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DIE WELTEN VON

STAR TREK

DEEP SPACE NINE®

TRILL

UNVEREINIGT

MICHAEL A. MARTIN
ANDY MANGELS

Based on
Star Trek: Deep Space Nine
created by Gene Roddenberry

Ins Deutsche übertragen von
Christian Humberg

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Die deutsche Ausgabe von DIE WELTEN VON STAR TREK – DEEP SPACE NINE: TRILL – UNVEREINIGT wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Diese Geschichte ist Teil der Originalausgabe:

German translation copyright © 2012 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © 2005 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

™ & © 2012 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks are trademarks of CBS Studios Inc.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

Print ISBN 978-3-86425-031-6 (September 2012) · E-Book ISBN 978-3-86425-054-5 (September 2012)

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Für Sallee Huber und Bonnie Ramsay, deren Freundschaft und geteilte Erfahrungen unsere eigene Freundschaft viele Jahre lang symbiotisch gemacht hat.

– A. M.

Für Dr. Thomas Harburg, Dr. Kathy Crispell und Dr. Daniel Oseran. Ohne ihren genauen Blick und ihr gutes Urteilsvermögen (von den Skalpellen ganz zu schweigen) hätte Andy diese Mission im Alleingang stemmen müssen, als unvereinigte literarische Lebensform.

– M. A. M.

Historische Anmerkung

Diese Geschichte spielt Anfang Oktober 2376, etwa eine Woche nach dem Ende des Romans »Einheit« der Serie STAR TREK – DEEP SPACE NINE.

Wir sind nicht Gegner, sondern Freunde. Wir dürfen keine Gegner sein. Wenngleich die Leidenschaft sie geschwächt haben mag, darf die Bande unserer Zuneigung nicht von ihr zerschnitten werden. Die mystischen Klänge der Erinnerung, die sich von jedem Schlachtfeld und Patriotengrab, jedem lebenden Herzen und wärmenden Kamin erheben, werden in den Chor der Union einstimmen, sobald dieser, und das wird er, vom Besseren in unserer Natur berührt wird.

– Abraham Lincoln, erste Antrittsrede, 4. März 1861

Wenn man wissen möchte, wer man ist, ist es wichtig, zu wissen, wer man war.

– Jadzia Dax (»Das Equilibrium«)

Kapitel 1

Sternzeit 53777,5

Dante hätte keine detailreichere Hölle ersinnen können als diese. Julian Bashir war Arzt und als solcher Leiden und Traumata gewöhnt. Während des Dominion-Krieges hatte er beides im Extrem erlebt, doch waren jene chaotischen, blutigen Ereignisse nicht ganz unerwartet gewesen.

Nun aber, im Wahnsinn des Trill Manev Central Hospital, lagen die Dinge eindeutig anders. Die Notfallambulanz platzte aus allen Nähten. Eine Kakophonie aus Schreien und qualvollem Weinen hallte von den Wänden wider. Bashir und die anderen Ärzte und Pfleger stemmten sich gegen eine Todesflut, deren Ursprung ebenso überraschend wie unsichtbar war.

Obwohl sich sein Medizinerbewusstsein keinerlei Angst eingestehen wollte, wusste Bashir genau, was für ihn das Schlimmste war: Er hatte keine Ahnung, ob Ezri den bioelektrischen Angriff überlebt hatte. War sie überhaupt in Gefahr? Rings um ihn herum kollabierte die Trill-Gesellschaft. Berichten zufolge gab es schon Hunderte, vielleicht sogar Tausende weitere Opfer. Er konnte nur reagieren, musste seine privaten Sorgen verdrängen. Die Zukunft musste warten.

Zwei Sanitäter bugsierten gerade eine Schwebetrage den Gang hinab. Panisches Personal wich ihnen schnell aus dem Weg.

»Ich bin Arzt«, sagte Bashir, als die Sanitäter ihn erreichten. »Kann ich helfen?« Er hatte die Frage in den vergangenen Minuten bereits sechs Mal gestellt und war stets ignoriert oder beiseite geschoben worden. Vermutlich fehlten ihm die Flecken im Gesicht, um hier als erfahrener Mediziner anerkannt zu werden. Warum sollten sich die vorsichtigen Trill auch von einem Fremden helfen lassen?

Doch eine junge Sanitäterin schien seine Spezies nicht zu stören. »Hierher!«, rief sie ihm über die Schulter zu. »Helfen Sie uns, bitte!«

Bashir folgte ihr und dem Patienten in eine leere Behandlungsnische. Ein Helfer verankerte die Schwebetrage in einer Wandstation und verwandelte sie so in ein stabiles Biobett mit Monitor.

»Wer ist er?«, fragte Bashir. Er merkte, dass die Sanitäter ihren bewusstlosen Patienten mit einer Hochachtung behandelten, wie sie nur wenige der hier Eingelieferten bekamen.

»Doktor Rarn beamte eben erst von der Symbiosekommission her«, sagte die Frau und kontrollierte die Vitalwerte des Mannes. »Wir wissen nicht, ob er bei dem Angriff verletzt wurde oder ihn der Transporter in einen neuralen Schock versetzte.«

Verstehe, dachte Bashir. Manche Symbionten vertragen Transporterstrahlen nicht so gut wie Dax. Abermals kostete es ihn Mühe, seine Sorge um Ezri zu verdrängen.

Bashir berührte das Eingabefeld des an der Wand montierten Scanners und ließ seinen Blick über die dort aufgeführten Statistiken und Zahlen schweifen. »Seine Dreolin-Werte sind extrem. Das hat definitiv mit dem Transporter zu tun.« Er sah zum Sanitäter. »Dreihundert ml Drenoctazin.«

Der Helfer machte große Augen und gab einen Code über das Tastaturfeld ein. Prompt schoss eine Art Nebel in ein an der Wand angebrachtes Hypospray. »Ist das nicht zu viel? Die Physiologie der Trill ist …«

»Ist es nicht«, sagte Bashir fest. »Wenn er überleben soll, braucht er diese Menge. Vielleicht sogar mehr.«

»Man sagte ihm, er solle besser nicht beamen«, wusste die Sanitäterin. Nervös ging ihr Blick zwischen dem Scanner und Bashir hin und her. »Bei dem momentanen Komm-Verkehr ist das Transporternetz einfach nicht mehr verlässlich.«

»Die Subraumfrequenzen sind vermutlich voller Notfallmeldungen«, sagte Bashir nickend. »Die Regierung wird das öffentliche Transporternetz abschalten müssen, sonst geschieht das hier noch viel öfter. Können Sie das in die Wege leiten?«

»Ich kann’s versuchen.« Dann zögerte sie. Sie wollte Rarn offenkundig nicht verlassen.

»Los!«, drängte Bashir. »Wir tun hier, was wir können. Je länger das öffentliche Transporternetz aktiv ist, desto mehr Leben sind in Gefahr.«

Die Frau brach auf. Ihr männlicher Kollege verabreichte dem Patienten das Hypospray. Einen Moment lang zuckte der Bewusstlose zusammen, krümmte den Rücken und plumpste dann wieder aufs Biobett. Seine Atemzüge wurden normaler, und nur noch kleinere Zuckungen in den Fingern verrieten, dass er soeben einen Anfall überstanden hatte. Der Sanitäter lächelte verbissen und deutete auf den Scanner. »Es hat funktioniert. Er ist wieder da.«

Bashir empfand Erleichterung, wusste aber, dass ihnen noch viele ähnliche Schlachten bevorstanden. »Gut«, sagte er und übernahm instinktiv das Kommando. »Bleiben Sie eine Weile bei ihm und prüfen Sie, ob sein Zustand stabil bleibt. Danach hätte ich Sie gern wieder draußen. Helfen Sie den anderen.« Schon halb aus der Behandlungsnische, drehte er sich noch einmal um. »Ich gehe zurück in die Ambulanz.«

Bashir trat auf den Gang hinaus und musste prompt einer weiteren Schwebetrage ausweichen. Die schnelle Bewegung verursachte ihm Schmerzen. Seine Seite litt noch unter den Folgen der Prügel, die er vor Kurzem kassiert hatte. Vorsichtig blickte er um eine Ecke und sah eine schwarzgekleidete Polizistin, die einen bewusstlosen kleinen Jungen in den Armen hielt. Das gesamte hektisch arbeitende Personal schien sie zu ignorieren, obwohl ihre Stirn stark blutete. Auch das Gesicht des Jungen, sah Bashir, wies große Wunden auf.

»Hier lang!«, rief er, als er sich ihr genähert hatte, und deutete in die Richtung, aus der er gekommen war.

»Danke«, sagte die Polizistin mit rauer Stimme. Bashir nahm ihr den Jungen ab und wollte sich gerade umdrehen, da merkte er, dass die Frau wieder nach draußen eilen wollte. Sie wischte sich bereits das Blut aus den Augen.

»Ich meinte Sie beide«, sagte er. »In Ihrem Zustand haben Sie da draußen nichts verloren.«

Die Polizistin wandte sich zu ihm. Sie schwankte, und Bashir fragte sich, ob sie auch innere Verletzungen hatte.

»Wissen Sie, was da draußen los ist?«, fragte sie. »Die Straße ist voll mit Leuten wie ihm. Überall liegen Tote oder Sterbende.«

»Und sobald Sie untersucht und behandelt wurden, können Sie Ihnen helfen«, sagte Bashir, bemüht um einen emphatischen Tonfall. »Bitte.«

Sie senkte die Schultern, akzeptierte seine Argumente. Mit unsicherem Schritt folgte sie ihm in die Nische, die er eben erst verlassen hatte. Der Sanitäter sah überrascht auf.

»Ist er stabil genug, bewegt zu werden?«, fragte Bashir.

»Ich schätze schon.«

»Dann schieben Sie ihn bitte an die Seite der Liege. Dieser Junge braucht sofortige Hilfe, und Platz scheint mir ein Luxusgut geworden zu sein.«

Der Sanitäter zögerte. »Aber er ist …«

Bashir sah etwas in seinen Zügen. Zweifel? Furcht? Dann aber tat er, wie ihm geheißen, und bugsierte den Trill-Doktor vorsichtig so weit an den Rand der Liege wie irgend möglich. Dennoch blieb kaum genug Raum für den bewusstlosen Jungen.

Bashir legte das Kind ab und wandte sich dem Helfer zu, der bereits den Scanner für den neuen Patienten vorbereitete. »Mr. Jenk«, las Bashir von seinem Namensschild ab, »mir scheint, Sie sind bis auf Weiteres mein Assistent. Sollten Sie irgendwelche medizinischen Trill-Geheimnisse bewahren wollen, vergessen Sie’s. Wir befinden uns in einer Krise, und angesichts der Patientenflut werden Sie darauf vertrauen müssen, dass ich weiß, was ich tue.«

Jenk betrachtete ihn einen Moment lang skeptisch, nickte dann aber knapp. »Verstanden, Doktor.«

»Wie ist das passiert?«, fragte Bashir die Polizistin. Er sah nur kurz zu ihr, denn seine Aufmerksamkeit gebührte dem vielfarbigen Monitor.

»Als die Bombe hochging, wurden viele verletzt«, sagte sie und presste sich einen blutdurchtränkten Ärmel ihres Oberteils an die Stirn. »Sogar noch in einiger Entfernung zum vermutlichen Epizentrum. Viele Skimmer und Schwebewagen wurden zerstört – sei es aufgrund der elektromagnetischen Druckwellen oder weil ihre Fahrer das Bewusstsein verloren. Dieser Junge ist der einzige Überlebende eines Auffahrunfalls dreier Schwebewagen. Seine Mutter und Schwester starben.«

Schnell beendete Bashir seine Untersuchungen des Kindes und der Polizistin. Diese zeigte keinerlei weitere Anzeichen innerer Verletzungen. Der Junge hatte jedoch weniger Glück gehabt.

»Dieses Kind hat Frakturen am ganzen Körper. Zudem scheint eine seiner Rippen die Wirbelsäule verletzt zu haben.« Bashir trat näher an den Monitor des Biobetts und ließ die Darstellung des Röntgenbildes rotieren, bis er es von unten sah.

Jenk zog zischend Luft ein. »Können Sie sie sicher extrahieren?«

»Selbst wenn, bleibt er möglicherweise zeitlebens gelähmt«, antwortete Bashir.

Die Polizistin schwankte wieder. Sämtliche Farbe wich aus ihrem Gesicht. »Ich … Ich habe es doch nicht schlimmer gemacht, oder?«

Bashir deutete auf den Sessel, von dem sie soeben aufgestanden war. »Hinsetzen! Sie machen’s für sich schlimmer.« Dann wandte er sich wieder an seinen Gehilfen. »Bereiten Sie sterile Instrumente vor. Wir versuchen, ihn zu retten.«

»Wollen Sie …« Jenk ließ die Frage unausgesprochen, denn Bashir warf ihm einen Blick zu, der ihn an seine frühere Anweisung erinnern sollte. Sofort gab der Mann einige Befehle in die Tastatur ein, und Tabletts fuhren aus der Wand.

»Ich brauche mehr Helfer«, sagte Jenk leise.

»Wir haben keine«, erwiderte Bashir knapp. »Es gibt nur uns beide, Jenk. Und wir haben die Polizistin. Sehen Sie irgendwo einen Hautregenerator?«

Jenk reichte ihm das verlangte Gerät, nahm sich einen in Schutzhülle eingeschweißten OP-Kittel von einem Tablett und streifte ihn sich über.

Bashir trat zur Polizistin und hockte sich neben sie. »Der Schmerz wird nicht annähernd so schlimm sein, wie er ohnehin schon ist«, sagte er mit grimmigem Lächeln. Dann aktivierte er den Regenerator, fuhr damit über die verletzte Stirn der Frau und sah, wie die Haut schnell wieder zusammenwuchs. Leider fehlte ihm die Zeit, gründlicher vorzugehen. Sie kann sich die Narbe immer noch entfernen lassen. Momentan brauche ich ihre Hilfe.

»Wie heißen Sie?«, fragte er.

»Rame Sagado«, antwortete sie und zuckte leicht zusammen, als sie mit der Hand über ihre frisch verheilte Stirn strich.

Bashir legte den Hautregenerator auf einem Tablett ab und deutete auf ein nahes Waschbecken. »Nun, Officer Sagado, ich muss Sie bitten, sich die Hände zu waschen und in Handschuhe und sterilen Kittel zu schlüpfen. Sie werden uns assistieren.«

»Aber ich muss wieder auf meinen Posten«, protestierte sie.

Bashir schob sie zum Becken. »Auf die Gefahr hin, pessimistisch zu klingen: In Ihrem Zustand können Sie es weder mit Aufständischen aufnehmen, noch weitere Verwundete aus der Menge schleifen. Konzentrieren wir uns darauf, ein Leben nach dem anderen zu retten, einverstanden?«

Abermals sah er zum Monitor. Dann hievte er Dr. Rarn endgültig vom Biobett. »Sein Zustand ist absolut stabil«, sagte er, bevor Jenk reagieren konnte. »In einer Stunde ist er vielleicht schon wieder bei Bewusstsein. Er braucht dieses Bett weit weniger dringend als der Junge. Und wir brauchen Platz zum Arbeiten.« Sanft legte er den bewusstlosen Doktor auf Sagados frei gewordenen Sessel. Danach zog auch er sich um und bereitete sich auf die OP vor.

Minuten später begann das Trio mit der Arbeit an dem jungen Trill. Bashir schnitt unterhalb des Bauches ein, wo der Symbiont saß. Sagado hielt die Schnittstelle mit Rekratoren offen, und Jenk verabreichte nach Bedarf die Anästhetika, reichte Operationsbesteck an Bashir und behielt die Monitorangaben im Auge.

Es wäre einfacher, direkt durch den Bauch zu gehen, dachte Bashir und mühte sich, die aus der Notaufnahme dringenden Schreie zu ignorieren. Aber bei diesem Chaos kann ich nicht auf eine sterile Umgebung bauen. Das Infektionsrisiko wäre zu groß. Vor lauter Konzentration schaffte er es beinahe, die Kakophonie des restlichen Krankenhauses und die gelegentlich von draußen hereindringenden Phaser- und Explosionsgeräusche auszublenden.

Doch selbst während er den gebrochenen Rippenknochen aus der Wirbelsäule des Kindes entfernte, wirbelten die Fragen in seinem Geist umher. »Officer Sagado, haben Sie eine Ahnung, was da draußen eigentlich los ist? Ich hörte Gerüchte über eine Strahlungsbombe, aber ich habe wenig Verletzungen gesehen, die auf eine solche Waffe hindeuten.«

»Die Komm-Kanäle sind noch ziemlich chaotisch«, antwortete die Polizistin. »Wir denken, die Explosionen verströmten eine Art neurogene Strahlung und einen elektromagnetischen Impuls. Leran Manev ist nicht die einzige Stadt, die in Mitleidenschaft gezogen wurde. Es gibt Berichte aus Gheryzan, Neu Scirapo und Bana, soweit ich weiß, und man befürchtet, dass auch einige der Symbiontenbrutstätten angegriffen wurden.«

Bashir war, als gefriere ihm das Blut in den Adern. Ezri befand sich in den Höhlen von Mak’ala. Falls dort eine Bombe hochgegangen war, könnte sie tot sein. Und zwischen uns ist so vieles unausgesprochen.

»Wissen Sie etwas über Mak’ala?«, fragte er, die Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

»Nein«, antwortete Sagado schlicht.

»Weiß man, welche der radikalen Gruppen hierfür verantwortlich ist?«

Sagado schien erleichtert, über etwas anderes als die Operation sprechen zu dürfen, bei der sie assistierte. »Nach den gewählten Zielen zu urteilen, würde ich auf eine der Vereinigungsgegner tippen. Vielleicht die Neo-Puristen.«

Bashir wusste nur wenig von der ohnehin chaotischen politischen Lage auf Trill, fand diese Vermutung aber nachvollziehbar.

»Weiter auf«, bat er Sagado und gestattete sich einen kurzen Blick zum Monitor. Er musste sich Millimeter für Millimeter vorarbeiten. Das geringste Zittern seiner Hand könnte schwerwiegende Nervenschäden verursachen.

Bashir hörte Schritte am Eingang zur Nische, ließ sich aber nicht von seiner Arbeit ablenken.

»Wir brauchen diese Nische«, sagte eine raue Männerstimme.

»Ist in Benutzung«, erwiderte Bashir streng und fest. »Ich versuche, diesem Kind das Leben zu retten.«

Die Stimme kam näher, wurde drängender. »Den Scans nach ist es über jede Rettung hinaus. Wir haben hier einen sehr wichtigen Doktor von der Symbiosekommission, der sofort operiert werden muss.«

Bashir fuhr mit seiner Präzisionsarbeit fort und schaute nur kurz auf die Anzeigen. Im Monitor sah er zwei Mediziner gespiegelt, einen Sicherheitsmann und einen Körper auf einer Schwebetrage. Der Wärter schien gesprochen zu haben.

»Dieses Kind wird überleben, Sir«, sagte Bashir im besten Kommandoton, den er zustandebrachte, »weil wir weitermachen, bis wir es gerettet haben. Sollten Sie Ihren Mann retten wollen, schlage ich vor, Sie sehen sich schnellstens nach einer anderen Behandlungsnische um.« Er stand noch immer über seinen kleinen Patienten gebeugt und bemühte sich, seine Atmung flach und gleichmäßig zu halten.

Er wusste nicht, wie der Sicherheitsoffizier reagieren würde. Er wusste nur eines: Sollte er versuchen, ihn gewaltsam zu entfernen, würde das Kind mit ziemlicher Sicherheit sterben.

Kapitel 2

Sternzeit 53757,6

(etwa eine Woche zuvor …)

Wann immer Leonard James Akaar den weitläufigen Saal betrat, fühlte er Unbehagen. Mit den riesigen Metalltüren an den Seiten und im Heck sowie den angestrahlten Rängen hatte die große Versammlungshalle des Föderationsrats etwas von einer Gladiatorenarena. An Orten wie diesem hatten sich einst capellanische Stammesmänner bis aufs Blut bekämpft – auch wenn ihre Arenen noch größer gewesen waren und keine polierten Fußböden aus schwarzem Opal gehabt hatten. Akaar schätzte, dass sich in einigen Hinterwäldlerprovinzen auf Capella IV noch immer Landsleute in derartigen Todesriten übten.

Die große Halle des Föderationsrates war aber für Größeres gebaut. Die Akustik des Raumes erlaubte es nicht nur, dass ein Redner noch in der hintersten Ecke Gehör fand, sie verlieh jedem, der als Vertreter seiner Heimatwelt vor diese Gemeinschaft trat, auch ein gewisses stimmliches Gewicht. Akaar entstammte einer Linie von Monarchen, war ein einflussreicher Fleet Admiral der Sternenflotte und doch bevorzugte er bescheidenere Umgebungen als diese. Schlichte Zelte entsprachen weit eher dem Geschmack eines capellanischen Tiru, selbst eines Exilanten wie ihm.

Ungeachtet seiner edlen Herkunft hatten er und seine Mutter, Capella IVs Regentin Eleen, während Akaars Kindheit aus ihrer Heimat fliehen müssen. Ein politischer Coup entledigte sie ihrer Titel und Ländereien. Seitdem hatte Akaar wenig für Räte, Würdenträger und für politische Funktionäre übrig. Sie hatten ihren Platz – und er befand sich gerade in einem davon –, aber er fühlte sich ihnen nicht zugehörig. Allerdings war er klug genug, dies nur denen zu offenbaren, die ihm am nächsten standen.

Akaar sah zu, wie die Ratsmitglieder hereinkamen und ihre Plätze einnahmen. Die heutige Sitzung war nicht als vollwertiges Quorum angekündigt, entsprechend fanden sich nur die Vertreter des Sicherheitsrates der Föderation zusammen.

Und von ihnen allen konnte Akaar den tellaritischen Rat Bera chim Gleer am wenigsten leiden. Wie die meisten Tellariten, denen Akaar im Laufe der Jahre begegnet war, neigte Gleer zu emotionalen Extremen. Der leidenschaftliche Krieger in Akaar fühlte sich diesem Aspekt zwar irgendwie verbunden, insgesamt hielt er Gleer aber für schwer zu ertragen. Auf der anderen Seite des Spektrums war Rätin T’Latrek, eine Vulkanierin, die die äußeren Angelegenheiten ihrer Welt verantwortete. Während ihrer bisherigen achtzig Jahre im Rat hatte sie viele Mitglieder kommen und gehen, viele Kriege und andere Krisen entstehen und enden sehen. Doch sie war ihrer heimischen Kultur stets treu geblieben und äußerte sich immer sachlich, rational und in dem gelegentlich schon didaktisch anmutenden Tonfall ihres Volkes.

Irgendwo zwischen Gleers Feuer und T’Latreks Eis lag Ratsmitglied Matthew Mazibuko, der Erd-Vertreter, der sich gerade, gewandet in eine Robe im Stil seiner afrikanischen Heimat, einen Sitzplatz suchte. Mazibukos diplomatische Karriere war davon geprägt, dass er Temperamentsextremen aus dem Weg ging. Dieser Zug, wusste Akaar, wurde mitunter als Mangel an Entscheidungskraft und Überzeugung fehlinterpretiert – und diese Falscheinschätzung hatte schon so manchen von Mazibukos politischen Gegnern in diesem Raum gelehrt, was Bedauern bedeutete. Die subtile Vorgehensweise der Menschen wurde im Rat oft unterschätzt. Vermutlich machte das die Erde zu einem noch besseren Föderationsmitglied.

Akaars Blick wanderte kurz zu Charivretha zh’Thane, doch das andorianische Ratsmitglied hielt den Blickkontakt nur kurz. Ihre Antennen zuckten peinlich berührt. Akaar wusste, dass sie auf ihre Heimatwelt zurückbeordert worden war und kurz nach dieser Sitzung aufbrechen würde. Am Morgen hatte er sie darauf angesprochen, doch Charivretha hatte die Frage mit mehreren Gegenfragen bezüglich der capellanischen Einstellung zu Konzepten wie der Privatsphäre abgewehrt, woraufhin sich Akaar zurückzog. Er verstand derartige Hinweise und war auch nicht beleidigt. Mit der Zeit würde er schon erfahren, was hinter zh’Thanes Heimreise steckte – oder eben nicht.

Einige Ratsmitglieder saßen bereits, darunter Huang Chaoying von Alpha Centauri, Ra’ch B’ullhy von Damiano und Dynkorra M’Relle von Cait. Doch Akaars Aufmerksamkeit gebührte dem soeben durch eine Seitentür eintreffenden Föderationspräsidenten Min Zife. Ein Tross aus Sicherheitsleuten der Flotte flankierte ihn. Der patente Oberste der Föderation schritt mit merklicher Zuversicht voran. Sein meisterhaft geschneiderter hellgrauer Anzug harmonierte mit seinen blauen bolianischen Zügen.

»Ich rufe diese Sitzung des Föderationsrates zur Ordnung«, sagte Zife, als er seine Position hinter dem mit dem Föderationswappen verzierten Podium eingenommen hatte. Sofort verebbten die Gespräche im Raum, und jeder Anwesende widmete seine Aufmerksamkeit dem Präsidenten. »Die heutige Sitzung gilt als geheim, es sei denn, der gesamte Rat entscheidet zu einem späteren Zeitpunkt, ihren Inhalt öffentlich zu machen.«

Zife deutete auf Akaar, der prompt die Schultern straffte und sich zu seiner vollen Größe von zwei Metern zwanzig aufrichtete. In Habtachtstellung lauschte er den weiteren Worten des Präsidenten.

»Zunächst hat Fleet Admiral Akaar das Wort und wird uns über die betreffende Situation informieren. Danach besprechen wir das beste Vorgehen des Rates. Admiral?«

Akaar trat vor, verneigte sich respektvoll vor dem Präsidenten und wandte sich den an beiden Seiten der Kammer sitzenden Räten zu. »Danke, Herr Präsident. Verehrte Ratsmitglieder, ich vermute, Sie alle kennen die offiziellen Nachberichte des Flottenkommandos zur aktuellen Krise auf Bajor und deren offenkundiger Verbindung zum Planeten Trill.«

Ratsmitglied Gleer hob aufmüpfig die Schweineschnauze. »Die kenne ich durchaus, Admiral Akaar. Und ich bin entsetzt, wie viele Fragen sie offen lassen.«

Akaar, den Gleers Angriff keineswegs überraschte, hielt dem Blick ungerührt stand. »Es wird mir eine Freude sein, Ratsmitglied Gleer, Ihnen und allen anderen geschätzten Räten jegliche Ihrer Fragen zu beantworten.«

Der Versuch von Offenheit beeindruckte Gleer nicht. Hart ließ der Rat seine borstige Faust auf den Tisch knallen. »Wie konnte all dies so lange geheim bleiben?«, bellte er.

Akaar hatte dieser direkten Frage nichts entgegenzusetzen. »Worauf genau spielen Sie an?«, fragte er nach einem Moment des Nachdenkens.

»Auf alles! Diese Parasiten und ihre genetische Nähe zu den Symbionten der Trill … Das müssen die Behörden auf Trill doch schon eine ganze Weile vor uns verborgen haben – genau wie sie einst Freund wie Feind ihre wahre Natur als vereinigte Spezies verheimlichten. Dann wäre der von der Trill-Regierung sanktionierte Einsatz von Attentätern zu thematisieren. Der Föderationsrat kann einen solchen Umgang mit Oberhäuptern von Föderationswelten keinesfalls …«

Akaar verlor langsam die Geduld mit dem störrischen Tellariten. »Wir können das Wissen über und die Beteiligung der Sternenflotte an den die Parasiten betreffenden Vorfällen im letzten Monat gern diskutieren«, unterbrach er Gleer. »Doch es wäre unangebracht von mir, an dieser Stelle über interne Überlegungen der Trill-Regierung zu spekulieren.«

»In der Tat.« Rätin T’Latrek hob die rechte Augenbraue. Akaar interpretierte es als Ausdruck von Neugierde. »Fragen bezüglich der Parasitenkenntnis der Trill-Regierung – und des von ihr sanktionierten Mordes an Bajors Premierminister Shakaar – sollten besser an den Repräsentanten von Trill gerichtet werden.«

Es war Akaar nicht entgangen, dass Ratsmitglied Jerella Dev der Sitzung nicht beiwohnte.

»Und warum ist Dev nicht anwesend?«, fragte Ra’ch B’ullhy, der Vertreter Damianos. »Man sollte meinen, auch Bajor, das ja direkt von Trills Handlungen betroffen war, würde dieser Sitzung beiwohnen wollen. Immerhin sprechen wir über einen aggressiven Akt zwischen zwei Mitgliedswelten der Föderation.«

Akaar sah zum Podium, hinter dem Zife stand. Der Präsident wirkte, als suche er nach Worten. Nicht zum ersten Mal fragte sich Akaar, wie Zife den Ruf eines Schnellentscheiders bekommen konnte und wie er ihn während der turbulenten Kriegsjahre behalten hatte.

»Zu seiner Ehre und unserem Glück hat das bajoranische Volk die Umstände von Shakaars Ableben erkannt«, sprang Rätin zh’Thane in die peinliche Pause, die durch Zifes Zögern entstanden war. »Wie bajoranische Ärzte bestätigen, starb der Premier bereits lange vor der Erschießung seines parasitenbefallenen Körpers auf Deep Space 9. Da Trill weder bajoranische noch die Behörden der Föderation informierte, verlangt Bajors Regierung nun verständlicherweise eine umfassende Untersuchung von Trills Umgang mit dieser Krise. Doch willigt sie ein, das Thema erst persönlich vorzubringen, wenn dieser Sicherheitsausschuss eine diesbezügliche Empfehlung ausgesprochen hat und sich der gesamte Rat Ende des Monats zusammenfindet.« Zh’Thane hielt kurz inne. »Davon abgesehen, steht Trill derart im Zentrum unserer heutigen Beratungen, dass die Präsenz eines Repräsentanten Trills diese eventuell beeinträchtigen würde.«

»Soll das heißen, wir beraten uns lieber hinter dem Rücken der Trill?«, fragte Rätin Huang. Ihre grimmige Miene verdeutlichte, wie wenig sie von einem derartigem Vorgehen hielt.

»Warum denn nicht?«, grollte Gleer. »Die Trill hatten schließlich nie Bedenken, anderen Mitgliedswelten essenzielle Wahrheiten vorzuenthalten. Im Gegenteil, es scheint ihnen sogar leichtzufallen. Bedenken Sie nur, wie sie sich gestohlenen Flotteneigentums bedienten, um auf Bajor ihre Ziele zu erreichen.«

Hiziki Gards Tarnanzug, dachte Akaar. Diese Ausrüstung wurde von der Sternenflotte normalerweise beim Studium von Prä-Warp-Zivilisationen eingesetzt. Shakaars Mörder Gard jedoch hatte damit auf Deep Space 9 einer Gefangennahme entgehen wollen. Ihm zufolge hatte er den Anzug auf dem Schwarzmarkt erhalten. Dies schien auch glaubhaft, trug der Anzug doch die Kennnummer der U.S.S. Kelly, eines Schiffes, das während der Schlacht von Rigel im Krieg zerstört worden war. Nach der Schlacht hatten sich Schiffe des Orion-Syndikats in die Trümmer vorgewagt und die Wracks geplündert, bevor die Sternenflotte vor Ort gewesen war. Akaar fragte sich, wie viel Föderationstechnik auf ähnliche Weise wohl an skrupellose Parteien gelangt sein mochte. Die Kriegsnachwehen schienen manchmal kein Ende zu nehmen.

»Angesichts der Taten seiner Regierung«, sagte Ratsmitglied M’Relle, und sein sonst schnurrender Tonfall wirkte nun regelrecht drohend, »scheint mir eine Neuevaluierung von Trills Status als Föderationsmitglied nur angemessen.«

»Dem stimme ich zu«, sagte Gleer – zum vermutlich allerersten Mal, schätzte Akaar.

Rätin Ra’ch schüttelte langsam den gehörnten kirschroten Kopf. »Das wäre übertrieben.«

»Ganz meine Meinung«, sagte Matthew Mazibuko. »Noch liegen uns nicht alle Fakten vor. Wir täten gut daran, nicht vorschnell zu urteilen – trotz der schockierenden Natur der jüngsten Ereignisse. Außerdem kann es sich die Föderation so kurz nach dem Dominion-Krieg nicht leisten, ihre Bande zu langgedienten Mitgliedswelten zu kappen. Wenn wir uns vom Krieg erholen wollen, müssen wir weiterhin politische Einigkeit und physischen Wiederaufbau demonstrieren.«

T’Latrek nickte. »Vielleicht wäre es angemessener, über einen möglichen Tadel abzustimmen.«

Gemurmel kam auf, als die Mitglieder des Sicherheitsrates untereinander diskutierten. Akaar wartete geduldig und sah einmal mehr zu Zife. Der Präsident wirkte, als wünsche er sich gerade Lichtjahre weit fort. Ob er den Streit um Trill als persönliches Versagen betrachtet?, spekulierte Akaar.

»So sehr Trill unseren Tadel verdient«, fuhr schließlich Gleers nasale Stimme durch den Lärm wie eine mit Rodinium überzogene Bohrspitze durch Erdreich, »so sehr dürfen wir uns davon nicht von den gegenwärtigen Gefahren ablenken lassen.«

Sein Blick fiel auf Akaar, doch falls er erwartete, dass dieser erschrocken zusammenfuhr, hatte er sich getäuscht. »Worauf spielen Sie an, Ratsmitglied?«, fragte der Admiral.

Gleer schnaubte. »Ist das nicht offensichtlich? Ich wüsste gern, wie wir uns sicher sein können, das Ende der Parasitenkrise hinter uns zu haben. Schließlich dachten wir dies bereits vor zwölf Jahren, nachdem diese Kreaturen kurzzeitig das Flottenkommando manipuliert hatten. Und dann kamen sie wieder, ausgerechnet auf Bajor. Wenn diese Organismen das jüngste Glied unserer Weltenkette ins Chaos stürzen können, wie sollen wir dann sicherstellen, dass wir sie endgültig los sind?«

Gleers scharfsinnige Worte sorgten dafür, dass weiteres Gemurmel von den Wänden der Ratskammer widerhallte. Akaar wartete mit seiner Antwort, bis es verstummt war. »Sie sprechen da einen wichtigen Punkt an, Ratsmitglied Gleer. Momentan vertrauen wir allein auf Captain Benjamin Siskos Aussage bezüglich des Endes einer unmittelbaren Bedrohung … und auf den Mangel an widerlegenden Beweisen.«

Gleer grunzte ungehalten. »Wer wäre ich, der Aussage des göttlichen Abgesandten Bajors zu misstrauen?«

»Was mein geschätzter Kollege sagen möchte«, warf Mazibuko ein und warf Gleer einen warnenden Blick zu, »ist, dass dieser Rat es den Völkern der Föderation schuldet, Captain Siskos Versicherungen zu überprüfen, Admiral.«

»Korrekt«, erwiderte Akaar. »Daher sollte es den Rat freuen, zu hören, dass in den vier Wochen seit Beendigung der Krise auf Bajor alle Datenbanken der Sternenflotte und der örtlichen den Frieden bewahrenden Behörden umfassende Informationen über die Parasiten erhielten, darunter auch Angaben über die Vorfälle auf Deep Space 9 und Bajor. Des Weiteren rekonstruieren Teams der Flotte zur Stunde die Reisewege aller uns bekannten Infizierten, um festzustellen, ob es noch weitere Bedrohungen gibt.«

Charivretha zh’Thane lehnte sich in ihrem Sitz vor. »Admiral Akaar vergaß, zu erwähnen, dass die Regierung Trills die Sternenflotte und diesen Rat darum bittet, der Öffentlichkeit bis auf Weiteres eine bestimmte Information vorzuenthalten, nämlich die genetische Ähnlichkeit zwischen den Parasiten und den Trill-Symbionten.«

Akaar stieß sich an zh’Thanes Tonfall. War sie immer so herablassend? Oder hatte er bei ihr verspielt, als er sie nach ihrer Rückberufung gefragt hatte? »Danke, Rätin zh’Thane«, sagte er und verbarg seine Irritation hinter einer Fassade aus in langen Jahrzehnten geübtem Stoizismus. »Sie nehmen den nächsten Posten meiner Liste vorweg.«

»Und wie werden wir der Bitte der Trill Folge leisten?«, fragte M’Relle von Cait und zuckte gedankenverloren mit der Schwanzspitze hinter der rechten Schulter. Der anmutige Felinoid schien sich der Spannungen zwischen zh’Thane und Akaar nicht bewusst zu sein.

»Bislang ließen weder der Föderationsrat noch das Flottenkommando etwas publik werden«, antwortete Akaar, »um dessen Geheimhaltung die Regierung auf Trill bat.«

Präsident Zife räusperte sich leise und lenkte die Aufmerksamkeit aller Anwesenden zurück zum Podium. »Ich stehe in Kontakt zu Trills Präsidentin Maz. Sie informierte mich, dass die Regierung eine umfassende Untersuchung der Parasitenfrage unternimmt und dabei auch die offensichtlichen genetischen Bande zwischen diesen Wesen und den Symbionten nicht ausspart. Sie bittet den Rat respektvoll um Zeit, diese Untersuchung durchzuführen. Präsidentin Maz versicherte mir bei ihrer Ehre, dass sie nicht mehr weiß als wir.«

Akaar fragte sich kurz, ob Maz’ Wissensmangel der Wahrheit entsprach oder sie sich abermals in der bewährten und im ganzen Quadranten bekannten politischen Praktik des »glaubwürdigen Abstreitens« übte.

Zife schien in Schwung gekommen zu sein. »Darüber hinaus teilte mir die Präsidentin mit, ihr Volk leide momentan unter gehörigem politischem Druck von innen. Ich glaube, auch dies spricht dafür, Ihre Bitte zu gewähren. Schließlich ist es das Bestreben dieses Rates, den Föderationsmitgliedern zu helfen, ihre innere soziale Stabilität zu wahren – vorausgesetzt, dies gelingt ihnen, ohne gegen die Verfassung unserer Union zu verstoßen. Aus diesen Gründen empfehle ich dem Rat, Präsidentin Maz und dem Trill-Senat eine angemessene Frist zu gewähren, binnen derer sie ihre eigenen, öffentlichen Untersuchungen bezüglich der Parasiten unternehmen können, und erst dann an die Öffentlichkeit zu gehen oder über ein etwaiges Missbilligungsvotum Trill gegenüber abzustimmen.«

»Glaubt Trills Regierung wirklich, die Verbindung zwischen den Parasiten und den Symbionten käme nicht vorher ans Licht?«, fragte Ra’ch, das rote Gesicht ungläubig verzogen. »Wie lächerlich! Wenn ich den Bericht des Admirals korrekt verstehe, sind bereits Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte Personen informiert – in der Sternenflotte, auf Bajor, auf Cardassia. Entsprechend gewiss scheint mir, dass weder die Behörden auf Trill noch dieser Rat die Geschichte lange geheim halten können.«

»Die Wahrscheinlichkeit ist in der Tat recht hoch«, sagte T’Latrek. »Das Wissen wird publik werden. Es ist nur eine Frage der Zeit.«

Es kostete Akaar Mühe, nicht zu nicken, während rings um ihn die Ratsmitglieder leise miteinander tuschelten. Als dann die Abstimmungsphase begann, kam er nicht umhin, Ra’ch und T’Latrek vorbehaltlos zuzustimmen. Den Trill schienen gehörige politische Probleme ins Haus zu stehen, wenn die geheime Beziehung zwischen ihnen und den Parasiten enthüllt wurde. Hoffentlich waren ihre Anführer darauf vorbereitet.

Kapitel 3

Sternzeit 53768,2

Wir scheinen am Grund der Welt angekommen zu sein, dachte Lieutenant Ezri Dax. Vorsichtig schritt sie über das weite Feld aus Eisbrocken und Steinen. Zwar konnte es während des Winters an den Tenara-Klippen in Trills Norden noch um einiges kälter werden, doch sie war froh über ihre isolierte Jacke und die Handschuhe.

Steter Frostwind ließ ihre Ohren und Nasenspitze taub werden. Langsam ging sie voran. Sie wollte das Außenteam nicht aufhalten. Am duraniumgrauen Himmel hing eine blasskupferne Sonne, die es kaum über die riesigen Eisberge schaffte, die sich in jedweder Richtung am Horizont erstreckten. Flache Steine, manche dem Anschein nach über drei Meter lang, ragten in derart zufälligen Winkeln aus dem Boden, als hätte man ihre Standorte durch einen Dreh am kosmischen Tongo-Rad entschieden. Sie warfen lange, fast schon bösartige Schatten, in denen Ezri mitunter den Rest ihres Teams aus den Augen verlor.

Plötzlich fiel ihr etwas am Horizont auf, eine Art Leuchten. Anfangs hielt sie es für einen Meteor, der in der Atmosphäre verging. Doch dann änderte es die Flugbahn. Was es auch war, es schien bei einem der Voratsdepots, die über diese niedrigen Breitengrade verstreut lagen, landen zu wollen.

Noch ein Frachtschiff, dachte sie. Die Ironie war unverkennbar: Einstmals ein Beispiel für Cardassias unersättliche Lust nach interstellarer Eroberung, diente der Planet Minos Korva – am Ende des Föderationsraumes und gerade mal vier Lichtjahre von Cardassias Grenze in Vorkriegszeiten gelegen – heute als einer der meistbefahrenen Transitposten für Hilfslieferungen. Lieferungen, genauer gesagt, die nach Deep Space 9 gebracht wurden, dem Knotenpunkt des föderierten Hilfseinsatzes. Von dort würden sie – ausgerechnet – nach Cardassia Prime weitergereicht werden, ins kriegsgebeutelte Herz der Cardassianischen Union.

Als der Lichtstrahl unterhalb des Horizonts verschwunden war, wandte Dax ihre Aufmerksamkeit zurück auf die eisige Szenerie, die sie umgab. Minos Korvas südliche Polarregion erinnerte sie an einen Friedhof, über den ein Sturm gewütet war. Trotz ihrer ambivalenten Einstellung gegenüber Dingen wie dem Tod und Begräbnissen – die sie mit den meisten vereinigten Trill teilte –, hatte die Beständigkeit dieser Landschaft für sie etwas Tröstendes. Sie war ungemütlich, beflügelte aber genau dadurch Dax’ Hoffnung, dass sich das Objekt ihrer heutigen Suche nicht nur als tot und begraben herausstellen würde, sondern dies auch bliebe. Genau wie die Legionen von Trill, deren gesammelte Gedanken und Erinnerungen den Legenden nach letztendlich in Mak’relle Dur aufgingen, der angeblich tief in den Eingeweiden der Heimatwelt verborgenen finalen Ruhestätte der Trill.

Erst als Dr. Vlu wild mit den Armen ruderte, wurde Dax aus ihren Gedanken gerissen. Offensichtlich war die cardassianische Medizinerin auf einem spiegelglatten Fleck der Eisebene ausgerutscht. Dax eilte zu ihr und ahnte bereits, dass sie sie nicht vor dem drohenden Sturz in eine der vielen steilen Spalten würde retten können, die das Gelände durchzogen. Vlu stieß einen heftigen cardassianischen Fluch aus und segelte davon, der Öffnung ins dunkle Erdreich entgegen. Ihre Arme und Beine warfen lange, spinnenähnliche Schatten auf das Eis.

Dann schoss ein muskulöser Arm vor, ergriff Vlu am Kragen ihrer Jacke, und hob sie aus der Gefahrenzone, als wöge sie nichts.

»Seien Sie vorsichtiger, Doktor«, sagte Taran’atar und stellte Vlu mit einer Sanftheit auf die Beine, die seiner wilden Gestalt Hohn sprach. Mit seiner rauen und hornverzierten Haut und den ungeschliffenen Gesichtszügen wirkte der Jem’Hadar so kalt und hart wie die vereisten Steine, die sich bis zum Horizont erstreckten. »Dieses Gelände ist tückisch.«

Vlu verzog das Gesicht und rieb sich mit der behandschuhten Rechten den Hals, wo ihr der Jackenkragen eben noch die Luft abgeschnürt hatte. »Genau wie Ihr Einsatz. Ich glaube, Sie haben ein paar meiner Nackenknochen verrenkt.«

»Alles in Ordnung?«, fragte Dax. Sie traf zeitgleich mit Julian Bashir und Lieutenant Ro Laren bei Vlu ein. Dax bot der wacklig wirkenden Cardassianerin den Arm als Stütze. Selbst durch die dick isolierten Jacken, die sie beide trugen, war ihr, als könne sie Vlu zittern spüren.

Vlus Blick haftete noch immer auf Taran’atar. »Tun Sie mir bitte einen Gefallen«, sagte sie und rieb sich den Nacken. »Beim nächsten Mal warten Sie, bis die Sicherheitsleine mich auffängt.«

Der Jem’Hadar kniff die Lider enger zusammen, als habe Vlu in einer Sprache gesprochen, die er nicht kannte. »Das wäre ein unnötiges Risiko gewesen. Sie hätten mich mit sich in die Spalte ziehen können.«

Aus Vlus Tadel wurde ein zittriges Nicken. »Und das gesamte Team in Gefahr gebracht.«

»Von der Mission ganz zu schweigen«, warf Ro ein. Ihr Atem vereinte sich mit der großen Dampfwolke, die sich über ihrer aller Köpfe bildete. Auch Ros Gurt war mit Taran’atar verbunden.

»Ah, die Mission«, sagte Vlu, die eine weitere spastische Zitterattacke nicht vermeiden konnte.