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Nancy Robards Thompson

Paris – und die Liebe entdecken?

IMPRESSUM

ROMANA erscheint in der Harlequin Enterprises GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Brieffach 8500, 20350 Hamburg
Telefon: 040/347-25852
Fax: 040/347-25991

© 2010 by Nancy Robards Thompson
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V., Amsterdam

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe ROMANA
Band 1929 - 2012 by CORA Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg
Übersetzung: Iris Pompesius

Fotos: RJB Photo Library, Shutterstock

Veröffentlicht im ePub Format im 02/2012 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

eBook-Produktion: , Pößneck

ISBN 978-3-86494-036-1

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY, STURM DER LIEBE

 

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1. KAPITEL

Im Westen ragten jenseits des linken Seine-Ufers Betonklötze und Glasbauten empor, als wollten sie all das, was Julianne Waterford an der Stadt der Liebe so großartig und charmant fand, als zwergenhaft und altbacken verhöhnen.

Julianne betrachtete das Spektakel durch die Scheibe eines Taxis und fragte sich, ob dieser Gegensatz von Alt und Neu den Reiz von Paris erhöhte oder beschädigte. Da sie die Stadt zum ersten Mal besuchte, empfand sie ihn als ernüchternd und stieß einen tiefen Seufzer aus. Normale Touristen verirrten sich gewiss nicht in diese Gegend. Man musste schon einen Grund haben, hierherzukommen. Und den hatte sie.

Ihre Verabredung war wichtig, doch sie freute sich nicht darauf. Nervös schaute sie auf die Uhr. Sie war spät dran, vielleicht zu spät. Sollte sie einfach umkehren und das Gespräch sausen lassen?

Nein, das ging nicht. So schwer es ihr auch fiel, sie wollte diesem Kerl, der ihre schwangere Schwester im Stich gelassen hatte, wenigstens einmal Auge in Auge gegenüberstehen. Deshalb musste sie es schaffen, pünktlich zu sein.

Als erste Flötistin des Continental Symphony Orchestra hatte sie sich ein anderes Zeitverständnis angewöhnen müssen. Nur wenn sie zu früh war, kam sie rechtzeitig. Pünktlichkeit bedeutete Verspätung. Und wer die Zeit gar nicht einhielt, wurde gefeuert.

Julianne Waterford kam niemals zu spät.

Schon allein weil sie Alex Lejardin ohne Nennung von Gründen um ein Treffen gebeten hatte, fühlte sie sich verpflichtet, wenigstens rechtzeitig da zu sein. Diese Höflichkeit hatte er zwar nicht verdient, doch sie legte Wert darauf. Deshalb blätterte sie in ihrem Wörterbuch, um den Taxifahrer fragen zu können, wie lange sie noch bis zu ihrem Ziel brauchten. Sie fühlte sich unsicher in der französischen Sprache. Trotz der Auffrischung mithilfe von CDs, gleich nachdem sie von der Konzertreise erfahren hatte.

Sie beugte sich vor. „Pardonnez-moi, Monsieur.“

Der Mann sah in den Rückspiegel. „Oui?“

Parlez-vous anglais?“

Oui, Madame. Ja, ein bisschen.“

Julianne seufzte. „Merci. Wie weit ist es noch?“

„Wir sind gleich da. In zwei Minuten vielleicht.“

Merci, Monsieur.“

Wenn es keinen Stau gab, würde sie rechtzeitig da sein. Wenn nicht … Daran mochte sie nicht denken. Auch den pünktlichsten Menschen konnte etwas dazwischenkommen.

Sie lehnte sich wieder zurück, öffnete die Mappe, in der sie alle Reiseunterlagen aufbewahrte, und blätterte darin. Dabei fiel ihr auf, wie sehr ihre Hände zitterten. Endlich fand sie die Pressemitteilung, nach der sie im Internet gesucht hatte, und las den Ausdruck. iWITNESS bekommt neuen Hauptgeschäftsführer. Der Vorstand hat einen neuen Mann an die Spitze der internationalen Organisation zur Einhaltung der Menschenrechte eingesetzt. Der Jurist Alexandre Lejardin ist Menschenrechtsexperte und war in den vergangenen Jahren in Afghanistan als Berater tätig. Dort, im Kriegsgebiet, hatte er ihre Schwester allein zurückgelassen. Sie war dort umgekommen, während er sich nach Europa in Sicherheit gebracht hatte und es sich bis heute auf seinem Chefsessel bequem machte.

Julianne knüllte das Papier zusammen, schloss ihre Hand darum zu einer Faust und konzentrierte sich auf die Hausnummern an den Gebäuden. Die Straße kam ihr endlos lang vor.

Marissa hatte Alex Lejardin vertraut, ihn geliebt. Wie hatte er sie nur im Stich lassen können?

Tränen stiegen Julianne in die Augen, sodass die Gebäude, an denen sie vorbeifuhren, vor ihren Augen verschwammen. Wie sollte sie die Begegnung mit diesem Mann durchstehen? Wenn sie beim ersten Wort gleich wieder anfinge zu weinen, würde sie wahrscheinlich zusammengebrochen sein, bevor sie ihm alles gesagt hatte, was sie ihm sagen wollte.

Sie musste sich besser in der Gewalt haben. Das gelang ihr nicht immer, seit sie vom Tod ihrer Schwester erfahren hatte.

Es war auf den Tag genau sechs Monate her, dass Marissa bei einem Bombenattentat ums Leben gekommen war. In Afghanistan, wo sie sich für Kriegsopfer eingesetzt hatte …

Wie ein Wink des Schicksals kam es Julianne vor, dass sie sich an diesem Todestag in der gleichen Stadt aufhielt wie Alex Lejardin. Deshalb konnte sie nicht anders, als diesen Mann zu konfrontieren. Für ihre tote Schwester Marissa.

Und für Liam.

Julianne schloss die Augen und wischte sich die Tränen fort. Alle sagten, das erste Jahr sei das schlimmste. Die ersten drei Monate waren die Hölle gewesen. Ein einziger Kampf, ein einziger Schmerz, eine einzige Kraftanstrengung. Sie hatte sich um die Einreiseerlaubnis nach Afghanistan bemühen müssen, dort ihre Schwester identifiziert, deren kleinen Sohn mit nach Hause genommen und die Vormundschaft für ihn beantragt. Der Alltag drohte ihr über den Kopf zu wachsen, denn sie musste nun ein Baby versorgen und eher mehr als weniger arbeiten, um den Jungen und sich zu ernähren.

Die Begegnung, nein, die Konfrontation mit seinem Vater war fast zu viel für sie. Doch sie würde sie durchstehen.

Für ihre tote Schwester Marissa.

Für Liam.

Das Taxi hielt vor einem hohen Gebäude, das aussah wie alle anderen darum herum. Geschafft! Zwei Minuten hatte sie noch.

Sie reichte dem Fahrer das Geld, stieg aus und stürmte die Treppen zum Eingang hinauf.

Hinter den gläsernen Doppeltüren sah es nicht anders aus als in anderen Geschäftsgebäuden überall auf der Welt. Ihre Absätze klapperten auf dem weiß gekachelten Fußboden. Sie studierte die Anzeigetafel, fand heraus, dass sich iWITNESS im sechzehnten Stock befand, und ging zu den Fahrstühlen. Während sie wartete, versuchte sie zu verstehen, was die Menschen um sie herum sagten, konnte aber nur einzelne Worte ausmachen.

Sie hätte doch noch einen Französisch-Kurs belegen sollen. Aber für solche Extras fehlte ihr die Zeit, seitdem Liam bei ihr war. Sie hatte zwar bald ein Kindermädchen für ihn gefunden, eines, dem sie vertrauen konnte, eines, das auch Marissa gemocht hätte, doch sie wollte ihn nur abgeben, wenn es gar nichts anders ging. Wie hatte ihre Schwester das nur alles geschafft? Sie hatte ihr Baby versorgt und sich um kriegsgeschädigte Menschen gekümmert. Es war ein Zufall und ein Glück, dass sie ausgerechnet an diesem Tag und in der Stunde, als die Bombe sie traf, Liam nicht bei sich gehabt hatte.

Marissa war eine gute Mutter gewesen und eine perfekt organisierte Frau. Immer bereit, sich für andere einzusetzen. Julianne musste zugeben, dass sie weder so uneigennützig noch so tüchtig wie ihre Schwester war. Allerdings hatte die sich auf die Mutterschaft monatelang vorbereiten können, während sie für sie selbst ein Sprung ins kalte Wasser gewesen war. Schlimmer noch, denn sie hatte sich gerade dazu entschlossen, keine eigenen Kinder zu bekommen. Seitdem gab es außer der Arbeit nur noch den kleinen Liam für sie. Für alles andere fand sie einfach keine Zeit mehr, denn sie spielte nicht nur als erste Flötistin im Orchester, sondern arbeitete auch noch für A World of Music, eine gemeinnützige Organisation, die Großstadtkindern aus schwierigen Verhältnissen kostenlosen Musikunterricht ermöglichte. Zu ihrem großen Erstaunen machte es ihr nichts aus, vor allem für ihren dreizehn Monate alten Neffen zu leben. Er hatte ihr Herz im Sturm erobert.

Liam, Arbeit.

Arbeit, Liam.

Anderes gab es nicht. Vorerst jedenfalls. Selbst ihre Freundinnen sah sie kaum noch, geschweige denn, dass sie Zeit gehabt hätte, sich mit Männern zu verabreden, was ihr ohnehin nie wichtig gewesen war. Auch an den freien Abenden, wenn Liam schlief, hatte sie immer etwas zu tun. Aufräumen, Babywäsche waschen und einsortieren, Fläschchen sterilisieren.

Sie empfand das keineswegs als Opfer. Liam bereicherte ihr Leben und schenkte ihr Freude. Sie genoss das Leben mit ihm. Und sie genoss ihr Leben als Musikerin. Einsam fühlte sie sich jedenfalls nicht.

Vor allem durch ihre ehrenamtliche Arbeit für A World of Music begegnete sie vielen Menschen und lernte neue kennen, während das Orchester so eine Art große Familie für sie geworden war. Dort fühlte sie sich als Teil eines Ganzen, das ihr Bestes zum Gelingen einer wunderbaren Aufgabe verlangte. Um sie erfüllen zu können, um eine konzertreife Interpretin zu werden, hatte sie viel Mühe auf sich genommen. Das Üben, Üben, Üben auf ihrem Instrument war ein einsames Geschäft und gehörte weiterhin zu ihren täglichen Pflichten. Sie tat es gern, weil sich dadurch ihre Liebe zur Musik vertiefte und inniger wurde.

Sie und Marissa ähnelten sich wenig.

Ihre Schwester war viel kontaktfreudiger und weniger zurückhaltend als sie selbst gewesen. Sie hatte leicht Bekanntschaften geschlossen und Freunde gewonnen. Überall auf der Welt.

Wieder stiegen Julianne die Tränen hoch, und ihre Kehle brannte.

Als sich die Fahrstuhltür im sechzehnten Stock öffnete, musste sie blinzeln, bevor sie das Schild von iWITNESS lesen konnte. Sie fühlte sich so bedrückt, dass sie am liebsten umgekehrt wäre.

Doch das durfte sie nicht. Und sie wollte es auch nicht.

Sie war zwar ungefragt Mutter geworden, doch sie liebte ihren Neffen nicht weniger als ein eigenes Kind. Deshalb würde sie bleiben und das tun, was schon vor langer Zeit hätte getan werden müssen.

Alex Lejardin schob die Akte beiseite. Er war zerstreut und merkte sich nicht, was er gelesen hatte. Das sah ihm ganz und gar nicht ähnlich. Normalerweise konnte ihn nichts von der Arbeit ablenken. Er nahm seine Aufgabe, für entrechtete Menschen zu kämpfen, sehr genau. Sie verdienten es, dass sich jemand um ihre Anliegen kümmerte und ihnen zu ihrem Recht verhalf. Seine Arbeit verlangte nicht weniger als alles von ihm. Doch heute konnte er sich darauf nicht konzentrieren.

Schuld daran war eine Frau, die er nicht kannte, aber deren Nachname ihn beunruhigte. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass sie jede Minute eintreffen konnte.

Er lehnte sich zurück und verschlang die Hände im Nacken. Der Name Waterford erinnerte ihn an eine Frau, die er gekannt hatte.

Marissa.

Mit ihr verbunden waren Kummer und Traurigkeit. Sie war eine Freundin, eine wirkliche Freundin gewesen. Nie hatte er einen selbstloseren Menschen kennengelernt. Was für eine wunderbare Frau!

Sie hatten sich sehr nahegestanden. Doch nicht so nah, wie Marissa es gerne gehabt hätte. Wenn er daran dachte, überfiel ihn Schmerz.

Marissa hatte eine Schwester in den Staaten. Hieß sie vielleicht Julianne? Er wusste es nicht mehr.

Was er nicht vergessen konnte, war Marissas Gesicht, ihr Entsetzen, als er ihr mitteilte, dass er aus Afghanistan fortgehen würde. Den Schmerz, als er ihren Wunsch nach mehr als nur Freundschaft zurückweisen musste.

Er rieb sich die Stirn, doch die Erinnerung an das letzte Treffen mit Marissa ließ sich nicht fortwischen.

Julianne Waterford hatte seiner Sekretärin keine Details genannt, als sie um einen Termin bat. Das war nichts Ungewöhnliches bei iWITNESS. Wenn Menschen Gräueltaten anzeigen wollten, waren sie anfangs oft verschlossen und vorsichtig. Oft taten sie es anonym oder schickten nur Beweismaterial.

Marie und alle anderen Mitarbeiter, auch die Leute, die für ihre Sicherheit sorgten, waren angehalten, Informanten nicht zu bedrängen oder gar zu verängstigen. Natürlich konnten sich unter denen, die ihre Identität nicht preisgeben wollten, auch gefährliche Feinde der Menschenrechtsorganisation befinden. Doch seitdem Alex bei iWITNESS war, hatte es keinen Vorfall gegeben, obwohl er häufig Drohungen erhielt.

Eigentlich gab es keine Veranlassung anzunehmen, dass Julianne Waterford aus einem anderen als dem üblichen Grund mit ihm reden wollte.

Die Gegensprechanlage summte. Alex drückte die Taste. „Oui?“

„Julianne Waterford ist jetzt da“, sagte Marie.

„Danke. Schicken Sie sie zu mir.“

Julianne hatte zwar auch ein Foto von Alexandre Lejardin gefunden, als sie im Internet recherchierte, was für ein Mensch das war, der ihre Schwester in einem Kriegsgebiet mit einem Baby zurückgelassen hatte. Doch auf sein blendendes Aussehen war sie nicht vorbereitet gewesen.

Kaum hatte sie sein Büro betreten, erhob sich der Mann und kam ihr entgegen. Sie presste die Mappe mit den Reiseunterlagen an ihre Brust und fühlte, wie ihr Mut sank.

Alex Lejardin war groß, größer als eins neunzig. Seine schmalen Hüften steckten in Jeans, und die breiten Schultern in einem schwarzen Pullover, dessen Ärmel er bis zu den Ellbogen hochgeschoben hatte. Waren alle Anwälte in Paris so leger gekleidet? Das Ungewöhnlichste an ihm aber waren die hellen Strähnen in seinem dichten braunen Haar.

Das Lächeln, mit dem er sie begrüßte, verschlug ihr beinahe den Atem.

Sein Büro kam ihr mit einem Mal eng vor und gar nicht so chic, wie sie angenommen hatte. Doch gegen die Hütte, in der ihre Schwester und Liam in Afghanistan gewohnt hatten, war es ein Palast.

„Guten Morgen, Ms Waterford.“ Er sprach fast akzentfrei Englisch. „Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?“

Sie ballte die Hände in den Taschen. „Nein danke, ich werde nicht lange bleiben.“

„Wie kann ich Ihnen helfen?“

Obwohl Julianne sich hütete, Menschen vorschnell zu beurteilen, wusste sie von Marissa genug, um über ihn den Stab zu brechen. Dieser Mann musste oberflächlich sein. Er legte vor allem Wert auf sein Äußeres. Seine gepflegten Fingernägel und die blitzblanken Lederschuhe sprachen Bände. Und dann diese hellen Strähnen im Haar. Die konnten unmöglich echt sein. Er gab also sein Geld lieber für den Friseur aus als für den Lebensunterhalt seines Kindes.

Wie ihre Schwester sich in diesen im landläufigen Sinn äußerst attraktiven Mann hatte verlieben können, verstand Julianne nicht. Marissa war es immer um Menschlichkeit gegangen. Sie hatte sich von Männern mit sozialem Engagement angezogen gefühlt, von Männern, die sich an vorderster Front für andere einsetzten. Nicht von hübschen Kerlen mit Jura-Examen, die sich hinter einem Schreibtisch verschanzten wie Alex Lejardin.

Sie unterdrückte das Bedürfnis, abfällig die Lippen zu verziehen, zwang sich, ihm direkt in die grün gesprenkelten haselnussbraunen Augen zu schauen, und fragte sich, warum er sie so anstarrte.

„Ich brauche keine Hilfe. Ich bin wegen Ihres Sohnes hier.“

Sein offenes Lächeln erstarb, und seine Augen schauten verständnislos. „Pardon? Ich muss mich verhört haben. Was haben Sie gesagt?“

Julianne straffte die Schultern. „Sie haben richtig gehört. Ich bin wegen Ihres Sohnes hier. Wegen Liam. Marissa mag Sie aus der Verantwortung entlassen haben, doch ich bin hier, weil es an der Zeit ist, dass Sie endlich etwas für Ihr Kind tun.“

Er antwortete nicht, er stritt nichts ab. Er zeigte weder Reue noch sonst eine Regung. Er schaute sie nur an, als hätte er es mit einer Verrückten zu tun.

Endlich räusperte er sich. „Bedaure. Sie müssen mich mit jemandem verwechseln. Ich habe kein Kind.“

Julianne riss der Geduldsfaden. Sie war nicht hier, um sich so plump abspeisen zu lassen. „Was sind Sie für ein Mann, der die Existenz seines Sohnes leugnet? Sie können doch nicht einfach so tun, als ob er nicht auf der Welt wäre. Meine Schwester ist tot, nun vertrete ich seine Rechte. Mit albernen Lügen kommen Sie bei mir nicht weiter.“

Alex war es gewohnt, mit schwierigen Menschen umzugehen, die unglaubliche Anschuldigungen vorbrachten. Das gehörte mit zu seiner Arbeit bei iWITNESS. Wenn er von Menschenrechtsverletzungen erfuhr, musste er dem nachgehen und Beweise finden, bevor er diese scheußlichen Taten an die Öffentlichkeit brachte und dann seine Beziehungen nutzte, damit auf die Länder, in denen so etwas geschah, politischer Druck ausgeübt wurde.

Doch jetzt wurde er selbst beschuldigt. Und zwar zu Unrecht. Er hatte keinen Sohn. Er gehörte nicht zu der Sorte Mann, die ihre Kinder verleugnete.

„Ms Waterford, bitte setzen Sie sich doch.“ Er deutete auf eine kleine Sitzgruppe „Offenbar gibt es ein Missverständnis. Lassen Sie uns darüber sprechen und es aufklären.“

Die Frau wirkte aufgebracht. Ihre blauen Augen sprühten vor Zorn, aber sie rührte sich nicht.

„Nehmen Sie doch Platz. Bitte!“ Er versuchte, freundlich zu bleiben und ihr Vertrauen zu gewinnen. „Sie sind Marissas Schwester, nicht wahr?“

Sie musterte ihn mit finsterem Blick. „Natürlich. Hätte ich sonst einen Grund herzukommen?“

Er nickte.

Schließlich setzte sie sich, doch nur auf die Kante des Sessels, als ob sie gleich wieder aufspringen wollte, und strich sich das lange dunkle Haar auf den Rücken.

Da bemerkte er, wie stark ihre Hände zitterten. Offensichtlich war sie erschöpft, ja verstört. Warum sonst glaubte sie, er habe einen Sohn? Und nahm alles so persönlich?

Er besaß Erfahrung im Umgang mit Menschen, die eine Tragödie erlebt hatten und durch die Hölle gegangen waren. Eigentlich hätte er jetzt die richtigen Worte finden müssen, um Julianne zu beruhigen. Doch sie fielen ihm nicht ein.

„Bitte erzählen Sie mir doch alles von Anfang an“, sagte er aus Verlegenheit.

Sie taxierte ihn eine Weile. „Sie und Marissa waren sich offenbar uneins.“

Uneins? „Nein. Das kann ich nicht bestätigen. Wir waren gute Freunde. Ihr Tod ist mir nahegegangen.“

Sie hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen.

„Gute Freunde? Das soll alles gewesen sein? Wollen Sie damit entschuldigen, dass Sie Marissa und Liam verlassen haben?“

Ihre Stimme nahm wieder diesen gefährlich hohen Ton an. Wieder wirkte sie, als ob sie gleich zur Furie werden könnte. Aber weshalb? Was hatte er mit diesem Kind zu tun?

„Wer ist Liam überhaupt? Mir ist völlig rätselhaft, wovon Sie sprechen. Solange ich nicht weiß, worum es geht, kann ich Ihnen nicht helfen. Sie stecken doch in Schwierigkeiten, oder? Wenn ja, werde ich versuchen, Sie zu unterstützen. Weil Ihre Schwester eine sehr liebe Freundin von mir war.“

Ja. Freunde, das waren er und Marissa wirklich gewesen. Mehr aber nicht. Und deshalb quälte ihn wieder die Erinnerung an jene eine Nacht, in der er aus Schwäche und Unvernunft Marissa nachgegeben und die Freundschaft gefährdet hatte, indem er die Grenze überschritt.

Julianne sah ihn an, als wüsste sie das. Hatte Marissa ihrer Schwester etwa von jener Nacht erzählt?

Alex unterdrückte einen Fluch und überspielte die aufsteigende Panik, indem er sich zu seinem Schreibtisch wandte und so tat, als suchte er dort nach etwas. Dann drehte er sich wieder um und fragte wie beiläufig: „Dieser Liam, von dem Sie sprechen, ist er Marissas Sohn?“

„Und Ihrer.“ Sie schaute ihn an, als hielte sie ihn für begriffsstutzig.

Ein Mal. Nur ein Mal hatten er und Marissa miteinander geschlafen.

Reichte das nicht, um ein Kind …?

„Wie alt ist der Junge?“ Es kostete ihn ungeheure Anstrengung, mit fester Stimme zu sprechen. In Gedanken rechnete er nach. Diese Nacht lag nun fast zwei Jahre zurück. Seitdem hatte er sie nicht mehr gesehen. Wenn das Kind etwas älter als ein Jahr war, konnte er sein Vater sein …

„Am Achtundzwanzigsten dieses Monats wird er vierzehn Monate alt“, sagte Julianne. „Ich habe seine Geburtsurkunde mitgebracht. Dort sind Sie als Vater eingetragen.“

Vierzehn Monate.

Wie sie es ausgesprochen hatte, so als ob sie über das Wetter spräche oder sonst eine Belanglosigkeit.

Vierzehn Monate.

Das kam hin. Und was nun? Als Alex Liams Geburtsurkunde studierte, machte er den Eindruck, als sähe er Gespenster. Er setzte sich und starrte lange auf das Papier. Mit ausdruckslosem Gesicht, das langsam blass und blasser wurde.

Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, wäre sie versucht gewesen zu glauben, dass er erst jetzt von Liams Existenz erfuhr. Doch Marissa hatte ihr etwas anderes berichtet. Dass Alex gegangen sei, nachdem sie ihm von der Schwangerschaft erzählt hatte. Dass er nichts mit dem Kind zu tun haben wollte. Er war ein Lügner, wenn er nun so tat, als erführe er erst jetzt von dem Jungen.

„Keine Sorge.“ Sie sammelte alle Kraft, um zu sagen, was sie ihm sagen musste. Je länger sie zögerte, desto schwerer würde es ihr fallen. „Ich habe nicht vor, Sie darum zu bitten, den Jungen zu sich zu nehmen und aufzuziehen. Aber ich erwarte finanzielle Hilfe für das Kind. Marissa hat nicht mehr für seine Zukunft vorsorgen können. Wegen des undankbaren Jobs, der sie schließlich das Leben gekostet hat.“

Die letzten Worte stieß sie mit Mühe hervor, weil ihr wieder die Tränen kamen. Sie hasste es, sich schwach zu fühlen. Aber der Verlust der Schwester, die Sorge um den Neffen raubten ihr die Kraft. Und nun musste sie diesen Mann auch noch um Unterstützung bitten. Das ging gegen all ihre Prinzipien. Sie hatte es immer geschafft, mit dem schmalen Honorar einer Orchestermusikerin auszukommen. Ja, sie hatte sogar gelernt vorzusorgen, um Zeiten zu überbrücken, in denen das Orchester keine Gelder einspielte und folglich seine Musiker nicht weiterzahlen konnte. Das war der Preis für einen Beruf, den sie von ganzem Herzen liebte. Als alleinstehende Frau hatte sie ihn gern gezahlt. Aber Liam wollte sie dieses entbehrungsreiche Leben nicht zumuten.

Alex strich sich durchs Haar, und seine Blicke wanderten umher, als suchte er nach einem Fluchtweg. Warum spielte er ihr so ein Theater vor? Sein Verhalten war einfach nur peinlich und regte sie auf. Warum entschloss er sich nicht einfach, seinen Sohn anzuerkennen und ihm mit einem kleinen monatlichen Betrag das Leben zu erleichtern.

Sie musste jetzt ruhig bleiben. Um Marissas und Liams willen.

„Ich bin nur hier, weil es notwendig ist.“ Endlich klang ihre Stimme wieder gefasst. „Ich bin Musikerin in einem Symphonieorchester. Und den Künsten … nun die Künste müssen in Amerika ums Überleben kämpfen. Ich möchte sicherstellen, dass Liam bekommt, was ein Kind braucht. Das Geld, um das ich Sie bitte, ist ausschließlich für ihn bestimmt. Für seine …“

Alex schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. Julianne zuckte zusammen.

„Warum hat sie mir das verheimlicht? Ich hatte keine Ahnung. Weder von der Schwangerschaft noch von der Geburt des Kindes. Und nun erfahre ich, dass ich einen Sohn habe.“

Sein gequälter Blick raubte ihr das Gleichgewicht. Doch er schaute rasch beiseite, kniff die Augen zusammen und atmete tief ein und aus.

„Bitte entschuldigen Sie den Ausbruch. Es ist ein bisschen viel, was ich begreifen muss. Ich hoffe, Sie sind bereit, mit mir darüber zu reden.“