Das verwünschte Känguru

 

 

Simone Weber

 

 

Das verwünschte Känguru

 

Ein Buch aus dem FRANZIUS VERLAG

 

Coverbild: Nabil Kharraz (shinu real art's)

Buchumschlag: Jaqueline Spieweg

Satz, Herstellung und Verlag: Franzius Verlag

Druck und Bindung: SDL, Berlin

 

ISBN 978-3-945509-64-7

 

 

Alle Rechte liegen beim Franzius Verlag

Hermann-Ritter-Str. 114, 28197 Bremen

 

Copyright © 2015 Franzius Verlag, Bremen

www.franzius-verlag.de

 

 

 

 

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Veröffentlichungen des Franzius Verlages:

 

 

Kapitel 1

 

Am Himmel zogen kleine weiße Wolken dahin, die Sonne schien und ein leichter Wind ließ die Blätter in den Bäumen tanzen. Ein junges Känguru hüpfte seinen Weg entlang und schaute mal hierhin, mal dorthin. Es war auf Futtersuche. Als das Känguru gerade an einem dichten Busch vorbei hüpfte, raschelte es darin und das Känguru blieb erschrocken stehen. Neugierig wie es aber war, lugte es vorsichtig durch die Blätter und erblickte ein Paar eisblaue Augen, die ziemlich nah am Boden verharrten. Das kleine Tier, dem diese Augen gehörten, schien sehr viel Angst vor dem Känguru zu haben, denn es hatte sich noch kleiner, als es schon war, zusammengekauert und so fest an den Boden gedrückt, dass man es nur schwer sehen konnte. Einzig diese Augen machten es überhaupt möglich, das Tier zu entdecken.

 

Das Känguru wusste zwar nicht, was für ein Tier es war, aber es wollte auch keine Angst verbreiten. Es hüpfte ein kleines bisschen zur Seite und sagte vorsichtig: „He, du brauchst keine Angst zu haben, ich werde dir bestimmt nichts tun!“

 

Noch immer am ganzen Körper zitternd steckte das kleine Tier die Nase aus dem Busch und fragte: „Wirklich nicht? Weißt du, ich wollte nämlich nur in den Garten und etwas fressen gehen, ich habe solchen Hunger!“

 

„Nein, ich tue dir ganz ehrlich nichts. Ich habe auch großen Hunger und suche selbst etwas zu fressen. Vielleicht gibt es in eurem Garten auch etwas für mich und du könntest mich mitnehmen?“, fragte das Känguru. Erleichtert kam das kleine Tier aus dem Busch heraus und sagte: „Wenn du Pflanzen frisst, dann habe ich etwas ganz Leckeres für dich, das können wir gerne zusammen fressen!“

 

Das Känguru war froh darüber, sein Magenknurren bald besänftigen zu können, und so gingen sie gemeinsam weiter. „Sag mal, was bist du denn überhaupt für ein Tier?“, fragte das kleine Känguru. „So etwas wie dich habe ich noch nie gesehen! Du hast eisblaue Augen, ein rotes Zottelfell und einen so buschigen Schwanz.“

 

„Ich bin ein Norbit und mein Name ist Gardin. Und wie heißt du?“, fragte Gardin. „Mein Name ist Doob“, antwortete das Känguru. „Ich darf heute zum Ersten mal alleine auf Futtersuche, aber ich habe nicht gewusst, dass es so schwer ist etwas zu finden.“

 

Nachdem sie eine Weile unterwegs waren, fragte Doob: „Wohin führst du mich überhaupt, dass wir einen so weiten Weg dafür gehen müssen?“

 

„Zum Garten des Königs“, gab Gardin zurück. „Weißt du, dort gibt es die einzigen Pflanzen, die wir Norbits fressen können. Wir sind aber auch schon da“, beruhigte Gardin ihn und schob eine kleine Tür, die sich in einem Holzzaun befand, nach innen. Sie gingen hindurch und Doob glaubte seinen Augen nicht trauen zu können. Überall waren die schönsten Blumen, das grünste Gras und die am herrlichsten duftenden Pflanzen, die er in seinem jungen Leben je gesehen oder gerochen hatte. Gardin ging voraus, in Richtung einiger Bäume, die etwas enger zusammen standen und Doob hüpfte ihm hinterher. Er war beeindruckt von diesem riesigen Garten. Hier konnte man sich sicher verlaufen, wenn man nicht aufpasste. Doob beeilte sich also, damit er den Anschluss an Gardin nicht verlor, doch da war es schon zu spät. Gardin war so schnell davon geeilt, dass Doob hoffte, ihn unter den Bäumen wieder zu finden. Er schaute sich aufmerksam um, als er auf die Bäume zu lief und auf einmal hörte er, wie Gardin ihn rief: „Hallo, Doob, komm hier herüber!“

 

Doob drehte seinen Kopf in die Richtung aus der die Stimme kam und entdeckte Gardin inmitten eines Feldes mit Pflanzen, die er nicht kannte. Schnell hüpfte er heran und fragte: „Was sind denn das für Pflanzen? Ich kenne sie nicht und weiß nicht, ob ich sie fressen darf.“

 

Gardin gab zur Antwort: „Das ist ein Norbitsfeld. Der König hat es für uns angelegt, denn von diesen Pflanzen gibt es leider nicht mehr sehr viele. Der König sagt, es sei sehr schwer, diese Pflanzen zu züchten, deshalb müssen wir sparsam sein, wenn wir etwas fressen, sonst werden die Norbits alle verhungern. Aber ich denke, es ist nicht so schlimm, wenn du auch einmal kostest. Hinter uns sind noch so viele andere Pflanzen, die dürften dir sicher auch schmecken, da kannst du dich ja dann satt fressen.“

 

„Aber das hier ist doch ein so großer Garten, warum fresst ihr nicht einfach auch von den anderen Sachen, die hier so sind?“, fragte Doob erstaunt. Gardin schaute ihn verwundert an: „Na, weil die für uns giftig sind, ist doch klar, oder? Alle anderen Tiere können in diesem Garten fast alles fressen, aber wir Norbits können uns nur von dieser einen Pflanze ernähren.“ Doob verstand das zwar nicht, aber er hatte solchen großen Hunger, dass er sich hinunter bückte und eines der Blätter zu fressen begann.

 

„Sofort aufhören damit!“, hörte Doob plötzlich jemanden aufgeregt rufen. Zwei Soldaten kamen aus dem hinteren Teil des Gartens auf ihn zu gerannt. Erschrocken schaute Doob zu dem kleinen Norbit, doch dieser wusste auch nicht, warum die Wachen so laut gebrüllt hatten.

 

„Wisst ihr jungen Kerle denn nicht, dass es strengstens verboten ist, vom Norbitsfeld zu fressen?“ Da bemerkten die Wachen, dass der zweite der Taugenichtse ein Norbit war. „Oh, entschuldige kleiner Norbit, du darfst selbstverständlich weiter fressen, aber gib acht, dass noch genug für die anderen da bleibt!“, wandten die Wachen sich an Gardin. „Deinen Freund hier müssen wir aber mit zum König nehmen. Er wird entscheiden müssen, was mit ihm geschehen wird.“

 

So packten die Soldaten das Känguru, einer rechts, einer links, unter den Armen und führten ihn ab in Richtung Schloss.

 

Sprachlos blieb Gardin zurück. Er hatte nicht einmal die Möglichkeit gehabt zu sagen, dass er es war, der Doob angeboten hatte von der Pflanze zu kosten.

 

Kapitel 2

 

Doob wurde von den beiden Wachen in den Thronsaal des Schlosses gebracht. Damit unterwegs auch jeder sehen konnte, dass er eine Straftat begangen hatte, bekam er von einem der Wachen eine knallrote Mütze auf den Kopf.

 

Da stand das kleine Känguru nun und wusste überhaupt nicht, wie ihm geschehen war. Er sollte von einer Pflanze gefressen haben, die nur für die Norbits war und das war verboten. Das konnte er ja auch alles verstehen, auch Doob hätte nicht gewollt, dass irgendjemand von seinem Futter nahm, wenn es knapp wäre. Aber es war ja nicht so, dass er sich den Bauch vollgeschlagen hätte. Bei aller Liebe nicht! Er hatte gerade einmal an einem kleinen Blatt geknabbert, als die Wachen ihn auch schon gefasst hatten. Jetzt fand er sich hier von den Wachen flankiert und wartete darauf, dass der König seinen Thron bestieg.

 

Doob schaute sich ängstlich um. Der Thronsaal war wunderschön. An den Wänden hingen feine Teppiche, auf dem Boden war ein Muster aus Mosaik gearbeitet und die Möbel waren aus den besten Hölzern gemacht. Die Fenster waren mit bunten Gardinen und Vorhängen geschmückt und so drapiert, dass kein Lichtstrahl, der hinein wollte, verloren ging. Links von Doob war ein Tisch mit einer reich gefüllten Obstschale obenauf, einige Stühle standen bereit um Platz zu bieten, wer auch immer dazu eingeladen war. Hinter ihm war die Tür des Thronsaales, wuchtig, aber nicht so groß, dass sie den Raum völlig für sich einnahm, was man von dem Thron selbst, der direkt vor Doob zu sehen war, nicht sagen konnte.

 

Bis jetzt hatte Doob immer geglaubt ein Thron wäre so etwas, wie ein etwas größerer Stuhl, der noch ein wenig verziert war, doch bei diesem Exemplar musste er sich eines besseren belehren lassen. Dieser Thron bestand aus Holz, doch waren in die Holzbeine, die Armlehnen, ja selbst in die Rückenlehne, die verschiedensten Tiergestalten geschnitzt. Doob versuchte die Tiere zu erkennen, die er dort zu sehen bekam, aber es waren so viele auf engstem Raum, dass es ihm mehr als schwer fiel, auch nur einen kleinen Teil davon richtig zu bestimmen. Ein Tier aber viel ihm besonders auf, es war auf dem höchsten Punkt des Thrones, oben auf der Rückenlehne und als einziges Tier war es dort ganz alleine zu sehen: Es war ein Norbit. Dem kleinen Känguru wurde langsam klar, dass diese Tiere mehr als etwas ganz besonderes sein mussten. Aber wenn dem so war, warum nur hatte ihn seine Mutter dann nicht gewarnt, oder ihm überhaupt etwas von ihnen erzählt?

 

Sein Blick fiel auf die Wand auf der rechten Seite. Dort waren lange Tische und Bänke hintereinander in einer Dreierreihe aufgestellt. Wofür das wohl dienen mochte? Doob wusste es nicht. Er wollte gerade zurück auf den Thron schauen, da ging eine Tür auf, die sich neben diesen langen Tischen und Bänken befand und der König trat herein. Er war ein stattlicher Mann mit schwarzen Haaren und dunklen Augen. Bekleidet war er mit braunen Schuhen, einer braunen Hose, die von einem schwarzen Ledergürtel gehalten wurde, einem olivgrünen Hemd und auf dem Kopf hatte er eine silberne Krone, die mit allerlei Tieren verziert war. Wie auch bei dem Thron, konnte man kaum einzelne Tiere erkennen, außer man warf seinen Blick auf die Stirnseite, dort prangte ein Norbit.

 

Der König schritt an Doob und den Wachen vorbei und setzte sich auf seinen Thron. Dann schaute er das kleine Känguru vorwurfsvoll an und sprach mit hörbarem Mitleid in der Stimme: „Wie ist denn dein Name, kleiner Kerl?“ Doob hatte solche Angst, dass er nur stotternd antworten konnte: „M-m-mein N-N-Name ist D-D-Doob, Eure Majestät.“

 

„So, also Doob. Mir ist zu Ohren gekommen, was du getan hast. Kannst du mir auch erklären, warum du einen Norbit verfolgst und ihm auch noch das bisschen Futter wegfrisst, das sowieso schon so spärlich ist? Du hast doch wahrlich mehr als genug Pflanzen, die du fressen kannst, warum also musste es ausgerechnet diese Pflanze sein?“

 

„Aber, Gardin hat mich doch eingeladen davon zu kosten und..!“, versuchte Doob sich zu verteidigen, aber der König wollte seine Worte wohl einfach nicht hören. Traurig unterbrach der König das kleine Känguru.

 

„Ich will keine weiteren Ausreden hören. Ein Norbit weiß um die Seltenheit seiner Nahrung und dass es keinem anderen Tier erlaubt ist davon zu fressen. Warum also sollte ein Norbit eine solche Dummheit begehen? Ich kann dir das nicht glauben und bin gezwungen, dich deshalb mit der dafür vorgesehenen Strafe zu verurteilen. Es tut mir leid, aber ich muss dich verbannen. Die Norbits müssen beschützt und der Respekt gewahrt werden. Um allen anderen in meinem Reich eine Warnung aufzuzeigen, werde ich dich in die Menschenwelt verwünschen müssen. Selbstverständlich aber kannst du dich noch von deinen Eltern verabschieden. Einer meiner Soldaten ist auf dem Weg, sie zu holen.“

 

Kaum hatte der König seine Worte beendet, wurde auch schon die Thronsaaltür aufgestoßen und Vater und Mutter des kleinen Kängurus kamen herein gehüpft. Sie konnten es nicht glauben, was ihr Sohn getan haben sollte. Doobs Mutter war in Tränen aufgelöst. „Mein Sohn, was hast du da nur angestellt?“, weinte sie bitterlich.

 

Reuevoll schaute Doob zu seinem Vater. „Liebster Herr Papa, es tut mir leid, aber es ist nicht so, wie es den Anschein hat. Ich habe Gardin unterwegs getroffen und er hat mich eingeladen mit ihm zu kommen. Ich wollte nichts stehlen.“

 

„Das glaube ich dir, mein Kleiner. Halte durch, wir werden einen Ausweg finden!“, sagte Doobs Vater. Doobs weinte: „Aber ich wusste doch weder von Norbits, noch davon, dass sie kaum Nahrung haben.“ Doch alles Winseln und Weinen half nichts, der König war gezwungen sein Urteil zu vollstrecken und sprach:

 

„Du sollst dein Leben in der Menschenwelt bestreiten,

es kann dich keiner deiner Freunde begleiten.

So sei verwünscht und weiche nun,

dass kein andrer wird das Gleiche tun!“

 

Als der König zu Ende gesprochen hatte, kam eine Leuchtlibelle in den Thronsaal geflogen und packte Doob an den Schultern. In rasantem Tempo flogen sie davon.

 

Kapitel 3

 

Die Leuchtlibelle war so schnell, dass Doob ganz schwarz vor Augen wurde und er das Bewusstsein verlor.

 

Nach einer Weile erwachte Doob langsam aus seiner Ohnmacht. Er bemerkte, dass er nicht mehr geflogen wurde, sondern stattdessen irgendwo abgesetzt worden war. Vorsichtig öffnete er ein Auge, dann das andere. Er schaute sich langsam um und musste dabei aufpassen nicht abzustürzen, denn die Leuchtlibelle hatte ihn auf einem Baum abgesetzt. Doob schauderte, als er nach unten blickte. Der Boden war unendlich weit entfernt. Wie nur sollte er hier herunter kommen, ohne sich dabei den Hals zu brechen? Was auch immer er tat, er musste behutsam sein und versuchen den Weg nach unten zu klettern.

 

Als er seine Hand nach einem winzigen Zweig ausstrecken wollte, bekam er einen erneuten Schrecken, denn wo sein Arm sein sollte, ragte ein schwarzer Flügel in sein Blickfeld. „Ach Herr je, was ist denn das?“, entrang es sich seiner Kehle. Doob schaute an sich selbst herab. Sein Körper war schmaler, seine Füße verschwunden und durch ein Paar Krallen ersetzt. Anstelle seiner Arme hatte er zwei Flügel, doch nicht wie bei einem Vogel mit Federn besetzt, sondern nur ganz dünn mit Haut überspannt. Er versuchte nach seinen Ohren zu tasten, doch da waren keine Känguruohren mehr, dafür kleine, leicht behaarte Lauscher.

 

„Wenn ich jetzt Flügel habe, kann ich doch ganz einfach von diesem Baum herunter fliegen“, sagte Doob zu sich selbst. Er breitete seine Schwingen so weit er konnte aus, versuchte Anlauf zu nehmen und sprang von dem Ast herunter.

 

Leider hatte er vergessen, dass er gar nicht fliegen konnte. Wie auch, ein fliegendes Känguru hatte man bis heute noch nicht gesehen und so kam es, dass Doob sich in der Luft nicht halten konnte, das Gleichgewicht verlor und ins Trudeln geriet. Verzweifelt flatterte er wild mit den Flügeln, doch er konnte in seiner Panik erst recht keinen guten Flugrhythmus finden. Durch sein ungelenkes Geflatter wurde er von links nach rechts geworfen. Er glich eher einem Stein als einem fliegenden Tier.

 

Doob hatte Angst. Der Boden raste auf ihn zu und er glaubte kaum noch an Rettung, als ihn eine Windböe erwischte und mit sich riss. Er hatte Glück im Unglück, denn der Baum, auf dem ihn die Leuchtlibelle abgesetzt hatte, stand nahezu direkt vor einem Haus. Vor den Fenstern waren Fliegengitter angebracht, die Doob jetzt zu Hilfe kamen. Die Windböe schleuderte ihn regelrecht dagegen, sodass er sich an dem Fliegengitter festkrallen konnte und sein Absturz gestoppt wurde.

 

Sein Herz pochte wie verrückt. Noch immer hatte Doob furchtbare Angst. Jetzt allerdings nicht mehr vor dem Aufprall, sondern weil er sich mit einer Kralle in dem Fliegengitter verfangen hatte und sich nicht mehr davon befreien konnte. Er zog und zerrte, aber mit jedem neuen Versuch tat es nur mehr weh. Hilflos hörte er auf, sich befreien zu wollen und hoffte darauf, dass von irgendwoher Hilfe kommen mochte. Als er plötzlich laute Stimmen hörte, fiel seine Aufmerksamkeit in das Innere des Zimmers.

 

Kapitel 4

 

„Gib mir sofort meine Puppe wieder!“, schrie ein kleines Mädchen von vielleicht sieben Jahren einen Jungen an. Doch der Junge dachte gar nicht daran. Er hüpfte durch das Wohnzimmer, in das die zwei Kinder gerade herein gerannt waren und hielt die Puppe in die Luft, sodass das kleine Mädchen keine Chance hatte ihr geliebtes Spielzeug zu erreichen. Da ging es an einer Wand mit teuer aussehenden Bildern vorbei, direkt entlang an einer Schrankwand, die so groß war, dass sie kein Ende zu nehmen schien, über Sessel und Tischchen hinweg, an der Fensterseite entlang und wieder an der Tür vorbei. Der Junge hatte seine helle Freude daran seine kleine Schwester zu ärgern, denn das Mädchen versuchte ihm zu folgen, aber natürlich brauchte er nicht zu fürchten sie würde ihn einholen, dafür war er viel zu schnell.

 

„Hole sie dir doch, wenn du kannst!“, spottete der Junge. „Na warte, das wird dir noch leid tun!“, keifte das Mädchen. Sie wollte gerade an den Fenstern vorbei flitzen, als etwas dagegen schlug.

 

Erschrocken schaute sie aus dem Fenster und gewahrte eine kleine Fledermaus, die sich in dem Fliegengitter vor dem Fenster verfangen zu haben schien. Sofort ließ sie den Jungen unbeachtet, öffnete das Fenster und auch das Fliegengitter. Ganz langsam griff sie nach der Fledermaus, löste die Kralle des kleinen Tieres und nahm es dann behutsam in beide Hände.

 

Der Junge hatte die umstrittene Puppe achtlos auf einen Sessel geworfen und kam herüber. „Was hast du denn da?“, fragte er neugierig. „Eine kleine Fledermaus, sie hatte sich verfangen und ich habe sie gerettet!“, sagte die Kleine mit großem Stolz.

 

„Igitt, wer weiß, wo die schon überall gewesen ist. Wirf sie aus dem Fenster, die ist bestimmt ganz dreckig“, sagte der Junge. „Aber George, sie ist bestimmt verletzt und ich möchte Papa fragen, ob er nach ihr sehen kann. Außerdem glaube ich, dass sie nicht richtig fliegen kann. Wenn ich sie aus dem Fenster werfe, wie soll sie denn dann nach Hause kommen?“, fragte das Mädchen.

 

„Mir doch egal was aus dem Vieh wird!“, entgegnete der Junge und verschwand aus dem Zimmer. „Warum muss George immer so grob sein?“, flüsterte das Mädchen traurig und öffnete ihre Hände. „Wenn er doch nur ... was ist das denn?“ rief sie erschrocken aus.

 

Auf ihrer Hand war keine Fledermaus mehr, sondern ein kleines Zeichentrick-Känguru, das aufgeregt hin und her zu hüpfen begann. Auf dem Kopf trug es eine rote Pudelmütze, die gar nicht zu ihm passte.

 

„Ja, wer bist du denn und wo kommst du auf einmal her?“, fragte sie das aufgeregte Känguru erstaunt. „Mein Name ist Doob“, antwortete das Känguru. „Ich bin von unserem König in die Menschenwelt verwünscht worden, ich hätte die Pflanze einfach nicht fressen dürfen, ich kann nicht fliegen und bin deshalb abgestürzt, jetzt weiß ich nicht, wie ich wieder nach Hause kommen soll, ob ich das jemals überhaupt wieder kann, ich weiß es nicht und...“

 

„Halt, halt, nicht so schnell, ich verstehe ja kein Wort“, sagte das Mädchen. „Also, bitte noch einmal von vorne, ja? Nun, dein Name ist Doob?“

 

„Ja, so heiße ich“, gab Doob zurück. „Gut, mein Name ist Lilly“, stellte sich das Mädchen vor. „Und was sagst du da von einer Pflanze, die du gefressen hast und ein König, der dich verwünscht hat? Was soll das denn heißen?“

 

Doob erzählte Lilly was geschehen war, wie er von Gardin in den Garten des Königs eingeladen wurde. Wie er von den Wachen verhaftet wurde und wie er sich von seinen Eltern verabschieden musste und kurz darauf auch schon im Fliegengitter an ihrem Fenster gelandet war.

 

„Das ist aber gemein von eurem König, du hast doch wirklich nichts getan. Und er hat dir nicht geglaubt?“, empörte sich Lilly. „Aber mach dir keine Sorgen. Weißt du, mein Bruder George kann uns sicher helfen dich wieder nach Hause zu bringen. Er ist schon zehn Jahre alt und weiß echt eine Menge“, munterte Lilly das Känguru auf.

 

„Oh nein, ich darf ja nicht zurück. Der König hat gesagt, dass mein Schicksal allen anderen zeigen soll, was passiert, wenn man etwas macht, das verboten ist. Außerdem habe ich Angst vor deinem Bruder. Es war nicht gerade nett, was er vorhin gesagt hat. Wenn es nach ihm ginge, wäre ich jetzt verloren und alleine da draußen in dieser fremden Welt.“

 

„Also gut, dann müssen wir dich wohl erst einmal in meinem Zimmer verstecken, bis uns etwas eingefallen ist, was wir machen können“, gab Lilly zurück. Sie schloss ihre Hände wieder über dem Känguru zusammen, aber so vorsichtig, dass sie ihm ja nicht weh tat und schlich auf ihr Zimmer hinauf. Oben angekommen schlüpfte sie durch einen Spalt in der Tür und schloss sie schnell hinter sich, aber nicht ohne noch einen Blick nach ihrem Bruder in den Gang zu werfen. Weit und breit war er nicht zu sehen, so konnte sie sicher sein nicht von ihm entdeckt zu werden, während sie für Doob in ihrem Zimmer ein Versteck suchte.

 

Lilly ging zu ihrem Bett hinüber und setzte das Känguru vorsichtig auf ihrem Kopfkissen ab. Aufmerksam schaute sie in ihrem Zimmer herum. Wo nur konnte sie Doob so verstecken, dass ihn niemand fand? In den Blumentöpfen am Fenster? Nein, da würde ihn Mama finden, wenn sie die Blumen goss. Unter dem Bett? Auch nicht. Sicherlich würde ihre Mutter ihn auch dort finden, wenn sie staubsaugte und Lilly wollte nicht, dass Doob sich plötzlich im Staubsauger wieder fand. Auch ihr Schreibtisch, den sie gerade in Augenschein nahm, kam nicht in Frage. Mama würde ihn auch dort finden. Sie brauchte nur eine Schublade zu öffnen und schon wäre das Versteck dahin.

 

„Natürlich, ich habe die Lösung!“, rief sie erfreut, bat Doob, auf ihre Hand zurück zu hüpfen und eilte an ihrem Schreibtisch vorbei zu einem breiten Käfig, der daneben stand. Doob schaute sie verständnislos an. Was sollte er denn in einem Käfig, da würde man ihn doch auf jeden Fall sofort sehen. Er teilte Lilly seine Bedenken mit, aber sie sagte: „Schau mal, das ist mein Meerschweinchen. Er heißt Humphrey und ist ein ganz liebes Kerlchen. Bestimmt teilt er seine Schlafhütte mit dir. Ich muss Humphrey ganz alleine sauber machen und so wird niemand in das Häuschen hinein schauen, außer mir natürlich. Das ist das perfekte Versteck!“

 

Ohne noch weiter zu zögern, klappte Lilly den Deckel des Käfigs nach oben, gab Humphrey, der direkt vor der Hütte saß, einen kleinen Schubs, damit er aus dem Weg ging und setzte Doob ab. Die Idee war wirklich nicht schlecht fand Doob, als er in die Hütte hinein ging. Er passte genau durch die Öffnung und hatte auch im Inneren genug Platz für sich. Allerdings würde es wohl eher eng werden, wenn auch das Meerschweinchen hier herein wollte. Doch darüber machte er sich noch keine Gedanken. Jetzt, nachdem er vorerst in Sicherheit war, bemerkte er, welchen Hunger er immer noch hatte. Er kam aus dem Häuschen heraus und lehnte sich erschöpft gegen eine Wand.

 

„Was machen wir denn jetzt?“, fragte er Lilly. „Ich meine, woher soll ich denn etwas zu fressen bekommen, wenn ich hier drinnen bin?“

 

„Das ist absolut kein Problem“, sagte Lilly. „Humphrey mag am liebsten frisches Obst und Gemüse. Davon bekommt er jeden Tag etwas. Es fällt nicht auf, wenn ich etwas mehr aus der Küche hole. Und wenn du Durst hast, kannst du von seiner Flasche trinken. Man muss nur mit der Zunge über den kleinen Ball an der Spitze der Flasche lecken, dann kommt da Wasser heraus. Toll, nicht?“

 

„Na, ob Humphrey davon so begeistert ist, wenn ich ihm einfach so seine Sachen streitig mache?“, fragte Doob.

 

„Das geht schon in Ordnung“, kam eine Stimme aus der Richtung des Meerschweinchens. „Wer hat das gesagt!“, fuhr es aus Doob heraus. „Wer hat was gesagt?“, fragte Lilly.

 

„Hast du das eben nicht gehört? Irgendwer hat gesagt, dass es schon in Ordnung wäre, wenn ich hier einfach die Sachen von Humphrey mit benutze“, sagte Doobs. „Nein, ich habe nichts gehört.“ Gab Lilly stirnrunzelnd zur Antwort:

 

„Na, wie wäre es, wenn ich das gesagt habe?“, fragte die Stimme. Doob schaute sich um, konnte aber außer Humphrey niemanden sehen. Ungläubig schaute er das Meerschweinchen an. „Das warst eben nicht zufällig du, oder?“, fragte Doob, ohne mit einer Antwort zu rechnen. So zuckte er sichtlich zusammen, als Humphrey sagte: „Natürlich war ich das, oder siehst du hier noch jemanden, von Lilly abgesehen? Es ist schön, dass ich hier nicht mehr alleine sein muss, du bist mir wirklich willkommen, also trink und iss ruhig von meinen Sachen, ich teile sie gerne mit dir.“

 

„Danke!“, entgegnete Doob. „Aber ich habe doch noch gar nichts gemacht“, meinte Lilly. „Oh, entschuldige. Ich hatte Humphrey gemeint“, erklärte Doob.

 

„Du kannst ihn verstehen? Ich meine, du kannst dich richtig mit ihm unterhalten? Nicht, dass ich das nicht auch immer mache, aber natürlich hat er mir noch nie eine Antwort gegeben, wie sollte er auch?“, wunderte sich das Mädchen.

 

„Ja, ich kann ihn verstehen und auch dich versteht er. Es tut ihm leid, dass du seine Worte nicht hören kannst, aber er freut sich, dass er nicht mehr alleine hier im Käfig ist. Wir werden sicher gute Freunde und ich kann dir ja erzählen, was er sagt, einverstanden?“

 

Selbstverständlich war das für Lilly in Ordnung. Sie freute sich sehr darüber, nun zwei kleine Freunde zu haben. Da auch Humphrey ein Hungergefühl mitgeteilt hatte, bat Lilly darum, dass Doob sich wieder in der Hütte verstecken sollte. Das tat er auch sogleich. Aus ihrer Puppenstube hatte Lilly eine kleine Bettdecke für Doob geholt und in das Häuschen gelegt. Die rote Mütze, die Doob mittlerweile für überflüssig hielt, gab er Lilly im Tausch für ihre Puppen.

 

Lilly stand vom Boden auf, ordnete ihr Kleid ein wenig und beeilte sich in die Küche zu kommen, um die Wasserflasche des Meerschweinchenkäfigs zu füllen und um frische Gurkenstücke, Salatblätter und einige Weintrauben zu holen. Flink ging sie in den Garten und zupfte noch ein Paar Löwenzahnblätter aus. So bepackt war sie auf dem Weg zurück in ihr Zimmer, als auf einmal George vor ihr stand. Er versperrte den Treppenaufgang und grinste hämisch.

 

Kapitel 5

 

„Na, heute so früh mit dem Füttern der Fellratte?“, höhnte er. „Lass mich doch einfach in Ruhe, ja?“, bat Lilly, schob sich an ihrem Bruder vorbei und eilte die Stufen hinauf.