Die Frau aus Grab Nr. 13

 

 

 

Logo-DH

Band 8

 

Die Frau aus Grab Nr. 13

 

von Ernst Vlcek und Neal Davenport u.a.

 

 

© DORIAN HUNTER: Zaubermond-Verlag

© DÄMONENKILLER: Pabel-Moewig Verlag KG

 

Titelbild: Mark Freier

eBook-Erstellung: story2go

 

© 2008 Zaubermond-Verlag

http://www.zaubermond.de

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

Was bisher geschah:

 

Der ehemalige Reporter Dorian Hunter hat sein Leben dem Kampf gegen die Schwarze Familie der Dämonen verschrieben, seit seine Frau Lilian durch eine Begegnung mit ihnen den Verstand verlor.

Seine Gegner leben als ehrbare Bürger über den gesamten Erdball verteilt. Nur vereinzelt gelingt es Dorian, ihnen die Maske herunterzureißen. Unterstützung in seinem Kampf erhält er durch den englischen Secret Service, den er von der Wichtigkeit seiner Mission überzeugen konnte. Der Service gründete die Inquisitionsabteilung, deren Leiter Trevor Sullivan seitdem auch Dorians Vorgesetzter im Kampf gegen die Dämonen ist. Ihr Hauptquartier ist die Jugendstilvilla in der Londoner Baring Road, die durch Dämonenbanner gegen einen Angriff der Schwarzen Familie gesichert ist.

Bald kommt Hunter seiner eigentlichen Bestimmung auf die Spur: In einem früheren Leben schloss er als französischer Baron Nicolas de Conde einen Pakt mit dem Bösen, der ihm die Unsterblichkeit sicherte. Um seine Sünden zu büßen, verfasste de Conde den »Hexenhammer« – jenes Buch, das im 16. Jahrhundert zur Grundlage für die Hexenverfolgung wurde. Doch der Inquisition fielen meist Unschuldige zum Opfer; die Dämonen, auf die de Conde es abgesehen hatte, blieben ungeschoren.

Der Pakt galt, und als de Conde selbst der Ketzerei angeklagt und verbrannt wurde, wanderte seine Seele in den nächsten Körper. So ging es fort bis in die Gegenwart.

Dorian Hunter begreift, dass er die Wiedergeburt de Condes ist. Es ist seine Aufgabe, den Dämonen nachzustellen und sie zu vernichten. Vielleicht ist dieser angeborene Dämonenhass der Grund dafür, dass er sich nicht an die Vorgaben des Secret Service hält. Er jagt die Dämonen auf eigene Faust, und als die Erfolge ausbleiben, gerät die Inquisitionsabteilung unter Druck. Ein Ende der Zusammenarbeit zeichnet sich ab.

Hunters engste Gefährten lassen sich durch die Rückschläge nicht schocken: Da wäre zunächst die junge Hexe Coco Zamis, die früher selbst ein Mitglied der Schwarzen Familie war, bis sie wegen ihrer Liebe zu Dorian den Großteil ihrer magischen Fähigkeiten verlor. Weiterhin der Hermaphrodit Phillip, der weder Mann noch Frau, weder Mensch noch Dämon ist und dessen hellseherische Fähigkeiten ihn zu einem lebenden Orakel machen, sowie der Puppenmann Don Chapman, der als Agent für den Service arbeitete, bis er von einem dämonischen Puppenmacher auf Zwergengröße geschrumpft wurde.

Hunter gelingt es, seine dämonischen Brüder zu töten und Asmodi, das Oberhaupt der Schwarzen Familie, zu vernichten. Doch mit Olivaro steht schon ein Nachfolger bereit. Zwar ist seine Position innerhalb der Familie nicht unumstritten, aber das lässt ihn im Kampf gegen Dorian nur umso gewissenloser agieren. Er hat keine Skrupel, mit Hunter zusammenzuarbeiten, wenn es seinen Interessen dient – so zuletzt beim Kampf gegen die Dämonen-Drillinge, die Hunter mit Hilfe des Hermaphroditen Phillip vernichtete.

Hunter bleibt keine Zeit, sich mit Olivaro zu beschäftigen, denn Coco Zamis wird in Wien von dem dämonischen Anwalt Skarabäus Toth gefangen gehalten. Sie soll das Schwarze Testament ihres Vaters erfüllen und ihren Patenonkel, den hässlichen Cyrano von Behemoth, heiraten. Als Hunter ihr zu Hilfe kommen will, wird er nach Albanien entführt und muss sich, abgeschnitten von der Außenwelt, gegen den Mbret behaupten, ein dämonisches Wesen, das die Toten der umliegenden Dörfer zu neuem Leben erweckt ...

 

 

 

 

Erstes Buch: Der Opferdolch

 

 

Der Opferdolch

 

von Earl Warren

 

1. Kapitel

 

Dorian Hunter sah auf seine Uhr und entschied, dass er noch Zeit hatte, eine Player's zu rauchen. Er lehnte sich bequem im Sitz der DC 9 zurück. Es war nicht mehr die neueste Maschine und auch nicht die größte, aber er war froh, dass er von Istanbul aus mit den Austrian Airlines so schnell nach Wien hatte aufbrechen können.

Er dachte an Wien, an die Kärntner Straße, den Prater und die vielen Kaffeehäuser mit ihrer verwirrenden Anzahl Kaffeesorten. Doch er würde kaum Zeit haben, Kaffee zu trinken und zu plaudern. Coco Zamis war in Gefahr.

Sein Verhältnis zu Coco war zwiespältig. Die schöne schwarzhaarige Frau mit der rassigen Figur steckte ihm im Blut, aber das schloss gelegentliche, zum Teil recht heftige Differenzen nicht aus. Sie waren beide starke und eigenwillige Charaktere, der Dämonenkiller und die ehemalige Hexe.

Plötzlich war draußen die Sonne weg; nichts war mehr von den weißen Wattebauschwolken unter dem Flugzeug zu sehen. Die DC 9 war von einem Augenblick zum andern in einer dichten Nebelwand verschwunden.

Das ist ja wie in London, dachte Dorian. Er wunderte sich etwas, dass der Pilot die Nebelwand nicht angekündigt hatte, sagte sich dann aber, dass die Österreicher solche kleinen Unliebsamkeiten wohl nicht so ernst nahmen. Schließlich merkten die Passagiere früh genug, dass Nebel war, oder?

Die Ansage über den Bordlautsprecher riss ihn aus seinen Gedanken. »Meine Damen und Herren, wir landen in wenigen Minuten auf dem Flughafen Wien-Schwechat ...«

Die Ansage wurde in Englisch, aber mit unverkennbarem Wiener Akzent wiederholt. Der Nebel wurde nicht erwähnt. Dorian machte sich deshalb auch keine Sorgen. Er drückte seine Zigarette aus und schnallte sich an. Der dicke Geschäftsmann neben ihm erwachte. Er blubberte ein paarmal, hustete und fragte: »Schon da?«

Dorian nickte. Der Dicke legte den Sicherheitsgurt um den umfangreichen Leib. Die hübschere der beiden Stewardessen kontrollierte, ob sich alle Passagiere richtig angeschnallt hatten. Dorian hatte während des Zweistunden-Fluges einige Worte mit ihr gesprochen. Die Stewardess hieß Elise. Sie hatte rotbraunes Haar, ein apartes Gesicht mit hohen Wangenknochen und eine gutgeformte, kurvenreiche Figur. Sie war nicht mager, aber auch nicht kräftig.

Dorian fand, dass sie einiges hatte, woran ein Mann sich festhalten konnte. Er lächelte, als die Stewardess zu ihm kam, aber sie reagierte nicht. Ihre Augen waren seltsam leer, als schwebte ein rauchiger Schleier über der Iris und der Pupille.

Noch immer schöpfte Dorian keinen Verdacht. Er glaubte, die Stewardess sei mit ihren Gedanken woanders.

Das Flugzeug setzte auf der Piste auf und raste über die Landebahn. Dorian schaute aus dem kleinen Sichtfenster. Die Maschine rollte aus und kam zum Stillstand. Die Passagiere machten sich zum Aussteigen fertig. Dorian zog eine gefütterte Wildlederjacke über und ergriff seinen Handkoffer. Die Stewardess tauchte neben ihm auf. Wieder bemerkte Dorian den leeren Ausdruck in ihren Augen.

Jetzt begann er sich Gedanken zu machen. Wusste die Schwarze Familie etwa von seinem Kommen? War bereits auf dem Flughafen Wien-Schwechat eine Falle für ihn vorbereitet?

Durch die Fenster war nichts zu sehen. Die dichte Nebelsuppe hüllte alles ein. Dorian zögerte und beobachtete genau die hübsche Stewardess. Der Ausstieg wurde geöffnet. Wie immer drängten Ungeduldige nach vorn, als gäbe es einen Preis für den, der als erster aus dem Flugzeug stieg.

Nebelschwaden wehten herein – Nebelschwaden und Stimmen. Bewaffnete stürmten die Gangway hoch und drängten sich ins Flugzeug. Sie trugen braune Uniformen und Pelzmützen, fuchtelten mit ihren Kalaschnikow-Sturmgewehren herum und stießen die Passagiere mit den Gewehrkolben zurück. Ihre Sprache verstand Dorian Hunter nicht. Sie waren ziemlich aufgeregt.

Ein Offizier mit Kragenspiegeln trat vor.

»Goddam, what you are doing here in Albania?«, schrie er mit schauderhaftem Akzent den entnervten Flugkapitän an.

Dorian war völlig entgeistert. Noch eben hatte er wie alle anderen geglaubt, in Wien-Schwechat zu sein, und jetzt behaupteten plötzlich albanische Soldaten, sie seien unerlaubt auf albanischem Gebiet gelandet. Wie konnte das sein? Zwischen Österreich und Albanien lagen beinahe tausend Kilometer. Die Zeit stimmte. Sie hätten in Wien-Schwechat sein müssen. Oder war Wien von den Albaniern in den letzten zwei Stunden erobert worden?

Die Stewardess zog Dorian am Jackenärmel.

»Kommen Sie mit«, wisperte sie. »Es ist eine Falle für Sie. Wir müssen durch den Notausstieg fliehen.«

Dorian folgte der Stewardess. Er schaute über die Schulter zurück und sah, wie der albanische Offizier dem österreichischen Flugkapitän eine Pistole auf die Brust setzte.

Die zweite Stewardess half der andern, den hinteren Ausstieg zu öffnen. Dorian sah in einen Nebel, den man mit dem Messer hätte schneiden können. Die Stewardess hielt sich an der Bodenkante des Ausstiegs fest. Ihre Beine baumelten frei in der Luft. Sie ließ sich den letzten halben Meter fallen und winkte Dorian zu.

»So kommen Sie doch! Sonst sind Sie verloren.«

Dorian zögerte. Hier war Schwarze Magie im Spiel. Jemand hatte ihn nach Albanien gelotst, aus Gründen, die er noch nicht kannte, aber sicher nicht, um ihm Wohltaten zu erweisen.

Der albanische Offizier sah ihn, schrie etwas auf Albanisch und zielte mit der Pistole auf Dorian. Das gab den Ausschlag. Der Dämonenkiller sprang aus dem Flugzeug. Der Albanier schoss. Die Kugel schlug irgendwo im Heck der Maschine ein.

Dorian landete auf dem Betonboden. Er hielt seinen Handkoffer fest. Elise, die Stewardess, nahm ihn an der Hand und zog ihn weg.

»Schnell! Folgen Sie mir! Ich will Sie retten.«

Vorn an der Gangway wurden Befehle gebrüllt. Dorian konnte wegen des dichten Nebels nichts sehen. Zum ersten Mal ging ihm auf, dass dieser Nebel wahrscheinlich keinen natürlichen Ursprung hatte. Schüsse krachten, Kugeln fetzten durch den Nebel. Alle Geräusche klangen seltsam gedämpft.

Dorian folgte der Stewardess. Eine Kugel durchschlug seinen Handkoffer. Beinahe wäre er ihm aus der Hand gerissen worden. Eine Trillerpfeife schrillte. Irgendwo bellten Hunde.

Dorian und Elise kamen an einen hohen Drahtzaun.

»Nicht berühren!«, warnte die Stewardess. »Elektrisch geladen.«

Das Flughafengelände war eingezäunt. Dorian fragte sich, wie sie von hier entkommen sollten. Hunde, ein elektrisch geladener Stacheldrahtzaun – war das etwa ein Militärflugplatz?

Elise zog Dorian am Zaun entlang. An einer Stelle war ein großes Stück herausgeschnitten worden. Sie schlüpften durch die Lücke und rannten weiter. Es war bitterkalt, aber es lag kein Schnee.

Dorian hielt immer noch Elises Hand. Sie zog ihn mit sich. Plötzlich blieb er stehen, packte Elise an den Schultern und drehte sie zu sich herum, dass sie ihn ansehen musste.

»Ich gehe keinen Schritt mehr weiter, wenn ich nicht endlich erfahre, was hier eigentlich los ist und wo es hingeht«, sagte er entschlossen. »Ich bin kein Hammel, der zur Schlachtbank rennt.«

Elise sah ihn völlig verwirrt an. Es war, als würde ein Schleier von ihren Augen weggezogen. Sie schüttelte den Kopf. Jetzt erst begann sie in ihrer dünnen, blauen Stewardessuniform zu frieren.

Aus dem Nebel tauchten Gestalten auf. Von allen Seiten kamen sie. Sie hatten die Stewardess und den Dämonenkiller umringt.

Elise schlug die Hände vor den Mund. »Aber ... Was? Wo? Wo sind wir? Wie komme ich hierher?«

»Das wüsste ich selber gern«, sagte Dorian.

Die Gestalten kamen näher. Sie tauchten aus dem Nebel auf und wurden zu klar und deutlich erkennbaren Wesen. Aber zu was für Wesen! Es waren Untote, wandelnde Leichname. Sie trugen Lumpen, moderne Uniformfetzen oder Zivil. Ihre Gesichter waren grünlich oder fahl.

Dorian hörte merkwürdige Geräusche. Zunächst konnte er nicht erkennen, was er da hörte, aber dann identifizierte er das Geräusch eines Lastwagenmotors und das Blöken von Schafen. Gleich darauf sah er auch Umrisse des Lastwagens aus dem Nebel auftauchen. Es schien, dass die Schafe sich auf der Ladefläche des Lastwagens befanden.

Die Untoten rührten sich nicht. Sie standen lauernd und abwartend da. Es waren mehr als zwanzig.

Dorian öffnete seinen Handkoffer. Er wühlte in der schmutzigen Wäsche und holte den Opferdolch hervor, den der Demiurg, der Oberpriester der Manichäer in Istanbul, ihm geschenkt hatte. Es war ein Dolch mit einem reichverzierten Griff aus Gold und Leder und einer dreißig Zentimeter langen gekrümmten Klinge. Die Schneide des Dolches befand sich innen. Die Klinge trug eine Inschrift in uigurischer Sprache: Tod den Untoten, in deren Adern fremdes Blut fließt.

Wie auf ein geheimes Signal griffen die Untoten an. Der Dämonenkiller ließ sie herankommen. Im Gesicht der Stewardess spiegelten sich Angst und Grauen.

Dorian trat einem hochgewachsenen Untoten vor die Brust, dass er zurückflog. Ein anderer näherte sich ihm mit vorgestreckten Händen von der Seite. Dorian schlug mit dem Dolch zu, und der Kopf des Untoten hüpfte von den Schultern. Ein dritter Untoter packte Dorian von hinten am Kragen. Der Dämonenkiller schlug ihm den Arm kurz unterhalb des Ellbogengelenks ab. Der Untote gab keinen Laut von sich; kein Blut floss aus der Wunde.

Elise wurde ebenfalls von den Untoten gepackt. Sie war vor Schreck wie gelähmt und wehrte sich nicht.

Dorian kämpfte weiter. Er schlug mit dem Dolch und bohrte die gebogene Klinge in die Körper der untoten Angreifer. Sein Keuchen und das monotone Blöken der Schafe waren die einzigen Laute.

Drei Untote konnte Dorian noch enthaupten, viele andere verstümmeln oder verwunden, dann hatten sie ihn. Dorian wurde von kalten, stinkenden Leibern niedergerungen. Knochenhände entwanden ihm den Dolch. Er glaubte, seine letzte Stunde sei gekommen, aber die Untoten töteten ihn nicht. Sie verhinderten nicht einmal, dass Dorian ein paar Worte mit Elise wechselte.

»Da haben Sie mich schön in die Falle gelockt«, sagte er.

»Ich Sie in die Falle gelockt? Ich weiß doch überhaupt nicht, was eigentlich los ist. Bin ich denn verrückt geworden?«

Dorians Zorn verrauchte. Er hätte ihr gern etwas Tröstliches gesagt, wusste aber nicht, was. Die Stewardess hatte sich im Bann dämonischer Mächte befunden, dessen war Dorian jetzt gewiss; der Pilot vermutlich auch, und selbst den Passagieren waren Trugbilder vorgegaukelt worden. Dorian hatte zeitweise aus dem Fenster gesehen. Er hätte bis zur Landung schwören können, dass sie die Alpen überflogen hatten.

Die Untoten führten Lämmer und Schafe vom Lastwagen herbei. Sie schlachteten die Tiere und fingen dann an, die Schafe mit kurzen Messern abzuhäuten. Dorian war der Sinn dieses Tuns nicht klar. Wurde eine besondere Zeremonie vorbereitet? Er und Elise konnten sich nicht rühren; mehrere Untote hielten sie am Boden fest, während die anderen blutige Lammfelle aufstapelten und rohes Schaffleisch fraßen.

Die Hunde und die Soldaten des nahen Flugplatzes waren nicht zu sehen. Dämonische Kräfte führten sie in die Irre, hielten sie von diesem Platz fern.

Einige Untote packten schließlich Elise, trugen sie zu Dorian und legten sie auf ihn, ihren Kopf zu seinen Füßen, ihren Leib gegen seinen Leib. Dann fingen sie an, die beiden mit blutigen Lammfellen zu umhüllen, die Fellseite nach außen. Sie arbeiteten wie Roboter. Dorian glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als zwei der Bestien Kürschnernadeln und Garn hervorholten und die Felle zusammennähten.

Elise schrie, als ihr Kopf eingenäht wurde. Bald waren nur noch erstickte Laute zu hören. Nach einer Weile verstummten die Schreie ganz.

Dorian sagte nichts. Die Füße der Stewardess waren in Höhe seiner Schultern. Er sah die unbewegten Gesichter der Untoten über sich, die Gier in ihren Augen. Dann wurde ein blutiges Fell über sein Gesicht gelegt; die Untoten nähten es mit einem anderen zusammen.

Gleich darauf spürte er, wie sie hochgehoben wurden. Hart landeten sie auf einer glatten Fläche, und kurze Zeit später hörte Dorian gedämpft einen Motor aufheulen. Für ihn gab es keinen Zweifel: Sie lagen auf dem Lastwagen, und der fuhr mit unbekanntem Ziel davon.

 

Domino Callabros Blicke huschten über den Küstenstreifen. Die Brandung toste, und die weiße Gischt schäumte, denn es war Flut.

Der Matrose ruderte auf eine versteckte Bucht zu.

Callabro klopfte ihm auf die Schulter.

»Leg dich in die Riemen, mein Sohn«, sagte er auf Italienisch, seiner Muttersprache. »Sonst werden wir gegen die Felsen geschleudert. Ich will derweil ein Gebet sprechen.«

Callabro war in einem merkwürdigen Geschäft tätig: Er schmuggelte Bibeln in albanischer Sprache nach Albanien. Hier wurden sie zu Schwarzmarktpreisen gehandelt. Callabro verdiente nicht schlecht und konnte sich außerdem noch in dem Bewusstsein sonnen, ein gutes Werk zu tun. Seine Helfer und Verbindungsmänner nannten ihn den »heiligen Callabro«, denn er pflegte mit sanfter Stimme fromme Reden zu halten, führte stets die Heiligen im Mund und war ein großer Moralprediger und Bekehrer. Das hinderte ihn aber nicht daran, für seine Bibeln die höchsten Preise herauszuschlagen. In dieser Beziehung lautete sein Motto: Glücklich ist der gute Christ, wenn er gut bei Kasse ist.

Vor einigen Jahrzehnten hatte die Partei in Albanien den Islam, den Katholizismus und auch alle Sekten verboten. Nur die architektonisch wertvollen Kirchen erhielt der Staat weiter, die übrigen wurden zu Sporthallen, Kinos und Parteilokalen umfunktioniert. Callabro beklagte diese Entwicklung immer lautstark, in Wahrheit war er aber heilfroh darüber, denn er lebte gut dadurch.

Der Kutter hatte Domino Callabro bis nahe an die Küste herangebracht. Ein kräftiger Matrose ruderte den »heiligen Callabro« die letzten Meter an die Küste heran, um der albanischen Küstenwache nicht aufzufallen. Zur Not hatte der Kutter auch noch einen vierzylindrigen Deutz-Diesel-Motor mit 45 PS.

»Tätest besser daran, zu rudern, du Sakristeiwanze«, brummte er, als er Callabro beten hörte – so leise, dass das Rauschen der Brandung seine Worte übertönte. Er wollte nicht gern seinen Job auf dem Kutter, den Callabros Hintermänner gemietet hatten, verlieren.

Sie erreichten die Bucht. Hier war das Wasser fast ruhig. Der Matrose zog das Boot an den Strand. Der »heilige Callabro« sprang wie eine Gazelle an Land. Der Matrose holte sich nasse Füße, als er ihm den Koffer mit den Bibeln nachtrug.

»Morgen Nacht um die gleiche Zeit hole ich Sie wieder ab«, sagte er. »Viel Glück und gute Geschäfte, Signore!«

Das letzte klang etwas spöttisch. Callabro verdrehte die Augen. »So hat die Tugend ihre Neider«, seufzte er, »die Frömmigkeit ihre Missgünstigen. Vergib ihm, Herr, und – wenn du es einrichten kannst – sorge dafür, dass ich von dem neuen Kunden mehr Geld für meine Bibeln bekomme!«

Er schleppte den Bibelkoffer den Strand hinauf, zwischen die Felsen. Es war Neumond, eine stockfinstere Nacht. Aber der »heilige Callabro« kannte sich aus. Er stieg einen Hügel hoch.

Eine Viertelstunde später setzte er sich auf eine flache Steinplatte und wischte sich mit einem karierten Taschentuch den Schweiß von der Stirn, obwohl es bitterkalt war. Von der See her pfiff ein eisiger Wind. Es war Januar, die Jahreszeit, in der – so behauptete man – im Wasser des Adriatischen Meeres sogar die Fische frieren würden.

Callabro trug einen dicken, gefütterten Mantel und eine Ballonfahrermütze. Er war ein mittelgroßer, etwas rundlicher Mann von Anfang Vierzig mit einem scharfgeschnittenen Römergesicht, zu dem das Doppelkinn wenig passen wollte.

»Herr«, sagte er, »ich will dich ja nicht kritisieren und auch nicht dein Wort, aber hättest du es nicht ein wenig leichter gestalten können? Die Bibeln sind so schwer, dass sie mir fast den Arm ausreißen.«

Er erhielt keine Antwort – weder vom Himmel noch von der Erde – und setzte seinen Weg fort. Er befand sich in der Nähe der Hafenstadt Vlora, bei der auf drei Terrassen angelegten mittelalterlichen Festung Kanina. Bei den Freiheitskämpfen des Nationalhelden Skanderberg gegen die Türken um die Mitte des 15. Jahrhunderts hatte Kanina ein paarmal eine bedeutende Rolle gespielt.

Callabro schritt über Äcker, Felder und Hügel zu dem Treffpunkt in der Nähe der Festung Kanina. Sein Ziel war eine alte Ruine, in der es spuken sollte. Der Mönchsorden der Templer hatte hier im 12. Jahrhundert ein Schloss errichtet. Nach den Kreuzzügen waren die Templer von Vlora immer schlimmer entartet. Aus dem Morgenland hatten sie Kenntnisse der Schwarzen Magie mitgebracht, Gold und Silber, Schätze und ein hochfahrendes Wesen. Schließlich trieben sie es so arg, dass der Orden sich von ihnen lossagte und eine Strafexpedition die Burg eroberte und die Templer an einer mächtigen Eiche aufhing.

Die Eiche – die Templereiche nannte sie die Bevölkerung – stand immer noch: uralt, knorrig, vom Blitz und vom Wetter gezeichnet, wie eine Inkarnation und ein Mahnmal der Sünden jener verruchten Tempelritter.

Callabro schauderte, als er den Baum sah. Die Sichel des Neumonds kam hinter den Wolken hervor, ein paar Sterne waren zu sehen, und die Nacht wurde etwas heller. Es war kurz vor Mitternacht.

Er blieb vor der Ruine der Templerburg stehen. Sein Mittelsmann, der ihm die Bibeln abnehmen wollte, war noch nicht eingetroffen. Callabro war unheimlich zumute, deshalb nahm er eine der Bibeln aus dem Koffer und versuchte, darin zu lesen, aber er konnte in der Dunkelheit die Buchstaben nicht erkennen; er hätte seine Taschenlampe benutzen müssen, und das wollte er nicht.

Um Punkt Mitternacht kam der Mittelsmann hinter der Templereiche hervor, eine hochgewachsene Gestalt, in einen schwarzen Umhang gehüllt. Er bewegte sich lautlos.

»Alle Heiligen!«, sagte Callabro erschrocken. »Was für ein Bursche! Der passt zu dieser Zeit an diesen Ort wie die Lire in den Klingelbeutel. Gott sei mir gnädig! Alle Heiligen steht mir bei!«

Der Hochgewachsene kam näher. »Domino Callabro?«, fragte er mit Grabesstimme.

Etwas klapperte wie Kastagnetten, und Callabro merkte zu seinem Ärger, dass es seine Zähne waren.

»J-ja«, brachte er hervor. »Ich habe die Bibeln.«

Der Hochgewachsene lachte dumpf.

»Du hast Angst, ja? Komm, mein Freund, gib mir die Bibeln! Dann sollst du deinen Lohn bekommen.«

Callabro wurde die Sache immer unheimlicher. »Erst das Losungswort!«, verlangte er.

Der Hochgewachsene streckte die Arme aus. Wie eine riesige Fledermaus sah er aus. Sein Gesicht war ein bleicher Fleck in der Dunkelheit.

Der »heilige Callabro« nahm seine Taschenlampe, leuchtete ihm ins Gesicht und erstarrte vor Schreck.

Der Hochgewachsene wirkte geisterhaft bleich. Seine Augen waren völlig weiß, ohne Iris und Pupille. Und er hatte lange Vampirzähne.

Kein Zweifel, er war ein Vampir; und er wollte Callabros Blut. Schon hatte er ihn an der Kehle gepackt. Im letzten Augenblick fiel die Erstarrung von Callabro ab. Er steckte dem Vampir die Bibel zwischen die Zähne, gerade als dieser zubeißen wollte. Der Vampir ließ Callabro los und fuhr zurück.

Domino Callabro schlug ein Dutzend Kreuze und rief alle Heiligen an, die ihm einfielen. Der Vampir schleuderte die Bibel zur Seite. In seinen weißen Augen glomm ein dämonischer Funke. Wieder wandte er sich Callabro zu.

Der nahm eilends eine neue Bibel aus dem Koffer, knipste die Taschenlampe an und begann laut zu lesen. Zunächst las er aus der Schöpfungsgeschichte. Der Vampir zauderte. Callabro blätterte rasch weiter und kam zu den Ahnen des König David. Die endlose Litanei, wer der Sohn von wem gewesen war, beeindruckte den Vampir nicht sonderlich. Er rückte Callabro näher. Dem standen die Haare zu Berge. Er schlug eilends eine andere Stelle auf, und diesmal hatte er Glück. Er geriet an eine Teufelsaustreibung Jesu. Jesus hatte einen ganzen Schwarm von Teufeln aus einem Besessenen ausgetrieben und in eine Herde von Schweinen gebannt. Die Schweine wurden tollwütig, stürzten sich in einen See und ertranken.

Callabro skandierte die Worte. Er schleuderte sie dem Vampir ins Gesicht. Der klapperte mit den Lidern und heulte schaurig. Etwas an dieser alten Geschichte verursachte ihm Qualen und Schmerzen. Er drehte sich um und floh.

Callabro las auch noch weiter, als der Vampir schon längst in der Dunkelheit verschwunden war. Er las, bis der Morgen graute. Um nichts in der Welt hätte er sich von der Stelle gerührt, sich in einem Gelände bewegt, in dem es Vampire gab.

Im Morgengrauen hatte Callabro einen großen Teil des Neuen Testaments laut vorgelesen. Er war übernächtigt und fror. Er steckte zwei Bibeln ein, ließ seinen Koffer zurück und machte sich auf den Weg zu der alten Festung Kanina. Hier wollte er sich verstecken, bis er in der Nacht wieder abgeholt wurde. Mit dem Bibelgeschäft war es diesmal nichts gewesen. Er war froh, von dem Hügel mit der düsteren Ruine und der Templereiche wegzukommen.

Callabro hatte gerade drei Viertel des Weges zurückgelegt, als er den Lastwagen hörte. Er verbarg sich im Gebüsch am Wegrand, denn er fürchtete, dass es die Miliz sein könnte.

Der Lastwagen fuhr an ihm vorbei, zur Festung hinauf. Es war kein von einem roten Stern gekennzeichnetes Milizauto. Callabros Neugierde war geweckt. Was wollten Leute um diese Zeit auf der alten Festung? Er eilte den steinigen Weg hinauf. Der Atem wurde ihm knapp.

Der Lastwagen hielt im Innenhof der Festung, einem wuchtigen, moosüberwucherten Bauwerk mit acht noch stehenden Türmen. Callabro verbarg sich hinter dem offenstehenden Tor. Die hintere Ladeklappe des Lastwagens war geöffnet worden. Seltsame Gestalten hantierten in hektischer Eile herum, denn bald musste die Sonne aufgehen.

Callabro erschrak zutiefst, als er die Gestalten näher sah. Es waren Schreckenserscheinungen mit grünlichen Gesichtern. Einige waren teilweise schon verwest, andere verstümmelt. Sie trugen modrige Gewänder und hatten langes, verfilztes Haar. Bei mehreren sprossen wuchernde Bärte in den bleichen Gesichtern. Vor den Augen des entsetzten Callabro luden sie einen länglichen Fellballen vom Lastwagen ab.

Es wurde immer heller. Callabro sah, wie einer der Schrecklichen ein Ende des Fellballens aufschnitt. Er hätte fast aufgeschrien, als ein Männerkopf zum Vorschein kam, der Kopf eines Mannes mit dunklem Haar und einem über die Mundwinkel herabgezogenen Oberlippenbart.

Der Untote nickte befriedigt, als er sah, dass der Mann noch am Leben war. Er wälzte den schweren Fellballen herum und schnitt ihn am anderen Ende auf. Callabro sah den Kopf einer hübschen Frau mit rotbraunem Haar.

»Nein!«, schrie sie, als sie den Untoten über sich stehen sah. »Geh weg, du Ungeheuer!«

Der Untote gab den anderen mit bellenden, gutturalen Lauten ein paar Anordnungen. Dann packten sie den Fellballen und trugen ihn ins Innere der Festung. Der letzte Untote stieg in den Lastwagen und fuhr ihn in einen Scheunenanbau im hinteren Teil der untersten Terrasse der Festung.

Callabro hatte genug gesehen. Das, was er in den letzten acht Stunden erlebt hatte, würde ihn bis ans Ende seines Lebens verfolgen. Er rannte wie von Furien gehetzt.

Vor der Stadt Vlora angekommen, klopfte er an eine Bauernhütte. Eine freundliche Bauersfrau öffnete ihm, und er fiel mehr tot als lebendig in ihre Hütte. Callabro war nicht zum ersten Mal hier. Er wollte sich hier verstecken, bis das Boot ihn abholen kam.

 

Auf der zweiten Terrasse der Festung Kanina gab es einen kleinen Innenhof, in die Stufe der dritten Terrasse hinein gearbeitet und vorn von einer Mauer ohne Tür und Fenster begrenzt. In diesen Innenhof hatten die Untoten Dorian Hunter und die Stewardess geworfen. Unglücklicherweise war Dorian mit dem Kopf auf einen Stein geschlagen, als er am Boden landete. Auf seiner linken Kopfseite war das Haar blutverkrustet. Erst gegen Mittag öffnete er die Augen wieder.

Elise atmete auf. Sie hatte schon geglaubt, er sei tot.

Dorian blinzelte in die Sonne. Er lag auf der Seite, sein Kopf schmerzte zum Zerspringen. Die Felle trockneten und zogen sich immer mehr zusammen. Er wurde enger mit der kurvenreichen Stewardess zusammengeschnürt, als ihm lieb war. Elise musste den Kopf verdrehen, wenn sie ihn ansehen wollte. Er lag unter ihr, seine Füße befanden sich bei ihrem Kopf.

»Die Untoten sind weg«, sagte sie. »Haben Sie eine Ahnung, wo wir hier sind, Mr. Hunter?«

»Lass den Mister weg, Elise. Ich heiße Dorian. Nein, weiß der Teufel, wo wir hier hingeraten sind. Ich weiß nur, dass wir die ganze Nacht auf einem Lastwagen hin und her kutschiert wurden, und als ich mich einmal zu befreien versuchte, hat mir jemand ganz mörderisch ins Kreuz gehauen. Was ist denn passiert, seit ich hier eine Kopflandung gemacht habe?«

»Nichts. Wir lagen hier. Niemand hat sich um uns gekümmert. Ich friere furchtbar und fühle mich zerschlagen.«

»Mir geht es nicht besser. Es ist schon Mittag. Nach Einbruch der Dunkelheit werden die Untoten zurückkommen. Bis dahin müssen wir von hier verschwunden sein, sonst steht uns Schreckliches bevor.«

»Verschwunden sein?« Elise lachte bitter. »Wie sollten wir uns wohl befreien können? Ich vermag kein Glied zu rühren.«

Dorian antwortete nicht. Er schloss die Augen, konzentrierte sich und sammelte alle Kräfte, die noch in seinem zerschlagenen, zerschundenen und erstarrten Körper vorhanden waren. Er war nicht gefesselt, aber das Leder der sich zusammenziehenden Felle schnürte ihn wie eine immer enger werdende Rüstung ein.

Er versuchte die rechte Hand zu bewegen, wie er es schon im Lastwagen getan hatte. Das Leder krachte und knirschte. Millimeter um Millimeter konnte er schließlich Arm und Hand anheben. Er war in Schweiß gebadet. Sein Herz hämmerte, und sein Kopf wollte zerspringen, als er die Hand endlich in der Tasche hatte.

Er fand, was er suchte: Das kleine Taschenmesser. Die Untoten hatten es ihm nicht abgenommen.

Es war ein zweiter Kraftakt, das Messer zu öffnen und mit der Klinge das zähe, feste Leder mit dem Schafspelz zu durchstoßen. Doch tatsächlich – es gelang ihm, die Schaffelle aufzuschlitzen. Er schälte sich heraus, und damit war auch Elise frei.

Der Dämonenkiller reckte und streckte sich und massierte seinen Körper, um die Blutzirkulation wieder in Gang zu bringen. Die Luft roch nach Salzwasser. Dorian nahm an, dass sie sich in der Nähe des Meeres befanden.

Die Kleider der beiden waren mit dem Blut der Schafe besudelt. Dorian sah wie ein schnauzbärtiger Metzger nach einem Tag Akkordarbeit im Schlachthaus aus.

»Wie sollen wir hier herauskommen?«, fragte Elise. »Die vordere Mauer und die Wände der Terrasse sind drei Meter hoch.«

Dorian baute auf die Mauerritzen. Viel mehr Sorgen machte ihm die Frage, wo der Opferdolch geblieben war. Nach den Worten des Demiurgen sollte er mit magischen Kräften ausgestattet sein und Dorian im Kampf gegen die Dämonen helfen.

Der Dämonenkiller versuchte, an der Mauer hochzusteigen. Er nutzte die Mauerritzen geschickt aus. Einmal fiel er herunter, aber beim zweiten Mal schaffte er es. Er legte sich bäuchlings auf die Mauer, streckte Elise eine Hand entgegen und zog sie hoch. Sie standen nun auf der zweiten Terrasse der alten Festung, die wieder durch eine Mauer von der ersten getrennt war. Das massive Tor war verriegelt, der Riegel mit einem schweren Stahlvorhängeschloss gesichert.

Dorian stieg über ausgetretene Stufen auf den Quergang der Mauer hinauf. Sechs Meter unter ihm lag die erste Terrasse mit den beiden langgestreckten Gebäuden und dem alten Ziehbrunnen. Er kehrte zu Elise zurück.

»Wir nehmen den Weg durch die Gewölbe. Ich bin überzeugt, dass es geheime Gänge gibt, durch die wir ins Freie gelangen können. Wir müssen sie nur finden.«

Er verschwieg, dass sie in der Finsternis der Gänge Untote und Vampire erwarten konnten.

Ein wuchtiger Turm erregte seine Aufmerksamkeit. Die Tür war nicht verschlossen, wie er gleich darauf feststellte. Dorian und Elise stiegen hinauf.

Dorian wollte sich umsehen; er musste wissen, mit wem er es zu tun hatte. In der letzten Zeit glaubten anscheinend alle, sie könnten mit ihm wie mit einer Schachfigur verfahren. Kiwibin lotste ihn erst nach Russland und dann nach Istanbul; der Secret Service wollte ihn abschieben; und jetzt hatte ihn jemand auch noch nach Albanien verfrachtet. Dorian fragte sich, ob vielleicht wieder Kiwibin die Hand im Spiel hatte, aber das glaubte er nicht ernstlich. So weit reichte der Arm des russischen Geheimdienstes wohl nicht.

Von der oberen Plattform aus hatten sie eine gute Aussicht. Dorian sah zu seiner Linken einen See und an seinem südlichen Ende an einer Bucht eine Stadt. Er schätzte sie auf vierzig- bis fünfzigtausend Einwohner. Im Westen lag das Adriatische Meer, im Süden und im Osten prägten Berge die Landschaft. Im Norden dehnte sich die fruchtbare Küstenebene aus. Weiter hügelabwärts sah Dorian eine alte Ruine. Eine verkrüppelte uralte Eiche stand in ihrer Nähe, bizarr, der Zeit Trotz bietend.

Sie waren irgendwo in Albanien. Das Land war klein und besaß gerade einmal zwei Millionen Einwohner. Die Hauptstadt Tirana brachte es auf 170 000 Menschen. Die Albaner lebten hauptsächlich von der Landwirtschaft.

Der Dämonenkiller führte Elise wieder nach unten. Und er fand eine Tür, die in unterirdische Gewölbe hinabführte. Es roch modrig. Staub reizte die Schleimhäute der Nase, und Fledermäuse flatterten auf, als Dorian eine weitere Tür zu einem finsteren Gang öffnete. Er sah Fackeln in schmiedeeisernen Halterungen in der Wand stecken.

Dorian suchte in seinen Taschen nach Streichhölzern. Aber er hatte die Streichhölzer, die Zigaretten und auch das Feuerzeug verloren.

Elise hatte ein Streichholzheftchen in einer Tasche der blutbeschmierten Stewardessuniform stecken. Sie zündeten die Fackeln an. Im flackernden Schein geisterten ihre Schatten über die niedrigen Wände des Ganges. Die Luft war feucht und muffig, das Gemäuer uralt.

Sie kamen in ein Gewölbe, in dem einige blutbefleckte Opfersteine standen. Dorian ging weiter, und Elise folgte ihm. In einem anderen Gewölbe erblickten sie Knochen und Totenschädel – wahrscheinlich die Überreste eines grausigen Mahles der Untoten. Ein verstaubter Eichenholzsarg stand in einer Ecke.

Der Dämonenkiller öffnete ihn, und sein Herz machte einen Satz. Ein Vampir lag darin, eine majestätische Erscheinung mit einem langen, roten Purpurmantel. Im Gürtel trug er den Opferdolch. Seine Augen funkelten diabolisch, als Dorian ihm den Dolch aus dem Gürtel zog. Er konnte nichts unternehmen, denn er war nur ein Untoter und deshalb machtlos bei Tage.

Dorian sah ein morsches Brett auf dem Boden liegen. Er nahm es, spaltete mit dem Manichäerdolch einen langen Span ab, spitzte ihn an und setzte den Span auf die Brust des Vampirs. Ein Stoß trieb ihn bis in das Herz. Der Vampir schrie und bäumte sich auf, dann zerfiel er zu Staub.

Der Dämonenkiller ging weiter, den Dolch in der Faust.

»Wer bist du?«, fragte Elise.

»Ich kämpfe gegen die Mächte der Finsternis und gegen Dämonen«, entgegnete Dorian knapp.

Sie irrten lange Zeit in den unterirdischen Gewölben herum und sahen schreckliche Dinge. Elise fand nach langem Umherirren einen Ausgang. Die Fackel war nur noch ein kurzer Stummel. Der Abend musste nahe sein. Dorian hatte schon befürchtet, dass sie es nicht vor Beginn der Dämmerung schaffen würden.

Durch einen langen, schlauchartigen Gang gelangten sie ins Freie. Die Sonne sank, als Dorian und Elise aus einem schmalen, von einem Gebüsch getarnten Höhleneingang traten. Über ihnen ragte drohend die Festung Kanina mit ihren Mauern, Zinnen und Türmen auf.

Dorian wollte nicht in der Nähe der Festung bleiben, denn bald musste ihre Flucht entdeckt werden. Er ging mit Elise um den Hügel herum, bis sie einen Weg fanden. Er führte zu einem festungsartigen Bauernhaus am Fuß des Hügels. Die Sonne war jetzt bereits wie ein rotglühender Ball im Meer versunken. Ein paar flammende Wolken trieben noch über dem Meer. Der Himmel wurde dunkler. Die Dämmerung brach herein.

Dorian hörte einen seltsamen Sprechgesang. Er konnte den Wortlaut nicht verstehen, aber er hielt Elise zurück und legte den Finger an die Lippen, damit sie sich ruhig verhielt. Der Sprechgesang kam aus keiner menschlichen Kehle. Ein Untoter trieb sich bei dem Haus mit den massiven Steinquadermauern, den kleinen Fenstern, dem gewaltigen Tor und den Schießscharten herum.

 

 

2. Kapitel

 

Vavra Noli zuckte zusammen, als sie die Stimme ihres Mannes vor dem Haus vernahm. Sie schüttete die heiße Milch aus dem Topf über den linken Arm. Der Schmerz trieb ihr Tränen in die Augen.

Aber viel schlimmer als der Schmerz war die Angst. Faik Noli wollte seine Frau zu sich holen, sie zu einer Untoten und Kreatur des Mbret machen. Vavra überprüfte, ob Türen und Fenster verriegelt waren. Sie schaute nach dem silbernen Kreuz, der Kette mit Knoblauchzehen, dem Vampirpfahl, der Mistgabel und dem Beil.

Vavra war eine kräftige, auf eine derbe Art hübsche Bauersfrau um die Dreißig. In den zwölf Jahren ihrer Ehe hatte sie mit ihrem Mann wenig Freude gehabt. Ihre Kinderlosigkeit hatte ihn nach Vlora ins Wirtshaus getrieben, und wenn er betrunken heimkam, hatte er entweder wie ein kleines Kind geweint oder sie beschimpft und ihr Vorwürfe gemacht.

»Dein Bauch ist wie eine taube Nuss«, hatte er gesagt. Oder: »Wenn ich mich zu dir ins Bett lege, dresche ich leeres Stroh.«

Jetzt schlug Faik Noli andere Töne an.

»Komm her zu mir, mein einzig Lieb!«, rief er mit seltsam unmodulierter Stimme. »Komm und teile die Einsamkeit meiner Tage im Grab und in den Grüften mit mir, und die Jagd nach dem Blut der Lebenden in den Nächten! Komm und diene mit mir dem Mbret!«

Vavra lehnte sich mit dem Rücken an die Tür. Ihr großer Busen wogte. Der Untote kratzte und scharrte, winselte wie ein Hund.

»Geh weg!«, schrie Vavra. »Geh in dein Grab zurück, Faik, und lass mich in Ruhe!«

Ein dumpfes Lachen war zu hören. Ein schwerer Körper krachte gegen das Holz.

Aber Faik hatte es schon in den letzten Nächten nicht geschafft, ins Haus einzudringen, sosehr er sich auch bemüht und so wild er sich auch gebärdet hatte. Und auch diesmal hielt die massive, mit Eisenbändern versehene Bohlentür dem Ansturm stand.

»Steig zu mir in die Gruft hinab!«, sang Faik Noli. »Komm zu mir in mein kaltes Grab! Das Leben ist ein eitler Wahn. Entsag ihm! Schließ dich dem Mbret an! Das wahre Leben kann nur der große Mbret dir geben.«

In dieser Art ging es noch einige Zeit weiter. Vavra hielt sich die Ohren zu. Sie warf den Kopf hin und her und biss sich in die Unterlippe, bis sie blutete. Stärker denn je war der Zwang, hinauszugehen zu Faik, ihm die Halsschlagader zu bieten, um den magischen, lähmenden Biss zu empfangen.

Da brach der Sprechgesang jäh ab. Faik stieß einen wütenden Schrei aus, und als Vavra aus einer Schießscharte spähte, sah sie ihn den Berg hinaufflüchten, auf die Festung Kanina zu, die Hochburg der Untoten. Ein großer Mann mit einem über die Mundwinkel herabhängenden Oberlippenbart jagte hinter Faik her, einen spitzen Stock in der einen Hand, einen Dolch in der anderen. Aber er gab die aussichtslose Jagd bald auf und kehrte um.

Zwischen den kahlen Bäumen am Berghang trat eine Frau hervor. Der Mann und die Frau näherten sich dem Bauernhaus. Sie wirkten zerzaust und heruntergekommen. Ihre Kleider waren blutbeschmiert. Alles andere als vertrauenerweckend sahen sie aus.

Vavra Noli sah durch die Luke neben der Tür den Mann an die Haustür pochen. Dumpf dröhnten die Schläge durch das Haus.

»Wer seid ihr und was wollt ihr?«, fragte Vavra.

»Wir sind von der Festung geflohen und suchen Zuflucht«, antwortete der Mann auf Englisch und anschließend auf Russisch. »Lassen Sie uns ein! Wir werden sicher verfolgt.«

Vavra sprach leidlich Englisch, denn sie stammte aus Tirana und hatte die Realschule besucht. Sie verstand Dorian, war aber äußerst misstrauisch. Noch nie war es jemandem gelungen, von der Festung Kanina zu entfliehen, seit der Mbret erschienen war und seine Schreckensherrschaft begonnen hatte. Vielleicht war es eine Falle.

»Ich glaube euch nicht«, sagte Vavra in ihrem schwerfälligen Englisch. »Ich muss sichergehen. Haltet eure Gesichter vor die Luke!«

Die beiden gehorchten. Vavra Noli holte einen kleinen Weihwasserkessel und besprengte den Mann und die junge Frau durch die Luke. Keiner von beiden zuckte, keiner stieß einen Schmerzensschrei aus oder schlug die Hände vors Gesicht.

Schnell entriegelte Vavra Noli die schwere Tür, an der Knoblauchketten angenagelt waren. Dorian und Elise schlüpften hinein. Die Bauersfrau verrammelte in aller Eile die Tür wieder, im letzten Augenblick, denn schon kamen Horrorgestalten den Weg von der Festung Kanina herab, Vampire und Untote.

Es war eine wolkenlose, sternenklare Nacht. Man konnte den Weg und die Umgebung des Bauernhauses gut überblicken.

Vavra Noli bekreuzigte sich. »Sie kommen wieder. Der Mbret schickt sie, und Faik führt sie an. Gott sei mir gnädig!« Dann fuhr sie in ihrem schlechtem Englisch fort: »Auf, auf, bewaffnet euch! Wenn die Wiedergänger hereinkommen, sind wir alle verloren. Du nimmst das Beil dort, Schnurrbart, und du eine Mistgabel, Frau! Ich werde Fackeln und Weihwasserkessel bereitstellen. Die Wiedergänger haben gelernt, mich zu fürchten. Viele von ihnen tragen Wundmale am Körper, die ich ihnen beigebracht habe.«

Dorian nahm das Beil. Im Haus brannten Petroleumfunzeln. Vavra Noli stellte in jeden Raum einen Weihwasserkessel und steckte überall brennende Fackeln in die eisernen Ständer.

Die Wiedergänger warteten. Eine halbhohe Bruchsteinmauer umgab das Grundstück. Dorian ging durch das Haus, um sich davon zu überzeugen, dass nirgends eine Tür oder ein Fenster offengeblieben waren.

Das Haus hatte fünf Räume und eine kleine Vorratskammer. Alles war eng; die Räume wirkten düster. Er staunte nicht schlecht, als er in einem Raum einen Ackergaul, eine Kuh, zwei Ziegen, ein Schwein und ein halbes Dutzend Schafe sah. Sie waren wie Ölsardinen in einer Büchse zusammengepfercht. Stroh lag auf dem Boden des Zimmers.

»Ich hole das Vieh jeden Abend herein«, sagte Vavra, »sonst bringen die Untoten es um oder verschleppen es. Die Hühner sind auf dem Dachboden.«

Eine Ziege meckerte. Die Tiere spürten instinktiv die Nähe der Untoten. Sie verhielten sich ruhig. Nur das Schwein versuchte an Dorian vorbei aus dem Zimmer zu kommen, aber Vavra trieb es mit der brennenden Fackel zurück.

»Benimm dich, Ibrahim!«, sagte sie. »Sonst brenne ich dir den Schwanz an.«

Das Schwein quiekte, und die Bauersfrau schloss die Tür.

»Ibrahim – ist das nicht ein seltsamer Name für ein Schwein?«

»Ibrahim ist ein muslimischer Name«, antwortete Vavra. »Ich bin eine gute Katholikin und wusste nicht, wie ich ein Schwein sonst taufen sollte.«

Albanien hatte blutige Pogrome und Christenverfolgungen erlebt, wie Dorian wusste. Etwas von dem alten Hass war immer noch lebendig.

Sie kehrten in die gute Stube zurück, den größten Raum des Hauses. Die Untoten hatten sich noch nicht gerührt. Sie wollten ihre Gegner zermürben, indem sie abwarteten. Aber die Methode wirkte nur bei Elise. Die Stewardess lief aufgeregt im Raum hin und her.

»Ich halte das nicht mehr aus!«, rief sie. »Wenn sie doch endlich kommen würden! Diese Ruhe ist einfach grässlich.«

»Ruhig!«, sagte die Bauersfrau. »Sie kommen noch früh genug.« Sie hatte sich in den Sessel gesetzt und zu stricken angefangen; ein Paar Wollstrümpfe für ihren Mann. Vor vier Wochen, kurz bevor der Mbret ihn holte, hatte sie damit begonnen. Obwohl Faik sie sicher nie mehr brauchen würde, strickte sie noch daran, einfach weil sie nichts Angefangenes liegenlassen wollte.

An den Wänden hingen drei Gewehre: zwei alte Vorderlader und ein Karabiner 98 k der ehemaligen deutschen Wehrmacht. Elise nahm den Karabiner. Das Fünf-Schuss-Magazin steckte in der Kammer.

Elise verstand ein wenig von Schusswaffen. Sie war Mitglied eines Wiener Schützenvereins. Sie entsicherte den Karabiner, zielte auf einen Untoten in einem schmutzigen weißen Gewand – Faik Noli – und drückte ab.

Die Kugel traf den Wiedergänger mitten in die Brust, aber nichts geschah.

Elise schoss das Magazin leer. Faik Noli blieb stehen. Drohend schüttelte er die Faust in Richtung des Bauernhauses. Elise warf aufschluchzend den Karabiner in eine Ecke.

»Es hat keinen Zweck, Kind«, sagte die Bauersfrau. »Auf die Wiedergänger zu schießen, habe ich schon längst aufgegeben. Sie sind nur umzubringen, wenn man ihnen den Kopf abschlägt, ihn bis zu den Schultern spaltet, sie pfählt oder verbrennt.«

Die Stewardess setzte sich auf das alte Sofa und verbarg das Gesicht in den Händen. Ihre Schultern bebten. Dorian ließ sie weinen. Was hätte er auch sagen sollen? Das Weinen half Elise mehr als seine Worte.

Er wandte sich an Vavra Noli. »Wie heißt du und weshalb bleibst du hier?«

»Mein Name ist Vavra Noli«, antwortete sie, ohne mit dem Stricken aufzuhören. Die Stricknadeln klapperten leise. »Wohin sollte ich sonst gehen? Seit mein Mann tot ist, gehört der Hof mir allein. Faik ist jetzt draußen bei den Wiedergängern. Jede Nacht versucht er, zu mir hereinzukommen.«

»Hast du keine Angst, Vavra?«

»Natürlich habe ich Angst. Aber noch mehr Angst hätte ich, wenn ich mittellos in der Fremde unter fremden Leuten leben müsste. Außerdem kann ich den Hof nicht im Stich lassen. Er gehört seit über hundert Jahren meiner Familie.« Sie summte ein melancholisches Lied.

Dorian konnte sie nicht begreifen, aber er würde Vavras Starrsinn kaum brechen können. »Elise und ich sind nicht freiwillig hier. Wir wollten nach Österreich – nach Wien.«

Die Bauersfrau nickte.

»Kennst du einen Weg, auf dem wir das Land verlassen können? Wir halten uns illegal hier auf. Ich habe etwas Geld. Ich zahle, wenn ich über das Meer nach Italien komme – mit Elise natürlich. In Italien kann ich mir schon weiterhelfen.«

»Vielleicht nehmen die Bibelschmuggler euch mit«, sagte die Bauersfrau. »In dieser Woche müssten sie wieder in der Piratenbucht an Land gehen. Ich weiß nicht genau, in welchen Nächten, aber zweimal kommt ein Boot. Einmal wird der Mann mit dem Koffer voll albanischer Bibeln an Land gesetzt und in der nächsten Nacht wird er wieder abgeholt.«

»Albanische Bibeln? Wozu denn das?«

Vavra Noli erklärte es Dorian. Er erkannte sofort, dass die Bibelschmuggler die beste Chance waren zu verschwinden. »Kannst du mir die Bucht zeigen, Vavra?«

»Natürlich. Aber nach Einbruch der Dunkelheit verlasse ich mein Haus nicht. Ihr müsst bis morgen warten.«

Elise hatte aufgesehen. Etwas Hoffnung spiegelte sich in ihrem Gesicht. »Hoffentlich werden diese Schmuggler nicht von der Polizei, der Miliz oder der Küstenwache gefasst. Wer weiß denn über den Bibelschmuggel Bescheid?«

»Oh, alle Katholiken hier. Bei uns bleibt nichts geheim. Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Elise, wir halten zusammen wie Pech und Schwefel und verraten nichts. Die Küstenwache ist übrigens bestochen, zumindest sind es die Leute, die regelmäßig diesen Küstenabschnitt kontrollieren.«

»Was hat es mit der Festung auf sich?«, fragte Dorian, während er aus einer Fensterluke spähte.

»Ein Gewirr von Gängen und Katakomben befindet sich darunter. Es ist das Reich des Mbret. Es soll dort auch grauenhafte Kreaturen geben, die sich von Toten und Aas ernähren.«

Dorian wollte nach dem Mbret fragen. Er wusste mit dem Begriff nichts anzufangen. Aber da kam Bewegung in die Reihen der Untoten. Sie rückten näher, kamen auf das Bauernhaus zu. Faik Noli führte sie an. Eine von Elises Kugeln hatte ihm das linke Auge ausgeschossen, das rechte glühte und funkelte dämonisch.

»Kommt heraus aus dem Haus, ihr Warmblütler!«, lockte der Wiedergänger. »Kommt, ihr Klopfherzen und Luftschnaufer! Kommt zu uns und gebt uns euer Blut, damit ihr werdet wie wir, im Namen des Mbret!«

Grünlich und weiß schimmerten die Schreckensgesichter in der Dunkelheit. Leichengestank umhüllte sie wie eine Wolke. Eine Knochenhand griff durch eine Schießscharte und packte Elises blauen Stewardessrock.

Vavra Noli hielt die Fackel an den Arm des Untoten. Er stank furchtbar. Ein dumpfer, klagender Schrei, und die Leichenhand verschwand.

Die Untoten wollten hereinkommen, aber sie konnten nicht durch eine Schießscharte oder eine Luke schlüpfen, die Knoblauchketten und Silberkreuze verwehrten ihnen den Zutritt.