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DAS BUCH

Vor Kurzem ist die zehnjährige Abby mit ihrer Familie in die Kleinstadt Smithville umgezogen. So richtig eingelebt hat sie sich irgendwie noch nicht: Die Jungen und Mädchen sind ganz anders als an ihrer alten Schule, die Eltern sind immer furchtbar beschäftigt – und ihr kleiner Bruder Jonah hat nur noch den magischen Spiegel im Kopf, der in ihrem Keller hängt. Der Spiegel öffnet seine Pforten ins Märchenland, wenn man klopft. Zumindest meistens; in letzter Zeit allerdings klappt es nicht mehr so richtig. Nacht für Nacht schleichen die beiden heimlich in den Keller und klopfen, doch vergeblich. Dabei hätte Abby so gern mal wieder mit Schneewittchen geplaudert, die sie bei ihrem letzten Ausflug ins Märchenland kennengelernt hat. Und sich ihren limettengrünen Schlafanzug zurückgeholt, den sie Schneewittchen geliehen hat.

Als sich die Pforten des Spiegels dann endlich doch öffnen, kreuzen Abby und Jonah Aschenputtels Weg. Die erschrickt so, dass der gläserne Schuh herunterfällt und zerbricht – und Abby und Jonah müssen zusehen, wie sie die Sache wieder in Ordnung bringen. Schließlich haben sie Aschenputtels Glück auf dem Gewissen, wenn der Traumprinz ihr nun nicht mehr den Schuh überstreifen kann …

DIE AUTORIN

Sarah Mlynowski ist in Kanada geboren und aufgewachsen. Bereits während ihrer Studienzeit schrieb sie für ein Wochenmagazin. Sie arbeitete zunächst im Bereich Marketing, bevor sie nach New York übersiedelte und Schriftstellerin wurde. Mit ihrem Traumprinzen und ihren Töchtern (die Märchen genauso lieben wie ihre Mutter) lebt Sarah Mlynowski im Herzen Manhattans.

LIEFERBARE TITEL

978-3-453-31423-8 – Zehn Dinge, die wir lieber nicht getan hätten

978-3-453-31454-2 – Abby und Schneewittchen in Gefahr

Sarah Mlynowski

Abby

und

Aschenputtels Geheimnis

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Stefanie Lemke

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Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel

Whatever after – If the Shoe Fits bei Scholastic, New York

Copyright © 2013 by Sarah Mlynowski

Copyright © 2013 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Redaktion: Sabine Kranzow

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München,

unter Verwendung einer Illustration von © Nina Dulleck

Satz: Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN: 978-3-641-11251-6
V003

www.heyne-fliegt.de

Für meine Kolleginnen Lauren Myracle
und Emily Jenkins.

Kapitel 1

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Ich glaube,
unser Zauberspiegel ist kaputt

Wir haben einen Zauberspiegel im Keller, und den werden wir jetzt benutzen.

Jonah hält die Hand vor den Spiegel und fragt: »Bist du bereit?«

»O ja.« Ich bin mehr als bereit. Wir probieren es jetzt schon seit drei Tagen. Vor vier Tagen wurden Jonah und ich unfreiwilligerweise vom Spiegel eingesogen und im Märchen von Schneewittchen wieder ausgespuckt. Oder besser gesagt im Königreich von Zamel. Da wohnt nämlich Schnee, mit vollem Namen Schneewittchen.

Hätte ich geahnt, dass wir in Zamel landen, wäre ich niemals in Schlafanzug und Puschen in den Keller gegangen. Dann hätte ich eine Jeans, einen süßen Pullover und Turnschuhe angezogen. Aber ich habe ja erst begriffen, wo wir überhaupt waren, nachdem wir Schnees Geschichte schon ordentlich durcheinandergebracht hatten.

Aber keine Sorge, das Ganze ist dann doch noch gut ausgegangen. Anders als im ursprünglichen Märchen, aber trotzdem gut.

Ich habe allerdings meinen Schlafanzug und meine Puschen bei Schnee zurückgelassen. Die Puschen waren eh schon ziemlich ramponiert, aber der Schlafanzug war mein Lieblingsschlafanzug. Schnee hatte ihn sich von mir ausgeliehen und mir dafür einen Rock und ein T-Shirt gegeben. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum ich Schnee besuchen will. Ich will auch herausfinden, warum Maryrose, die in unserem Zauberspiegel lebt, Jonah und mich überhaupt erst dahingeschickt hat. Dafür muss es ja einen Grund geben, richtig? Und warum hat der Zauberspiegel in Schnees Schlafzimmer gesagt, wir dürften unseren Eltern nichts von all dem erzählen?

Jonah und ich haben beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen.

Als es uns nach Zamel verschlagen hat, hatte uns der Spiegel um Mitternacht verschluckt. Also habe ich meinen Wecker an dem Abend, als wir wieder zu Hause waren, auf 23:51 Uhr gestellt. Ich habe mir eine Jeans angezogen. Einen Pulli. Turnschuhe. Ich habe meinen kleinen Bruder Jonah geweckt. Er hat sich eine Jeans angezogen. Einen Pulli. Turnschuhe. Dann haben wir uns die zwei Stockwerke hinunter in den Keller geschlichen und die Tür hinter uns zugezogen.

Jonah hat an den Spiegel geklopft. Dann hat er noch mal geklopft. Und noch mal. Dreimal, genau wie beim ersten Mal.

Aber es hat nicht funktioniert.

Wir standen da und haben gewartet, aber nichts ist passiert.

Kein Wirbeln. Kein Zischen. Kein weit geöffneter Spiegelschlund, der uns im Ganzen verschluckt hätte.

In der nächsten Nacht haben wir es wieder probiert. Wir sind kurz vor Mitternacht aufgestanden. Haben uns Jeans angezogen. Pullis. Turnschuhe. Wir sind in den Keller hinuntergeschlichen. Haben geklopft und noch mal geklopft. Und ein drittes Mal geklopft.

Nichts, nichts, nichts!

Heute ist die dritte Nacht. Aller guten Dinge sind drei. Besonders, wenn es um Märchen geht.

Hier sind wir also. Im Keller. Mal wieder.

Jonah hält die Hand vor den Spiegel. Mal wieder.

»Bereit«, sage ich. Ich nehme all meinen Mut zusammen. Los geht’s. Es wird klappen. Ich weiß es.

Jonah klopft.

Einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Kein Wirbeln, kein Zischen, kein gar nichts.

Ich stampfe mit dem Fuß auf. »Ich verstehe das nicht!«

Jonah seufzt und lässt enttäuscht seinen dünnen Arm fallen. »Meinst du, er ist kaputt?«

Ich betrachte den alten Spiegel. Er sieht genauso aus wie beim ersten Mal, als wir hineingesogen wurden. Er ist doppelt so groß wie ich. Die Glasfläche ist klar und glatt. Der Rahmen ist aus Stein gemeißelt, mit kleinen Elfen samt Flügeln und Zauberstäben. Er ist mit großen, schweren Frankenstein-Schrauben an der Wand befestigt. Wir sind gerade erst vor ein paar Monaten nach Smithville – und in unser neues Zuhause – gezogen, und der Spiegel gehörte zum Haus. Der Spiegel hatte für mich immer etwas Unheimliches. Ich glaube, ich finde ihn noch immer unheimlich.

Aber er ist nicht nur unheimlich. Er macht auch unheimlich Spaß. Und er kann zaubern.

»Er sieht nicht kaputt aus«, sage ich, während ich meinen Bruder und mich im Spiegelbild betrachte. Jonahs kurze braune Haare stehen wild in alle möglichen Richtungen ab. Meine Haare sind schulterlang und leicht gewellt, aber immer noch ordentlich. »Lass mich mal«, füge ich hinzu.

Ich klopfe einmal. Zweimal. Dreimal.

Nichts passiert.

»Hallo? Maryrose? Bist du da?« Ich habe zwar gesagt, dass Maryrose in dem Spiegel lebt, aber ehrlich gesagt bin ich mir da nicht ganz sicher. Ich weiß nur, dass Maryrose irgendetwas mit dem Spiegel zu tun hat. Glaube ich. Eigentlich weiß ich es nicht so genau. Ich seufze. »Vielleicht haben wir uns das Ganze ja bloß eingebildet.«

»Haben wir nicht«, sagt Jonah. »Wir waren da. Ich weiß es. Wir haben Schnee getroffen! Wir haben die Sandwiches mit ihrem Eintopf gegessen. Lecker! Ich wünschte, Mom und Dad würden die mal zum Abendessen machen.«

Ich schnaube verächtlich. Zunächst einmal waren Schnees Eintopfsandwiches einfach ekelhaft. Und außerdem ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass Mom und Dad in naher Zukunft ein neues Gericht ausprobieren. Die Wahrscheinlichkeit ist ungefähr so hoch wie eins zu einer Billion. Sie haben seit Wochen nicht mehr gekocht. Die letzten zwei – nein, drei! – Tage haben wir immer Pizza zum Abendessen bestellt.

Versteht mich nicht falsch, ich mag Pizza. Welches zehnjährige Kind mag keine Pizza? Welcher Erwachsene mag keine Pizza? Jonah liebt Pizza, auch wenn er den Rand immer in Ketchup tunken muss, was total eklig ist. Aber drei Tage am Stück, das ist krass. Was ist mit Kochen? Mit Hackbraten? Oder Salat?

Früher, bevor wir nach Smithville gezogen sind, haben unsere Eltern ständig gekocht. Da hatten sie noch Zeit dafür. Jetzt arbeiten sie nur noch. Sie sind Anwälte und haben gerade ihre eigene Kanzlei eröffnet. Ich sage ihnen immer wieder, dass ich schon groß genug bin, um zu kochen, aber sie hören einfach nicht auf mich. Nur weil ich beinah unser altes Haus abgebrannt hätte, als ich EINMAL meine Socken in den Toaster gesteckt habe. Was soll ich sagen? Ich wollte eben schön warme Socken haben. Jetzt lassen sie mich noch nicht einmal mehr in die Nähe der Waschmaschine, was totaler Schwachsinn ist. Okay. Ich habe mal zu viel Waschmittel genommen und die Waschküche in ein einziges Schaumbad verwandelt, aber auch nur EINMAL.

Ich gähne. »Lass uns wieder ins Bett gehen.«

»Aber ich will ein Abenteuer! Vielleicht kann uns der Spiegel ja auch an andere Orte bringen. Nach Afrika! Oder zum Mars! Oder zum Buckingham Palace!«

»Wir haben es jetzt dreimal versucht, Jonah. Wir können das nicht jede Nacht machen. Wir befinden uns im Wachstum. Wir brauchen unseren Schlaf.«

Er zieht eine Schnute. »Nur noch einmal.«

Also lasse ich es ihn noch einmal probieren, obwohl ich ganz genau weiß, dass es nicht klappen wird. Ich bin drei Jahre älter als er. Ich weiß solche Sachen eben. Und ich behalte recht. Natürlich. Ich habe immer recht. Ich schiebe Jonah die Treppen hinauf, bis in die obere Etage, und bugsiere ihn in sein Zimmer.

Er kickt die Turnschuhe von den Füßen und wirft sich aufs Bett.

Zurück in meinem Zimmer schlüpfe ich wieder in meinen zweitliebsten Schlafanzug und frage mich mal wieder, ob wir nicht wirklich alles nur geträumt haben.

Aber Moment! Mein Schmuckkästchen steht ja auf der Kommode, und auf dem Deckel ist ein Bild mit lauter Märchenfiguren. Schneewittchen steht genau zwischen Aschenputtel und der Kleinen Meerjungfrau. Und Schnee trägt nicht ihr Rüschenkleid. Sie trägt meinen limettengrünen Schlafanzug, was bedeutet, dass es wirklich passiert ist.

Warum also funktioniert das mit dem Spiegel nicht?

Kapitel 2

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Bitte, kein Müsli mehr

Murr. Grummel. Murr.

Ja, richtig, ich habe schlechte Laune. Warum?

1. Ich bin müde wegen letzter Nacht.

2. Es gibt schon WIEDER Müsli zum Frühstück, obwohl eine ganze Packung Eier im Kühlschrank ist.

3. Ich habe nichts anzuziehen, weil alle meine Sachen dreckig sind.

Ich muss ja nicht ständig Spiegeleier zum Frühstück essen, aber die Eier werden MORGEN schlecht. Das weiß ich, denn ich habe auf die Packung geschaut. Werden meine Eltern sie jemals kochen? Warum haben sie die Eier denn überhaupt gekauft?

Und die Wäsche! Sie haben seit einer Woche keine Wäsche mehr gewaschen! Was bitte schön ist da los?

»Ich hab schon meine Affenunterhose an«, sage ich und rutsche dabei unruhig auf dem Stuhl herum. Meine Mutter sollte eigentlich wissen, was das heißt. Ich habe zwei Unterhosen mit Affen drauf, und ich trage sie NIE, es sei denn, es geht absolut nicht anders, denn ich finde es nicht besonders toll, wenn mir die Unterhose in die Poritze rutscht. Ich hätte sie einfach schon längst ausmisten sollen. Wenn ich das getan hätte, müsste ich jetzt natürlich in dreckiger Unterwäsche in die Schule gehen. Igitt. Meine Eltern müssen entweder dringend mit mir einkaufen gehen – oder endlich mal die Wäsche waschen. Aber es sieht nicht so aus, als würde eins von beidem passieren, denn sie haben ja kaum Zeit, sich überhaupt die Zähne zu putzen.

Ernsthaft, ich glaube, mein Dad hat heute Morgen das Zähneputzen vergessen. Er riecht nämlich immer noch nach der Peperoni von gestern Abend.

Meine Mom wuschelt mir durch die Haare. »Tut mir leid, Süße. Ich hoffe, ich komme heute Abend dazu.«

»Wenn ich keine Unterhosen mehr hab, darf ich dann meine Spiderman-Badehose anziehen?«, fragt Jonah.

»Nein, Schatz«, antwortet Dad. »Das würde auf die Dauer unangenehm werden.«

Ungefähr so unangenehm, wie wenn mir die Unterhose ständig zwischen die Pobacken rutscht?

***

Als ich abends ins Bett gehe, bin ich nicht besonders glücklich.

1. Es gab Pizza zum Abendessen. Schon wieder. Vergesst, was ich gesagt habe, von wegen dass mein Dad aus dem Mund nach Peperoni riecht. Ich werde mich wahrscheinlich noch in eine Peperoni verwandeln.

2. Mom hat heute Abend keine Wäsche gewaschen, und ich muss morgen meine zweite Affenunterhose anziehen. Das bedeutet, dass mir morgen wieder die Unterhose in die Poritze rutschen wird. Und ab übermorgen werde ich dreckige Unterhosen tragen müssen – schauder.

Jonah, der eigentlich schon längst schlafen sollte, weil er eine Stunde früher ins Bett muss als ich, steckt den Kopf zur Tür herein und flüstert: »Bis Mitternacht!«

Ich verdrehe die Augen. »Okay. Wir versuchen es noch mal, aber ich glaube ja nicht, dass es klappt.«

»Doch, bestimmt!«, ruft er.

»Und was verleitet dich zu dieser Annahme? Etwa die Tatsache, dass es die letzten drei Male schon nicht geklappt hat?«, frage ich mit meiner besten Anwältinnen-Stimme. Ich werde nämlich Anwältin, wenn ich groß bin. Nicht weil ich Anwältin werden will, sondern weil ich Richterin werden will. Zuerst muss man nämlich Anwältin werden, bevor man Richterin werden kann. So ist die Regel. Aber um das mal festzuhalten: Wenn ich Anwältin bin, werde ich trotzdem noch solche Dinge machen wie Wäsche waschen und kochen.

»Irgendwann muss es doch klappen«, erklärt Jonah. »Ich stelle meinen Wecker.«

Ich lasse den Kopf zurück aufs Kissen sinken. »Na gut. Ich auch.«

Ich werde meinem Bruder den Gefallen tun und mit ihm in den Keller gehen. Aber das ist das letzte Mal. Nach heute Nacht ist der Spiegel für mich gestorben. Irgendwann reicht es.

»Abby! Wach auf! Komm schon!«

Ich öffne erst das eine Auge, dann das andere. Weiß mein Bruder denn nicht, dass er anklopfen muss? So ist die Regel.

Mein Wecker klingelt, und ich schalte ihn aus. Grummel. Ich habe ja so keine Lust. Aber ich schwinge trotzdem die Beine aus dem Bett.

»Willst du dich nicht umziehen?«, fragt Jonah. Er trägt Jeans. Einen roten Pulli. Turnschuhe.

»Nö.« Ich behalte meinen rosa Schlafanzug mit lila Pünktchen an. Damit würde ich mich zwar nicht außerhalb des Hauses sehen lassen wollen, aber darum muss ich mir keine Sorgen machen. Es ist ja nicht so, dass das mit dem Spiegel funktionieren würde.

Okay, ich verrate euch ein Geheimnis. Kennt ihr die Redewendung: »Das Gras wächst nicht schneller, wenn du daran ziehst«? Meine Oma sagt das ständig. Es bedeutet, wenn ihr auf etwas Bestimmtes wartet, dann passiert gar nichts. Aber wenn ihr nicht darauf wartet, dann passiert es. Zum Beispiel wenn ihr darauf wartet, dass euch eure Freundin anruft und ihr die ganze Zeit das Telefon anstarrt, in der Hoffnung, dass es klingelt. Dann klingelt es nicht. Aber wenn ihr einfach geht und eure Hausaufgaben macht, ruft – eh ihr euch’s verseht – eure Freundin an und – juhu! – unterbricht euch bei den Hausaufgaben.

Also habe ich mir Folgendes überlegt: Was, wenn das mit dem Spiegel genauso ist? Wenn ich mich extra umziehe, weil ich erwarte, dass der Spiegel mich hereinlässt, wird es nicht funktionieren. Aber wenn ich den LÄCHERLICHSTEN Schlafanzug trage, den ich besitze, den einzigen, der zufälligerweise sauber ist, dann wird der Spiegel denken, dass ich überhaupt nicht damit rechne, und uns endlich hereinlassen!

Ich schiebe den Gedanken ganz weit weg in die Untiefen meines Gehirns. Wenn der Spiegel mitbekommt, dass ich versuche, ihn auszutricksen, wird es nicht funktionieren.

La, la, la. Hat irgendjemand was von einem Trick gesagt? Ich habe nichts gehört. Ich trage nur zufällig meinen peinlichsten Schlafanzug. Und Turnschuhe. (Ich habe keine Wahl. Der Fußboden im Keller ist viel zu kalt, und meine Puschen sind immer noch bei Schnee.)

Ich gehe mit Jonah die Treppe hinunter. Schließe die Kellertür hinter uns. Wir stehen vor dem Spiegel.

Jonah klopft einmal.

Zweimal.

»Bereit?«, fragt er mich.

»Ist doch egal«, sage ich, wobei ich mich bemühe, möglichst gelangweilt zu klingen.

Er klopft ein drittes Mal.

Ob es morgen endlich Rührei zum Frühstück geben wird?

»Abby …«

»Es funktioniert nicht«, sage ich. »Lass uns wieder ins Bett gehen. Ich bin müde.«

»Aber Abby …«

»Vielleicht haben wir das Ganze wirklich nur geträumt. Auch das mit dem Schmuckkästchen. Oder Maryrose hat die Stadt verlassen. Vielleicht ist sie auch zusammen mit uns im Märchen von Schneewittchen gelandet und einfach dageblieben. Vielleicht …«

»Abby!«

»Was?«

Jonah zeigt auf den Spiegel. »Guck doch mal!«

Ich gucke. Unser Spiegelbild dreht sich. Der Spiegel zischt. Er wird lila. Funktioniert es etwa doch?

O Gott. Es funktioniert!

»Juhu!«, jubelt Jonah. »Wir kommen wieder rein!«

Wir kommen wieder rein! Wir kommen wieder rein! Wir kommen wieder rein, und ich trage einen Schlafanzug mit lila Pünktchen.