Die Masken des Dr. Faustus

 

 

 

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Band 6

 

Die Masken des Dr. Faustus

 

von Ernst Vlcek und Neal Davenport u.a.

 

 

© DORIAN HUNTER: Zaubermond-Verlag

© DÄMONENKILLER: Pabel-Moewig Verlag KG

 

Titelbild: Mark Freier

eBook-Erstellung: story2go

 

© 2008 Zaubermond-Verlag

http://www.zaubermond.de

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

Was bisher geschah:

 

Der ehemalige Reporter Dorian Hunter hat sein Leben dem Kampf gegen die Schwarze Familie der Dämonen verschrieben, seit seine Frau Lilian durch eine Begegnung mit ihnen den Verstand verlor.

Seine Gegner leben als ehrbare Bürger über den ganzen Erdball verteilt. Nur vereinzelt gelingt es Dorian, ihnen die Maske herunterzureißen. Unterstützung in seinem Kampf erhält er durch den englischen Secret Service, den er von der Wichtigkeit seiner Mission überzeugen konnte. Der Service gründete die Inquisitionsabteilung, deren Leiter Trevor Sullivan seitdem auch Dorians Vorgesetzter im Kampf gegen die Dämonen ist. Ihr Hauptquartier ist die Jugendstilvilla in der Londoner Baring Road, die durch Dämonenbanner gegen einen Angriff der Schwarzen Familie gesichert ist.

Bald kommt Hunter seiner eigentlichen Bestimmung auf die Spur: In einem früheren Leben schloss er als französischer Baron Nicolas de Conde einen Pakt mit dem Bösen, der ihm die Unsterblichkeit sicherte. Sein Versuch, den Teufel zu überlisten, schlug fehl. Daraufhin entschloss sich der Baron, die Dämonen zu bekämpfen. Er verfasste den »Hexenhammer« – jenes fanatische Machwerk, das im 16. Jahrhundert zur Grundlage für die Hexenverfolgung wurde. Doch seine Absichten wurden ins Gegenteil verkehrt. Unschuldige Menschen fielen der Inquisition zum Opfer; die Dämonen blieben ungeschoren.

Aber der Pakt galt, und als de Conde selbst auf dem Scheiterhaufen starb, wanderte seine Seele in den nächsten Körper über. So ging es fort bis in die Gegenwart.

Dorian Hunter begreift, dass er die Wiedergeburt de Condes ist. Es ist seine Aufgabe, den Dämonen nachzustellen und sie zu vernichten.

Vielleicht ist dieser angeborene Dämonenhass der Grund dafür, dass er sich nicht an die Vorgaben des Secret Service hält. Er jagt die Dämonen auf eigene Faust, und als die Erfolge ausbleiben, gerät die Inquisitionsabteilung unter Druck. Ein Ende der Zusammenarbeit zeichnet sich ab.

Hunters engste Gefährten jedoch lassen sich durch die Rückschläge nicht schocken: Da wäre zunächst die junge Hexe Coco Zamis, die früher selbst ein Mitglied der Schwarzen Familie war, bis sie wegen ihrer Liebe zu Dorian den Großteil ihrer magischen Fähigkeiten verlor. Weiterhin der Hermaphrodit Phillip, der weder Mann noch Frau, weder Mensch noch Dämon ist und dessen hellseherische Fähigkeiten ihn zu einem lebenden Orakel machen, sowie der Puppenmann Don Chapman, der als Agent für den Service arbeitete, bis er von einem dämonischen Puppenmacher auf Zwergengröße geschrumpft wurde.

Auch wenn der Service nicht an einer weiteren Zusammenarbeit interessiert ist, können Hunters Erfolge sich sehen lassen. Es ist ihm gelungen, seine dämonischen Brüder zu töten und Asmodi, das Oberhaupt der Schwarzen Familie, zu vernichten. Aber seine Hoffnung, die Schwarze Familie entscheidend geschwächt zu haben, erfüllt sich nicht. Der Dämon Olivaro, der sich früher als scheinbarer Verbündeter Dorians dessen Vertrauen erschlich, hat Asmodis Nachfolge übernommen. Zwar ist seine Position innerhalb der Familie nicht unumstritten, aber das lässt ihn im Kampf gegen Dorian nur umso gewissenloser agieren. Er hat keine Skrupel, auch weiterhin mit Hunter zusammenzuarbeiten, wenn es seinen Interessen dient ...

 

 

 

 

Erstes Buch: Jagt die Satansbrut

 

 

Jagt die Satansbrut

 

von Neal Davenport

 

1. Kapitel

 

Vergangenheit

 

Die Flanken des Fuchshengstes waren schweißnass. Ich klopfte ihm beruhigend auf den Hals, und er schnaubte. Mit einem sanften Schenkeldruck dirigierte ich das Pferd zwischen eine Baumgruppe.

Der Mond stand hoch am Himmel. Im Hintergrund erhoben sich die Montes de Toledo. Ich sprang aus dem Sattel und band den Hengst an einer Steineiche fest. Hinter den Sattel hatte ich einen Ziegenfellbeutel geschnallt, den ich jetzt öffnete und dem ich einen schwarzen Umhang mit Kapuze entnahm.

Der Hengst stampfte mit der rechten Hinterhand auf und schnaubte wieder. Ich schlang mir den Umhang um die Schultern. Er reichte bis auf den Boden. Auf dem Rücken war ein roter Teufelskopf eingestickt, und die Kapuze war mit seltsamen Mustern bedeckt.

Ich durchquerte den Eichenwald und betrat eine Lichtung. Nach wenigen Schritten hatte ich einen steinigen Pfad erreicht, der zu einem halbverfallenen Gebäude führte. Ich blieb stehen und schloss den Umhang, dann zog ich die Kapuze über den Kopf. Ich konnte gut durch die schmalen Augenschlitze sehen.

Das Gebäude war dunkel. Der Vollmond spendete genügend Licht, so dass ich rasch vorwärts kam. Nach einigen Schritten sprangen plötzlich zwei dunkle Gestalten hinter einigen umgestürzten Bäumen hervor. In ihren Fäusten blitzten Degen, die sie drohend auf mich richteten. Unwillkürlich wollte ich nach meiner Waffe greifen, beherrschte mich aber im letzten Augenblick.

»Das Losungswort!«, sagte eine der Gestalten. Die Stimme klang seltsam hohl.

Jetzt würde sich herausstellen, ob Albertus Villanovanus' Informationen richtig gewesen waren.

»Casa Santa.«

Die Degen senkten sich.

»Ihr kommt spät, Herr. Die Zeremonie hat schon begonnen.«

Ich nickte und schritt zwischen den beiden Männern hindurch. Das Losungswort war eine Verhöhnung der Inquisition. Casa Santa bedeutete Heiliges Haus; so wurden die Häuser genannt, in denen die Folterwerkzeuge untergebracht waren und die Folterungen vorgenommen wurden.

Vor dem Haus musste ich nochmals das Losungswort sagen, dann wurde eine Holztür geöffnet, und ich durfte eintreten. Ein feuchter Korridor führte in die Tiefe. Alle zwanzig Schritte steckte eine Fackel in der Wand. Ich erreichte Stufen, die steil tiefer führten. Einige Sekunden lang blieb ich stehen. Ein seltsam eindringlicher Gesang war zu hören. Der Text war eine einzige Verspottung der katholischen Kirche.

Ich ging weiter. Meine Schritte hallten von den Wänden. Dann lag das große Gewölbe vor mir. Mehr als fünfzig Gestalten waren versammelt, die alle Umhänge wie ich trugen. Ich mischte mich unauffällig unter die Gruppe, hielt mich einstweilen im Hintergrund und stimmte in den Gesang mit ein. Irgendwie fühlte ich mich unbehaglich.

Albertus Villanovanus, mein Lehrer, hatte mich aus Toledo in dieses einsame Haus in der Nähe von Orgaz gesandt. Er wollte, dass ich die Ereignisse dieser Nacht mit eigenen Augen sehen sollte. Ich war sicher, dass sich unter den Anwesenden einige der einflussreichsten Edelleute und Bürger von Toledo und Umgebung befanden. Und angeblich sollten sich auch Mitglieder des Inquisitionsrates der Geheimgesellschaft der Teufelsanbeter angeschlossen haben. Ich musste vorsichtig sein. Auf keinen Fall durfte ich auffallen.

Villanovanus hatte einige seiner Leute vor einiger Zeit unter die Teufelsanbeter geschmuggelt. Manche waren entdeckt worden und eines fürchterlichen Todes gestorben. Angeblich sollte der Anführer der Teufelsanbeter ein echter Dämon sein, dessen wirklichen Namen niemand kannte. Er wurde nur Asmodi genannt und sollte über unheimliche magische Kräfte verfügen und ein führendes Mitglied einer Gruppe von Dämonen sein, die sich die Schwarze Familie nannte.

Die Luft im Gewölbe war stickig, und die unzähligen Fackeln wärmten. Ich schwitzte unter meinem Umhang.

Nach einigen Minuten knieten alle nieder, und ich folgte ihrem Beispiel. Dabei gelang es mir, einen Blick auf das Kopfende des gewaltigen Gewölbes zu werfen. Ich sah einen schwarzen Marmorblock, auf dem ein Kupfergefäß mit glühenden Kohlen stand. Hinter dem Block, der sicherlich der Opferstein war, stand eine seltsame Gestalt auf einem Sockel. Sie stellte den Teufel dar. Die hässliche Fratze mit den gebogenen Hörnern und der heraushängenden gespaltenen Zunge war deutlich zu erkennen. Die Gestalt hatte auch gut ausgeprägte weibliche Brüste; sie war als Zwitter dargestellt. Rasch senkte ich den Blick und fiel in die seltsamen Beschwörungen mit ein.

Dann brachen die Worte plötzlich ab. Ein kühler Lufthauch durchraste das Gewölbe, und die Fackeln loderten höher. Eine rotgekleidete Gestalt trat aus einer Tür, die sich links neben der Teufelsgestalt befand. Der Rotgekleidete war groß und breitschultrig und hielt eine Kette in der rechten Hand.

Überrascht weiteten sich meine Pupillen. Der Mann ging nicht auf der Erde, sondern er schwebte in der Luft, mindestens zehn Zentimeter über dem Boden. Hinter ihm betrat eine nackte Frau das Gewölbe. Um den Hals trug sie einen eisernen Ring, der mit der Kette, die der Unheimliche in der Hand trug, verbunden war. Das Gesicht der Frau war mit einer dichten Schicht Ruß bedeckt. Ihr Haar war pechschwarz und verhüllte ihre üppigen Brüste. Sie hatte den typisch schwerfälligen Gang einer Schwangeren.

Der Rotgekleidete band die Kette um die Teufelsfigur, und die Schwangere kroch auf die schwarze Marmorplatte. Sie legte beide Hände auf ihren geschwollenen Bauch. Der Rotgekleidete stellte die Kupferschale mit den brennenden Holzkohlen zwischen die Beine der Frau und warf einige Kräuter ins Feuer: Ein braungrüner Rauch stieg auf und durchdrang das Gewölbe. Dann fing der Rotgekleidete zu sprechen an. Es war eine Mischung aus Rede und Gesang. Seine Stimme klang tief und wirkte betäubend.

»Vor zweihundertsiebzig Tagen haben wir uns hier versammelt, um zu beginnen, was heute vollendet werden soll.«

Die Schwangere wälzte sich auf dem Opfertisch hin und her. Sie stieß winselnde Laute aus, dann einen lauten Schrei.

»Diese Frau wurde dazu bestimmt, die Braut des Satans zu sein. Ihr Körper wurde dazu ausersehen, die Frucht des Satans auszutragen. Es ist soweit. Die Geburt des Dämons mit den drei Körpern wird erfolgen. Lasst uns um die Gnade Luzifers flehen, damit seine Geschöpfe zu einem Wegbereiter unserer Idee werden.«

Die vermummten Gestalten begannen zu singen. Sie fassten sich an den Händen und tanzten um die Schwangere und den Rotgekleideten herum. Ich wurde von den anderen mitgerissen. Der Gesang wurde immer schriller und lauter, und die Bewegungen der Tanzenden wurden rascher, die Masse geriet in Ekstase. Der Gesang ging in wüste Beschimpfungen über, die sich alle gegen den katholischen Glauben richteten.

Der Rotgekleidete hob schließlich die Arme, und die Tanzenden blieben stehen. Ich rang nach Atem. Er senkte die Arme, und wir drehten uns alle um. Und wieder begann der Tanz.

»Satan, erhöre uns!«, brüllten sie – und ich mit.

Das Schreien der jungen Frau wurde unmenschlich. Wir tanzten im Kreis. Ich wagte nicht, den Kopf zu wenden. Dann gingen die Schreie der Frau in ein leises Winseln über.

Villanovanus hatte mich informiert, dass heute etwas Schreckliches geschehen sollte. Vor genau zweihundertsiebzig Tagen hatten sich die Teufelsanbeter unter Asmodis Führung – niemand anders konnte sich unter der roten Kutte verbergen – versammelt und eine Jungfrau geschwängert, beschimpft und besudelt. Es war die Zeugung eines Super-Dämons geplant worden, der heute geboren werden sollte.

Die Schwangere war nun still, doch wir tanzten weiter. Der Boden schien zu beben; ein lauter Knall war zu hören, und der Raum wurde in blendendweißes Licht getaucht. Risse zeigten sich im Gewölbe, und einige Steine fielen zu Boden. Schwefelgeruch hing in der Luft.

Die Vermummten warfen sich auf den Boden. Sie drückten die Stirn gegen die harten Steine und schwiegen. Lautes Donnern erfüllte das Gewölbe. Der Boden wellte sich. Blasen bildeten sich, und Sandfontänen wurden hochgeschleudert. Die Welt schien unterzugehen. Das Gewölbe wankte, und ich fürchtete, dass es jeden Augenblick einstürzen würde.

Dann war ein lauter klagender Schrei zu hören. Ich zuckte zusammen, und mein Herz schlug rascher. Ich wollte mich aufrichten, doch eine unsichtbare Kraft drückte mich stärker zu Boden. Schmatzende Geräusche drangen an mein Ohr. Das Splittern von Knochen vermischte sich mit gierigen Schlucklauten – es klang, als würde ein Löwe die Leiche seines Opfers verschlingen.

Wieder versuchte ich den Kopf zu heben – vergebens. Die unsichtbare Kraft war stärker. Mein Kopf dröhnte, als befänden sich hundert Glocken in meinem Hirn. Mir wurde übel. Grauenhafte Gedankenfetzen strömten auf mich ein. Ich zitterte am ganzen Leib.

Dann war es plötzlich ruhig, und ich konnte mich wieder bewegen.

»Steht auf!«, hörte ich die Stimme des Rotgekleideten. »Es ist getan.«

Schwankend richtete ich mich auf. Ich drehte den Kopf herum und erstarrte. Drei Säuglinge lagen auf dem Opfertisch. Die junge Frau war verschwunden. Die Säuglinge lagen auf dem Bauch, und ihre Gliedmaßen zuckten. Das Feuer im Kupferkessel war erloschen. Lange schwarze Haare lagen auf dem Opfertisch, und ich sah einige Blutflecken.

Meine Augen weiteten sich entsetzt. Der Gedanke war so absurd, doch er drängte sich förmlich auf. Die langen schwarzen Haare und die Blutflecken sagten genug, nur mein Verstand weigerte sich, das Unfassbare zu glauben. Aber die schmatzenden Geräusche, das Krachen der Knochen waren ein Beweis mehr.

Die vermummten Gestalten bildeten eine lange Reihe, und ich ordnete mich ein. Sie gingen am Opfertisch vorbei und hoben die Kapuzen hoch, dann beugten sie sich nieder und küssten die rosigen Hinterteile der Säuglinge. Jeder nahm eines der schwarzen Haare an sich, die auf der Platte verstreut lagen, und tauchte sie in einen der Blutflecken, dann gingen sie weiter, knieten vor der Teufelsgestalt nieder, küssten sie ebenfalls auf das Hinterteil und klebten die blutigen Haare auf die Figur. Danach verließen sie das Gewölbe.

Eine kleine Gestalt hob die Kapuze hoch. Mit Mühe unterdrückte ich einen Aufschrei. Es gab keinen Zweifel, der Mann war Lucero, den ich das letztemal 1506 gesehen hatte, vor fast zwei Jahren. Das schmale, asketische Gesicht mit dem gepflegten Spitzbart war nicht zu verkennen. Nach ihm kam ein Mann, den ich nicht kannte.

Ich brachte schaudernd das unheimliche Ritual hinter mich und klebte eines der Frauenhaare auf die Teufelsfigur. Dann drehte ich mich rasch um und sah, wie Lucero das Gewölbe verließ. Ich beschleunigte meinen Schritt und hielt einen Abstand von zwanzig Metern ein.

Villanovanus hatte wieder einmal recht behalten. Er hatte behauptet, dass Lucero, der ehemalige Inquisitor, der zuletzt spurlos verschwunden war, zum Bund der Teufelsbeschwörer gehörte.

Der Bluthund Lucero hatte sich 1506 in Cordoba mit letzter Mühe vor der aufgebrachten Menge retten können, die die Kerker der Inquisition stürmten und die Gefangenen befreiten. Seither war er nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden. Ich hatte mir geschworen, dass ich Lucero töten würde. Aber alle meine Nachforschungen nach ihm und Esmeralda, die ich einmal geliebt hatte, waren vergebens gewesen. Doch jetzt war das Glück auf meiner Seite. Ich hatte ihn entdeckt, und er würde mir nicht mehr entkommen.

Lucero verließ mit einigen anderen vermummten Gestalten das halbverfallene Gebäude. Ich blieb stehen und ließ ihn nicht aus den Augen. Er sprach mit einer der Gestalten, dann wandte er sich nach rechts. Ich folgte ihm. Die Wächter waren verschwunden. Dunkle Wolken zogen über den Himmel und schoben sich vor den Mond.

Ich öffnete meinen Umhang und griff nach meinen Waffen – einem Degen und einem kleinen Dolch mit gebogener Klinge. Lucero sollte mir nicht entkommen. Ich dachte daran, dass er Esmeralda auf dem Gewissen hatte, und der Zorn wollte mich schier übermannen. Ich beschleunigte meinen Schritt und war nur noch wenige Meter von meinem Gegner entfernt. Dieser blieb stehen und sah mir entgegen.

»Was wollt Ihr von mir? Glaubt Ihr etwa, dass ich nicht bemerkt habe, wie Ihr mir folgt?«

»Ich muss mit Euch sprechen«, sagte ich mit verstellter Stimme. »Es ist dringend.«

»Wisst Ihr, wen Ihr vor Euch habt?«

Ich nickte. »Ihr seid ...«

»Keinen Namen!«, zischte er. »Kommt mit!«

Ich passte mich seinen Schritten an.

»Weshalb wollt Ihr mich sprechen?«, fragte er nach einigen Minuten.

»Sagt Euch der Name Esmeralda etwas?«, fragte ich lauernd.

Er blieb überrascht stehen.

»Esmeralda wurde in das Schloss des Grafen de Godoy gebracht«, sprach ich weiter.

»Wer seid Ihr?«, fragte Lucero heiser.

»Ihr habt das Schloss rechtzeitig verlassen, Lucero. Godoy und seine schaurigen Gefährten aber wurden von mir gepfählt. Ich habe die Vampirbrut gnadenlos ausgerottet. Leider musste ich auch Fuenseca und seine Tochter Isabell töten. Nur Esmeralda entkam mir. Ich hatte sie geliebt und schwor Rache. Fast zwei Jahre musste ich warten, aber jetzt ist der Tag der Abrechnung gekommen. Es wird mir eine Genugtuung sein, Euch zu dem zu schicken, den Ihr noch vor wenigen Minuten angebetet habt!«

Der Mond trat hinter den Wolken hervor, und ich riss mir mit einem Ruck die Kapuze vom Kopf und schleuderte den störenden Umhang zu Boden. Das Mondlicht fiel genau auf mein Gesicht. Ich verbeugte mich.

»Juan Garcia de Tabera«, sagte ich und riss den Degen aus der Scheide. In der linken Hand hielt ich den Dolch.

Lucero wich einen Schritt zurück. Er schlüpfte aus dem Umhang, zog seine Waffe, küsste die blanke Klinge, und ich folgte seinem Beispiel.

»Ich werde Euch aufspießen, de Tabera«, sagte er grinsend.

Ich wusste, dass er ein guter Fechter war. »Ich habe noch niemanden mit so viel Vergnügen getötet«, erwiderte ich.

Wir senkten die Degen. Er stieß blitzschnell zu, und ich sprang einen Schritt zur Seite. Sein Stich ging ins Leere.

Ich musste meinen Hass zügeln und einen ruhigen Kopf bewahren, sonst stand ich von Beginn an auf verlorenem Posten. Lucero zog seinen Dolch, und nun schlugen vier Klingen aus bestem Toledostahl zusammen.

Der Kampf wurde immer heftiger. Luceros Gesicht war verzerrt. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Er war ein ausgezeichneter Kämpfer und kannte einige schmutzige Tricks, aber ich war ebenfalls nicht unbeschlagen. Dreimal hintereinander ging sein Stich ins Leere. Meine Jugend und Kraft waren ein gewaltiger Vorteil.

Ich überlegte, wie ich Lucero am besten beikommen konnte, und fand endlich Gelegenheit dazu. Ich ging in die Knie. Mein Dolch stieß in seinen linken Unterarm, und der Degen bohrte sich in seine rechte Schulter. Er stieß einen Schmerzensschrei aus und taumelte zurück. Ich setzte augenblicklich nach.

»Gnade!«, keuchte er.

»Hast du je Gnade mit den unschuldigen Opfern gehabt?«, schrie ich ihm entgegen. »Du hast dich an ihren Qualen geweidet!«

Er stolperte zurück und prallte gegen einen Baum. Die Klinge des Degens funkelte wie Silber im Mondlicht. Sie bohrte sich durch sein Herz und blieb im Baum stecken. Ein Zittern durchlief seinen Körper; er spuckte Blut, dann sackte er tot zusammen.

Ich riss den Degen aus seiner Brust, wischte das Blut an seinen Kleidern ab und steckte die Waffe ein. »Ich habe dich gerächt, Esmeralda«, sagte ich leise und wandte mich ab.

Gedankenverloren kehrte ich zu meinem Hengst zurück, der mich mit einem zufriedenen Schnauben empfing und die weichen Nüstern an meinem Arm rieb. Ich schwang mich in den Sattel und ritt nach Toledo.

 

Gegenwart

 

Im Zimmer war es dunkel. Die Jalousien waren zugezogen. Coco Zamis setzte sich auf. Das lange, schwarze Haar fiel in weichen Wellen auf ihre schmalen Schultern. Sie war nackt – alles in allem eine ungewöhnlich attraktive Frau.

Sie blickte besorgt auf den Mann neben sich, der das dünne Bettlaken abgeschüttelt hatte und sich wie in Krämpfen auf dem Bett hin und her wand. Er trug einen Schnurrbart, dessen Enden über die Mundwinkel herabhingen, und nackenlanges dunkles Haar. Sein Gesicht war nicht unbedingt schön, aber ausdrucksstark. Etwas darin zog den Betrachter unwillkürlich in seinen Bann.

Coco knipste die Nachttischlampe an. Dorian hatte beide Hände zu Fäusten geballt. Er schlug wild um sich. Sein Gesicht und der Körper waren schweißbedeckt. Es schien, als würde er gegen einen unsichtbaren Gegner kämpfen. Die Hände waren eigentümlich verkrampft, so als würde er etwas festhalten; und immer wieder stieß er mit einem unsichtbaren Gegenstand zu, während sein Körper seltsame Drehungen vollführte. Dann endeten seine Bewegungen abrupt, und er sagte leise: »Ich habe dich gerächt, Esmeralda.«

Coco erinnerte sich an das Gespräch, das sie am Abend geführt hatten. Dorian hatte ihr von seiner Reise nach Spanien erzählt, wo er eine junge Frau namens Tina Nelson gepfählt hatte, die durch einen unglücklichen Zufall in das finsterste Mittelalter gelangt war und dort als Esmeralda gelebt hatte. Sie war zu einem Vampir geworden, hatte die Jahrhunderte überlebt und war nur von einem Gedanken beherrscht gewesen, Rache an ihrem Mann Lester Nelson zu nehmen, was Dorian verhindern konnte.

Coco warf dem Schlafenden wieder einen Blick zu. Sein Körper war nun entspannt. Er schlief friedlich.

Coco stand auf. Sie ahnte, dass Dorian während des Schlafs von einem seiner früheren Leben geträumt hatte. Sie zündete sich eine Zigarette an und überlegte, ob sie Dorian aufwecken sollte.

Er wälzte seinen großen sportlichen Körper auf die Seite. Sein dichter Schnurrbart schimmerte feucht. Ein Stoppelbart spross auf seinen Wangen.

Sie waren vor zwei Tagen aus Irland gekommen. Nach langen Monaten der Trennung hatte Coco sich entschlossen, an Dorians Seite zurückzukehren. Sie lächelte, als sie an die stürmische Begrüßung von Phillip, dem Hermaphroditen, und Don Chapman dachte. Sogar die verschrobene Martha Pickford, die sich nicht nur als Haushälterin der Jugendstilvilla sah, sondern außerdem noch liebevoll um Phillip kümmerte, hatte Freude gezeigt.

Aber Cocos Verhältnis zu Dorian war noch immer nicht ungetrübt. Sie hatte sich über ihre Gefühle ihm gegenüber klarwerden wollen, doch es war ihr nicht gelungen. Sie war kreuz und quer durch Europa gefahren, aber die Trennung hatte nicht den erwünschten Erfolg gebracht.

Coco drückte die Zigarette aus und ging ins Badezimmer. Sie trank ein Glas Wasser und kehrte ins Schlafzimmer zurück. Dorian lag auf dem Rücken; die Hände hatte er im Nacken verschränkt, und seine Augen waren weit offen; er atmete schwer.

Coco blieb in der Tür stehen. Dorian wandte langsam den Kopf in ihre Richtung. Seine grünen Augen waren glasig; sie schienen durch sie hindurchzusehen. Dann allmählich änderte sich sein Gesichtsausdruck. Er leckte sich über die trockenen Lippen, kniff die Augen halb zu und schüttelte langsam den Kopf. Es schien, als sei er gerade erst erwacht.

»Ich habe geträumt.« Seine Stimme klang seltsam spröde. »Nein, nicht geträumt. Ich war in der Vergangenheit. 1508. Ich habe dir doch von Lucero erzählt. Nun, ich habe ihn getötet – nach einer Schwarzen Messe. Ich bin ihm gefolgt und konnte ihm meinen Degen ins Herz stoßen.«

Coco kam näher und setzte sich auf die Bettkante. »Was geschah bei der Messe?«

»Das war alles sehr eigenartig. Ich erlebte die Geburt eines angeblichen Superdämons. Es war schaurig. Drei Kinder wurden geboren. Und es gibt für mich keinen Zweifel – obwohl ich es nicht sehen konnte –, dass die Babys anschließend die Frau auffraßen, die sie geboren hatte.«

»Der Superdämon«, sagte Coco heiser. »Von ihm habe ich schon gehört.«

»Wann?«, fragte Dorian rasch.

Sie hob die Schultern. »Als ich noch ein Mitglied der Schwarzen Familie war, wurde gelegentlich von einem außergewöhnlichen Dämon gesprochen, der aus drei Körpern bestehen sollte. Er soll vor langer Zeit gezeugt worden sein und über unheimliche Kräfte verfügen. Aber es existieren keine genauen Aufzeichnungen. Nur Gerüchte.«

Dorian nickte langsam. »Ich war im Auftrag meines damaligen Lehrers Albertus Villanovanus bei der Schwarzen Messe. Er wusste, dass die Geburt dieses Dämons bevorstand, und schickte mich als Beobachter hin. Soweit ich mich erinnern kann, wollte er zu diesem Zeitpunkt ein Experiment vornehmen.«

»Villanovanus?«, fragte Coco. »Dieser Name kommt mir bekannt vor. Das war doch einer der bedeutendsten Ärzte des Mittelalters. Aber er lebte im 13. Jahrhundert.«

»Das war Arnaldus Villanovanus. Ein Vorfahre des Albertus. Arnaldus war Lehrer der Heilkunde und unterrichtete in Montpellier. Er starb 1311. Als Alchimist hatte er zeitlebens nach dem Stein der Weisen gesucht. Sein Nachfahre, mein Lehrer, sammelte seine Schriften und ließ sie 1504 veröffentlichen. Arnaldus' Hauptwerk erschien erst 1504. Es ist das bekannte Breviarium practicae

Coco runzelte die Stirn. »Irgendwann habe ich in letzter Zeit den Namen Villanovanus in einem anderen Zusammenhang gehört. Es war auf meiner Reise.«

Dorian setzte sich auf und sah Coco aufmerksam an.

»Ja, jetzt kann ich mich erinnern. Es war nur eine flüchtig hingeworfene Bemerkung, vor ein paar Wochen. Ich war in der Schweiz und fuhr dann nach Vorarlberg. Ich besuchte in Bregenz eine alte Freundin und traf Thören Rosqvana, der mich in sein Haus nach Vaduz einlud.«

»Wer ist dieser Rosqvana?«, erkundigte sich Dorian.

»Er ist stinkreich«, sagte Coco. »Ich kenne ihn von früher her. Er handelt mit Antiquitäten und war öfter in Wien. Mindestens einmal jährlich besuchte er meinen Vater, aber ich weiß nicht, ob er Mitglied der Schwarzen Familie ist. Ich glaube eher, dass er nur mit meinem Vater in Geschäftsverbindung stand. Ich nahm seine Einladung an und fuhr mit ihm nach Vaduz. Seine Villa ist einfach pompös. Ziemlich geschmacklos und überladen eingerichtet. Er zeigte mir voller Stolz seine kostbare Sammlung. Es waren einige außergewöhnlich schöne Stücke dabei, darunter auch ein goldener Drudenfuß, der ...«

Dorian sprang erregt auf. »Ein goldener Drudenfuß?«, stieß er hervor. »Beschreibe mir, wie er ausgesehen hat!«

Coco verstand Dorians Aufregung nicht. »Wie soll ich ihn beschreiben? Das ist gar nicht so einfach. Die fünf gekreuzten Stäbe ergaben einen fünfeckigen Stern. An den fünf Stäben hingen verschiedene fremdartige Figuren, das heißt, die Stäbe waren mit Zeichen aus der Kabbala und Symbolen verziert. Die Figuren kann man verschieben. Rosqvana machte mich besonders auf sie aufmerksam. Es sind genau achtundsiebzig. Genauso viele wie beim magischen Tarock. Die Seitenlänge des Drudenfußes betrug etwa fünfzehn Zentimeter.«

»Er ist es!«, sagte Dorian mit vor Erregung schriller Stimme.

»Und in diesem Zusammenhang erwähnte Rosqvana den Namen Villanovanus«, sagte Coco. »Er behauptete, dass der Drudenfuß von Villanovanus gestaltet worden sei.«

»Endlich habe ich wieder eine Spur«, sagte Dorian zufrieden. »Ich besaß den Drudenfuß einmal für kurze Zeit und verlor ihn später. Seitdem ist er verschollen.«

»Wann hast du den Drudenfuß besessen?«

»Damals im Jahr 1508. Ich weiß über ihn ganz genau Bescheid. Er hat keine bestimmte Größe. Er ist manchmal winzig klein, dann wieder riesengroß. Er dehnt sich aus und schrumpft zusammen. Das hängt davon ab, wie die magischen Figuren an den Stäben angeordnet sind. Er ändert auch die Farbe. Er ist nicht immer goldfarben. Außerdem ändert sich auch das Gewicht.«

»Davon sagte Rosqvana nichts.«

»Das kann ich mir denken. Wahrscheinlich weiß er es selbst nicht.«

»Und weshalb ist dieser Drudenfuß so interessant?«

»Er ist eine Waffe. Und er wurde zu einem bestimmten Zweck geschaffen.«

»Und der ist?«

»Das erzähle ich dir morgen, Coco«, sagte Dorian und stand auf.

»Du hast mich neugierig gemacht. Erzähl es mir!«

Dorian lächelte ihr zu. »Frauen sind liebenswerte Geschöpfe – aber sie wären noch liebenswerter, wenn sie ihre Neugierde unterdrücken würden.«

»Spar dir deine Belehrungen, Dorian!«, fauchte sie. »Ich will jetzt wissen, welche Bewandtnis es mit dem Drudenfuß auf sich hat.«

Der Dämonenkiller seufzte. Er wusste aus Erfahrung, dass ihm Coco keine Ruhe lassen würde, ehe er ihr nicht alles erzählt hatte. »Gut. Ich erzähle es dir, aber nur unter einer Bedingung.«

»Und die ist?«

»Ein paar belegte Brote und eine Flasche Bier«, sagte er grinsend.

»Glatte Erpressung«, maulte Coco, schlüpfte in ihren Morgenrock und ging aus dem Zimmer.

Dorian blickte auf die Uhr. Es war kurz nach halb zwei. Er war froh, dass Coco wieder bei ihm war, doch das Zusammensein war nicht so wie früher. Etwas stand zwischen ihnen. Sie hatten sich vor dem Schlafengehen geliebt. Es war wie ein Rausch gewesen, aber danach hatte er sich leer gefühlt wie ein ausgedrückter Schwamm. Die Entspannung und das Glücksgefühl früherer Tage war ausgeblieben. Er schüttelte unwillig den Kopf; es würde sich schon alles wieder einrenken, dachte er missmutig.

Nach einigen Minuten kam Coco zurück. Sie stellte einen Teller mit Broten auf den Tisch und zwei Flaschen Bier. Aus einem Schrank holte sie zwei Gläser, dann setzte sie sich an den Tisch.

»Es ist angerichtet, Herr und Meister«, sagte sie und deutete auf die Brote.

Dorian setzte sich, schenkte die Gläser voll, aß zwei Brote und trank das Glas leer. Genüsslich zündete er sich eine Zigarette an und sah dem Rauch nach. Dann schloss er die Augen und entspannte sich. In letzter Zeit war es ihm öfter möglich gewesen, sich deutlich an Ereignisse zu erinnern, die in der Vergangenheit lagen.

Er konzentrierte sich. 1508. Toledo. Inquisition. Sein Name war Juan Garcia de Tabera. Seine Eltern waren vor einem Jahr gestorben. Er hatte das Haus und die Ländereien geerbt und lebte in der ständigen Furcht, dass ihn die Inquisition anklagen würde, um sich in den Besitz der Ländereien zu bringen. Er war einundzwanzig Jahre alt; ein gutaussehender Junge, der von Columbus' Entdeckungsreisen fasziniert war. 1508. Ferdinand V., der Katholische, regierte, seit Phillip der Schöne 1506 gestorben war. Ferdinand V., König von Aragonien, von Sizilien, von Kastilien-Leon und Neapel. Er trat die Regentschaft für seine regierungsunfähige Tochter Johanna an, die später als die Wahnsinnige in die Geschichte einging.

»Ich kann mich nicht richtig erinnern«, murmelte Dorian. Seine Gedanken irrten ab. Die Motive der Inquisition waren klar. Anfangs ging es dem König überhaupt nicht um die Verteidigung des katholischen Glaubens, sondern nur um das Vermögen der Juden, Marranen und Conversas. Die Staatstruhen waren leer. Geld wurde für den Kampf gegen die Mauren benötigt. Die Schnellgerichte. König Ferdinand hatte immer wieder Schwierigkeiten mit der Inquisition wegen der Aufteilung des Vermögens der Verurteilten. Ganz Europa sprach davon, dass er die Glaubensgerichte nur eingeführt hätte, um sich am Vermögen der hilflosen Opfer zu bereichern.

Dorian konzentrierte sich auf Toledo. Vor 1492 waren mehr als die Hälfte der Einwohner Juden gewesen, die mit einem Dekret der Allerkatholischsten Könige am 2.8.1492 Spanien verlassen mussten. Seither standen viele Häuser leer, und die Bedeutung der Stadt war verblasst. Die Plaza de Zocdover. Das Zentrum der Stadt. Ein blauer Himmel spannt sich über die Häuser. Hitze und Gestank. Verkaufsbuden. Das weiße Haus in der Calle San Salvador. Toledo. 1508. Albertus Villanovanus.

 

Vergangenheit

 

Ich hatte ein Glas Wein getrunken, verließ die Schenke und trat auf die Plaza de Zocdover. Es war später Nachmittag. Die Kraft der Sonne hatte nachgelassen. Ich wollte zu Albertus Villanovanus. Ich musste ihm von der Schwarzen Messe und der Geburt des Dämons berichten.

Ich ging am Alcazar vorbei, der im 11. Jahrhundert anstelle eines römischen Lastrums errichteten Festung, und bog in eine der schmalen Gassen ein. Überall lag Unrat herum, und braungebrannte Kinder spielten im Schmutz. Aus den Häusern drangen scheltende Frauenstimmen.

Villanovanus' kleines Haus lag unweit der Puente Nuevo, die über den Rio Tajo führt. Vor dem Haus blieb ich stehen. Eine Klappe wurde hochgezogen, und zwei dunkle Augen funkelten mich an. Sekunden später schwang die Tür auf, und Sebastion, einer von Villanovanus' Dienern, öffnete.

»Ihr werdet bereits erwartet, Herr«, sagte er und verbeugte sich.

Ich ging an ihm vorbei ins Haus. Angenehme Kühle empfing mich.

Im vergangenen Jahr war ich fast täglich hierher gekommen. Villanovanus unterrichtete mich seit vielen Jahren, was meinen Eltern stets ein Dorn im Auge gewesen war.

Sebastion ging voraus. Er war klein und sein Kopf für den schmächtigen Körper viel zu groß. Ich wusste, dass er seinem Herrn treu ergeben war.

Er öffnete eine schwere Tür, und ich ging an ihm vorbei, stieg die Stufen hinab, klopfte an eine Tür und musste mehr als fünf Minuten warten, bis sie endlich geöffnet wurde.

Ernst blickte ich in Villanovanus' hageres Gesicht. Ich hatte ihn einmal nach seinem Alter gefragt, doch er hatte meine Frage nicht beantwortet. Meiner Schätzung nach musste er weit über achtzig Jahre sein. Sein Schädel war kahl; er trug eine bestickte Kappe. Die Nase war gekrümmt, das Gesicht voll unzähliger Falten und Runzeln. Die tiefliegenden, dunklen Augen glänzten fiebrig. Seine hagere Gestalt wurde von einem bodenlangen blauen Umhang verhüllt. Auf der linken Seite war ein Mercurius – das Symbol der Alchimisten – eingestickt, dessen Leib eine Kreuzung zwischen einer Schlange und einem Drachen darstellte und aus dem tentakelartige Arme wuchsen, die von den Planeten Mond, Sonne und Merkur gekrönt waren.

Er nickte mir zu und legte einen Arm um meine Schultern. »Tritt ein, mein junger wissbegieriger Freund!« Ein schwaches Lächeln lag um seinen Mund.

Er schloss die Tür, und ich blickte mich um. Immer wieder faszinierte mich die Alchimistenküche. Die Wände waren vom Rauch geschwärzt. Der Raum wurde von einem gut drei Meter langen Backsteinofen beherrscht, auf dem einige Destillierkessel mit Abzugshauben standen. Die Kessel waren durch verschieden starke Rohre miteinander verbunden. Auf einem Regal lagen unzählige Bücher, dazwischen stand ein Totenschädel. Von der Decke hingen allerlei getrocknete Tiere, ein kleines Krokodil, Kröten, Ratten und Spinnen. Der große Keller wurde von einigen Kerzen erhellt, die auf einem Pult standen.

Villanovanus hatte mir die Grundbegriffe der Alchimie und Astrologie beigebracht. Es würde noch Jahre dauern, bis ich in diesen beiden Künsten so bewandert war, dass er mir auch die Grundlagen der weißen Magie beibringen konnte.

»Setz dich, Juan!«, sagte er und zeigte auf einen niedrigen Schemel.

Er blieb vor mir stehen und steckte seine Hände in die Ärmel seines Umhangs. »Du willst mir Bericht erstatten über die Schwarze Messe.« Beim Sprechen bewegte sich sein langer schneeweißer Bart. »Das ist nicht notwendig, Juan. Ich weiß bereits Bescheid. Der Dämon wurde geboren. Und der Welt steht Schreckliches bevor. Aber vielleicht kann ich es verhindern.«

Ich sah ihn neugierig an.

»Wie du weißt, habe ich seit meiner frühesten Jugend alte Dokumente gesammelt, die sich mit der Alchimie beschäftigen. Vor einigen Jahren hatte ich das Glück, eine der ältesten Aufzeichnungen überhaupt zu erhalten – die tabula smaragdina. Ich habe fast ein Jahr gebraucht, bis ich sie übersetzt und die Bedeutung der Aufzeichnungen verstanden hatte. Ich weiß nun, wie man das Magisterium, den Stein der Weisen, herstellen kann.«

Er blickte mich triumphierend an, und ich konnte seine Begeisterung verstehen. Mit dem Magisterium, das auch die Rote Tinktur genannt wurde, sollte man geschmolzene unedle Metalle in Gold verwandeln können.

»Vor mir ist es schon anderen bedeutenderen Männern gelungen, das Magisterium herzustellen, aber sie wussten es nicht anzuwenden. Sie experimentierten und erzielten nur Teilerfolge, so wie mein Urahn Arnaldus. Sie konnten auch keinen Erfolg haben, denn das Magisterium wirkt nur unter einer bestimmten Voraussetzung.« Ich starrte den Alten gespannt an.

Er schloss die Augen. »Man muss Blei, Quecksilber und Kupfer mischen, und die Sterne müssen günstig stehen. Außerdem muss zu einer ganz bestimmten Stunde ein Dämon geboren werden. Alle diese Voraussetzungen waren vergangene Nacht erfüllt. Ich hatte alles für das Experiment vorbereitet. Der Ofen glühte vor Hitze. Die Dämpfe zogen durch die Rohre und sammelten sich, verbanden sich. Ich stellte ein magisches Pendel auf den Tisch, und als es ausschlug, wusste ich, dass die Geburt des Dämons bevorstand. Ich schüttete die Rote Tinktur in den Kessel, in dem sie wallte und zischte. Gelbbraune Dämpfe stiegen hoch und raubten mir fast den Atem. Es dauerte Minuten. Ich brach fast zusammen, so intensiv war der Geruch. Dann zogen die Rauchwolken wieder ab, und ich erholte mich. Als ich in den Kessel blickte, schrie ich vor Freude auf. Ich hatte es geschafft. Im Kessel schwamm geschmolzenes Gold.«

Ich war nicht fähig, etwas zu sagen. Seine Begeisterung sprang auf mich über. »Das ist ja unglaublich, Meister!«

»Niemand kann ermessen, wie glücklich ich war. Endlich ist gelungen, was ich nicht mehr zu erhoffen gewagt hatte. Ich machte mich sofort an die Arbeit. Ich musste eine Waffe schaffen, mit der ich die Dämonen-Drillinge vernichten kann. Ich musste einen Drudenfuß aus dem gewonnenen Gold herstellen. So holte ich die Formen und goss fünf Stäbe, die ich miteinander verband. Es entstand das magische Pentagramm, der goldene Drudenfuß. Die Waffe, mit der die Dämonen-Drillinge getötet werden können.«

»Darf ich den Drudenfuß sehen, Meister?«

Villanovanus nickte. »Ja, aber höre mir erst weiter zu. Der Drudenfuß allein genügt nicht. In einer uralten Schrift fand ich den richtigen Hinweis. Ich musste Symbole herstellen, geometrische Figuren, magische Zeichen aus der Kabbala. Und dazu eignet sich vorzüglich das magische Tarockspiel, das von allen Wahrsagern verwendet wird. Jede Karte hat eine bestimmte Bedeutung. Ich fertigte die achtundsiebzig Symbole an und befestigte sie nach einem bestimmten System an den Stäben.«

Ich wusste über das Tarock genau Bescheid. Villanovanus hatte mir die Bedeutung und Herkunft des Spieles erklärt. Die Karten konnte man in zwei Gruppen einteilen: die zweiundzwanzig großen Arcandakarten und die sechsundfünfzig kleinen Arcandakarten. Über die Entstehung der zweiundzwanzig großen Arcandakarten gab es widersprüchliche Meinungen: Die einen behaupteten, dass sie aus dem ägyptischen Thoth-Hieroglyphenbuch stammten, andere sagten, dass die zweiundzwanzig Karten mit den zweiundzwanzig Schritten aus der Kabbala zu vergleichen seien. Die restlichen sechsundfünfzig Karten wurden in vier Gruppen unterteilt: die Münzen, Stäbe, Schwerter und Kelche. Die Karten wurden gemischt und in Form eines Hexagramms aufgeschlagen. Geübte Wahrsager konnten einem aus der Anordnung der Karten die Zukunft deuten.

»Komm mit, Juan!«, sagte der Alchimist, und ich folgte ihm. Er blieb vor einem kleinen Tischchen stehen. »Unter diesem Tuch liegt der Drudenfuß«, sagte er leise. Vorsichtig zog er das Tuch zur Seite, und ich trat einen Schritt näher. Der Drudenfuß war ein kleines Kunstwerk. Die achtundsiebzig Symbole waren meisterhaft gefertigt. Das Gold glänzte matt und hatte einen rötlichen Stich. Die Länge der Stäbe betrug etwa zwanzig Zentimeter.

»Der Drudenfuß ist gefährlich! Er kann sich auch gegen den Besitzer wenden. Man darf die Symbole nur vorsichtig bewegen. Jede Unachtsamkeit kann den Tod bedeuten. Ich habe einige Zeit mit ihm experimentiert. Er verändert die Größe, je nach der Konstellation der Symbole. Er kann größer werden oder einschrumpfen. Die Farbe ändert sich ebenfalls. Manchmal strahlt er so stark, dass man die Augen schließen muss, dann wieder ist er fast farblos, und das Gold wird dunkelbraun, fast schwarz.«

»Aber wie kann man den Drudenfuß als Waffe gegen die Dämonen-Drillinge einsetzen, Meister?«

Er lächelte geheimnisvoll. »Das werde ich dir später erklären, Juan.«

Ich beugte mich vor. Einige der Symbole erkannte ich: die Liebenden, das Rad des Lebens, der Erhängte, der Mond, der Magier, der Teufel, die Sonne, der Tod. Wie unter einem fremden Zwang streckte ich eine Hand aus.

»Fass ihn nicht an!«, zischte Villanovanus. »Es könnte dein Tod sein, Juan.«

Ich zog die Hand zurück.

»Manchmal bewegen sich die Symbole von selbst.« Er legte seine rechte Hand auf die Spitze, und ich wartete atemlos, ob etwas geschehen würde.

Nach einigen Minuten bewegte sich eines der Symbole. Es war der Kelch-König. Er wanderte langsam den Stab hinunter und berührte ein anderes Symbol. Es war der Mond. Der Drudenfuß weitete sich und schimmerte. Er schien zu leuchten.

Villanovanus zog entsetzt die Hand zurück. Das Symbol für die Gerechtigkeit bewegte sich langsam. Dann kam Bewegung in die anderen Symbole.

Der Alchimist packte den Drudenfuß und versuchte verzweifelt, das Kreisen der Symbole zu stoppen, doch er hatte keinen Einfluss mehr darauf. Meine Augen weiteten sich. Eines der Symbole leuchtete nun blutrot. Der Tod.

»Ich bin verloren, Juan«, sagte Villanovanus.

»Es muss für Euch eine Rettung geben, Meister!«, rief ich.

Er schüttelte den Kopf. Fast unhörbar sagte er: »Ich habe es geahnt. Der Drudenfuß wendet sich gegen mich. Nimm ihn an dich, Juan! Aber vermeide es, ihn mit den bloßen Händen zu berühren!«

Ein zweites Symbol glühte nun. Es war der Kelch-König. Der Tod wanderte den Stab hoch. Schließlich lagen sich die beiden leuchtenden Symbole genau gegenüber.

Villanovanus hob beide Hände und schloss die Augen. Seine Lippen bewegten sich leicht. Ich wollte nach ihm greifen, zuckte jedoch zurück. Aus dem Drudenfuß schoss ein blendendweißer Strahl, der den Alchimisten einhüllte. Er bäumte sich auf und brach zusammen.

Ich kniete neben ihm nieder und wälzte ihn auf den Rücken. Sein Gesicht war entspannt, die Augen waren geschlossen, und ein friedliches Lächeln lag um seinen Mund. Ich griff nach seinen verkrampften Händen, sie waren eiskalt. Sanft strich ich dem Toten über die Stirn.

Meine Kehle war wie zugeschnürt. Tränen hingen in meinen Augen. Ich konnte und wollte es nicht wahrhaben, dass mein Lehrer tot war. Ich hielt seine eisige Hand, und meine Tränen tropften auf sein Gesicht. Die Kerzen brannten herunter, eine nach der anderen erlosch. Stunden mussten vergangen sein. Schließlich stand ich auf und blickte zum Drudenfuß. Er war geschrumpft und hatte in meiner Faust Platz.

Mein Lehrer hatte geahnt, dass ihn der Tod erwarten würde. Es war sein Wunsch gewesen, dass ich den Drudenfuß an mich nahm, doch ich wusste nicht, wie ich ihn gegen die Dämonen-Drillinge anwenden konnte.

Ich suchte nach einem Tuch, fand eines, wickelte den Drudenfuß darin ein und steckte ihn in eine Tasche. Dann warf ich dem Toten einen letzten Blick zu und verließ mit hängenden Schultern den Keller. Langsam stieg ich die Stufen hoch. Sebastion kam mir entgegen. Er blickte in mein Gesicht.

»Was ist passiert?«, fragte er ängstlich.

»Dein Herr ist tot«, sagte ich tonlos. »Er starb während eines Experiments.«

Sebastions Gesicht wurde kreidebleich. Er drückte sich die Hände gegen die Brust und schloss die Augen. »Er war voller Todesahnungen«, sagte er mit bebender Stimme. »Er wusste, dass er bald sterben würde.«

»Seit wann sprach er davon?«

»Seit einer Woche, Herr. Er las es in den Karten. Er gab mir genaue Anweisungen, was nach seinem Tod zu geschehen habe. Und die werde ich jetzt erfüllen.«

Mein Herz war schwer. Ich ging an Sebastion vorbei und trat auf die Gasse hinaus. Es war dunkel geworden. Der Vollmond stand hoch am Himmel. Ohne zu denken, lief ich durch die nächtlichen Straßen. Meine Schritte führten mich zum Fluss. Dort setzte ich mich nieder. Ich blickte über das Wasser, und meine Gedanken waren voll Bitterkeit.

Villanovanus war viel mehr als ein Lehrer für mich gewesen. Er war ein Freund. Ich hatte für ihn mehr als für meinen Vater empfunden. Im Moment konnte ich mir ein Leben ohne ihn noch gar nicht vorstellen.

Ich wollte in seinem Sinn weiterarbeiten. Irgendwie musste es mir gelingen, hinter das Geheimnis des goldenen Drudenfußes zu kommen. Außerdem musste ich den Aufenthaltsort der Dämonen-Drillinge in Erfahrung bringen. Es wurde schon hell, als ich aufstand. Ich fühlte mich wie gerädert. Mein Hirn war leer und die Augen brannten. Ich erreichte das weiße Haus in der Calle San Salvador im Morgengrauen. Müde schleppte ich mich in die Schlafkammer, setzte mich auf das Bett, trank eine Karaffe Rotwein und kleidete mich aus. Dann kroch ich ins Bett und versuchte zu schlafen, was mir nicht gelingen wollte. Ruhelos wälzte ich mich hin und her.

 

 

2. Kapitel

 

Gegenwart

 

Dorian Hunter schlug die Augen auf.

»Und was geschah danach?«, fragte Coco.

»Ich kann mich nicht erinnern«, sagte er erschöpft. »Ich weiß nur eines, dass die Dämonen-Drillinge noch am Leben sind.«

»Weshalb?«

Er runzelte die Stirn. »Ich habe eine ganz undeutliche Erinnerung. Sie hängt mit dem Drudenfuß zusammen. Angeblich wird mit dem Tod der Dämonen-Drillinge auch der Drudenfuß vernichtet. Er soll sich in Luft auflösen. Aber ob das tatsächlich stimmt, kann ich nicht beweisen.«

»Und wie ich dich kenne, wirst du alles daransetzen, diesen goldenen Drudenfuß in deinen Besitz zu bekommen.«

»Erraten«, meinte er und schloss die Augen. »Ich vermute, dass mich der Drudenfuß auf die Spur der Dämonen-Drillinge bringen kann. Wenn sie tatsächlich noch am Leben sind, dann will ich sie vernichten. Und das kann ich nur mit Hilfe des Drudenfußes.«

»Also werden wir nach Vaduz fahren«, stellte Coco fest.

»Ja. Aber ich werde erst mal Helnwein in Wien anrufen und ihn bitten, sich mit Thören Rosqvana in Verbindung zu setzen. Möglicherweise ist dieser Rosqvana doch ein Mitglied der Schwarzen Familie. Er könnte Verdacht schöpfen, wenn ich mich direkt an ihn wende.«

Dorian stand auf, holte sein Notizbuch aus der Tasche und griff nach dem Telefon.

»Du willst ihn doch nicht etwa jetzt anrufen? Es ist drei Uhr.«

»Das spielt keine Rolle«, sagte Dorian und wählte Helnweins Nummer.

Er hatte Glück. Nach dem fünften Läuten wurde der Hörer abgehoben, und Helnwein meldete sich. Seine Stimme klang verschlafen.

»Morgen, Herr Helnwein«, sagte Hunter auf Deutsch. »Hier spricht Dorian Hunter.«

Helnwein brummte: »Sie haben vielleicht Nerven, Dorian. Mich mitten in der Nacht aus dem Bett zu holen! Ich bin ein alter Mann und brauche meinen Schlaf.«

»Entschuldigen Sie, aber ich brauche Ihre Hilfe.«

Helnwein schnaubte: »Schießen Sie los!«

»Sagt Ihnen der Name Thören Rosqvana etwas?«

»Allerdings. Rosqvana handelt mit Antiquitäten. Gelegentlich kaufe ich ihm etwas ab. Aber er hat nur selten ein brauchbares Stück. Was ist mit ihm?«

»Er besitzt einen goldenen Drudenfuß, den ich erwerben möchte. Sie sollen als mein Mittelsmann auftreten. Sagen Sie aber auf keinen Fall, dass ich der Käufer bin. Ich möchte, dass Sie sich erkundigen, ob er den Drudenfuß überhaupt verkauft. Wenn nicht, dann ...«

»Sie brauchen nicht weiterzusprechen«, unterbrach ihn Helnwein kichernd. »Ich traue Ihnen zu, dass Sie den Drudenfuß stehlen würden, wenn Sie ihn nicht legal erwerben können. Weshalb sind Sie so an diesem Drudenfuß interessiert, Dorian?«

»Das ist eine lange Geschichte, die ich Ihnen später erzählen werde. Was ist, nehmen Sie meinen Auftrag an?«

»Ich werde Rosqvana anrufen.«

»Mir wäre es lieber, wenn Sie direkt nach Vaduz fahren würden.«

»Ich soll mit ihm persönlich sprechen? Gut, das lässt sich machen. Eine kleine Reise wird mir ganz guttun. Auf dem Rückweg kann ich gleich einen Bekannten in Innsbruck besuchen. Ich fahre heute noch los, Dorian.«

»Der Preis spielt keine Rolle. Rufen Sie mich an oder schicken Sie mir anderweitig eine Nachricht. Ich werde in zwei Tagen in Vaduz eintreffen. Wenn Rosqvana Sie fragen sollte, für wen Sie den Drudenfuß kaufen wollen, dann geben Sie einen Fantasienamen an.«

»Ich werde mich daran halten«, versprach Helnwein. »Und ich melde mich bei Ihnen.«

»Herzlichen Dank!« Dorian lächelte. »Schlafen Sie gut!«

»Das wird jetzt kaum noch möglich sein. Bis später, Dorian!«

Der Dämonenkiller legte den Hörer auf.

»Ich glaube nicht, dass Rosqvana den Drudenfuß verkaufen wird«, meinte Coco. »Du denkst doch nicht wirklich daran, ihn möglicherweise zu stehlen.«

Dorian lachte. »Das wird sich alles weisen. Jetzt gehen wir erst mal schlafen. Ich habe für den Nachmittag noch einiges vor.«

 

Es war ein trüber Herbsttag. Dorian Hunter parkte den Rover vor seinem Reihenhaus in der Abraham Road. Hier hatte er mit seiner Frau Lilian gewohnt. Seit ihrer Einlieferung in die O'Hara-Stiftung stand das Haus leer. Die Inquisitionsabteilung befand sich in der alten Jugendstilvilla in der Baring Road. Wenn Dorian in London war, wohnte er dort. Im Reihenhaus in der Abraham Road befand sich aber ein Großteil seiner umfangreichen Sammlung okkulter Gegenstände. Er selbst bezeichnete das Haus scherzhaft als »Gruselkabinett«.

Dorian öffnete die Wagentür und stieg aus. Coco folgte ihm. Er stellte den Kragen des Trenchcoats auf und vergrub die Hände in den Manteltaschen.