesammelt hat, 1984 in einem wissenschaftlichen Aufsatz verarbeitet. Er beschreibt darin vier schwere Kopfverletzungen. Zwei der Patienten sind gestorben. Der Aufsatz von Barss gilt als der Ursprung der Story von der tödlichen Kokosnuss.

Wie allerdings aus zwei Toten in Papua-Neuguinea 150 Tote weltweit wurden, ist unklar. Es lässt sich nirgends ausmachen, wer erstmals ausgerechnet hat: »Wenn in Papua-Neuguinea zwei Menschen durch Kokosnüsse sterben, dann werden es weltweit wohl 150 sein.« Eine Erklärung, woher die Zahl kommt, hat ein Forschungsinstitut geliefert, das sich in Australien mit Haien beschäftigt: »Jemand hat die Zahl von 150 Toten einfach aus der Luft gegriffen.« Womit die Frage, ob man dieser Zahl trauen kann, beantwortet sein dürfte: Nein.

Bei der Suche nach dem Erfinder der Zahl 150 gibt es einen Hauptverdächtigen. Im Februar 2002 benutzte eine britische Versicherungsfirma die Behauptung »Kokosnüsse sind gefährlicher als Haie«, um auf eine Reisepolice aufmerksam zu machen. Hier lässt sich gleich noch etwas lernen: Sobald ein Wirtschaftsunternehmen (das üblicherweise finanzielle Interessen verfolgt) seine Finger im Spiel hat, wird der Umgang mit Zahlen besonders heikel. Die britische Versicherung erzielte mit ihrer Meldung den gewünschten Effekt: beträchtliche Aufmerksamkeit. Die Behauptung löste eine ganze Welle von Presseartikeln aus. Seitdem ist die Botschaft »Jährlich 150 Tote durch Kokosnüsse« nicht mehr totzukriegen.

Sauberer ist die Datenlage über die Zahl der Menschen, die von Haien getötet werden. Denn hier zählen Behörden auf der ganzen Welt mit. Und diese Zählungen ergeben: In einem Jahr sterben mal acht Menschen durch Haie, in einem anderen Jahr sind es zwölf, in wieder einem anderen Jahr sind es zehn. Man kann deshalb – gestützt auf eine halbwegs saubere Statistik – der Information vertrauen: Jedes Jahr töten Haie weltweit etwa zehn Menschen.

Nicht nur an die­sem Strand in Bra­si­li­en ist man der Mei­nung: Haie kön­nen ge­fähr­lich sein.

Wir haben also eine weitgehend erfundene Zahl (Tote durch Kokosnüsse) und eine halbwegs sauber erhobene Zahl (Tote durch Haie). Was haben wir, wenn wir beide zusammenmischen? Eine unsinnige Behauptung: »Kokosnüsse sind 15-mal tödlicher als Haie.«

Aber was lässt sich daraus nun für das Leben in Berlin, Bottrop oder Bamberg lernen? Ganz im Ernst: einiges.

Wir können etwas darüber lernen, ob es wirklich vernünftig ist, wenn Eltern einem 16-jährigen Mädchen verbieten, im Winter nachmittags um fünf auf die Straße zu gehen, weil es ja im Dunkeln Opfer eines Gewaltverbrechens werden könnte. Denn dabei geht es ebenso um das richtige Verstehen von Statistiken wie bei den Zahlen über Haie und Kokosnüsse. Und wir können noch viel mehr lernen. Etwa hierüber:

#Wie groß ist die Gefahr, als Jugendlicher mal völlig durchzudrehen, ein Psycho zu werden? Auch hier geht es um Wahrscheinlichkeiten und Zahlen.

#Wie riskant ist ungeschützter Sex wirklich?

#Wie gefährlich ist Radfahren oder Autofahren im Vergleich zu Zugfahren oder mit dem Flugzeug fliegen?

#Was für Gedanken gingen durch den Kopf von Angelina Jolie, als sie sich im Jahr 2013 die Brüste zum großen Teil hat abnehmen lassen? Sie hat diese Entscheidung auf der Grundlage von Zahlen getroffen.

Statistiken und Wahrscheinlichkeiten können also höchst lebendig sein. Und beim Überleben helfen. Oder wenigstens beim sorgenfreien Leben. Wenn es also stimmt, was hinter dem Motto YOLO steht (You Only Live Once – du lebst nur einmal), dann sollte man doch wohl zwei Sachen beherzigen:

#Zusehen, dass dieses Leben nicht früher zu Ende geht, als man es eigentlich möchte.

#Zusehen, dass dieses Leben frei von Ängsten ist, die man sich sparen kann.

Beides gehört zusammen. Tipps dazu enthält dieses Buch.

! Überlebenstipp 1:

Verstand einschalten…

… und weiterlesen.