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O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,

Wenn es wimmelt vom Heiderauche,

Sich wie Phantome die Dünste drehn

Und die Ranke häkelt am Strauche,

Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,

Wenn aus der Spalte es zischt und singt,

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,

Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Annette von Droste-Hülshoff,
Der Knabe im Moor

1

Sie lag auf dem Bett und spürte ihr Herz schlagen. Der Schein der Straßenlaterne vor dem Fenster verblasste im Morgengrauen. Das schwache Licht ließ die Blütenblätter der Stuckleiste hervortreten, wodurch sie wie Schlangenköpfe aussahen. An einigen Stellen war der Stuck eingerissen und hätte ein bisschen Farbe vertragen, doch für so nebensächliche Dinge wie das Streichen ihres Zimmers hatte Leila noch keine Zeit gehabt.

Auf der Suche nach einer Unterkunft hatte sie sich im Internet umgesehen und einige WG-Zimmer abgeklappert. In drei davon hätte sie sofort einziehen können. Das hatte sie nicht weiter überrascht, denn sie wusste, dass sie gut aussah und bei den meisten Leuten, insbesondere bei Männern, gut ankam, wenn sie es darauf anlegte.

Sie hatte sich für das Zimmer mit dem Hochbett entschieden, denn es befand sich in einer geräumigen Altbauwohnung, in der es an keiner Annehmlichkeit mangelte. Schon bei der Besichtigung des Zimmers hatte sie den Eindruck gehabt, dass die neuen Mitbewohner ihren Geschmack für Essen, Kleidung und Einrichtung teilten, sich ansonsten aber nicht besonders für sie interessierten. Doch genau so etwas hatte sie gesucht: Leute, die sich nicht aufdrängten.

Vor dem Fenster dröhnte ein Motor. Leila richtete sich auf und spähte durch das Oberlicht hinunter auf die Straße. Auf dem Bürgersteig parkte ein Lieferwagen. Drei junge Männer luden die Reste eines Hausstands ein: ein Fernseher, mehrere Regalbretter und ein paar Pflanzen verschwanden im Wageninneren. Als die drei fertig waren, sprangen sie ins Fahrerhaus und fuhren über das Kopfsteinpflaster davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Wieder war irgendwo ein Zimmer frei, in das sicher bald, vielleicht schon im Laufe des Tages, jemand Neues einziehen würde.

Das große, alte Haus in der Nähe des Bahnhofs war ein cooler Platz zum Wohnen. Die meisten, die hier ein- und ausgingen, wirkten lässig und entspannt.

Leila ließ sich in ihre Kissen fallen und streckte sich noch einmal aus. Es war nicht der Krach des Umzugswagens gewesen, der ihren Schlaf gestört hatte. Normalerweise schlief sie nach der Nachtschicht im Weltruf, einem Club in der Innenstadt, tief und fest. Nicht einmal das Geschnatter ihrer Mitbewohner, die sich manchmal schon morgens in der Küche lautstark unterhielten, konnte sie da wecken.

Doch an diesem trüben Wintermorgen war es anders. Schon beim Aufwachen war da eine Erinnerung an etwas, das ihren Herzschlag erhöhte und ein feines Prickeln im Magen und auf der Haut erzeugte. Leila umschlang das Kopfkissen mit den Armen und rieb ihre Wange daran. Dieser Mann. Zwei Stunden bevor die letzten Gäste gegangen waren, hatte er bei ihr an der Bar gestanden und seinen Blick nicht mehr von ihr wenden können. Diese Augen. Wie er sie angesehen und später immer wieder auf ihre Lippen gestarrt hatte, je länger ihr Gespräch oder, besser gesagt, ihr kleiner Flirt gedauert hatte. Das war doch ein untrügliches Zeichen, fand sie.

Das Aufregende daran war, dass sie ihn noch heute Abend wiedersehen würde. Er hatte ihr etwas Besonderes versprochen, etwas, was sie mit Sicherheit noch nie erlebt hatte, etwas total Abgefahrenes, von dem er nichts verraten wollte. In seinen Augen hatte sie ein geheimnisvolles Glimmen gesehen, das sie fasziniert und angezogen hatte. Sie hätte nichts dagegen gehabt, wenn er sie auf einen Kaffee nach Hause begleitet hätte, aber als sie draußen auf der Straße vor dem Weltruf gestanden hatten, war er plötzlich auf sein Fahrrad gestiegen und davongeradelt.

Sie hörte Maja in der Küche lachen. Franzi ging mit ihren Flipflops über den Flur und knallte wie immer die Badezimmertür zu. Nebenan fiepte Milans Wecker, und wenige Minuten später zog der Rauch seiner ersten Kippe durch die Ritzen der mit Rigipsplatten abgedichteten Schiebetür.

Leila schloss die Augen und überlegte, was sie am Abend anziehen sollte. In Gedanken ging sie alle Kleidungsstücke durch, die an der Stange unter ihrem Bett hingen. Sie würde das kurze Wollkleid nehmen. Wenn sie dazu die hohen Stiefel trug, würde das für einen Clubbesuch genauso passen wie für einen Spaziergang am Strand.

Warum hatte er nur so geheimnisvoll getan?

»Du bist doch eine Frau, die sich gern überraschen lässt«, hatte er gesagt und ihr tief in die Augen gesehen.

Eigentlich passte es ja alles überhaupt nicht. Mal wieder nicht der richtige Zeitpunkt. Wahrscheinlich hatte er sie genau deshalb angesprochen. Weil sie so ausgesehen hatte, als wäre sie schon weg, in Gedanken bereits auf einem anderen Kontinent, über die Meere entschwunden auf dem Weg nach Sydney, der Stadt, in der sie die nächsten beiden Monate verbringen würde. Praktikum in den Royal Botanic Gardens. Ein Praktikum war immer gut, dagegen konnte keiner was sagen. Nicht mal ihre Eltern, die ihr immer wieder in den Ohren lagen, dass sie etwas Vernünftiges aus ihrem Leben machen sollte.

Rollkoffer und Rucksack standen halb gepackt neben dem Schreibtisch. Morgen früh um sechs Uhr würde sie im Shuttlebus zum Hamburger Flughafen sitzen. Aber heute Abend würde sie noch einmal ausgehen, mit dem Mann, an den sie ständig dachte.

Sie schlug die Bettdecke zurück und kletterte die Leiter hinunter. Dann zog sie ihren Bademantel über und ging in die Küche, wo der Milchaufschäumer zischte.

Sie würde niemandem etwas von dem bevorstehenden Abenteuer erzählen.

2

Da waren sie wieder, die Stimmen. Sie kamen von draußen, vom Wald, wie aus weiter Ferne. Hoch klangen sie, aufgeregt. Aber sie konnte nicht verstehen, was sie sagten.

Ein kalter Luftzug ging durchs Zimmer. Stine Olsen zog die Wolldecke bis unters Kinn und drückte den Kopf tiefer in die Polster des Sessels. Die seltsamen Laute kommen herein, weil die Fenster so alt sind und es durch alle Ritzen zieht, dachte sie. Dünne, einfach verglaste Scheiben in ewig nicht mehr gestrichenen Holzrahmen.

Sie fröstelte.

Eigentlich war es nicht kalt in der Stube. Am Nachmittag, noch vor der Dämmerung, hatte sie den Ofen angeheizt und seitdem ein paar Mal Briketts nachgelegt. Feuchte Wärme strömte von den blau-weißen Kacheln herüber, auf denen Windmühlen, Zweimaster und holländische Reiter prangten.

Wenn ich nur so dasitze und meine Gedanken mich durch längst vergangene Zeiten spazieren führen, dachte sie, wird mir auch am wärmsten Feuer kalt.

Gern hätte sie sich ihr hellblaues Häkeltuch um die Schultern gelegt, aber das befand sich auf der Frisierkommode im Schlafzimmer. Der vertraute Schmerz in den Knien hielt sie davon ab, aufzustehen und hinüberzugehen.

Dragor, der Hund, hatte es schon vor einiger Zeit auf dem Teppich in der Nähe des Ofens nicht mehr ausgehalten und sich an seinen Schlafplatz auf dem Flur verzogen. Wahrscheinlich lag er dort im Korb auf seinem Schaffell, schnarchte und träumte von der Jagd, während seine Läufe zuckten. Stine konnte das Schnarchen des Hundes nicht mehr hören. Das Hörgerät, das sie manchmal trug, machte aus solch feinen Tönen einen verschwommenen Klangbrei, der sie ärgerte. Deshalb hatte sie an diesem Abend, wie so oft, die Hörhilfe gar nicht erst ins Ohr gesteckt. Wenn das Telefon klingelte oder jemand an ihre Tür klopfte, würde sie das schon noch mitbekommen. Aber sie erwartete niemanden. Und wer sollte sie so spät am Abend anrufen?

Merkwürdig war es aber doch, dass sie auch ohne Hightech-Schnickschnack vor dem Trommelfell diese Stimmen wahrnahm. Kamen sie vielleicht gar nicht von jenseits der Gartenhecke, sondern aus dem Inneren ihres Kopfes? Eine Vermutung, die Karl, ihr Ehemann, sofort bestätigt hätte. Bei so etwas hatte er keine Zurückhaltung gekannt. Er hatte ihr wirklich so einiges vor den Latz geknallt.

Zum Beispiel, dass sie einmal was mit Heiner Bracht gehabt hatte, als sie schon eine sogenannte reife Frau, der Bauer vom Nachbarhof aber noch nicht einmal volljährig gewesen war.

Stine Olsen lächelte in sich hinein. In über dreißig Jahren Ehe hatte Karl ihr so vieles vorgehalten. In manchem hatte er recht gehabt. Aber nun war er auch schon seit zwanzig Jahren tot.

Energisch drückte sie die Ellenbogen in die Polster der Armlehnen und versuchte, sich hochzustemmen. Die Muskeln ihrer Oberarme zitterten, als sie den Hals streckte, um durchs Fenster zu sehen. Doch so sehr sie auch die Augen zusammenkniff und in die Dunkelheit draußen vor den Scheiben starrte, sie konnte nichts Ungewöhnliches entdecken.

Erschöpft sank sie zurück in den Sessel. Was hatte sie denn erwartet? Da war doch nichts außer Bäumen, Hecken und Sträuchern in einer Winternacht. Da war noch nie was gewesen. Außer damals, in längst vergangenen Zeiten, als ihr Geliebter unter diesen Fenstern gestanden hatte. In den kurzen, hellen Juninächten, als die herabgefallenen Blüten des Holunderstrauches wie ein weißer Teppich im Gras gelegen hatten, da hatte er dort gestanden und gewartet. Und sie hatte einen Fensterflügel geöffnet und ihn hereingelassen.

Seltsam nur, dass sich der Hund auf dem Flur nicht rührte. Er müsste das Rumoren doch auch hören und anschlagen. Dragor war ein junger Hund, fast noch ein Welpe. Sie hatte kein Tier mehr haben wollen, nachdem Liska, ihre schwarze Pudelhündin, gestorben war. Es war Heiner Brachts Idee gewesen, ihr einen neuen Hund vorbeizubringen. Er hatte den Pitbullterrier eigentlich für sich bei einem Züchter in Schleswig gekauft, nach einigen Wochen aber festgestellt, dass sich der »Prachtkerl« absolut nicht mit seinen Katzen vertragen wollte. Dragor jagte einfach zu gern, und zwar leider bevorzugt Katzen. Nachdem zwei von Brachts kostbaren Kartäusern spurlos verschwunden waren und Dragor durch scharfe Katzenkrallen beinahe ein Auge verloren hatte, hatte Heiner Bracht eines Sonntags bei ihr geklopft und ihr den Hund aufgeschwatzt.

Sie hatte das Tier nicht sofort ins Herz geschlossen, dafür war es einfach zu hässlich mit seinem bulligen Schädel und dem kupierten Schwanz, aber sie hatte auch nicht nein sagen können. Für regelmäßige, lange Waldspaziergänge, wie sie sie mit Liska unternommen hatte, fühlte Stine sich allmählich zu alt. Stattdessen ließ sie Dragor dreimal am Tag einfach zur Tür hinaus. Sollte er doch durch die verwilderten Gemüsebeete streifen und auf den ungemähten Rasen machen, der Garten interessierte sie ohnehin nicht mehr, seit ihre Gelenke von der Arthrose immer steifer geworden waren. Meistens sprang Dragor mit seinen krummen, muskelbepackten Beinen sowieso über die Pforte und streunte durch die Gegend. Nachbar Bracht hatte deshalb ein paar Mal geschimpft, der Hund könne wieder auf seinen Hof laufen und eine weitere Katze reißen oder womöglich im Wald wildern. Aber Stine Olsen hatte Heiner Bracht nur ernst angesehen und geantwortet, dass er den Hund jederzeit wieder abholen könne, wenn es ihm nicht passe, wie sie mit dem Tier umging. Darauf hatte er nichts geantwortet und war schweigend auf seinem Traktor davongefahren.

Wieder dieser Singsang draußen.

Warum schlug Dragor nicht an?

Mühsam erhob sie sich aus dem Sessel. Ihre Gelenke knackten, als sie über den Teppich humpelte. Es war dunkel im Flur und kalt, und es roch nach Hund, dem Lederfett ihrer Stiefel und den Resten des angebrannten Milchreises in der Küche, von dem sie mittags gegessen, den Dragor aber verschmäht hatte.

Sie fingerte nach dem Schalter, knipste das Licht an und starrte zu Boden. Der große, ovale Rattankorb, in dem der Hund zu schlafen pflegte, war leer. Dafür stand die Haustür einen Spalt breit offen. War ihr also deshalb so kalt geworden? Missmutig schüttelte sie den Kopf. Warum hatte sie am Nachmittag nicht abgeschlossen?

Irritiert schob sie die Tür auf und steckte den Kopf hinaus. Kein Hund weit und breit.

»Dragor!«

Der Köter hatte noch nie auf sie gehört. Er wohnte bei ihr, wie Karl es getan hatte. Fressen, schlafen, weglaufen, Revier markieren und wiederkommen. In dem Wissen, dass man immer wieder reingelassen wird, in die warme Stube, zu Wasser und Fleisch.

Leise fluchend holte sie den Schal aus dem Schlafzimmer, zog mit schmerzverzerrten Lippen die Stiefel über und trat vor das Haus. Am Himmel über dem Dachfirst leuchteten Sterne. Sie erkannte die Sternbilder des Orion und des kleinen Wagens, die schon über dem Birnbaum zu sehen waren. Auf der anderen Seite der strohgedeckten Landarbeiterkate, zum Wald hin, ging zwischen den Kronen der Buchen der Mond auf. Wie schwarze Brücken lagen die Schatten der Bäume auf dem Rasenstück neben dem Gartenweg. Vollmond. Dann würde das feuchtkalte Wetter noch eine Weile andauern.

Wo war bloß der Hund? Offenbar hatte er gelernt, die Türklinke herunterzudrücken und die Tür zu öffnen.

»Dragor, komm hierher!« Ihre Stimme klang heiser.

Im Garten war es still. Kein Windhauch, kein Motorengeräusch von der Schnellstraße hinter den Feldern, kein Rascheln im trockenen Laub der Schlehenhecke. Auch keine Stimmen mehr. Nur Dunkelheit. Sie vernahm nichts außer dem Sausen des Blutes in den Ohren.

Ich sehe schlecht, ich höre schlecht, dachte Stine Olsen, nur die Erinnerung ist glasklar.

Und schon wieder stellte sich das Gefühl ein, das sie damals gehabt hatte, in jenem Juni vor vielen Jahren, als der junge Mann mit den kräftigen Schultern und den zärtlichen Händen, die so gar nichts von einem Bauernsohn hatten, sich von nichts und niemandem davon hatte abhalten lassen, zu ihr zu kommen und eine »große Dummheit« zu begehen. Aber es war eine schöne Dummheit gewesen. Das Ergebnis dieser lauen Nächte war jetzt neununddreißig Jahre alt und lebte als Investmentbanker in Kopenhagen.

Der Strom der Gedanken, die sich in Stines Kopf seit Jahren wiederholten, geriet plötzlich in Unordnung. Denn sie bemerkte, dass etwas in hohem Tempo den Gartenweg entlangkam. Im silbrigen Mondlicht sah es aus wie eine kleine Tonne auf vier Beinen, die sich auf sie zubewegte. Das Bündel stieß einen heulenden Laut aus, der so schrecklich war, dass Stine der kalte Schweiß ausbrach. Über die buckligen Steine schleppte sich mit gekrümmtem Rücken eine jämmerliche Gestalt direkt auf sie zu. Dabei wurde der Bewegungsmelder aktiviert, der den Weg in grelles Licht tauchte.

Es war Dragor. Aus seinen Lefzen rann roter Speichel. Zwischen seinen Rippen steckte etwas Längliches. Obwohl ihr der Atem stockte, packte Stine Olsen mit der Routine einer tierkundigen Landbewohnerin den jaulenden Hund, hielt ihn an den Flanken fest und zog den Gegenstand mit einem kräftigen Ruck aus seinem Körper. Fassungslos starrte sie auf das Ding in ihren Händen, über die dampfend heißes Blut rann. Es war ein langer, schmaler Stiel mit silbernem Griff, geschmiedet wie die gefiederten Blätter eines Holunderstrauches.

Das Licht schaltete sich wieder aus. Stine Olsen kniff die Augen zusammen. Ihr schwindelte. Sie ließ den metallenen Gegenstand los, der klirrend auf die Steine zu ihren Füßen fiel. Sie beugte sich vor, hörte das Röcheln des sterbenden Tieres, spürte das Zucken seiner Läufe.

Im Mondlicht blitzte die Klinge eines Dolches.

3

Die Glasperle, die aussah wie ein Lutschbonbon, lag halb unter einem Birkenblatt verborgen. Die Strahlen der schwachen Mittagssonne wanderten über das Blaubeergestrüpp, das sich am Ufer des Wassergrabens flach am Boden kriechend ausbreitete. Als die Sonnenstrahlen die Perlenoberfläche streiften, glitzerte Feuchtigkeit in den feinen Rillen des Glases.

Es war eine runde Perle, blau und weiß mit roten Einsprengseln. Sie war nie kugelrund gewesen, denn der Perlenmacher, der die kostbaren Glasstückchen im Feuer geschmolzen, auf ein Eisenstäbchen aufgezogen und gedreht hatte, war nicht mehr so sorgsam gewesen wie zu Beginn seines Tagewerkes. Der Zahnschmerz, der schon lange in seinem Unterkiefer sang, war unerträglich geworden und hatte ihn unruhig gemacht, seine Bewegungen fahrig.

Diese Glasperle war die letzte, die er in seinem Leben herstellen sollte, weil die Entzündung in seinen Zahnwurzeln so weit fortgeschritten war, dass er eine Blutvergiftung bekam und noch in der folgenden Nacht starb. Man bestattete ihn außerhalb des Ringwalls in einem Armengrab, denn zu Reichtum oder besonderer Ehre hatte er es nicht gebracht.

Die Perle aber, die er zuletzt gerollt hatte, wurde zusammen mit blauen, gelben und grünen Perlen auf eine Lederschnur gezogen und von der später völlig verarmten Frau des Perlenmachers an den Sohn eines Jarls verkauft. Dessen Familie war wohlhabend gewesen. Die kampffähigen Männer waren mit König Gorm zur See gefahren und hatten sich nach ihren weiten Reisen in Haithabu als Tuch-, Waffen- oder Kammhändler niedergelassen.

Der Jarlssohn erwarb die Perlenkette als Brautgabe für ein achtzehnjähriges Mädchen, das seine Sippe als Ehefrau für ihn ausgewählt hatte. Die junge Frau starb im Jahr nach ihrer Hochzeit bei der Geburt des ersten Kindes. Neben gefärbten Gewändern und Tontöpfen mit Speisen gab man ihr zwei silberne Fibeln mit ins Grab sowie die Glasperlenkette, die sie bei ihrer Hochzeit getragen hatte. Die Grabkammer verschloss man mit Holzbohlen und Feldsteinen.

Bald war der Körper der Frau bis auf die Knochen verfallen. Die kleine, etwas schiefe Perle aber hatte ihre Ruhe zwischen dem sechsten und siebten Halswirbel des Skeletts gefunden.

Während sie dort sicher lag, veränderte sich draußen die Welt. Die frühmittelalterliche Stadt Haithabu, an einem schiffbaren Seitenarm der Schlei gelegen, wuchs und gedieh, wurde reicher und mächtiger, bis sie von fremden Horden mehrmals überfallen, ausgeplündert und schließlich bei einem letzten großen Slawenangriff in Brand gesetzt und völlig verwüstet wurde. Danach drangen zu der Perle nur noch die Laute der Jahreszeiten hinab: das Knacken des winterlichen Eises auf dem entstandenen Noor, das Flügelschlagen der Gänse im Frühjahr, wenn sie in Scharen nach Norden zogen, das Zirpen der Grillen auf den sommerlichen Weiden, dort, wo einmal die Stadt war, das Fallen der Haselnüsse aus den Heckenbüschen im Herbst.

Dann plötzlich, nach über tausend Jahren, betrat eine kleine Gruppe von Männern samt einer Frau die Wiese. Mit Spaten und Grabforken wühlten sie die Erde auf, entdeckten die Grabkammer, öffneten sie und nahmen alles mit, was sie an Schätzen finden konnten. Einer der Männer sammelte die Perle auf, hielt sie unter sein Monokel und betrachtete sie lange. Die anderen nickten anerkennend.

Zusammen mit den übrigen Grabbeigaben und Schmuckstücken reiste die Perle per Eisenbahn nach Kiel. Bei ihrer Ankunft im Museum für vaterländische Altertümer in der Kattenstraße wurde sie gesäubert, ausgemessen, gezeichnet, fotografiert und in ein Holzkästchen gelegt. Jahrelang ruhte sie in einem dunklen, muffigen Magazin. Nur selten einmal kamen Forscher und sahen in das Kästchen hinein. Zu Beginn der Bombardierungen Kiels im Zweiten Weltkrieg, als die Grundmauern des Museums ächzten und die Fensterscheiben klirrten, lud man das Kästchen zusammen mit anderen Fundstücken auf einen Lastwagen und brachte alles an einen ländlichen Ort, von dem aus man die Brandwolken der Stadt nicht sehen und das Geschrei der bombardierten Menschen nicht hören konnte. Kurz nachdem die Perle fortgebracht worden war, fiel eine Bombe auf das Museumsgebäude und zerstörte es.

Als der Krieg zu Ende war, errichtete man ein neues Museum auf Schloss Gottorf an der Schlei, und wiederum ein paar Jahre später war der Wohlstand so weit gediehen, dass daraus ein weiteres Museum hervorging, idyllisch am Haddebyer Noor gelegen. Dort bekam die Perle einen Ehrenplatz in einer Glasvitrine, zusammen mit den anderen Perlen der Kette und den silbernen Schmuckfibeln, die einmal, wenn auch nur für kurze Zeit, einer jungen Wikingerfrau gehört hatten. Auf diese Weise war das kleine seltsame Schmuckstück wieder an das Noor zurückgekehrt. Es lag ganz nahe der Stelle, wo einst die Hütte des Perlenmachers gestanden hatte.

Hier hätte das runde Glasstück nun seine Ruhe finden können, sofern man von Ruhe sprechen kann, wenn sich hunderttausend Besucher pro Jahr staunend oder auch lustlos glotzend an den Glasscheiben der Vitrine vorbeischieben. Doch es kam anders. In einer lichtlosen Neumondnacht nach der neuen Jahrtausendwende gelang es zwei Männern, aufs Dach des Museumscafés zu klettern, die Alarmanlage zu überlisten und durch ein Fenster ins Gebäude einzusteigen. Sie zertrümmerten die Vitrine, in der die Perle lag, und leerten den gesamten Inhalt in einen mitgebrachten Rucksack. Dann verschwanden sie über einen der zahlreichen unbeleuchteten Fußwege.

Die Perle glänzte nicht mehr. Die fahle, winterliche Sonne war so weit gesunken, dass es zwischen den Birkenstämmen des kleinen Wäldchens schon dämmerte. Auch das flache Blaubeergestrüpp, unter dem sie lag, warf nun schwarze Schatten. Feine Zweige und bräunliche Blätter verbargen die Perle, hüllten sie ein. Wieder war es um sie herum ganz still, nichts als die Geräusche des Moores und des Waldes waren zu hören. Und wieder lag ganz in ihrer Nähe ein menschlicher Körper, aus dem jegliches Leben entwichen war.

4

Olga Island lief auf dem Deich entlang. Die Kordel ihrer Kapuze hatte sie fest vor dem Kinn verschnürt, und sie duckte sich immer wieder gegen die Windböen, die von Norden her über das Watt fegten. Weiter hinten, wo die Entwässerungsgräben zusammenliefen, in den Salzwiesen des Vorlandes, wo Sturmmöwen niedergingen, um nach ertrunkenen Wühlmäusen zu picken, standen zwei Häuser auf einer Warft, dazwischen ein Leuchtturm. Westerheversand.

Graue Wolkenfetzen zogen über den Himmel. Wintergrau, Sturmgrau, Januar- und Wochenendnachmittagsgrau. Was mache ich hier eigentlich?, dachte Island und spuckte in den Wind.

Am späten Vormittag war sie aufgebrochen, man hätte auch sagen können, sie war aus ihrer Wohnung geflüchtet, hatte Gummistiefel, Schal und Daunenjacke in den Kofferraum ihres Mazdas geworfen und war losgefahren. Planlos, ziellos. Nur um ihren trüben, trostlosen Gedanken zu entkommen, der Sonntagmorgendepression, die sich trotz Zeitungslektüre und drei Bechern Kaffee mit viel Milch eingestellt hatte. Ein leichter Kater hatte ihr in den Gliedern gesteckt, der von zu viel französischem Rotwein, Schokoladenchips und Fernsehkonsum am Abend zuvor herrührte.

Sie war auf die Autobahn gefahren, Richtung Rendsburg, und dann immer geradeaus gen Westen, auf das Meer zu, von dem seit Wochen Wind, Wolken und Regen herüberzogen. Erst vor drei Tagen hatte der Wind auf Nordnordost gedreht. Die Luft war kälter geworden. Aber die nordatlantischen Luftmassen zogen heran, ohne dass Schnee fiel.

Erst als sie auf dem Parkplatz hinter dem Deich angekommen war und sich in Jacke und Gummistiefel zwängte, wurde ihr bewusst, wie verrückt die ganze Aktion eigentlich war. Ein Ausflug an die Nordsee, im Januar. Das machte niemand. Jedenfalls keiner, der an der Ostsee wohnte und einigermaßen bei Trost war.

Sie wohnte jetzt an der Ostsee. Wieder. Nach fast zwanzig Jahren als Kriminalhauptkommissarin in Berlin hatte man sie vor wenigen Monaten nach Kiel versetzt. In die Stadt, in der sie zur Welt gekommen und in deren Nähe sie aufgewachsen war. Versetzt in die Bezirkskriminalinspektion.

Die meisten ihrer neuen Kollegen von der Mordkommission Kiel glaubten, sie sei freiwillig in den Norden zurückgekehrt, aber das stimmte nicht. Olga Island war aus Berlin fortgegangen, weil man ihr deutlich gemacht hatte, dass ihr Leben dort nicht länger sicher war. Piotr, der »große Balte«, Chef einer der mächtigsten Mafiabanden der Hauptstadt, hatte sie zu seiner Gegnerin erklärt.

Im letzten Sommer hatte Island im Laufe der Ermittlungen gegen seine blutigen Machenschaften einen seiner besten Männer erschossen: Mischa, einen jungen Polizisten, den Piotr regelmäßig mit Drogen versorgt hatte. Mischa war einer von ihren engsten Mitarbeitern bei der Berliner Mordkommission gewesen. Sie hatte ihn aus Notwehr getötet, doch das Gefühl einer tiefen, unauslöschbaren Schuld war seitdem ihr ständiger Begleiter. Niemals würde sie sein Gesicht vergessen, den verwirrten, verwunderten und verletzten Ausdruck in seinen Augen, als die tödliche Kugel aus ihrer Pistole in seinen Körper gedrungen war. Dieser Moment würde sie immer verfolgen, überallhin, zu allen Zeiten. Auch wenn es Mischa gewesen war, der plötzlich ohne Vorwarnung kaltblütig seine Waffe auf sie gerichtet hatte, um sie an Ort und Stelle und ohne Zeugen zu erschießen.

Der psychologische Dienst ihres neuen Arbeitgebers hatte ihr Hilfe angeboten, aber bereits nach zwei Terminen bei einer matronenhaften Polizeipsychologin am Alten Markt, von deren Praxis aus man auf die Werftkräne blicken konnte, hatte sie die Gesprächstherapie abgebrochen. Zu oft hatte sie während der Sitzungen in Gedanken auf einem der Kräne gestanden, bereit, sich hinunterzustürzen. Aber davon hatte sie nichts erzählt, weil sie der Meinung war, dass diese Gedanken nur sie selbst etwas angingen. Tausend Stunden Therapie können mir nicht helfen, dachte sie.

Kurz nach ihrer Versetzung nach Kiel war Piotr in Berlin festgenommen worden und saß seitdem in Moabit in Untersuchungshaft. Der Gerichtsprozess gegen den Bandenchef war noch nicht eröffnet worden, denn die Ermittlungen waren kompliziert und würden sich lange hinziehen. Olga Island hatte viele ähnliche Prozesse erlebt: gegen vietnamesische Zigarettenhändler, gegen albanische Familienclans, gegen libanesische Banden. Nicht selten war es vorgekommen, dass man die Oberhäupter der Gruppen gefasst hatte, sie aber nach achtzehn Monaten Untersuchungshaft hatte laufen lassen müssen, weil ein ordentliches Gerichtsverfahren während dieser Zeit nicht eröffnet werden konnte. Möglicherweise würde es bei Piotr ebenso sein. Entlassung statt Knast. Freiheit statt Strafe.

Was Island am meisten wurmte, war, dass man sie nicht von offizieller Seite über die Verhaftung des Mannes informiert hatte, der sich damit brüstete, ihr Leben jederzeit auslöschen zu können. Im Gegenteil: Piotr höchstpersönlich hatte sie angerufen, um ihr mitzuteilen, dass er einsaß. Das war seine Art und Weise, ihr klarzumachen, dass man sie ausgebootet hatte. Sie war draußen, auf dem Abstellgleis, in der Provinz. Aber immerhin lebte sie.

Die Sohlen ihrer Stiefel schmatzten in den schlammigen Pfützen, als sie über den Sommerdeich auf den Leuchtturm zuwanderte. Pittoresk, dachte sie, wie das Leuchtfeuer zwischen den beiden Häusern eingeklemmt auf der kleinen Warft steht, in der Einsamkeit der weiten Landschaft, Sturm, Regen und Springfluten trotzend. Sie stemmte sich gegen den eiskalten Wind, ballte die Fäuste in den Taschen und versuchte, etwas schneller voranzukommen.

Sie dachte daran, wie Lorenz, ihr Freund und Wochenendgeliebter, ein lebensfroher Künstler aus Berlin-Kreuzberg, sie in ihrer ersten Zeit in Kiel ein paar Mal besucht hatte. Ziemlich bald aber hatte er die ständigen Zugfahrten satt gehabt und sich noch etwas mehr aus ihrem Leben zurückgezogen. »Ein bisschen ausgeklinkt«, hatte er es genannt. Von Trennung hatte er nicht sprechen wollen. Im Nachhinein war sie sich gar nicht sicher, ob sie überhaupt je richtig zusammen gewesen waren.

Im Dezember war sie nach Berlin gereist und hatte sich um einen Zwischenmieter für ihre alte Wohnung im Stadtteil Friedenau gekümmert. Auf ihre Anzeige hatten sich zahlreiche Interessenten gemeldet. Von allen, die sich die Wohnung angesehen hatten, waren ihr zwei schwule Männer am sympathischsten erschienen. Das Paar war begeistert gewesen von den abgeschliffenen, hellen Holzdielen in den Zimmern und dem großen Baum im Hinterhof. Es waren zwei junge Kommissare, beide frisch von der Polizeischule, die gerade ihre erste Anstellung bei der Schutzpolizei angetreten hatten. Sie hatten sogar unaufgefordert die Police ihrer Haftpflichtversicherung vorgezeigt. Das hatte ihr gefallen, denn schließlich hatte sie sich in der Hoffnung, doch eines Tages nach Berlin zurückkehren zu können, entschlossen, den größten Teil ihrer Möbel zurückzulassen und nur das Allernötigste nach Kiel mitzunehmen.

»Kiel«, hatte einer der beiden gesagt. »Cool! Da wollen wir auch hin, wenn wir für Berlin zu alt sind. Die ganzen Matrosen dort. Traumhaft!«

»Ja, ja«, hatte sie tapfer genickt und ein Lächeln versucht, so als hätten diese Worte sie nicht ins Mark getroffen.

Die Wolken hingen tief über dem Land, aber ihr Blick konnte bis zu einem fernen Horizont schweifen. Das gab ihr die beruhigende Gewissheit, dass die Erde, die ihr oft so klein und beengt vorkam, ein großer Planet war, der vielleicht sogar für jeden Platz bereithielt. Mit einer Natur, die man nicht beherrschen konnte oder musste, weil sie großartig und schön war. Hier draußen, am Rande eines wütenden Meeres, ging es nicht um psychologisches Geschwätz über Befindlichkeiten, sondern ums nackte Überleben. Genug Schutz gegen die Kälte, genug Nahrung, Strategien gegen das Gefressenwerden. Darauf kam es hier draußen an. Wenn man all dies erreichte, dann ging es einem gut – als Strandkrabbe, Miesmuschel, Möwe oder als Mensch.

Aber war das wirklich schon alles?

Bleibt noch die Vermehrung, dachte Olga Island. Das große Ziel im Leben aller Organismen. Das habe ich ausgelassen. Was soll’s? Ohne Kinder bleibt einem ja auch eine Menge erspart. Vielleicht kaufe ich mir irgendwann einen Hund. Dem würde es bestimmt gefallen, auf dem Deich spazieren zu gehen.

Der Weg, auf den sie inzwischen gelangt war, machte eine Biegung, und sie hatte die Warft fast erreicht. Die beiden Häuser, die viel größer waren, als sie aus der Ferne ausgesehen hatten, wirkten verlassen. Kein Mensch weit und breit. Nur oben vom Turm das rhythmische Blinken des Leuchtfeuers.

Hatte sie sich so ihr Leben vorgestellt? Kurz vor dem vierzigsten Geburtstag durchgefroren auf einem winterlich öden Marschenvorland Trübsal zu blasen? Allein, ohne irgendjemanden, den sie anrufen oder dem sie wenigstens eine SMS schicken konnte oder wollte.

Sie zog einen Schokoriegel aus ihrer Jackentasche und riss das Papier auf. Klebriges Karamell geriet zwischen ihre Backenzähne und verursachte augenblicklich einen sengenden Schmerz im Unterkiefer.

Sie musste schon wieder an Berlin denken. Besonders das vergangene Weihnachten dort war schrecklich gewesen. Sie hatte den Heiligen Abend bei ihrer Tante Thea im Wedding verbracht. Lorenz war zu seinen Eltern nach Süddeutschland gereist und hatte sie natürlich nicht gefragt, ob sie hätte mitkommen wollen. Tante Thea, die seit ein paar Jahren in einem Wohnprojekt im Berliner Norden lebte, war Olga Islands engste Verwandte. Thea hatte sie großgezogen, seit Olgas Mutter Anfang der siebziger Jahre von einer Reise nach Südamerika nicht zurückgekehrt war. Zusammen mit ihrer Nichte hatte Thea in einem kleinen Haus an der Strandpromenade von Laboe bei Kiel gewohnt – bis Olga nach Berlin gegangen war, um Polizistin zu werden. Etwa ein Jahrzehnt später, als das Häuschen an der Kieler Förde dem Neubau eines Strandhotels weichen musste, hatte es auch Tante Thea nicht mehr in Laboe gehalten. Kurz bevor der Bagger des Abrissunternehmens angerückt war, um ihre gehegten und gepflegten vier Wände samt Veranda, Gartenhaus und Garage umzuwerfen, hatte die Gymnasiallehrerin, frisch pensioniert und tatendurstig, alle Habseligkeiten in ihr altes Wohnmobil geladen und war ihrer Nichte in die Hauptstadt gefolgt. Im Wedding hatte sie ziemlich bald ein biodynamisch orientiertes, tierliebendes, generationsübergreifendes Wohnprojekt auf einem ehemaligen Fabrikgelände aufgetan und sich mit all ihrem Enthusiasmus ins alternative Leben gestürzt.

»Ich wollte sowieso noch mal raus«, pflegte Thea seitdem zu sagen. »Und hier ist zumindest was los!« Fürs Erste hatte sie sich mit einem einsamen Abgeordneten des Bundestages getröstet, sich später einer Schauspielgruppe angeschlossen und damit begonnen, in einem Stadtteilladen Volkstanz, Klöppeln und das Singen von Shanties zu unterrichten.

Den Weihnachtsabend hatte Tante Thea ausnahmsweise einmal ganz gewöhnlich mit Gänsebraten und Danziger Goldwasser in den Räumen ihrer Fabriketage verbracht, die sie sich mit zwei anderen älteren Damen teilte. Olgas Anwesenheit hatte sie dabei mehr oder weniger gnädig geduldet. Doch bereits am frühen Morgen des ersten Weihnachtstages war das agile Tantchen mit ein paar Freundinnen nach Norwegen zum Skilaufen aufgebrochen.

Olga Island hatte also allein in Berlin gesessen und die bröselnden Ziegelwände in der Küche der Wohngemeinschaft angestarrt, um am zweiten Weihnachtstag vorzeitig nach Kiel zurückzukehren. Dort hatte sie sich in ihrer neuen, fast noch unmöblierten Wohnung in einer Seitenstraße des Blücherplatzes mit Schnaps betrunken, war aber noch in derselben Nacht zu einem Einsatz in einen Wohnblock nach Mettenhof gerufen worden. Ein Mann hatte seine Ehefrau vom Balkon im zehnten Stock gestoßen, was die Frau nicht überlebt hatte. Der Mann war geständig gewesen und hatte seine Tat an Ort und Stelle bereut.

Bis zum Neujahrstag hatte es noch zahlreiche weitere, zum Glück weniger tödliche Familiendramen gegeben. Die Frauenhäuser in Kiel und Umgebung hatten Vollauslastung gemeldet, und alle waren froh gewesen, als das neue Jahr endlich richtig begonnen hatte.

Olga Island seufzte und drehte sich um, um zum Deich zurückzuwandern. Da klingelte ihr Handy.

Die Nummer war die des Kriminaloberkommissars Jan Dutzen.

Es rauschte in ihrem Ohr. Sie hatte ihren Kollegen das letzte Mal drei Tage vor Weihnachten gesehen. Er hatte vorgehabt, über den Jahreswechsel auf die Kanaren zu fliegen. Sie war froh gewesen, ihm seither nicht wieder begegnet zu sein. Denn nach der ohnehin schon feuchtfröhlichen Weihnachtsfeier der Kripo waren sie noch zusammen über den Weihnachtsmarkt am Holstenplatz gebummelt. Er hatte ihr zwei, drei Becher Glühwein spendiert, und sie hatten sich über alles mögliche Dienstliche unterhalten. Was in dem heißen Punsch außer Gewürzen noch alles drin gewesen war, wussten wohl nur die Dame vom Glühweinstand und der Teufel persönlich. Jedenfalls hatte Island sich irgendwann, als die Glühweinbude längst geschlossen war, in bester Alkohollaune mit Dutzen ein Taxi geteilt, weil sie beide in dieselbe Richtung mussten: sie zum Blücherplatz und er weiter raus nach Altenholz. Wie er es angestellt hatte, dass sie ihn mit nach oben genommen hatte, wusste sie nicht mehr. Wie die gesamte Erinnerung an den Rest der Nacht mehr als nebulös war.

Jedenfalls hatte Dutzen neben ihr auf der Luftmatratze gelegen, als sie am folgenden Morgen in ihrer Wohnung erwacht war. Nachdem er gegangen war, blieb bei ihr das Gefühl einer riesigen Peinlichkeit zurück, obwohl sein Grinsen beim Abschied nicht so dreist ausgesehen hatte wie sonst.

»Frohes Neues«, schmetterte er in ihren Gehörgang.

»Gleichfalls«, antwortete Island.

»Wo steckst du?«

»Was geht dich das an?«

»Ich bin heute der Mann für alle Fälle. Den man anruft, wenn man einen Notfall hat.« Er lachte heiser.

»Und was gibt’s? Mord?«

»Bisher nur eine vermisste Person auf einem Bauernhof.«

»Wo?«

»In der Nähe von Rieseby an der Schlei.«

»Schick die Kripo Eckernförde!«

»Eine Streife ist schon da.«

»Und?«

»Schreiende Kühe im Stall und sonst niemand.«

»Das ist allerdings merkwürdig«, bemerkte Island.

»Wann kannst du dort sein?«, fragte Dutzen.

»Die Verbindung von der Westküste an die Schlei ist nicht gerade eine Rennpiste. Werd wohl anderthalb Stunden brauchen.«

Er gab ihr eine genaue Wegbeschreibung durch.

»Dann mal flotti flotti, wie deine Berliner sagen würden«, witzelte er. »Bis gleich.«

Island verzog das Gesicht und verstaute das Handy mit steifen Fingern in der Jackentasche. Sie war sich nicht sicher, aber es hatte sich so angehört, als hätte Dutzen, kurz bevor er auflegte, ein Knutschgeräusch von sich gegeben.

Als sie wieder in ihrem Wagen saß und sich durch die zerzausten Haare fuhr, sah sie im Rückspiegel, dass ihre Wangen knallrot waren. Das lag wohl nicht nur am eisigen Wind.

5

Als sie eine Stunde später das Dorf Rieseby hinter sich gelassen hatte und auf der Landstraße einige Kilometer in Richtung der Schleibrücke bei Lindaunis gefahren war, begann es bereits zu dämmern. Kurz vor dem Ortsschild von Patermeß bog sie in einen Plattenweg ein, so wie Dutzen es ihr beschrieben hatte. Der Weg führte zwischen weitläufigen Wiesen und Ackerflächen hindurch auf einen Wald zu. Weit und breit war kein Haus zu sehen. Erst nachdem Island einen unbeschrankten Bahnübergang überquert hatte, entdeckte sie abseits des Weges die Gebäude eines Bauernhofs. Gutbyholz war in einen runden Feldstein eingraviert, der neben der Einfahrt lag.

Sie fuhr auf den Hofplatz und hielt vor einem schlichten, grauen Haus. Hier standen schon einige Wagen. Sie sah Dutzens BMW, einen silber-blauen Streifenwagen, einen hellen Geländewagen mit Kindersitzen auf der Rückbank sowie einen älteren Mercedes, den man früher, zu Islands Schulzeiten, »Bauernbenz« genannt hatte.

Sie stieg aus. Ein schwacher Wind fuhr durch die Wipfel der kahlen Obstbäume und ließ eine zerrissene Kunststoffplane über einem Silo auf der anderen Hofseite flattern.

Die Eingangstür des Wohnhauses war unverschlossen. Drinnen war es dunkel, und auf ihr Rufen antwortete niemand. Sie ging hinüber zu einem hohen, langgestreckten Backsteinbau mit Eternitdach. Aus der offenen Stalltür drang Licht heraus. Als sie näher kam, hörte sie metallisches Klimpern, leises Mampfen und stoßweise hervorgepressten Atem. Sie betrat eine breite Stallgasse. Die Luft war warm, und ein Geruch von Silage und von den Ausdünstungen der Tiere umfing sie. Jan Dutzen stand zwischen schulterhohen Siloballen und stakte mit einer Forke Futter vor die Fressgitter der Tiere, die gierig fraßen. Etwas weiter hinten im Stall war ein Streifenpolizist ebenfalls mit der Tierfütterung beschäftigt.

»Moin«, sagte Island.

Dutzen deutete auf zwei Plastikeimer und dann auf ein Waschbecken neben der Stalltür.

»Die brauchen auch noch Wasser nach dem Fressen …«

»Willst Du mich veräppeln?«, fragte sie. »Die haben doch wohl Tränken?«

Dutzen lachte laut los und arbeitete weiter, während ein schlanker, dunkelhaariger Mann von Anfang fünfzig in grauem Kittel den Gang entlangkam. Er verstaute fingerdicke Einwegkanülen in einem Koffer und klappte ihn zu. Die Iris seiner Augen war so blau wie das Wasser der Ostsee an sonnigen Tagen.

»Holgerson, Tierarzt«, stellte er sich vor, und als sie »Island, Kriminalhauptkommissarin, Kripo Kiel« entgegnete, sah er sie so durchdringend an, dass sie sich irritiert eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich.

»Bin erst mal mit dem Wichtigsten durch«, sagte er. »Bei etlichen Kühen sind die Euter bereits entzündet. Genaues wird sich aber erst beim Melken zeigen. Bei zwei Tieren sind die Milchgänge aufgeplatzt, eine Kuh musste ich sofort einschläfern. Sie hatte große Schmerzen. Gerade wollte ich rübergehen und nachsehen, wie Ihre Kollegin vorankommt.«

Island folgte ihm in einen Raum, der durch eine Mauer mit zwei Durchlässen vom übrigen Stall getrennt war. Hier stand Kriminalkommissarin Henna Franzen in einer weiß gekachelten Grube zwischen Gummischläuchen und Plastikbehältern. Zischend und klopfend arbeitete die Melkmaschine. Franzen trug Gummistiefel und einen Blaumann. Ihre roten, kurzen Haare standen in einer Art Punkfrisur vom Kopf ab. In aller Seelenruhe massierte sie ein von Adern durchzogenes Euter, bis die Milch aus jeder Zitze spritzte. Dann erst ließ sie die Melkkolben ansaugen und sah zu, wie die Milch durch die Plastikrohre schoss. Es schien sie völlig kalt zu lassen, dass auf der anderen Seite der Melkgrube die noch ungemolkenen Kühe nachdrängten und brüllten. Es grenzte an ein Wunder, dass sich die Tiere nicht gegenseitig verletzten.

»Hey, Franzen, wieso kannst du das?«, rief Island ihr zu.

»Gelernt ist gelernt«, antwortete die junge Kommissarin und grinste. »Mein Onkel hat Milchvieh auf Eiderstedt, da helf ich schon mal aus.«

»Plietsches Mädel«, bemerkte der Tierarzt, während sie zusammen über den unbeleuchteten Hofplatz zu den Wagen gingen. »Kriegt sie super hin. Die Betriebshelferin müsste aber gleich da sein. Sie übernimmt dann das Ganze. Die Milch muss leider vernichtet werden wegen der Einblutungen und der Medikamente, die ich den Kühen gespritzt habe. Aber die Euter müssen leergemolken werden, sonst gehen die Tiere zugrunde.«

Island nickte. Es war nicht ihr Verdienst, dass die Mitarbeiter der Mordkommission so vielseitig einsetzbar waren. Aber der Veterinär schaute sie so bewundernd an, als hätte sie selbst Henna Franzen das Melken beigebracht. Ob Holgerson wohl Holger mit Vornamen hieß? Holger Holgerson, Tierarzt im Landkreis Rendsburg-Eckernförde, das würde doch passen.

»Ich heiße übrigens Torsten«, sagte der Mann unvermittelt, als habe er ihre Gedanken gelesen. »Olga«, sagte Island und fingerte nervös an ihrem Schal herum.

»Olga«, stöhnte Dutzen, der herangestiefelt war und sich unbemerkt hinter sie gestellt hatte. Er zupfte welkes Gras von seinem Pullover. »Was glaubst du, was hier bis eben los war! Die ganzen Viecher waren total am Durchdrehen. Den Film davon kann dir unser Supergirl Franzen bei Gelegenheit auf ihrem Handy zeigen. Und alles, weil der Bauer weg ist. Verschwunden. Arrivederci.«

»Wer hat die Sache gemeldet?«

»Ein Jogger. Ist heute Vormittag den Weg entlanggekommen, hat das Brüllen der Tiere gehört und die Polizei verständigt.«

»Die haben gleich bei mir angerufen«, sagte der Tierarzt, öffnete die Heckklappe seines Jeeps und stellte den Koffer auf die Ladefläche.

»Wie heißt der Bauer, der verschwunden ist?«

»Heiner Bracht. Was den Tierschutz und die Tiergesundheit angeht, hat es nie Beschwerden gegeben. Er hat immer solide gewirtschaftet. Wohnt allein hier.«

Island betrachtete die beiden Kindersitze auf der Rückbank des Geländewagens. Ob die Sprösslinge des Tierarztes alle so unglaublich blaue Augen hatten wie ihr Vater?

»Ein Einsiedler also?«, murmelte sie.

»Wohl schon«, meinte Torsten Holgerson und nickte. »Nicht jeder, der einen Hof erbt, findet die passende Frau.«

Er lächelte bedauernd, und Island fühlte sich ertappt. Allein bis ans Lebensende, dachte sie, genau wie ich. Man kann es mir ansehen.

»Gibt es kein Personal auf dem Hof?«, fragte sie schnell.

»Nein.«

»Kann ein Mann denn so einen Hof allein bewirtschaften?«

»Für die Ernte hat er Helfer. Dann geht das schon.«

»Polen, Rumänen oder Ukrainer?«

Holgerson schüttelte den Kopf.

»Die Erntehelfer bei so einem Viehzuchtbetrieb sind meist Studenten oder Bauernsöhne aus der Gegend, die auf den großen Maschinen eingesetzt werden können.«

»Wie alt ist Heiner Bracht?«, wollte Island wissen.

»Müsste auf die sechzig zugehen«, meinte der Tierarzt.

»Da wird er wohl kaum in der Dorfdisko versackt sein«, warf Dutzen ein.

Holgerson legte einen Arm auf das Wagendach.

»Weitere Fragen zum Hof und seiner Bewirtschaftung stellen Sie am besten Hilke Sass, der Betriebshelferin, die gleich da sein müsste. Ich werde heute Abend noch mal nach den Tieren sehen. Jetzt steht Kinderhüten auf dem Programm.« Er entblößte strahlend weiße Zähne, stieg ein und schlug die Fahrertür zu. Kurze Zeit später hörte Island, wie sich sein Wagen durch die Felder entfernte.

»Ein Landwirt würde doch niemals seine Tiere unversorgt lassen und einfach abhauen«, sagte Island, als sie zusammen mit Dutzen und einem Streifenbeamten aus Eckernförde, der sich als Baumann vorgestellt hatte, vor dem Wohnhaus stand.

»Vielleicht liegt er irgendwo auf seinen Ländereien«, mutmaßte Dutzen. »Alkoholrausch, Schwächeattacke oder ein Unfall.«

»Im Haus und auf dem Hof haben wir alles durchsucht«, berichtete Baumann. »Keine Spur von dem Mann. Sein Auto steht vor der Tür. Der Zündschlüssel steckt. Die Maschinenhalle ist vollgeparkt mit den üblichen Landmaschinen. Da fehlt nichts. Er könnte natürlich mit einem Rad unterwegs sein oder ein unangemeldetes Motorrad besitzen, aber wir haben keine Hinweise darauf gefunden.«

»Sie waren der Erste auf dem Hof?«

»Zusammen mit Ketelsen, meinem Kollegen, der noch drüben im Stall hilft, ja.«

»Was war Ihr Eindruck?«

Baumann dachte nach.

»Das Gebrüll der Kühe, das ging einem durch Mark und Bein.«

»Und sonst?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nichts Besonderes.«

»Brannte irgendwo Licht? Im Stall zum Beispiel oder im Wohnhaus?«

»Nein, nirgends. Die Haustür war unverschlossen, ebenso die Tür, die von der Küche nach hinten in den Garten führt. Aber das ist auf dem Land ja normal. Wenn ein Bauer in den Stall geht, schließt er nicht gleich sein Haus ab.«

»Gibt es außer den Kühen noch andere Tiere?«

»Zwei Katzen habe ich gesehen, die lungerten um die Küchentür rum. Und hinter dem Haus steht ein Hundezwinger. War aber leer, als wir kamen.«

Als Island die Diele betrat, geriet sie in den Radius eines Bewegungsmelders. Über der Tür schaltete sich eine Lampe ein, die den quadratischen, gelb gestrichenen Raum in ein schummriges Licht tauchte. Es war kühl im Haus, und es roch abgestanden. Im Flur trat sie auf ein dunkelbraunes Fell, das wie ein Teppich ausgebreitet am Boden lag. Kleine, gegerbte Ohren ragten daraus hervor. Island machte einen weiten Schritt und landete zu ihrem Unmut mit dem Fuß auf dem flach ausgesteckten Stummelschwanz des Wildschweinfells. Gegenüber der Haustür befand sich eine Garderobe, an der ein schwarzer Mantel hing. Darunter stand eine Eichentruhe, mit einem Paar geputzter Schuhe davor.

Von der Diele aus gelangte man linker Hand in ein kleines Schlafzimmer, rechter Hand lag das Wohnzimmer. Es war groß und wirkte leer, obwohl dunkle Holzmöbel darin standen, die aussahen, als befänden sie sich seit Generationen im Familienbesitz. Das einzige Bild, das Island entdecken konnte, war ein großes, düsteres Ölgemälde in einem geschnitzten Rahmen, das über dem Sofa hing und eine nächtliche Waldlandschaft zeigte. Die vergilbten Gardinen waren sorgfältig aufgesteckt. Keine einzige Topfblume schmückte die Fensterbänke.

In der Küche reichten die weißen Einbauschränke bis zur Decke. Sie strahlten nicht gerade vor Sauberkeit, aber alles wirkte aufgeräumt. Auch der Geschirrspüler war leer, und der Abfalleimer enthielt einen frischen Abfallbeutel. Islands Blick fiel auf die Wand über dem Küchentisch. Dort befand sich eine viereckige Uhr, die monoton tickte. Von der Decke hing eine Klebefliegenfalle, an der einige leblose Fliegen klebten.

»Ob der wegfahren wollte?«, meinte Dutzen und zog die Kühlschranktür auf. »Butter, Käse, eingeschweißte Wurstscheiben, eine Flasche Wodka. Alles von dem Discounter, bei dem ich auch immer einkaufe. Hätte ich nicht gedacht.«

»Was wundert dich daran?«, fragte Island.

»Sind es nicht die Bauern, die sich über die niedrigen Preise beklagen, die sie für ihre Erzeugnisse erzielen?«, ereiferte er sich. »Und dann kaufen sie selber in den Billigläden ein?«

»Bauern müssen eben auch sparen«, sagte Island. »Bullerbü gibt’s nicht mehr.«

Jan Dutzen sah sie spöttisch an.

»Bullerbü?« Er verzog den Mund zu einem breiten Grinsen.

»Entdeckst du gerade deine Liebe zu Kindern?«

Sie sah ihn erstaunt an. »Warum?«

»Ich meine nur, weil du die Kindersitze von diesem Landarzt so angeglotzt hast.«

»Ach, habe ich das?«

»Sah zumindest so aus.«

Island spürte, wie ihr warm wurde. Was war nach der Weihnachtsfeier eigentlich geschehen? Blackout, dachte sie, und: Jetzt bloß cool bleiben.

»Oder waren es seine blauen Augen, die du bewundert hast? Ich heiße übrigens Torsten. Hahaha.«

»Hör mal zu, Dutzen! Lass uns ermitteln, und halt deine verdammte Schnauze.«

Er lachte schallend, bis Baumann aus dem Wohnzimmer zu ihnen herüberkam und fragte, was los sei.

»Nichts, gar nichts«, sagte Dutzen und juchzte vor sich hin.

6

Neben der Küche befand sich ein Hauswirtschaftsraum, von dem aus eine Holztür in den Garten führte. An einer Garderobe hingen Arbeitshosen und Jacken, und auf dem Regal an der Wand standen lehmverkrustete Gummistiefel und grobe Lederschuhe. Aus der Trommel der Waschmaschine quoll ungewaschene Wäsche. Während Island den Trockner inspizierte, der allerdings leer war, wurde die Außentür aufgezogen, und ein blonder Haarschopf erschien.

»Moin«, grüßte eine kleine, kräftige Frau in Wollpullover und Arbeitshosen und betrat den Raum. Ein kleiner weißer Hund strich um ihre Beine.

»Hilke Sass? Guten Tag.« Island streckte ihr die Hand entgegen. »Sie kennen sich hier aus?«

»Absolut.«

»Können Sie uns ein paar Fragen beantworten, bevor Sie Ihre Arbeit beginnen?«

»Ja, deswegen hat mich Ihre Kollegin ja hergeschickt. Machen Sie’s aber bitte kurz.«

»Wo könnte Herr Bracht sich aufhalten?«

»Keine Ahnung.«