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STAR TREK
VOYAGER

HEIMKEHR

CHRISTIE GOLDEN

Based on
Star Trek
created by Gene Roddenberry
and
Star Trek: Voyager
created by Rick Berman & Michael Piller & Jeri Taylor

Ins Deutsche übertragen von
Andrea Bottlinger

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Original English language edition copyright © 2003 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

Dieser Roman ist der tapferen Besatzung
der
U.S.S. Voyager gewidmet:

Kate Mulgrew
Robert Beltran
Tim Russ
Robert Picardo
Robert Duncan McNeill
Roxann Dawson
Garrett Wang
Jeri Ryan
Ethan Phillips
und
Jennifer Lien

Vielen Dank für das Abenteuer.

DANKSAGUNGEN

Ein Buch schreibt man nicht ganz allein. Im Verlauf dieses außergewöhnlichen Projekts habe ich Hilfe und Unterstützung von vielen Menschen erhalten. Zuallererst möchte ich meinem Ehemann Michael Georges danken, der seit vielen Jahren bereit ist, sein Haus mit der Besatzung der U.S.S. Voyager zu teilen. Er und mein guter Freund Robert Amerman haben mir oft bei der Ideenfindung geholfen, wenn ich an einer problematischen Stelle feststeckte, und dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Ein Dank geht außerdem an eine großartige Gruppe von Freunden und befreundeten Autoren – Mark Anthony, Chris Brown, Raven Amerman, Stan und Kathy Kirby sowie Carla Montgomery. Ihr seid die Besten.

Auch meine Eltern, James R. und Elizabeth C. Golden, haben mich sehr unterstützt. Sie wundern sich manchmal ein wenig über ihren Wildfang, aber ich erinnere mich sehr gut an den Aufwand, den sie betrieben haben, damit ich rechtzeitig zu Wiederholungen von STAR TREK zu Hause war. Schaut, es hat sich gelohnt.

Weiterer Dank gilt meiner Agentin Lucienne Diver, die keine Ahnung hatte, was sie lostreten würde, als sie vor zehn Jahren beiläufig fragte: »Wärst du daran interessiert, Bücher für STAR TREK zu schreiben?« Für mich gab es darauf nur eine Antwort.

Ein ganz besonderes Dankeschön schulde ich John Ordover, der die Besatzung der Voyager in meine Obhut übergeben hat, als wir alle neue Wege eingeschlagen haben. Es ist mir eine Ehre, diejenige zu sein, der der Neustart der Serie übertragen wurde, und auf seine Unterstützung konnte ich immer zählen. Vielen Dank, John.

Zuletzt ein großes Danke von ganzem Herzen an meine Fans. Ich vergesse niemals, dass es meine Leser sind, die es mir ermöglichen, weiter solche wunderbaren Geschichten zu schreiben. Ihr habt mir Hunderte von E-Mails geschickt, in denen ihr eure Anerkennung für meine Arbeit und die Vorfreude auf dieses Projekt ausdrückt. Es hat ein wenig länger gedauert, als wir alle gedacht haben, aber manchmal muss man sich Zeit nehmen, um etwas richtig zu machen. Und ich wollte diese Sache wirklich richtig machen! Ich hoffe, dass mir das auch in euren Augen gelungen ist.

Und so geht die Reise weiter …

Vielen Dank und alles Gute aus Denver, Colorado

– Christie Golden

PROLOG

Im Alter von drei Jahren

Sie ist allein, wie meistens, sitzt in einer Ecke, weit entfernt von allen anderen. Ihre Hose trieft vor Nässe, aber sie sagt nichts. Sie hat zu viel Angst vor der Hand. Die Hand fährt ohne Grund herab, trifft sie hart an den kleinen, weichen Wangen oder packt ihre Arme und hinterlässt dort blaue Flecken, die später unter dem Summen von etwas Glänzendem, Metallischem verschwinden. So jung sie auch ist, sie weiß bereits, dass es besser ist, nichts zu sagen, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, einfach allein in der Ecke zu sitzen und mit der einen kleinen Puppe zu spielen, die ihr zugestanden wurde.

Undeutlich erinnert sie sich an eine Zeit, bevor der Mann gekommen ist. Die Augen ihrer Mutter haben gestrahlt, ihre Lippen gelächelt, und sie hat gelacht wie die Sonne. Sie hat das Mädchen festgehalten und geküsst, und es hat tief geschlafen und von Mondschein und Ponys geträumt.

Jetzt ist die Mutter still und gibt diese Stille an ihre Tochter weiter. Ihr Blick ist stumpf und sie lacht nicht mehr. Auch die Mutter lebt in Furcht vor der Hand. Und die Träume des Mädchens sind voller Schreie und Blut.

Sie spielt mit Dolly, lässt die Puppe tanzen und singen, wie sie selbst es nicht mehr kann.

Ein Schatten fällt auf sie. Sie erstarrt vor Schreck.

Die Hand streckt sich nach ihr aus, und sie weicht davor zurück. Doch die Hand ist nicht ihretwegen gekommen, sondern wegen Dolly. Sie packt die alte Puppe. Ein unverständliches, aber sehr, sehr wütendes Brüllen erklingt, und die Hand reißt Dollys Kopf von den Lumpenschultern.

Die Kleine wimmert, ganz leise. Sie kann es nicht verhindern. Die Hand fährt herab, und sie fällt zu Boden. Sie hat gelernt, sich nicht wieder zu erheben oder zu schreien. Also liegt sie still da, während ihr Blut aus dem Mund läuft und ihr Herz so schnell schlägt wie das eines Kaninchens, bis der Schatten verschwindet.

Der Besitzer der Hand ist woanders hingetorkelt. Die Tochter hört die Stimme ihrer Mutter, schrill und voller Furcht, und wendet sich ab. Sie darf die Schreie der Mutter nicht hören. Wenn sie das tut, wird es sie verrückt machen, das weiß sie irgendwie.

Für eine Weile starrt sie die zerstörte Puppe einfach an. Dann, ganz langsam, hebt sie Dollys zerrissenen Körper mit der einen Hand auf, den Kopf mit der anderen, und spielt weiter.

1

Tom Paris sah das Neugeborene in seinen Armen an. Es war erst ein paar Minuten alt und wog nur ein paar Kilo, doch für ihn fühlte es sich so wirklich, so echt an. Die Haut des kleinen Mädchens war rötlich braun und runzelig. Dichtes, schwarzes Haar bedeckte den Kopf, der größer war als der eines menschlichen Babys. Vorsichtig fuhr Tom mit dem Finger die kleinen Furchen nach, die die Stirn bedeckten. Die Kleine gähnte und schüttelte ihre winzige Faust, als wollte sie jeden herausfordern, der es wagte, sich zwischen sie und ihren Mittagsschlaf zu stellen.

»Sie ist das Schönste, was ich je gesehen habe«, sagte er. Obwohl er sich der runzeligen Hässlichkeit seiner Tochter bewusst war, änderte sie nichts an der Wahrheit seiner Worte. Er sah B’Elanna an. »Abgesehen natürlich von ihrer Mutter.«

Vorsichtig setzte er sich neben sie aufs Biobett, während sie ihm ein müdes Lächeln schenkte.

»Gut gerettet«, sagte sie mit einer Spur ihres alten, ruppigen Auftretens.

»Wie fühlt sich Mami?«, fragte er.

»Mami hat sich schon mal besser gefühlt«, gab sie zu und streckte die Hände nach dem Kind aus.

»Mutter und Kind geht es gut, auch wenn die Mutter verständlicherweise ein wenig reizbar ist«, mischte sich der Doktor ein. »Sie sollten in ungefähr drei Tagen wieder in den Dienst zurückkehren können, Lieutenant. Ich möchte außerdem darauf hinweisen, dass ich alles aus den Datenbanken heruntergeladen habe, was ich über die Pflege sowohl klingonischer als auch menschlicher Säuglinge finden konnte.« Er plusterte sich ein wenig auf. »Ich wäre ein exzellenter Babysitter.«

Tom grinste und gab das Baby seiner Frau. Seine Arme fühlten sich seltsam leer an, als B’Elanna das Kind an ihre Brust setzte. An diese Vater-Sache konnte er sich gewöhnen.

»Janeway an Lieutenant Paris.«

Tom schnitt eine Grimasse, bevor er antwortete. »Paris hier.«

»Melden Sie sich in meinem Bereitschaftsraum.«

Er sah B’Elanna an. »Aye, Captain.« Widerwillig erhob er sich. »Ich dachte eigentlich, wir sind in Elternzeit, aber offensichtlich ruft die Pflicht. Tut mir leid, ihr zwei Hübschen.«

B’Elanna warf ihm einen Blick zu, den er nicht deuten konnte. Sie streckte die Hand aus und berührte sanft sein Gesicht. »Ich liebe dich, Tom.«

Warum sagt sie das ausgerechnet jetzt? Was geht in ihrem Kopf vor? »Ich liebe dich auch«, antwortete er, ergriff die Hand, die seine Wange streichelte, und küsste sie. »Euch beide. Ich komme zurück, so schnell ich kann.«

Als er die Brücke erreichte, war er überrascht, Captain Janeway im Kommandosessel zu sehen. Er hob fragend eine Augenbraue. Sie nickte Richtung Tür. »Im Bereitschaftsraum, Mr. Paris.«

Das wurde ja immer verwirrender. »Jawohl, Ma’am«, sagte er.

Die Tür öffnete sich zischend. Ein imposanter Mann mit weißem Haar erhob sich von seinem Platz hinter Janeways Schreibtisch. Toms Mund wurde trocken.

»Dad«, stießer hervor. Dann nahm er Haltung an. »Verzeihung, Sir. Ich meine, guten Tag, Admiral Paris.«

Natürlich hätte er damit rechnen müssen. Admiral Owen Paris war stark in das Projekt Voyager eingebunden gewesen. Tom wusste das. Als der nominelle Leiter des Projekts war er natürlich der Erste, der an Bord kam, nachdem das Schiff endlich nach Hause zurückgekehrt war. Tom war allerdings so auf seine Frau und sein Kind konzentriert gewesen, dass er die Tatsache, dass er bald seinen Vater wiedersehen würde, vollständig verdrängt hatte. Jetzt verstand er den Blick, den B’Elanna ihm zugeworfen hatte. Sie hatte bereits vor ihm begriffen, was ihn erwarten würde.

Admiral Paris hielt seinen Gesichtsausdruck sorgfältig neutral. Verdammt, dachte Tom, er sieht so viel älter aus, so verhärmt. Die Jahre, die verstrichen waren, seit sie das letzte Mal miteinander gesprochen hatten, waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Tom fragte sich, wie er wohl auf seinen Vater wirkte.

Admiral Paris verschränkte die Hände hinter dem Rücken, als wolle er Toms eigene steife Haltung nachahmen.

»Lieutenant Paris. Es … ist schön, Sie zu sehen. Ich bin froh, dass Sie Ihre Mission erfolgreich abgeschlossen haben. Ihr Captain spricht nur voller Begeisterung von Ihnen.«

»Genauso wie ich von ihr, Sir. Es war eine Ehre, in den vergangenen sieben Jahren unter ihr zu dienen.« Warum brannten seine Augen so? Und dieser Kloß in seiner Kehle …

Später hätte Tom nicht mehr sagen können, wer von ihnen den ersten Schritt getan hatte. Vielleicht sie beide. Er wusste nur noch, dass sie einander einen Augenblick später in den Armen lagen. Das war eine Erfahrung, die er nicht mehr gemacht hatte, seit – er konnte sich nicht erinnern. Hatte sein Vater ihn jemals so herzlich und fest umarmt? Hatte er jemals diese strenge Autoritätsfigur, die der unnahbare Admiral Paris immer für ihn verkörperte, in die Arme schließen wollen?

Es spielte keine Rolle. Während sein Kopf an der Schulter seines Vaters ruhte, roch Tom das vertraute Aftershave, und zum ersten Mal konnte er wirklich glauben, dass er nach Hause gekommen war.

»Dad«, flüsterte er.

»Mein Junge«, antwortete Owen Paris heiser. »Mein Junge. Ich bin so froh, dass du zu Hause bist.«

Sie setzten sich und sprachen lange miteinander. Dabei fiel Tom auf, dass sie die tatsächlich wichtigen Themen umschifften. Wie zum Beispiel die Frage, ob er zurück ins Gefängnis gehen musste, oder die Tatsache, dass Admiral Paris Großvater geworden war. Es überraschte Tom, zu erfahren, dass sein Vater aus einer Laune heraus einen Kochkurs belegt hatte, und er lachte laut bei einer Anekdote über ein verbranntes Hähnchen, als die Tür sich zischend öffnete.

Janeway stand lächelnd im Eingang. »Ich wollte Ihnen beiden ein wenig Zeit allein geben, bevor ich die Senioroffiziere zu Admiral Paris’ vorläufiger Abschlussbesprechung rufe. Tom, weiß er …?« Sie hob fragend eine Augenbraue.

»Bevor wir beginnen, Captain«, Tom erhob sich voller Stolz, »hat mein Vater noch Zeit, seine Schwiegertochter und seine Enkelin kennenzulernen?«

Admiral Paris stand so dicht davor, ihn mit offenem Mund anzustarren, wie Tom es nie zuvor erlebt hatte. Anspannung ergriff ihn. Es wurde Zeit, die nächste Bombe platzen zu lassen: »B’Elanna würde sich freuen, dich zu sehen.«

Er wusste, dass Admiral Paris wusste, wer B’Elanna Torres war. Eine Halbklingonin und, wie Tom selbst, eine ehemalige Maquis. Stumm betete er, dass ihre gerade neu gefundene Kameradschaft nicht gleich wieder zerbrechen würde.

Lange, angespannte Stille folgte. Dann breitete sich ein Lächeln auf dem faltigen Gesicht des Admirals aus. »Es wäre mir eine Freude.«

Als Tuvok die Krankenstation betrat, wohin der Doktor ihn beordert hatte, erfasste ihn für einen Augenblick Überraschung, die er sofort wieder unterdrückte. Ruhig, die Hände hinter dem Rücken gefaltet, stand dort sein ältester Sohn Sek.

»Ich grüße dich, Vater«, sagte Sek. »Es ist schön, dich zu sehen.«

»Genauso wie es schön ist, dich zu sehen, mein Sohn. Ich gehe davon aus, der Doktor hat um deine Anwesenheit gebeten, um das fal-tor-voh durchzuführen?«

Sek nickte. »Admiral Paris nahm vor ungefähr 14 Stunden Kontakt mit mir auf. Ich habe die Krankheit auf dem Weg hierher ausgiebig studiert. Ich denke, ich bin ausreichend auf eine Gedankenverschmelzung mit dir vorbereitet, Vater.«

Insgeheim hegte Tuvok Zweifel. Ein paar Stunden lang das Material studiert zu haben, dürfte kaum genügen, seinen Sohn auf eine solch aufwändige und komplexe Prozedur »ausreichend vorzubereiten«, so intelligent er auch sein mochte. Aber er wusste, dass die Situation sich immer weiter zuspitzte. Tuvok sah den Doktor an, der die unausgesprochene Frage beantwortete.

»Die genetische Verwandtschaft ist wichtiger als eine tatsächliche Kenntnis der Prozedur«, sagte er. »Außerdem läuft uns, offen gesagt, die Zeit davon. Ich denke nicht, dass es etwas nützen würde, zu warten, bis Sek mehr darüber weiß.«

»Nun gut«, sagte Tuvok, dann wandte er sich an Sek. »Wir sollten uns in mein Quartier begeben.«

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht«, wandte der Doktor ein, »wäre es mir lieber, wenn Sie hierbleiben. So kann ich das Ergebnis überwachen. Ich möchte Sie nicht beleidigen, Sek, aber die Möglichkeit besteht, dass etwas schiefgeht.«

»Es ist nicht möglich, mich zu beleidigen, Doktor«, antwortete Sek. »Ich verspüre keine emotionalen Reaktionen auf Kritik oder auf Kommentare zu meinen Fähigkeiten beziehungsweise deren Mangel. Daher kann man mir weder schmeicheln noch mich beleidigen.«

»Vulkanier«, murmelte der Doktor und verdrehte die Augen.

Tuvok zögerte. Dies war eine sehr private Zeremonie. Andererseits musste er zugeben, dass der Doktor die Logik auf seiner Seite hatte. Widerstrebend legte er sich auf ein Biobett. Er blickte hinüber zu B’Elanna, die ihn beobachtete, dann aber schnell wegsah und sich wieder darauf konzentrierte, ihr Kind zu stillen.

»Ich beglückwünsche Sie zu der Geburt Ihres gesunden Kindes«, sagte er etwas steif.

»Danke, Tuvok.« Sie stellte weder eine Frage noch machte sie eine Bemerkung. Dafür war er ihr dankbar. »Doktor«, sagte sie plötzlich, »Tom und sein Vater kommen hier herunter, um Miral und mich zu besuchen. Ich möchte sie in meinem Quartier empfangen, wenn das in Ordnung ist.«

»Solange Sie sich dort direkt wieder ins Bett legen, sollte das kein Problem sein. Der kurze Spaziergang wird Ihnen nicht schaden, sondern vermutlich sogar guttun. Aber wenn Sie sich schwach fühlen, melden Sie sich sofort, und überanstrengen Sie sich nicht.«

»Keine Sorge, das werde ich nicht.« Torres schob sich aus dem Bett und berührte ihren Kommunikator. Mit dem Säugling in den Armen verließ sie die Krankenstation, während sie sprach. »Tom, kannst du in unser Quartier kommen? Ich habe von der Krankenstation die Nase voll …«

Dankbar für ihre Diskretion sah Tuvok ihr nach. Der Doktor brachte Sek einen Stuhl und befestigte dann Kortikalmonitore an ihrer beider Köpfe. Anschließend entfernte er sich so weit wie möglich.

Tuvok sah zu seinem Sohn hoch. Zu seinem Ärger fühlte er Emotionen aufwallen. Er hatte seine Familie so sehr vermisst. Sek sah die Reaktion und erkannte sie offenbar als das, was sie war: ein Zeichen dafür, dass die Krankheit weiter fortschritt.

»Mach dir keine Sorgen, Vater«, sagte er sanft. »Bald werden diese Ablenkungen verschwunden sein.« Sek schloss die Augen und schien sich zu sammeln. Dann legte er seine langen, schlanken Finger auf die Stirn seines Vaters. »Mein Geist zu deinem Geist … Meine Gedanken zu deinen Gedanken …«

Seks Präsenz fühlte sich für Tuvok an wie Öl, das auf brodelndes Wasser gegossen wird. Zuerst war die Ruhe nur oberflächlich. Dann, nach und nach, stießen Seks Gedanken tiefer vor. Der Geist des jungen Mannes wanderte durch seinen eigenen, spürte die Synapsen auf, die das zerstörerische Virus in sich trugen.

Er und sein Sohn hatten ihre Gedanken nicht mehr verschmolzen, seit der Junge ein Säugling gewesen war. Tuvok, seine Frau T’Pel und Sek hatten sich damals in einem sehr tief gehenden Zusammenschluss der Geister verbunden. Das war ein uralter Brauch, der jahrhundertelang in Vergessenheit geraten und dann wiederentdeckt worden war. Er ging auf die Zeit zurück, in der die Vulkanier erstmals die unglaublichen Kräfte des Geistes zu kontrollieren gelernt hatten. Zunächst, da es am einfachsten war, hatten sie sich mit den Mitgliedern der eigenen Familie verbinden können, dann mit entfernteren Verwandten, dann mit Fremden und schließlich, seit Kurzem, mit Angehörigen fremder Spezies. Aber die erste Verschmelzung, die den neugeborenen Säugling tiefer mit seinen Eltern verband, war die mächtigste und stärkste.

Diese Vertrautheit erfüllte Tuvok nun. Ihm entging die Ironie nicht, die darin lag, dass diesmal sein Sohn ihn stützte und nicht umgekehrt. In diesem Fall sollte die Verbindung den Vater beschützen, nicht das Kind.

Seks Gedanken huschten durch seinen Geist und fanden die beschädigten Teile seines Gehirns. Da waren die mutierten Zellen, und Tuvok erkannte, dass sie unnatürlich waren und nicht mit der komplexen, empfindlichen Balance harmonierten, die das vulkanische Gehirn ausmachte. Die Krankheit hatte sich über die Nervenbahnen ausgebreitet. Tuvok wusste, dass Sek, dessen Geist unbeeinträchtigt war, die gesunden Zellen seines Vaters anweisen würde, die noch nicht infizierten Teile des Gehirns zu schützen. Die Blutsverwandtschaft verstärkte die Intimität der Verbindung. Das war der einzige Weg, die Krankheit zu behandeln. So tief vorzudringen wäre ohne das Band zwischen ihnen nicht möglich gewesen.

Auf einer zellularen Ebene spürte Tuvok, wie Sek sozusagen zu seinem, Tuvoks, Gehirn sprach. Hier ist ein Schaden entstanden. Diese Zellen sind gefährlich. Du darfst nicht länger darauf zugreifen. Sanft, aber bestimmt bewegte Sek die Zellen dazu, Barrieren zu errichten. Informationen und Stimuli sollten fortan diese Bereiche umgehen, sie inaktiv werden lassen. Tuvok fühlte ein imaginäres Kribbeln, als sich unter Seks sanftem Drängen Bereiche seines Gehirns, die bisher nicht benutzt worden waren, öffneten und auf Stimuli reagierten. Zelle für Zelle isolierte Sek die Hirnfunktionen und leitete so viele wie möglich in neue Bahnen. Einige Minuten später löste Sek vorsichtig seine eigenen Gedanken von denen seines Vaters.

Kurz bevor sich Sek zurückzog, erfasste Tuvok eine Welle positiver Gefühle. Es war die Liebe, die der Sohn für seinen Vater empfand, die Freude darüber, ihm helfen zu können. Tuvok sah ein kleines Kind, und er wusste, dass es seine Enkelin T’meni war, benannt nach seiner eigenen Mutter, ihrer Großmutter. Sie würden es nicht aussprechen, doch hier, in der innigsten Verbindung, die zwei Vulkaniern möglich war, nahm Tuvok diese Liebe an und erwiderte sie.

Dann gehörten seine Gedanken wieder ihm allein. Er öffnete die Augen und blickte in Seks unbewegte Miene.

»Wie fühlen Sie sich?«, fragte der Doktor.

Tuvok setzte sich auf, sah erst seinen Sohn und dann den Doktor an und verkündete: »Ich denke, ich bin geheilt.«

Die Tür öffnete sich und B’Elanna gab sich große Mühe, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen. Tom hatte ihr nur gesagt, dass er und Admiral Paris kamen, um sie und Miral zu treffen. Er hatte ihr nicht erzählt, wie sein eigenes Zusammentreffen mit seinem Vater gelaufen war. Sie vermutete, dass es nicht schlecht gewesen war, denn ihr Ehemann hatte fröhlich geklungen. Doch es konnte auch sein, dass er sich nur verstellt hatte, solange andere zuhörten.

Als sie allerdings Toms Grinsen sah, das beinahe von einem Ohr zum anderen reichte – das Grinsen, das sie nur sah, wenn er so glücklich war, dass er es einfach nicht verbergen konnte, egal wie sehr er versuchte, sich cool und gefasst zu geben – wusste sie, dass sie sich umsonst Sorgen gemacht hatte.

Und als der imposante Admiral Owen Paris, praktisch eine lebende Legende, ihre Hände in seine nahm und sie auf die Wange küsste, kamen ihr beinahe die Tränen.

»Mein Sohn hatte immer ein Auge für Schönheit«, sagte er. »Es freut mich zu sehen, dass er inzwischen auch die Persönlichkeit einer Frau zu schätzen gelernt hat. Ich habe den Bericht Ihres Captains über Sie gelesen, Lieu… B’Elanna. Sie beide scheinen ihren Respekt und ihre Zuneigung gewonnen zu haben.«

»Danke, Admiral«, sagte sie mit belegter Stimme.

»Sie können mich Owen nennen, wenn Sie möchten. Nun lassen Sie mich mal meine wunderbare Enkelin sehen.«

Torres übergab Miral an ihren Großvater und ergriff Toms Hand. Der alte Mann hielt den Säugling mit erstaunlich viel Geschick und lächelte mit sichtlicher Freunde auf das kleine Gesicht herab.

»Sie können gut mit Babys umgehen … Owen.« Torres versuchte sich zögernd an dem Namen.

Admiral Paris lächelte. »Ich habe genug Zeit in ihrer Gesellschaft verbracht. Das wusstest du gar nicht, oder, Tom? Dass das Windelwechseln meine Aufgabe war.«

Toms verdutzter Miene nach zu urteilen hatte er es tatsächlich nicht gewusst. B’Elanna unterdrückte ein Grinsen bei dem Gedanken daran, wie dieser distinguierte alte Herr Toms dreckige Windeln wechselte. Aber wenn sie sah, mit welcher Selbstverständlichkeit er Miral hielt, glaubte sie die Behauptung gern. Dann begegnete er ihrem Blick, und sein Lächeln verblasste ein wenig.

»Tom und ich haben auf dem Weg hierher über Ihre Familiensituation gesprochen«, sagte er. B’Elanna spürte, wie ihr die Röte der Verlegenheit in die Wangen stieg. »So wie ich es verstanden habe, haben Sie keine Familie.«

»Das ist nicht ganz korrekt«, sagte sie. »Mein Vater … hat es vorgezogen, nicht bei mir und meiner Mutter zu bleiben, als ich jung war. Ich habe gestern zum ersten Mal seit Jahren mit ihm gesprochen. Ich habe Gründe zu der Annahme, dass meine Mutter starb, während wir im Delta-Quadranten waren.«

»Das hat Tom erzählt«, bestätigte Admiral Paris. »Ich möchte Ihnen versichern, dass Sie jetzt eine Familie haben. Sie und Miral sind nun geliebte und wertvolle Mitglieder des Paris-Clans. Meine Frau und ich werden Sie wie unser eigenes Kind lieben.« Er wandte sich zu Tom um. »Und das bedeutet sehr viel Liebe.«

Torres lächelte, obwohl sie sich mehr danach fühlte, vor Freude zu weinen. »Danke, Sir. Das bedeutet uns viel.«

»Als die Voyager wieder aufgetaucht ist«, fuhr Admiral Paris fort, »haben wir natürlich sofort alle Familien benachrichtigt. Fast alle haben Nachrichten für ihre geliebten Menschen aufgenommen. Nachdem ich erfahren habe, wer meine neue Schwiegertochter ist, habe ich nachgesehen, ob es irgendwelche Nachrichten für Sie gibt. Es gibt sie – zwei Stück.«

Torres stockte der Atem. Ihr fiel keine einzige Person ein, die ihr eine Nachricht geschickt haben könnte, ganz zu schweigen von zwei. Admiral Paris übergab sie ihr. »Wenn Sie sie allein ansehen wollen, können Tom und ich …«

»Nein«, sagte B’Elanna schnell. »Sie gehören jetzt zur Familie. Was auch immer es ist, wer auch immer die Nachrichten geschickt hat, Sie können sie mit ansehen.«

Nach einem Augenblick nickte Tom und aktivierte den Bildschirm.

Ein gut aussehender Mann mit Torres’ dunklem Haar und ihren dunklen Augen erschien darauf. B’Elanna starrte ihn an. Vater. Wie es aussah, meinte er es tatsächlich ernst damit, in Kontakt bleiben zu wollen. Sie hatte es nicht glauben können.

»Hallo, B’Elanna«, sagte er leise. »Ich habe deinen Brief bekommen. Ich bin froh, dass du mir geschrieben hast. Es ist schön, von dir zu hören und zu wissen, dass es dir gut geht.« Er zögerte. »Ich habe einiges zu erklären. Und ich hoffe, dass du mir die Gelegenheit gibst, das von Angesicht zu Angesicht zu tun. Aber ich wollte dich wissen lassen, dass ich dich liebe und dass es mir leidtut. Vielleicht bist du alt genug, das zu verstehen und mir zu vergeben. Ich werde nicht zum Festessen kommen, wenn du es nicht willst. Ich warte, bis ich etwas von dir höre. Wenn du dich nicht meldest … nun, dann habe ich auch eine Antwort und werde dich nicht länger belästigen.«

Er blinzelte mehrmals hintereinander, und in seinen Augen glitzerte es. »Ich liebe dich, Kleines. Ich hoffe, ich sehe dich bald.«

Sie fühlte, wie Tom die Arme um sie legte, und wie Admiral Paris’ verständnisvoller Blick auf ihr ruhte, und musste schlucken.

»Willst du ihn sehen?«, fragte Tom sehr leise.

»Ich … ich weiß es nicht«, brachte sie hervor. Sie tastete nach der zweiten Nachricht und reichte sie Tom. »Lass uns nachsehen, von wem diese hier ist.«

Tom legte den Datenträger ein. Das schöne, aber ernste Gesicht einer Klingonin erschien, eines, das Torres nicht erkannte. »Ich bin Commander Logt. Wir müssen uns bald treffen und über Ihre Mutter sprechen. Es ist dringend.«

Torres erinnerte sich an die Worte, die Ihre Mutter in Grethor, der Hölle der Klingonen, gesprochen hatte:

Wir werden uns wiedersehen.

Im Sto-Vo-Kor.

Im Sto-Vo-Kor … oder vielleicht … wenn du nach Hause kommst.

Vielleicht wusste diese Logt, was ihre Mutter gemeint hatte.

Janeway fiel ein Stein vom Herzen, als Tuvok den Raum betrat. Ihre Blicke trafen sich, und er nickte. Mehr würde sie aus ihm nicht herausbekommen, aber es genügte. Das fal-tor-voh war ein Erfolg gewesen. Er würde regelmäßig kleinere Dosen von Medikamenten benötigen, damit die Krankheit nicht erneut ausbrach. Aber der furchtbare geistige Verfall, vor dem ihr zukünftiges Ich sie gewarnt hatte, war abgewendet. Wie einfach das vonstattengegangen war. Wie schrecklich es gewesen wäre, diesen geliebten Freund langsam und unaufhaltsam zerbrechen zu sehen.

Sie erlaubte sich selbst einen Anflug von Eifersucht. Sowohl Paris als auch Tuvok hatten bereits Mitglieder ihrer Familie gesehen, dabei waren sie erst seit ein paar Stunden wieder im Alpha-Quadranten. Natürlich waren die Umstände in beiden Fällen außergewöhnlich gewesen. Paris’ Vater war der Leiter des Projekts und deshalb sowohl auf professioneller als auch auf persönlicher Ebene verstrickt. Und Sek zu seinem Vater zu bringen, war wegen des ernsten, medizinischen Notfalls notwendig gewesen.

Obwohl der blau-grüne Ball greifbar nah schien, legten sie die kurze Strecke zur Erde langsam zurück, damit all der Papierkram vor ihrer Ankunft erledigt werden konnte. Und damit die Besatzung nicht überfordert wurde. Natürlich wollten sie nach Hause und ihre Familien sehen. Aber die ganze Sache war so plötzlich geschehen, so unerwartet, dass es durchaus einen Schock dargestellt hatte. Das Erste, worum Janeway gebeten hatte, abgesehen von Seks Anwesenheit, war ein Counselor gewesen. Diese Anfrage war zu ihrer vollsten Zufriedenheit erfüllt worden. Die Enterprise hatte ihren eigenen Counselor geschickt, eine gewisse Deanna Troi, die ebenfalls zumindest oberflächlich in das Projekt Voyager eingebunden gewesen war. Als sie die dunkelhaarige, ruhige Frau an Bord begrüßt hatte, hatte Janeway sofort Vertrauen in ihre Fähigkeiten gefasst. Die Besatzung durfte sich glücklich schätzen, sich mit ihren Problemen an diese fähige Frau wenden zu können.

Tuvok nahm schweigend Platz, und alle Anwesenden wandten ihre Aufmerksamkeit Admiral Paris zu.

Der Admiral begann nicht sofort mit seiner Rede. Er nahm sich einen Moment Zeit, um sie alle anzusehen, und lächelte dabei leicht. Es freute Janeway zu sehen, mit welcher Zuneigung er seine neue Schwiegertochter betrachtete. Torres hatte darauf bestanden, anwesend zu sein, und der Doktor behielt sie genau im Auge. Auch wenn es ein geringfügiges Risiko darstellte, war Janeway froh, sie dabei zu wissen.

»Es lässt sich kaum in Worte fassen, wie glücklich ich bin, Sie alle hier zu sehen«, sagte Owen Paris. »Es ist schwer zu glauben, dass Sie bald zu Hause sein werden. Seit einer Weile sind wir schon in der Lage, Ihnen Informationen zukommen zu lassen; Sie wissen also vom Dominion-Krieg und seinem Ausgang. Aber für viele von Ihnen, besonders die ehemaligen Maquis unter Ihnen, sind sicher einige Fragen offen geblieben. Ich habe um die Erlaubnis gebeten und sie erhalten, Ihnen diese Neuigkeiten überbringen zu dürfen.

Gegen Ende des Krieges herrschte Mangel an ausgebildeten, fähigen Offizieren. Die Situation war verzweifelt. Wir haben daher allen Maquis, die sich für eine Rückkehr zur Sternenflotte entschieden, eine Generalamnestie angeboten und haben sie von allen Vorwürfen freigesprochen. Nach dem Massaker auf dem Mond von Tevlik kamen wir zu dem Schluss, dass kein Zweifel mehr an ihrer Vertrauenswürdigkeit bestehen konnte. Um ehrlich zu sein, war ich gegen die Generalamnestie. Ich wollte nicht glauben, dass man den Maquis trauen kann. Niemals zuvor war ich so froh darüber, mich geirrt zu haben. Die ehemaligen Maquis haben tapfer und loyal gedient. Daher weite ich die Generalamnestie hiermit auf Sie alle aus, da Captain Janeway mir sagte, dass Sie ihr ebenso gut gedient haben.«

Admiral Paris lächelte, bevor er fortfuhr. »Was bedeutet, dass ich der unangenehmen Pflicht entgehe, meine neue Schwiegertochter im Gefängnis abzuliefern.«

Ringsum sah Janeway strahlende Gesichter. Genau genommen war in den vergangenen Stunden auf diesem Schiff ziemlich viel gelächelt worden. Sie begegnete Chakotays Blick. Sie hatten nicht darüber gesprochen – das mussten sie nicht; aber er wusste, dass sie ihn der Obrigkeit übergeben hätte, falls es notwendig gewesen wäre. Genauso wussten sie beide allerdings auch, dass sie mit Zähnen und Klauen dafür gekämpft hätte, dass ihm die Strafe erlassen wurde. Es machte Janeway glücklich, dass sowohl er als auch alle anderen Mitglieder ihrer Besatzung als Helden heimkehren würden, nicht als Gefangene.

»Es ist allerdings kein Utopia, in das Sie zurückkehren«, fuhr Admiral Paris fort. »Krieg ist nie einfach, aber dieser hier war die Hölle. Er hat schreckliche Verluste gefordert. Wir haben Millionen von Leben verloren. Wir brauchen Ihre Hilfe beim Wiederaufbau.«

»Sie können auf uns zählen, Admiral«, versicherte Janeway ihm.

»Da bin ich mir sicher«, sagte er. »Immerhin sollten Sie gut ausgeruht sein – Sie hatten eine lange Pause.«

Er lachte leise, und Janeway wusste, dass der Admiral die Bemerkung nicht als Kritik meinte. Dennoch traf er sie damit. Die Reise war kein siebenjähriger Picknickausflug gewesen. Sie hatten schreckliche Kämpfe gefochten. Dabei hatte sie gute Leute verloren, und auch sie selbst hatte einiges durchgemacht, wenn sie bedachte, was sie gezwungen gewesen war zu tun … und nicht zu tun.

Andererseits hatten sie in gewisser Weise Glück gehabt. Wer konnte schon sagen, wer überlebt hätte und wer nicht, wären sie während des Dominion-Krieges im Alpha-Quadranten gewesen? Vielleicht hätte sie noch mehr Besatzungsmitglieder verloren. Aber vielleicht hätte sie auch etwas bewirken können. Dafür sorgen können, dass der Krieg ein wenig kürzer ausgefallen wäre.

Sie schüttelte diese Gedanken ab. Was geschehen war, war geschehen. Sie waren auf dem Weg nach Hause und würden, wie der Admiral gesagt hatte, beim Wiederaufbau des Alpha-Quadraten helfen.

»Und nun«, sagte der Admiral, »möchte ich Ihnen jemanden vorstellen.«

Die Luft neben ihm schimmerte, und in der Gestalt, die sich materialisierte, erkannte Janeway den großäugigen, ernsten Reginald Barclay. Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.

»Meine Güte!«, sagte er. »Es ist so schön, Sie alle endlich zu sehen.«

Und ohne Rücksicht auf Janeway oder den Admiral brach der ganze Raum in Jubel aus. Ihre gut ausgebildeten, disziplinierten Offiziere ließen im wahrsten Sinne des Wortes alles stehen und liegen, um den Mann zu umarmen, der alles riskiert hatte, um sie nach Hause zu bringen.

2

Als Janeway am nächsten Morgen im Transporterraum der Enterprise materialisierte, war sie erfreut, wenn auch nicht überrascht, dass niemand anderer als Captain Jean-Luc Picard persönlich erschienen war, um sie zu begrüßen.

»Erlaubnis, an Bord zu kommen?«

»Erlaubnis mit größter Freude gewährt.« Er trat mit ausgestreckter Hand vor. Janeway ergriff diese und umfasste sie mit beiden Händen.

»Kathryn«, sagte er herzlich, in seinen braunen Augen lag Zuneigung. »Meine Güte, es tut gut, Sie zu sehen. Ich konnte es kaum glauben, als ich gesehen habe, wie die Voyager aus dieser Trümmerwolke auf uns zugeflogen kam. Wir hatten uns darauf eingestellt, gegen die Borg zu kämpfen, nicht, lang verschollene Reisende willkommen zu heißen.«

»Was soll ich sagen?«, scherzte sie. »Ich lege gerne einen großen Auftritt hin.«

»Das haben Sie ohne Zweifel getan.« Picard bedeutete ihr, vorauszugehen. »Wir hatten gehofft, dass Sie eines Tages nach Hause finden würden. Nur hatten wir nicht damit gerechnet, dass das so bald geschehen würde.«

Sie lächelte, als sie den Gang zum Turbolift hinuntergingen. Das ganze Treffen mit Picard hatte einen Beigeschmack, den sie nicht ganz fassen konnte. Vielleicht würde sie ihm eines Tages von dem »Spaß« erzählen, den Q mit ihnen beiden gehabt hatte.

»Wie ich hörte, hat Reginald Barclay unter Ihnen gedient, bevor er dem Projekt Voyager zugeteilt wurde«, sagte sie. »Ich muss Sie beglückwünschen. Ohne seine Hilfe wären wir noch lange nicht hier.«

»Schwer zu glauben, dass er unser Problemkind war, nicht wahr?«, erwiderte Picard. »Ja, er hat uns alle stolz gemacht. Wir haben noch ein wenig Zeit, bevor die … na ja … Inquisition beginnt. Möchten Sie sich mir bei einer Tasse Kaffee in meinem Bereitschaftsraum anschließen?«

Es freute sie, dass er sich an ihre Vorliebe für dieses Getränk erinnerte. Sie wollte die Einladung gerade annehmen, da musste sie an jemanden denken, der ebenfalls sehr viel dazu beigetragen hatte, dass die Voyager es sicher nach Hause geschafft hatte. Diese Frau hatte für sie alle ihr Leben gegeben, und sie verdiente es, dass man mit ihrem Lieblingsgetränk auf sie trank.

»Wissen Sie«, sagte Janeway, »ich denke, ich würde stattdessen lieber Earl Grey trinken. Ich habe das Gefühl, dass ich anfangen könnte, Tee zu mögen.«

Die Abschlussbesprechung begann um 1300. Außer Picard waren noch die Captains Rixx und DeSoto und die Admirals Paris, Brackett, Montgomery und Amerman anwesend. Janeway musste an ihre mündliche Prüfung an der Akademie denken. Dank Barclay hatte die Voyager die Logbucheintragungen mehrerer Jahre übermitteln können, daher war die Sternenflotte bereits über viele Dinge, die die Besatzung im Delta-Quadranten erlebt hatte, informiert. Andernfalls hätte wohl allein die Abschlussbesprechung Tage gedauert. So gab es lediglich ein paar routinemäßige Fragen, und wenn Janeway versuchte, etwas genauer auszuführen, schnitt ihr Admiral Montgomery, der die Befragung leitete, jedes Mal das Wort ab.

Admiral Kenneth Montgomery hatte ein langes, schlankes Gesicht, das wirkte, als wäre es viele Jahre lang von der Sonne gebräunt und gegerbt worden. Seine Augen waren von einem stechenden Grau. Mit seinem dichten, hellen Haar und der muskulösen Figur hätte er gut aussehen können, aber in der Art, wie er sich gab, lag eine Kälte, die einen von jeglichem Umgang abhielt, der über einen knappen, professionellen Austausch hinausging. Sie kannte ihn nicht, sondern nur seinen Ruf: Er hatte eine wichtige Rolle in dem Krieg gespielt, der erst vor Kurzem ein Ende gefunden hatte. In dieser Aufgabe konnte Janeway ihn sich gut vorstellen und war froh, dass die Sternenflotte ihn hatte.

Aber was taten Männer wie er in Friedenszeiten?

Über die Begegnungen der Voyager mit den Borg sprachen sie etwas ausführlicher. Doch auch zu diesem Thema waren die Fragen spezifisch, und Janeway wurde nicht gerade sanft aufgefordert, ebenso präzise zu antworten. Als sie vom jüngsten Kampf erzählte, beugte Montgomery sich vor. Hin und wieder sah Janeway, wie seine Kiefermuskeln arbeiteten.

»Nun«, sagte Montgomery, nachdem sie geendet hatte, »abgesehen von dem, was Sie von den Borg erhalten haben, woher kommt die neueste Technologie, mit der die Voyager ausgestattet ist?«

Sie lächelte ein wenig. »Das ist genau genommen Sternenflottentechnologie. Sie ist nur bisher noch nicht erfunden worden.«

Montgomery starrte sie an. »Eine offizielle Abschlussbesprechung mit drei Captains und vier Admirals ist nicht der Ort für Scherze, Captain Janeway.«

Sie verengte die Augen zu Schlitzen. »Ich versichere Ihnen, Admiral, ich nehme diese Sache sehr ernst. Wenn ich ehrlich sein soll, frage ich mich allerdings, ob jeder hier das tut. Wir scheinen diese Abschlussbesprechung sehr schnell abzuhandeln, obwohl …«

»Sie sagen, es handelt sich um Sternenflottentechnologie, Captain«, unterbrach Montgomery sie. »Erklären Sie das.«

Janeway wählte ihre Worte sorgfältig, um die Erklärung so kurz wie möglich zu halten. Sie berichtete davon, wie ihr zukünftiges Ich erschienen war, um die Voyager zu retten und das Transwarpzentrum der Borg zu zerstören. Montgomerys Eisaugen blitzten auf, während sie sprach, und wieder spannte er die Kiefermuskeln an, aber er unterbrach sie nicht.

Nachdem sie ihren Bericht beendet hatte, entstand eine lange, eisige Pause. Schließlich sagte Montgomery tonlos: »Habe Sie irgendeine Vorstellung davon, wie viele Direktiven Sie gebrochen haben, Captain?«

»Ken«, sagte Admiral Paris sanft, »zuallererst hat nicht sie das getan, sondern eine sechsundzwanzig Jahre ältere Version von ihr. Außerdem müssen Sie zugeben, dass es mildernde Umstände gibt.« Der Admiral brachte seine Worte ruhig vor, aber seine Miene war hart. Montgomery machte Anstalten, etwas zu erwidern, nickte dann aber.

»Wir schicken einige unserer besten Leute auf die Voyager und beginnen sofort damit, diese … diese futuristische Technologie zu analysieren. Die Anhörung ist beendet.«

Er nahm sein Padd und erhob sich abrupt. Überrascht suchte Janeway Picards Blick. Dieser wirkte so verwirrt wie sie. Wortlos rauschte Montgomery aus dem Raum, gefolgt von mehreren anderen Personen. Picard und Paris blieben zurück, während Janeway ihre Notizen zusammensuchte.

»Admiral Paris«, sagte sie, »darf ich frei sprechen?«

Er wirkte besorgt, erwiderte aber: »Erlaubnis erteilt.«

Janeway stemmte die Hände in die Hüften und schob das Kinn vor. »Die gesamte Abschlussbesprechung hat weniger als eine Stunde gedauert. Wir waren sieben Jahre fort. Wir haben Daten über mehr als vierhundert vollständig neue Spezies gesammelt. Wir hatten mehr Kontakt mit den Borg als irgendjemand sonst in diesem Quadranten, und wir haben sie so gut wie jedes Mal besiegt. Wir haben erfolgreich einen menschlichen Jungen befreit sowie eine Frau, die im Alter von sechs Jahren assimiliert wurde. Wir haben ein MHN, das seine Programmierung weit jenseits der zu erwartenden Parameter erweitert hat, und unsere komplette Mannschaft hat sich nicht nur gut, sondern herausragend geschlagen. Und die Sternenflotte erfährt alles, was sie wissen will, in weniger als einer Stunde?«

Ihr war bewusst, dass die Worte wütend, ja fast schon aggressiv klangen, aber ihr war die Erlaubnis erteilt worden, auszusprechen, was sie dachte.

Picard antwortete als Erster.

»Das mag für Sie schwer zu verstehen sein, Kathryn, aber … auch wenn jeder in der Sternenflotte von Ihren Abenteuern weiß und sich darüber freut, dass Sie es aller Gefahren zum Trotz sicher nach Hause geschafft haben, wird man Sie nicht so sehr feiern, wie man es getan hätte, hätte es den Krieg nicht gegeben.«

»Es ist nicht so, dass es die Leute nicht interessiert«, fügte Paris hinzu. »Aber es gibt so viele Dinge, die wir tun müssen, um wieder auf die Beine zu kommen. Unsere Ressourcen im ganzen Quadranten sind erschöpft. Wir helfen den Cardassianern, alles wieder aufzubauen, betrauern unsere Toten, versuchen weiterzumachen.«

»Das verstehe ich, Admiral. Aber die Dinge, die wir entdeckt haben, können Ihnen dabei helfen.«

»Und das werden sie«, sagte Picard. »Alles, was wir wissen müssen, ist in Ihrer Computerdatenbank gespeichert. Die Informationen werden direkt an die Experten in den jeweiligen Gebieten weitergeleitet. Darum wollte das Gremium Sie nicht für Stunden hier festhalten, wenn wir alle, Sie eingeschlossen, andere Dinge zu tun haben.«

Natürlich versuchten die beiden, den Schlag abzumildern, und Janeway wollte sie in dem Glauben lassen, dass es ihnen gelungen war. »Da wir gerade davon sprechen«, sagte sie und zwang sich zu einem Lächeln, »ich sollte besser auf mein Schiff zurückkehren. Vielen Dank, meine Herren, und einen guten Tag.«

In ungefähr einer halben Stunde würde die Voyager von Sternenflottenpersonal wimmeln, dessen Aufgabe es war, alles über die Modifikationen der letzten sieben Jahre herauszufinden und ganz besonders über die neue Technologie, die ihr zukünftiges Ich Admiral Janeway ihnen überlassen hatte. Während Sie im Turbolift auf dem Weg zu Holodeck eins stand, fragte sich Janeway, warum gerade diese Modifikationen mehr Interesse hervorriefen als alles andere, was die Voyager mitgebracht hatte. Die taktischen Informationen über die Borg hätten am wichtigsten sein müssen, nicht die Schildtechnologie und andere Verbesserungen.

Der Turbolift hielt, und sie seufzte. Sie freute sich nicht darauf, aber es musste sein. Eines der Dinge, die die Sternenflotteningenieure analysieren würden, waren die Holodeck-Simulationen. Janeway hatte ihrer Mannschaft mitgeteilt, dass alles, was sie als »persönlich« einstuften, gelöscht werden konnte und sollte.

Die Türen des Holodecks öffneten sich, und sie trat ein. Gelächter und Musik drangen an ihre Ohren, und sie lächelte unwillkürlich.