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Johanna lag schon eine ganze Weile wach in ihrer Doppelbetthälfte, hatte den Kopf aus dem Kissen gehoben, sich halb aufgerichtet und lauschte auf die Geräusche, die vom Erdgeschoss heraufdrangen.

Eben fiel unten eine Tür ins Schloss, die Tür zwischen der Gaststube und dem Nebenzimmer. Johanna erkannte sie am hellen, metallischen Klicken. In einem alten Haus hat jede Tür ihre unverwechselbare Stimme. Gleich darauf knarrte die Tür zwischen dem Nebenzimmer und der Küche. Jemand war aus der Gaststube gekommen und durchs Nebenzimmer in die Küche gegangen.

Johanna nickte, lächelte und ließ den Kopf ins Kissen zurücksinken. Oma Mariechen hatte also das Schankblech geholt, einen flachen Messingkasten mit gelochtem Deckel, der unter dem ständig tropfenden Bierhahn seinen Platz hatte. Johanna konnte sich genau vorstellen, wie Oma Mariechen nun vornübergeneigt in der Küche stand, das Blech schief hielt und das Bier, das sich über Nacht gesammelt hatte, in den Eimer mit Schweinefutter rinnen ließ.

Es ist schön, wenn eine Familie feste Gewohnheiten hat: Man kann im warmen Bett bleiben, die Zudecke bis ans Kinn hochgezogen, und weiß trotzdem haargenau, was einen Stock tiefer vor sich geht!

Johanna versuchte abzuschätzen, wie lange es wohl dauerte, bis sich Oma Mariechen auf den Weg zum Schweinestall machte. Erst stellte Oma Mariechen das Blech beiseite, an seinen Platz zwischen Küchenherd und Topfschrank.

Nun rührte sie mit einem Holzstab den dampfenden Brei um, der aus Gemüseabfällen, Kartoffelschalen, Kleie, heißem Wasser und abgestandenem Bier bestand. Sie nahm den Eimer am Henkel …

»Jetzt!«, sagte Johanna und hielt die Luft an, um besser lauschen zu können.

Wirklich ging keine zehn Sekunden später die Tür zwischen Küche und Hausflur.

Johanna nickte. »Jetzt!«, sagte sie noch einmal.

Fast gleichzeitig knarzte die hintere Haustür, die zum Hof und damit zum Schweinestall führte.

Johanna zählte im Geist zwölf Schritte ab. »Und jetzt!«, befahl sie. Gehorsam klapperte die Tür des Schweinestalls mit ihrem Holzriegel. So, das Tier war versorgt. Höchste Zeit, dass nun die Menschen an die Reihe kamen!

Da stieß auch schon die Kellertür dumpf an den Balken. Das war Johannas Mutter, sie holte die Milch fürs Frühstück.

Johanna schob das Federbett ein wenig zurück und setzte sich auf. Sie war unschlüssig, ob sie aufstehen sollte oder nicht. Gab es einen Grund, sich aus dem warmen Bett zu schälen? Sie musste nicht in die Schule, die Weihnachtsferien waren wegen Kohlenmangels bis Ende Januar verlängert worden. Andrerseits war der Zeitpunkt geradezu ideal fürs Aufstehen.

Ihre Mutter stand jetzt unten am Herd, die Küche war wohlig warm, gleich würde das Frühstück fertig sein. Tante Fanni setzte gerade einen Topf voll Wasser aufs Feuer. Tante Fanni hatte einen Abscheu vor kaltem Wasser und wusch sich morgens immer warm. Vielleicht stand sie auch schon im Unterrock vor dem Küchentisch, den Oberkörper über die Waschschüssel gebeugt, wusch sich und betrachtete ihr feuchtes Gesicht im Spiegel. War sie gut gelaunt, gab sie Johanna die Hälfte des warmen Wassers ab, hatte sie schlechte Laune, bekam Johanna immerhin noch einen Schöpfbecher voll.

Oma Mariechen fütterte das Schwein. Sie stand nun neben dem Trog und redete dem Tier gut zu, wie sie das jeden Morgen tat. Sie pries dabei sein Futter in den höchsten Tönen, lobte es so überzeugend, dass man meinen konnte, sie selbst habe Appetit auf die packpapierfarbene Brühe. Bevor das Schwein den Trog nicht bis auf den letzten Tropfen geleert hatte, wich sie nicht von seiner Seite.

Das würde noch eine Weile dauern.

In der Zwischenzeit könnte Johanna aufstehn, sich waschen, sogar warm waschen, und sie könnte sich in aller Ruhe anziehn. Oma Mariechen würde sich bestimmt freuen, wenn sie vom Schweinefüttern zurückkam und Johanna schon angezogen am Frühstückstisch sitzen sah.

Johanna schlug die Bettdecke ganz zurück, angelte mit den Füßen nach ihren Hausschuhen, nahm ihre Kleider unter den Arm und rannte durchs kalte Treppenhaus nach unten.

Sie öffnete die Küchentür – und blieb verblüfft im Türrahmen stehen: Nichts stimmte! Nichts war, wie es zu sein hatte!

Oma Mariechen saß im schwarzen Sonntagskleid vor dem schräg aufgestellten Spiegel, hatte ein Handtuch um die Schultern gelegt und kämmte sich. Tante Fanni, schon fertig angezogen, richtete das Frühstück. Mutter war gar nicht in der Küche. »Wo ist denn Mama?«, fragte Johanna.

»Mach doch die Tür endlich zu!«, rief Tante Fanni. »Die ganze Kälte kommt herein.«

»Deine Mutter füttert gerade das Schwein«, sagte Oma Mariechen. Sie sprach undeutlich, weil sie den Mund voller Haarklammern hatte. »Guten Morgen übrigens.«

»Guten Morgen«, sagte Johanna verdutzt, trat in die Küche und schloss die Tür hinter sich. »Warum hast du denn das schwarze Kleid an? Ist heute ein Feiertag?«

»Sie geht mal wieder zu einer Beerdigung«, antwortete Tante Fanni an Omas Stelle.

»Wer ist denn gestorben? Jemand, den ich kenne?«, fragte Johanna.

»Nein, nein«, sagte Tante Fanni gleichmütig, während sie die Pfanne mit den Kartoffeln vom Herd nahm. »Jemand aus dem Nachbardorf, aus Stessfeld. Irgendein Vetter von einem, den du auch nicht kennst.«

Oma Mariechen nahm die Haarklammern aus dem Mund, um energisch widersprechen zu können.

»Was erzählst du da dem Kind!«, sagte sie vorwurfsvoll zu ihrer Tochter. »Es ist Onkel Albin, ein Vetter zweiten Grades von deinem Onkel Ewald. Er ist immerhin ein Verwandter von uns.«

»Wenn er unser Onkel ist, warum hat er uns dann nie besucht?«, fragte Johanna.

»Er war nur ein entfernter Verwandter«, entschuldigte ihn Oma Mariechen.

Tante Fanni sagte: »So entfernt auch wieder nicht: knapp drei Kilometer!«

»Jedenfalls ist es Christenpflicht, einem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Und das werden wir auch tun!« Oma Mariechen wurde heftig. »Wir, verstehst du! Was denkt denn die Verwandtschaft, wenn ich ganz allein ankomme.«

»Ich auch? Das ist nicht dein Ernst«, rief Tante Fanni. »Ich habe ihn doch kaum gekannt. Ich hab ihn nur einmal gesehn, bei meiner Erstkommunion vor fast zwanzig Jahren. Ich gehe jedenfalls nicht!«

Die Küchentür öffnete sich, und mit einem Schwall kalter Luft kam Johannas Mutter herein. »Guten Morgen, Schatz«, sagte sie und nickte ihrer Tochter zu. »Dass du schon auf bist, wo du doch gar nicht in die Schule musst!«

Oma Mariechen fragte besorgt: »Hat denn das Schwein schon alles aufgefressen? Ist der Trog wirklich leer?«

Johannas Mutter zuckte mit der Achsel. »Weiß ich nicht«, sagte sie. »Meinst du nicht, dass unser Schwein schon ganz alleine essen kann?«

Oma Mariechen steckte mit einer ärgerlichen Bewegung die letzte Haarklammer fest. »Alleine!«, wiederholte sie. »Ich gehe jedenfalls nicht alleine.« Und zu Johannas Mutter gewandt: »Wenn Fanni nicht will, begleitest du mich eben!«

Johannas Mutter, die ja beim Gespräch über die Beerdigung draußen gewesen war und den Gedankenwegen von Oma Mariechen nicht recht folgen konnte, blickte ihre Mutter überrascht an.

»Wohin begleite ich dich?«, fragte sie unsicher. »In den Schweinestall?«

»Schweinestall!«, sagte Oma Mariechen ärgerlich. »Zur Beerdigung von Onkel Albin.«

»Muss das sein?« Johannas Mutter verzog das Gesicht. »Ich habe ihn ja kaum gekannt.«

»Ja, es muss. Es ist Christenpflicht«, sagte Oma Mariechen.

»Dann werde ich halt mein schwarzes Kleid anziehen«, seufzte Johannas Mutter und setzte sich an den Frühstückstisch.

Johannas Mutter hätte es nie gewagt, Oma Mariechen einfach zu widersprechen. Schon gar nicht so heftig, wie ihre jüngere Schwester Fanni das häufig tat. Merkwürdigerweise ließ Oma Mariechen die vielen Widersprüche von Tante Fanni meist ungerügt durchgehen, während sie sich über die seltenen Widerreden von Johannas Mutter stundenlang erregen konnte.

Johanna kam ihrer Mutter zu Hilfe. »Warum kann ich denn nicht mitgehen zur Beerdigung?«, fragte sie. »Dann kann Mama mit Tante Fanni hier bleiben.«

»Willst du wirklich mit?«, fragte Johannas Mutter. »So eine Beerdigung ist eine traurige Sache. Außerdem musst du sechs Kilometer zu Fuß gehen, drei hin und drei zurück.«

»Ich bin gern bei Beerdigungen«, sagte Johanna. »Da gibt’s meistens was zu essen. Und dabei werden auch immer Geschichten erzählt.«

Johannas Mutter und Tante Fanni schauten gespannt zu Oma Mariechen hinüber. An ihr lag nun die Entscheidung.

Oma Mariechen stand auf, nahm das Handtuch von der Schulter, setzte sich neben Johanna und legte den Arm um sie.

»Die Einzige hier, die weiß, was sich gehört, ist die Kleine«, sagte sie und streichelte Johanna übers Haar. »Wenn ihr beiden nur so widerwillig mitkommen wollt, dann geh ich eben mit Johanna allein.«

So kam es, dass Johanna – gerade hatte sie noch im warmen Bett gelegen, ohne jeden Plan für den Tag – sich wenig später mit Oma Mariechen auf dem Weg nach Stessfeld fand.

Johannas Mutter hatte die zwei bis zum Dorfende begleitet, verabschiedete sich dort und blieb neben dem Ortsschild stehen. Ein paar Krähen, die auf den feuchten, schneefreien Feldern am Dorfrand nach Nahrung gesucht hatten und beim Näherkommen der drei Menschen aufgeflattert waren, beruhigten sich wieder, ließen sich neben Johannas Mutter nieder und schauten mit ihr zusammen hinter den beiden her.

Oma Mariechen hatte ihren langen schwarzen Tuchmantel angezogen, der fast so alt war wie sie selbst.

Johanna trug einen Wollmantel, den Tante Fanni aus einer Militärdecke geschneidert und dann schwarz gefärbt hatte. Die neue Farbe war nicht sehr intensiv. Wenn das Licht von der Seite auf den Stoff fiel, konnte man deutlich zwei Worte rechts und links der Mittelnaht entziffern:

»UTSCH« und »ACH«.

Johanna hatte früher oft über die geheime Bedeutung der beiden Wörter nachgegrübelt, sich Geschichten dazu ausgedacht, die alle tragisch endeten. Der Stoßseufzer »ACH!« verführte einfach dazu. Schließlich war Tante Fanni mit der Wahrheit herausgerückt. Es handelte sich um die Reste einer Inschrift auf einer Decke, aus der sie den Mantel genäht hatte: »DEUTSCHE WEHRMACHT«.

Der Mantel war inzwischen ein bisschen kurz, unter dem Saum sah man noch eine gute Handbreit von Johannas dunkelblauem Kleid, darunter ihre mageren, schwarz bestrumpften Beine. Ihre Mutter hatte darauf bestanden, dass sie die dicken Wollstrümpfe anzog. Johanna konnte sie nicht leiden, weil die raue Wolle an den Beinen kratzte.

Großmutter und Enkelin hielten sich bei der Hand gefasst; und aus der Ferne, vom Dorfrand her, hätte man sie leicht für Zwillinge halten können, denn sie waren nahezu gleich groß. Oma Mariechen war eine kleine, zierliche Frau, Johanna für ihre zwölf Jahre hoch aufgeschossen.

Je weiter sich die zwei vom Dorf entfernten, desto mehr schienen sich ihre immer kleiner werdenden schwarzen Gestalten zu einer einzigen Figur zu vereinen. Ihre Körper wurden zu senkrechten Strichen, die Arme zu schrägen Linien, die sich im tiefsten Punkt bei den Händen trafen. Schließlich glichen die beiden so augenscheinlich einem großen »M«, dass man meinen konnte, ein riesiger schwarzer Buchstabe habe sich aus dem Alphabet davongestohlen, um eine Reise übers Land zu unternehmen.

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Nach der Beerdigung versammelte sich die Verwandtschaft im Haus der Witwe, einer alten, weißhaarigen Frau, die von allen mit »Tante Rosa« angeredet wurde, seltsamerweise auch von ihren eigenen Töchtern.

Johanna wich nicht von Oma Mariechens Seite. Sie fühlte sich unbehaglich in Gesellschaft all dieser unbekannten, ernsten Frauen, die sich in ihren schwarzen Gewändern zum Verwechseln ähnlich sahen. Mehr als einmal blickte sie unsicher zu Oma Mariechen, wenn eine der Schwarzgekleideten vor sie hintrat und ihnen stumm die Hand reichte. Es schien ihr, als sei es dieselbe, die sie kurz zuvor schon begrüßt hatte.

Oma Mariechen, die Johannas Unbehagen spürte, griff nach ihrer Hand, tätschelte sie beruhigend und ließ sie auch dann nicht los, als sie längst nebeneinander in Tante Rosas guter Stube Platz genommen hatten.

Die Trauergäste saßen an zwei schmalen, weiß gedeckten Tischen; etwa fünfzehn Frauen unterschiedlichen Alters und vier alte Männer.

Eine der zahlreichen Töchter Tante Rosas sprach Johanna vom Nachbartisch aus an. »Du bist also das Enkelkind von unserer Tante Mariechen. Wo habt ihr denn die Paula gelassen, deine Mutter? Ist die gar nicht mitgekommen?«

»Sie muss daheim bleiben, falls Gäste kommen«, antwortete Johanna. »Wir können doch nicht einfach schließen.«

Oma Mariechen warf Johanna einen dankbaren Blick zu und drückte unter dem Tisch fest ihre Hand.

»Richtig, ihr habt ja die Gastwirtschaft drunten in Hesterhausen«, sagte Tante Rosas Tochter und nickte. »Und dein Vater?«

Jetzt antwortete Oma Mariechen für Johanna.

»Er ist in russischer Gefangenschaft«, sagte sie.

»Aber er hat uns schon zweimal geschrieben«, fügte Johanna hinzu.

»Ja, ja«, sagte Tante Rosas Tochter und seufzte. »Überall das Gleiche! Die Männer sind im Krieg geblieben oder in Gefangenschaft. Das ganze Dorf voller Frauen und kein einziger Mann!«

Alle umsitzenden Frauen nickten und seufzten auch tief auf. Einer der vier Alten, ein hageres Männlein mit krummem Rücken, versuchte zwar zu widersprechen und wies auf die Anwesenheit von immerhin vier Männern hin. Aber er fand kein rechtes Gehör.

Eine feierliche Stille trat ein, nur gelegentlich unterbrochen von einem klagenden »Ja, ja« oder »So ist es halt nun mal!«. Die meisten Frauen führten dabei ihr Taschentuch an die Augen, um ein paar Tränen abzuwischen. Alle machten betrübte Gesichter, und Johanna hatte fast ein schlechtes Gewissen, weil sie insgeheim Vermutungen anstellte, was Tante Rosa ihnen wohl zu essen anbieten würde. Denn vor jedem Platz stand unübersehbar ein Teller.

Zunächst wurden die Getränke aufgetragen. Tante Rosa und ihre Töchter trugen vier hohe Tonkrüge in die Stube, zwei für jeden Tisch. Die Enkelinnen, vier erwachsene Frauen, teilten Trinkgläser aus. Als sich herausstellte, dass die Gläser bei weitem nicht ausreichten, stellten sie Steingutbecher dazu, schließlich noch ein paar Kaffeetassen mit Goldrand.

»Bedient euch, es ist genug für alle da!«, forderte Tante Rosa ihre Gäste auf, goss sich die Tasse voll und reichte den Krug an ihre Nachbarin weiter. »Im Keller ist ein ganzes Fass voll. Das ist Apfelmost, den mein Albin noch selbst gekeltert hat.«

»Nicht für die Kleine! Das ist doch Alkohol!«, rief Oma Mariechen, als Johannas Nachbar, ein Mann mit auffallend roter Nase, deren Becher füllen wollte.

Enttäuscht zog Johanna den leeren Becher zu sich heran. Das hatte zur Folge, dass eine allgemeine Fürbitte für sie einsetzte. Oma Mariechen wurde von allen Plätzen aus bestürmt, ihrem Herzen doch einen Stoß zu geben, an einem Tag wie diesem nicht so streng mit der armen Kleinen zu sein, sie nicht verdursten zu lassen, doch mal ein Auge zuzudrücken. Außerdem habe Apfelmost weit weniger Alkohol als zum Beispiel Bier oder gar Wein, von Zwetschgenschnaps ganz zu schweigen, das wisse sie als Wirtin doch am allerbesten.

Der hagere Mann mit dem krummen Rücken verstieg sich zu der Behauptung, Apfelmost sei im Gegensatz zu Birnenmost nahezu völlig alkoholfrei. Der Mann mit der roten Nase wies darauf hin, dass die »Kleine« ja gar nicht so klein sei und in Wirklichkeit schon ein junges Mädchen, mindestens genauso groß wie ihre Oma, wenn nicht sogar größer, und zweifellos hübscher.

Da blieb Oma Mariechen nicht viel übrig, und mit einem »Na gut, wenn es eine Ausnahme bleibt« schenkte sie unter dem Beifallsklatschen aller Anwesenden eigenhändig erst Johannas Becher voll, dann ihr Glas, worauf alle miteinander auf den Verstorbenen anstießen und einen tiefen Schluck nahmen.

Damit war das Eis gebrochen und das Gespräch begann zu fließen.

Jetzt enthüllte sich den Gästen auch der Zweck der vor ihnen stehenden Teller: Es wurde Brot aufgetragen, zwar genau abgezählt, aber immerhin eine ganze Scheibe für jeden, bestrichen mit Schweinefett und überstreut mit feinen Zwiebelwürfelchen. Dazu wurde auch noch auf einem Brett ein Hefezopf gereicht, ein richtig heller, fast milchweißer Kuchen, gesprenkelt mit Rosinenpünktchen.

»Das ist ja wie vor dem Krieg! Wie hast du das nur geschafft, Tante Rosa!«, rief Oma Mariechen.

»Kuchen! Und so viele Brote! Das ist ja die Zuteilung vom ganzen Januar!«, sagte gleichzeitig eine Frau am Nebentisch. Tante Rosa und ihre Töchter wurden mit Fragen überhäuft: »Wo habt ihr nur das viele Brot her? Und die Weinbeeren? So ein gutes Fett! Sind das Zwiebeln aus eurem Garten? Woher nehmt ihr den weißen Pfeffer, man kriegt doch nur schwarzen! Wie hast du das alles nur gemacht? Das ist ja ein Gotteswunder – oder habt ihr gute Beziehungen? Ist das alles gekauft oder auch getauscht? Habt ihr am Ende eure ganzen Brotmarken geopfert und die Familie muss nun den Rest des Monats hungern?«

Eine stämmige, dunkelblonde Frau, die am Kopf des Tisches saß, schüttelte nur immer wieder den Kopf. »Es ist nicht zu glauben, nein, nein, es ist nicht zu glauben, wahrhaftig nicht«, behauptete sie. »Hat jemand von euch in den letzten drei Jahren so einen Berg aus Broten, solch einen Brotturm auf einem Tisch stehen sehn? Es ist nicht zu fassen.«

Der Mann mit der roten Nase äußerte die Vermutung, die alte Tante Rosa habe ein Liebesverhältnis mit einem jungen Bäckerburschen. Aber Tante Rosa konnte diesen Verdacht Gott sei Dank entkräften. »Albin hatte nämlich noch ein Kistchen von diesen guten Zigarren«, erzählte sie. »Und weil er sie doch jetzt nicht mehr rauchen kann, habe ich sie gestern gegen Brot und Fett getauscht. Lasst es euch schmecken!«

Daraufhin wurde es wieder sehr still, denn nun begannen alle zu essen.

Johanna nahm sich ein Stück Kuchen vom Brett und zerteilte es mit dem Messer in kleine Würfel, die sie auf ihrem Teller in Viererreihen aufmarschieren ließ.

Zuerst pickte sie sich alle Kuchenteilchen heraus, in denen sie eine Rosine entdeckte, schob sie in den Mund und kaute sie andächtig. Dann ließ sie die restlichen folgen.

Als sie mit dem Kuchen fertig war, nahm sie sich eines der Brote, zerschnitt auch das in einzelne Häppchen und aß sie ebenso genüsslich.

Der Mann mit der roten Nase hatte seinen Anteil an Brot und Kuchen schon aufgegessen, während Johanna sich die letzten Kuchenteilchen in den Mund schob und noch gar nicht nach dem Brot gegriffen hatte. Jetzt stand er auf, hob sein Glas und sagte: »Dann wollen wir uns alle mal beim alten Albin für das gute Essen bedanken. Er hätte bestimmt seine Freude dran gehabt. Auf sein Wohl!«

»Auf sein Wohl!«, antworteten alle und tranken ihre Gläser, Becher und Tassen aus.

Die Töchter und Enkeltöchter von Tante Rosa füllten die Mostkrüge wieder und alle schenkten sich nach, auch Johanna. Oma Mariechen guckte mit besorgter Miene zu, sagte aber nichts.

»Ja, er hätte seine Freude dran gehabt, ganz gewiss hätte er das«, wiederholte eine der Frauen. »Schade, dass er das nicht mehr miterleben kann. Er war so ein geselliger Mensch.«

Der alte, kahlköpfige Mann, der zwei Stühle weiter saß, nickte. »Ein geselliger Mensch, das war er wirklich. Wahrhaftig, das war er!«, sagte er. »Man konnte in die Wirtschaft kommen, wann man wollte, werktags wie sonntags, morgens, mittags oder abends: Der Albin saß immer schon am Stammtisch.«

»Jaja, einen guten Tropfen hat er sehr geschätzt«, sagte Tante Rosa überzeugt. »Den hat er wirklich und wahrhaftig sehr geschätzt.«

»Einen guten Tropfen hat er ganz bestimmt nicht verachtet. Auf sein Angedenken!«, sagte der Mann mit der roten Nase, stand auf und hob schon wieder sein Glas.

»Auf sein Angedenken!«, antworteten alle und tranken ihre Gläser, Becher oder Tassen leer.

»Um Gottes willen, du kannst doch nicht den Most wie Wasser in dich hineintrinken! Das ist ein Teufelsgebräu, der ist stark!«, flüsterte Oma Mariechen ihrer Enkelin zu. »Ich seh’s doch: Du hast schon einen feuerroten Kopf. Du bist ja schon beschwipst!«

»Beschwipst? Wieso beschwipst, ich bin überhaupt nicht beschwipst«, behauptete Johanna. Sie sprach sehr laut, die Umsitzenden unterbrachen ihr Gespräch und schauten lächelnd zu ihr hin. Johanna musste unwillkürlich kichern, als sie es merkte, und verbarg ihren Mund hinter der vorgehaltenen Hand.

»Na, da sieht man es doch schon!«, stellte Oma Mariechen fest, winkte eine von Tante Rosas Töchtern energisch zu sich heran, wisperte ihr etwas ins Ohr und deutete auf Johanna.

Die Frau lachte, holte ein Kännchen mit Wasser aus der Küche und stellte es vor Johanna auf den Tisch.

Von nun an sorgte Oma Mariechen dafür, dass der Most in Johannas Becher ordentlich verdünnt wurde, indem sie von Zeit zu Zeit einen Schuss Wasser aus dem Kännchen zugoss.

Die Frau am Kopf des Tisches nahm nach dieser Unterbrechung den Gesprächsfaden wieder auf.

»In seiner Jugend hatte Albin ja einen so schönen Bariton. Es gab im ganzen Gesangverein keinen, der so wie er ›Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen‹ vortragen konnte«, erzählte sie. »Schade, dass seine Stimme durch das viele Rauchen ein bisschen gelitten hat.«

»Ein bisschen gelitten? Das ist ja wohl untertrieben!«, rief der Kahlköpfige. »In den letzten Jahren hat er nur noch gekrächzt wie eine alte Dohle.«

»Eine Dohle?«, wiederholte Johanna und versuchte vergeblich, einen Lachanfall zu unterdrücken. Sie stellte sich vor, wie der unbekannte Onkel Albin rauchend am Stammtisch gesessen und dabei gekrächzt hatte wie ein alter Vogel.

Alle stimmten in ihr Lachen ein, auch Oma Mariechen.

Nur Tante Rosa war ein bisschen beleidigt. »Seine Stimme war glockenrein«, sagte sie spitz. »Er ging noch jeden Donnerstag zum Männerchor, bis zuletzt!«

»Als ob an den Gesangvereinsabenden nur gesungen würde!«, rief der Kahlköpfige, der sich offensichtlich auskannte.

Wieder lachten alle und der Mann mit der roten Nase stand auf, hob sein Glas und sagte: »Auf unseren alten Sänger, auf Onkel Albin!«

»Auf Onkel Albin!«, antworteten alle und hoben ebenfalls die Gläser, Becher und Tassen zum Mund.

Jetzt begannen einige, die ihn gut gekannt hatten, aus seinem Leben zu erzählen, kleine Vorfälle aus dem Dorf, bei denen der Verstorbene eine Rolle gespielt hatte.

Mit der Zeit wurden die Geschichten lustiger, die Erlebnisse um Onkel Albin zunehmend komischer. Schließlich kam es immer häufiger vor, dass einer der Gäste, von einer witzigen Geschichte mit Onkel Albin ausgehend, auf eine andere, noch witzigere kam, in der Albin überhaupt nicht mehr auftauchte. Die Stimmung wurde ausgelassener, die Witze verwegener, immer schneller mussten die Mostkrüge nachgefüllt werden.

Besorgt schaute Oma Mariechen zu ihrer Kleinen hinüber, die mit hochroten Wangen und offenem Mund den Erzählungen lauschte. Jedes Mal, wenn Johanna laut auflachte, rutschte Oma Mariechen unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, schüttelte den Kopf über eine allzu unpassende Geschichte und musste ab und zu ganz gegen ihren Willen mitlachen.

Schließlich setzte sie dem Ganzen ein Ende, stand auf und sagte unvermittelt in eine Gesprächspause hinein: »So, nun wird es aber allerhöchste Zeit! Johanna, wir müssen jetzt leider gehn. Wir haben noch drei Kilometer Fußweg vor uns.«

»Schade, es war gerade so lustig«, sagte Johanna und stand auch auf.

Zum zweiten Mal an diesem Nachmittag setzte eine allgemeine Fürbitte für sie ein. Oma Mariechen wurde von allen Seiten herzlich gebeten, doch noch ein winzig kleines Stündchen anzuhängen, nicht immer nach der Uhr zu schielen, keine Spielverderberin zu sein und schon gar nicht die Strenge in Person. Sie möge ihrer hübschen Enkeltochter, dem jungen Fräulein, in dieser ernsten Zeit doch bitte schön ein kleines bisschen Spaß, noch ein Schlückchen aus dem Becher und ein paar lustige Geschichten gönnen.

Aber diesmal blieb Oma Mariechen standhaft.

»Lustige Geschichten gehören sich sowieso nicht auf einer Beerdigung«, sagte sie. »Außerdem wird es um diese Jahreszeit schon um vier dunkel. Wenn wir noch bei Licht daheim in Hesterhausen sein wollen, müssen wir jetzt aufbrechen.«

Das war ein Argument, dem die anderen Gäste nichts entgegensetzen konnten.

Tante Rosa sagte: »Du hast recht. Bei Dunkelheit möchte ich auch nicht draußen sein. Wo doch dieses wilde Tier umgeht.« Die Frauen nickten und machten wieder ernste Gesichter.

»Was für ein wildes Tier?«, fragte Johanna.

»Manche behaupten, es sei ein Wolf«, sagte der kahlköpfige Mann. »Ich für meine Person bin dagegen hundertprozentig überzeugt, dass es ein Tiger ist.«

Oma Mariechen versuchte vergeblich, ihn durch Gesten zum Schweigen zu bringen, schüttelte den Kopf und deutete auf Johanna.

Damit weckte sie natürlich deren Neugier erst recht. Johanna setzte sich wieder auf ihren Platz.

»Macht ihr Witze mit mir?«, fragte sie. »Ihr wollt mir nur Angst einjagen! Hier in Deutschland gibt es doch keine Tiger.«

»Recht hast du!«, sagte der Mann mit der roten Nase und warf dem Kahlköpfigen einen herausfordernden Blick zu. »In Wirklichkeit handelt es sich nämlich um eine Löwin. Ein Waldarbeiter aus Kirchlauter ist ihr begegnet. Sie hatte gerade einen Rehbock gerissen, deswegen ist der Mann noch mal mit dem Leben davongekommen.«

Oma Mariechen setzte sich wieder. »Ich hab davon in der Zeitung gelesen«, sagte sie. »Aber das war doch nicht bei uns, nicht in Franken. Das war irgendwo in Norddeutschland …«

»Was war in Norddeutschland? Warum hast du mir das nicht erzählt?«, fragte Johanna.

»Aus einem Zoo, ich glaube, es war in Hannover, sind damals bei einem Bombenangriff die wilden Tiere entkommen. Und die machen jetzt die Gegend unsicher. Mehr als hundert Schafe haben sie schon gerissen …«

»Nicht nur Schafe!«, sagte eine von Tante Rosas Töchtern. »Auch Kälber und Kühe. Sogar einen ausgewachsenen Ochsen. Ich hab’s selbst gelesen in der Zeitung.«

Der kleine, hagere Mann tat sich wichtig. »Das Schlimmste ist, dass keiner was dagegen tut«, behauptete er. »Wir dürfen sie ja nicht schießen, die Bestien. Kein Deutscher darf ein Gewehr in die Hand nehmen. Und die Amerikaner kümmert’s nicht, dass jetzt wilde Tiere unsern Wald unsicher machen. Das sind die doch von daheim gewohnt.«

»Die Engländer«, verbesserte eine der Frauen sanft. »Die Engländer! Dort oben sind gar keine Amerikaner. Das ist die englische Zone.«

»So, Engländer? Umso schlimmer«, sagte das Männchen verbittert. »Die kümmern sich nämlich noch viel weniger!«

»Auf die Engländer!«, rief der Mann mit der roten Nase, erhob sich und dann sein Glas, stand schwankend und schaute in die Runde. Doch diesmal trank ihm keiner zu, er erntete nur ein paar missbilligende Blicke.

»Wie sollen die Tiere aus der englischen Zone denn zu uns kommen?«, fragte Johanna. »Das ist doch weit weg, mehr als hundert Kilometer.«

»Du hast ganz recht«, sagte Oma Mariechen und stand wieder auf. »Das sind alles nur wilde Gerüchte, Geschichten von Wichtigtuern. Hier bei uns gibt es keine wilden Tiere.«

»Gibt es nicht? Und was ist mit dem Nürnberger Tiergarten?!«, fragte der kahlköpfige Mann und schaute Oma Mariechen bedeutungsvoll an.

»Warum? Was soll damit sein?«, fragte Oma Mariechen und setzte sich wieder.

»Vor vier Jahren hatten sie noch dreihundert Tiere dort, Löwen, Tiger und Bären. Heute gibt es kein einziges mehr. Hast du nicht gehört, wie sie dort gehaust haben in den zwei Tagen nach Kriegsende? Sie haben alle geschlachtet und aufgegessen. Mit angespitzten Bohnenstangen haben sie auf die Zebras Jagd gemacht und sie aufgespießt …«

»Warum tun die so was? Das ist doch scheußlich! Tiere aufspießen!« Johanna war empört.

Die anderen schwiegen. Schließlich sagte eine alte Frau: »Es war bestimmt nicht recht, bestimmt nicht. Aber die Menschen waren damals ja derart ausgehungert, manche fast verhungert.«

»Wo ist der Unterschied, ob jemand eine Kuh schlachtet oder ein Zebra?«, fragte eine der Frauen. »Es ist beides Fleisch, das man essen kann.«

»Aber Löwen und Tiger kann man nicht essen!«, sagte Johanna.

Der Kahlköpfige nickte begeistert, tippte Johanna mit dem Zeigefinger auf die Schulter und sagte: »Genau das ist es, worauf ich hinauswill! Löwen und Tiger kann man nicht essen, ganz richtig. Aber sie sind nicht mehr im Zoo. Wo sind sie also? Im Wald!«

»Kann es denn nicht sein, dass es die Bären aus dem Zoo sind, die all diese Rehe reißen?« Tante Rosa spann die Theorie des Kahlköpfigen weiter.

»Nein, die Bären sind es nicht, die haben sie mit einer Drahtschlinge erdrosselt«, sagte der Kahlköpfige. »Bären kann man nämlich essen.«

»Bärentatzen sollen eine Delikatesse sein«, sagte eine von Tante Rosas Töchtern.

»Und Bärenfett ist gut gegen Rheuma«, ergänzte der kleine, hagere Mann.

»Ihr wärt wohl auch gern dabei gewesen, als sie die armen Bären erwürgt haben?«, fragte Oma Mariechen. »Soll ich euch mal was sagen: Kein Wort glaube ich von euren Löwen und Tigern, kein Wort! Komm, Johanna, wir gehn jetzt!«

Sie stand endgültig auf und begann sich von allen zu verabschieden. Johanna tat es ihr nach.

Die ganze Trauergesellschaft gab den beiden das Geleit bis zur Hoftür. Das Gespräch über das wilde Tier hatte so lange gedauert, dass nun doch schon die Dämmerung hereinbrach.

»Ihr braucht eine gute halbe Stunde bis Hesterhausen, und in einer Viertelstunde ist es dunkel«, sagte Tante Rosa, während sie prüfend den Abendhimmel betrachtete. »Wollt ihr nicht hier übernachten? Vielleicht ist ja doch was dran an der Geschichte …«

»Nein, ich schlafe lieber in meinem Bett«, antwortete Oma Mariechen.

»Soll ich euch mein Fahrrad leihen?«, fragte eine junge Frau, wohl eine von Tante Rosas Enkelinnen. »Damit wärt ihr in zehn Minuten in Hesterhausen. Es geht ja fast nur bergab.«

Oma Mariechen schien nicht abgeneigt. »Und wie bekommst du dein Rad wieder?«, fragte sie.

Der Mann mit der roten Nase mischte sich ins Gespräch. »Kein Problem! Das könnt ihr dem Bierfahrer mitgeben. Der kommt jeden Freitag von Hesterhausen aus hier vorbei, bevor er zur Brauerei zurückfährt«, sagte er. »Der macht das gern, er ist ein Freund von mir, ein herzensguter Mensch, freigebig wie …«

»Ja, ja, schon recht«, unterbrach ihn die junge Frau, ging zum Scheunentor hinein und kam nach kurzer Zeit auf einem schwarzen Damenfahrrad herausgefahren.

»Da schau: Die Bremsen funktionieren, die Reifen haben auch genug Luft. Ihr könnt sofort starten!«, rief sie Oma Mariechen zu. »Wer fährt denn? Du, Tante Mariechen, oder Johanna?«

»Die Kleine? Das wäre ja noch schöner! Denkt ihr vielleicht, ich schiebe mir auf meine alten Tage noch die Röcke hoch und setze mich auf den Gepäckträger!«, sagte Oma Mariechen. »Ich lenke, die Kleine kann sich hintendrauf setzen. Steig auf, Johanna!«

Johanna hob Mantel und Kleid mit beiden Händen an und schwang sich auf den Gepäckträger. Mit ihren langen Beinen konnte sie links und rechts den Boden berühren und so das Rad abstützen, während sich Oma Mariechen auf den Sattel setzte. »Und du hast wirklich keine Angst?«, wollte eine der Frauen von Johanna wissen.

»Oma Mariechen ist ja dabei«, antwortete Johanna. »Uns passiert schon nichts.«

Eine andere Frau sagte: »Deine Oma Mariechen wird als Erste wegrennen, wenn der Tiger kommt.«

Alle lachten.

»Meine Oma ist mutiger, als ihr alle denkt!«, sagte Johanna. »Die hat nie Angst. Meine Oma hat sogar dafür gesorgt, dass der Krieg aufhört.«

»Was hat sie? Den Krieg beendet? Komisch, darüber hat gar nichts in der Zeitung gestanden!« Alle lachten noch mehr.

Johanna lachte mit. »Doch, es stimmt!«, rief sie. »Ihr braucht gar nicht zu lachen. Ich meine doch bei uns in Hesterhausen. Da hat sie wirklich gemacht, dass der Krieg gut ausgeht.«

»Wie denn? Kommt, das müsst ihr uns noch schnell erzählen, bevor ihr fahrt!«, forderten alle.

»Was die Kleine nur wieder redet!«, sagte Oma Mariechen unwillig. »Sie ist ein bisschen beschwipst, dafür hat euer Most gesorgt. Jetzt nimm die Beine hoch und halt dich gut an mir fest!«, befahl sie Johanna. Dann trat sie kräftig in die Pedale.

Johanna winkte allen noch einmal zu, hörte aber schnell damit auf, weil das Fahrrad gefährlich ins Schwanken geriet, und klammerte sich an Oma Mariechens schmalen Hüften fest. Das Rad kam wieder ins Gleichgewicht, rollte die abschüssige Dorfstraße hinunter und zur Ortschaft hinaus.

»Auf gute Heimfahrt!«, rief der Rotnasige hinter den beiden her, prostete ihnen zu und nahm einen tiefen Schluck.

»Gute Heimfahrt!«, riefen auch die anderen. Darauf anstoßen konnten sie allerdings nicht, denn nur der Mann mit der roten Nase war auf die Idee gekommen, sein Glas mit nach draußen zu nehmen.

Die Straße führte in sanften Windungen bergab. Stessfeld lag oben am Rand der Waldberge, Hesterhausen unten im Maintal. Oma Mariechen musste die meiste Zeit gar nicht treten, das Rad fuhr im Freilauf.

Johanna hielt Oma Mariechen von hinten umschlungen und hatte den Kopf an ihren Rücken gelehnt.

Als sie durch ein kleines Waldstück fuhren, drehte sich Oma Mariechen nach ihr um und fragte: »Was machen wir, wenn jetzt wirklich ein Tiger kommt?«

»Dann musst du eben klingeln«, sagte Johanna.

»Klingeln?!« Oma Mariechen musste darüber so lachen, dass ihr Fahrrad in Schlangenlinien weiterfuhr. »Ich weiß nicht mal, ob die Fahrradklingel funktioniert.«

Sie probierte es gleich aus und hörte gar nicht mehr auf zu klingeln.

Johanna fing an, dazu »Tiger aus dem Weg, Tiger aus dem Weg!« zu schreien. Oma Mariechen stimmte fröhlich mit ein. Jetzt, an der frischen Luft, wurde offenkundig, dass Oma Mariechen zwar den Most in Johannas Becher eifrig verdünnt, darüber aber ganz vergessen hatte, gelegentlich Wasser ins eigene Glas zu kippen.

»Komm, wir singen was!«, schlug Johanna vor.

»Singen? Meinetwegen«, sagte Oma Mariechen.

Ein gemeinsames Singen scheiterte zunächst daran, dass Johanna »Wenn bei Capri die rote Sonne …« vorschlug, Oma Mariechen aber eher zu »Abendstille überall« neigte und beide nur den Text ihres eigenen Liedes kannten.

Das Einzige, was beide auswendig konnten, war ein Kirchenlied, das sonntags in der Messe gesungen wurde.

So fuhren die beiden den Berg hinunter, sangen aus vollem Hals »Droben in des Himmels Höhen, wo die Engel betend stehn«, und Oma Mariechen klingelte den Takt dazu.

Als die Straße das Maintal erreichte, machte sie eine enge Kurve nach rechts. Oma Mariechen musste wohl die Geschwindigkeit falsch eingeschätzt haben oder die Bremsen funktionierten doch schlechter, als Tante Rosas Enkelin behauptet hatte. Jedenfalls beschrieb das Fahrrad einen weiten Bogen, fuhr ohne viel Umstände eine grasbewachsene Böschung hinauf, verlor da oben schnell an Fahrt, stand einen winzigen Augenblick unbewegt wie ein Denkmal und kippte dann mitsamt den beiden Sängerinnen ins dünne, ausgebleichte Wintergras.

»Hast du dir wehgetan?«, fragte Oma Mariechen.

»Nein«, sagte Johanna. »Und du?«

»Ich auch nicht!«

»Und das Rad?«

»Ist noch ganz!«

»Nur mein Strumpf hat ein Loch«, sagte Johanna.

Beide erhoben sich wieder, rutschten den Hang hinunter, lachten und schoben das Fahrrad auf die Straße zurück.

»Wenn uns einer so sehen würde!«, sagte Oma Mariechen. »Und das nach einer Beerdigung.«

Johanna wischte ihre lehmverschmierten Hände an einem Grasbüschel ab.

»Du, Oma, warum hab ich den anderen droben in Stessfeld eigentlich nicht erzählen dürfen, wie du es geschafft hast, dass der Krieg schnell zu Ende ist?«, fragte sie dabei.

Oma Mariechen runzelte die Augenbrauen. »Fängst du schon wieder damit an!« Sie setzte sich aufs Fahrrad. »Komm, steig auf, sonst wird es wirklich stockdunkel. Und wenn wir ins Dorf kommen, hörst du auf zu singen, verstanden?«

Sie fuhren wieder los und kamen ohne weitere Zwischenfälle, Unfälle oder Stürze kurz vor fünf beim Gasthaus zum Elefanten in Hesterhausen an.

Johannas Mutter, die schon eine Weile am Fenster des Nebenzimmers gestanden und auf die dunkle Straße gestarrt hatte, traute ihren Augen nicht, als sie die zwei in den Hof einbiegen sah.

Zu Fuß, mit ernsten Gesichtern, waren sie in ihren feierlich schwarzen Gewändern am Vormittag nach Stessfeld aufgebrochen.

Nun kamen sie auf einem Rad zurückgefahren, fröhlich, mit zerrissenen Strümpfen, die Mäntel voller Lehmflecken.

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Je länger es in den Januar hineinging, desto ungeduldiger wartete Johanna auf Schnee. Im Dezember hatte es nicht geschneit. Das war nicht ungewöhnlich, in manchen Jahren setzte der Winter erst im Januar ein.

Aber dieser Januar glich eher einem November. Es war nasskalt, fast jeden Tag regnete es und jeden Abend sagte der Sprecher im Radio das gleiche Wetter voraus: »Bedeckt, mit einzelnen Regenfällen, für die Jahreszeit zu warm.«

Jeden Morgen, wenn Johanna gleich nach dem Aufstehn aus dem Fenster schaute, stellte sie missmutig fest, dass die Voraussage eingetroffen war: Kein Schnee! Keine Schneeballschlachten, keine Schneehöhlen, keine Fahrten auf dem fünfsitzigen Schlitten von Erna Thürmer den alten Hohlweg hinunter!

Da hatte sie fünf Wochen Winterferien, drei mehr als sonst, und war gezwungen, den ganzen Tag im Haus zuzubringen. Ihre Freundin Erna hatte erst abends nach sechs für sie Zeit, wenn die Kühe gefüttert und gemolken waren. Die Thürmers waren Bauern, da mussten die Kinder viel mehr mithelfen als in einer Gastwirtschaft, wo erst am Abend der Betrieb so richtig losging, wenn Johanna schon von Oma Mariechen nach oben ins Bett geschickt worden war. Wenn sie es recht bedachte, hatte sie von ihrer Freundin während der Schulzeit mehr als jetzt in den Ferien. In der Pause und auf dem Heimweg konnten sie wenigstens miteinander reden. Aber so?!

Johanna langweilte sich.

Nach dem Frühstück hatte sie das Geschirr abgespült, abgetrocknet, die Teller und Tassen in den Küchenschrank gestellt. Jetzt gab es nichts mehr zu tun.

Draußen regnete es in Strömen. Im Haus war es kalt, viel kälter als im Freien. Johanna fröstelte trotz der beiden Pullover, die sie übereinander angezogen hatte.

Von der Küche aus unternahm sie manchmal kleine Abstecher ins Nebenzimmer oder in die Gaststube, wo sie mit dem Zeigefinger über den glatten, grünen Linoleumbelag der Tische fuhr und die Fingerspitze in den braunen Vertiefungen ruhen ließ, die unvorsichtige Wirtshausgäste mit ihren Zigarren in die Tischplatte gebrannt hatten.

Oder sie stand am Fenster, hauchte gegen die Scheibe, rieb ein Loch in die Wolke, die ihr Atem auf dem Glas entstehen ließ, und blickte durch dieses Guckloch auf die leere, regennasse Dorfstraße hinaus, bis die Kälte sie wieder zurücktrieb in die Küche, den einzigen warmen Raum im Haus.

Dann setzte sie sich vor den Herd, legte ab und zu ein Stück Holz nach, damit das Feuer nicht ausging, und schaute den Wasserspielen vor dem Fenster zu. Die Dachrinne oben am Haus war durchgerostet, es gab niemanden, der sie hätte reparieren können. Über dem Küchenfenster war ein besonders breiter Riss, aus dem sich bei Regen ein kleiner Niagarafall auf die steinerne Fensterbank ergoss. Jeder Windstoß drückte das herabstürzende Wasser gegen die Scheiben, die dann wegzurinnen schienen, genau wie die Scheune gegenüber, deren Umrisse sich auflösten und verschwammen.

Johannas Mutter hängte zusammen mit Tante Fanni oben auf dem Dachboden die Wäsche auf. Vielleicht könnte sie den beiden helfen, ihnen die Wäschestücke oder die Klammern zureichen. Das war weniger langweilig, als allein in der Küche zu sitzen und den Regen zu betrachten!

Johanna war schon dabei, die schmale Treppe vom ersten zum zweiten Stock hochzusteigen, als ein Geräusch sie wieder hinablockte. Ganz unten wurden Fässer gerollt. Oma Mariechen war offensichtlich im Keller und stapelte leere Bierfässer auf. Johanna stieg die sieben Balkenstufen zum Keller hinunter, stieß die angelehnte Tür auf und schaute hinein.

In der Mitte des Raumes stand eine Karbidlampe auf dem Steinboden. Hinter dem hellen, blendenden Lichtpunkt tauchte Oma Mariechens gigantischer Schatten auf, schleppte zuckend und wackelnd ein Fass über die rückwärtige Wand und verschwand rechts hinter dem Türausschnitt.

»Da unten bist du!«, sagte Johanna und trat ein. »Ich hab dich schon überall gesucht.«

Oma Mariechen fuhr zusammen, als sie so unerwartet angesprochen wurde, und sagte unwillig: »Was fällt dir ein! Mich so zu erschrecken!«

Dann, nachdem sie tief Atem geholt und seufzend ausgeatmet hatte, fügte sie sehr viel ruhiger hinzu: »Wenn du schon da bist, kannst du mir auch helfen. Ich muss ein neues Fass hochtragen und anzapfen. Das unter der Theke ist gestern Abend leer geworden. Halt doch mal bitte die Tür auf!«

Oma Mariechen ging zur Wand, wo drei Holzfässer nebeneinanderstanden, packte den oberen Rand des vordersten und zog mit einem heftigen Ruck daran, um es zu kippen. Geschickt rollte sie es dann über die Steinplatten, vorbei an Johanna, die eng an die Tür gepresst stand, bis das Fass gegen die unterste Kellerstufe stieß und erst einmal zum Stillstand kam.

»Soll ich dir helfen?«, fragte Johanna.

»Du kannst mir am besten helfen, indem du aus dem Weg gehst«, antwortete Oma Mariechen. »Los, geh nach oben, das Fass ist schwer! Es kann dich erschlagen, wenn es mir aus der Hand rollt.«

Johanna stieg die Kellertreppe hinauf und schaute von oben zu, wie Oma Mariechen das Fass an beiden Enden packte, es mit einem heftigen Ruck auf die erste Stufe wuchtete, die zweite, die dritte und schließlich auf die vierte. Die war breiter als die andern, bildete einen kleinen Absatz. Hier konnte das Fass erst einmal liegen bleiben, ohne dass sie sich mit aller Kraft dagegenstemmen musste.

Oma Mariechen verschnaufte. Heftig atmend stützte sie die Unterarme auf dem Fass ab. Sie musste sich dazu auf die zweite Stufe stellen, Oma Mariechen war wirklich nicht sehr groß.

Johanna kauerte sich auf die fünfte Stufe und hielt das Fass mit beiden Händen am schmalen Holzrand fest.

Oma Mariechen lächelte ein bisschen, mehr mit den Augen als mit dem Mund. »Das ist gar nicht nötig. Du darfst das Fass loslassen«, sagte sie. »Es bleibt von ganz alleine liegen. Du kannst es sowieso nicht halten, wenn es ins Rollen kommt. Mit deinen mageren Ärmchen.«

Johanna stemmte die Füße rechts und links gegen die seitliche Begrenzung der Treppe, beugte den Oberkörper weit zurück und zog mit aller Kraft. Ihre ausgestreckten Arme zitterten vor Anspannung. Das Fass bewegte sich, rollte träge ein paar Zentimeter auf sie zu und stieß mit einem sanften »Tock« an die Holzkante der Stufe.

»Siehst du, ich kann es doch!«, sagte Johanna, ließ das Fass los und schlang die Arme um die Knie. »Wie schwer ist das wohl?«

»Dreißig Liter Bier wiegen sechzig Pfund«, rechnete Oma Mariechen. »Dazu kommt noch das Gewicht vom Fass …«

»Und von den eisernen Reifen«, ergänzte Johanna. »Es ist bestimmt zentnerschwer.«

»Wenn du meinst!« Die Fältchen um Oma Mariechens Augen schoben sich ein zweites Mal zu einem Lächeln zusammen.