Sieg der Schwarzen Magie

 

 

 

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Band 9

 

Sieg der Schwarzen Magie

 

von Ernst Vlcek und Neal Davenport u.a.

 

 

© Zaubermond Verlag 2012

© "Dorian Hunter – Dämonenkiller"

by Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt

 

Titelbild: Mark Freier

eBook-Erstellung: story2go

 

© 2008 Zaubermond-Verlag

http://www.zaubermond.de

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

Was bisher geschah:

 

Der ehemalige Reporter Dorian Hunter hat sein Leben dem Kampf gegen die Schwarze Familie der Dämonen verschrieben, seit seine Frau Lilian durch eine Begegnung mit ihnen den Verstand verlor.

Seine Gegner leben als ehrbare Bürger über den gesamten Erdball verteilt. Nur vereinzelt gelingt es Dorian, ihnen die Maske herunterzureißen. Unterstützung in seinem Kampf erhält er durch den englischen Secret Service, den er von der Wichtigkeit seiner Mission überzeugen konnte. Der Service gründete die Inquisitionsabteilung, deren Leiter Trevor Sullivan seitdem auch Dorians Vorgesetzter im Kampf gegen die Dämonen ist. Ihr Hauptquartier ist die Jugendstilvilla in der Londoner Baring Road, die durch Dämonenbanner gegen einen Angriff der Schwarzen Familie gesichert ist.

Bald kommt Hunter seiner eigentlichen Bestimmung auf die Spur: In einem früheren Leben schloss er als französischer Baron Nicolas de Conde einen Pakt mit dem Teufel, der ihm daraufhin die Unsterblichkeit gewährte. Um seine Sünden zu büßen, verfasste de Conde den »Hexenhammer« – jenes Buch, das im 16. Jahrhundert zur Grundlage für die Hexenverfolgung wurde. Doch der Inquisition fielen meist Unschuldige zum Opfer; die Dämonen, auf die de Conde es abgesehen hatte, blieben ungeschoren.

Der Pakt galt, und als de Conde selbst der Ketzerei angeklagt und verbrannt wurde, ging seine Seele in den nächsten Körper über. So ging es fort bis in die Gegenwart.

Dorian Hunter begreift, dass er die Wiedergeburt de Condes ist. Es ist seine Aufgabe, den Dämonen nachzustellen und sie zu vernichten. Vielleicht ist dieser angeborene Dämonenhass der Grund dafür, dass er sich nicht an die Vorgaben des Secret Service hält. Er jagt die Dämonen auf eigene Faust, und als die Erfolge ausbleiben, gerät der »Observator Inquisitor« Trevor Sullivan unter Druck. Die Abteilung wird aufgelöst.

Hunters engste Gefährten lassen sich durch die Rückschläge nicht schocken: Da wäre zunächst die junge Hexe Coco Zamis, die früher selbst ein Mitglied der Schwarzen Familie war, bis sie wegen ihrer Liebe zu Dorian den Großteil ihrer magischen Fähigkeiten verlor. Weiterhin der Hermaphrodit Phillip, der weder Mann noch Frau, weder Mensch noch Dämon ist und dessen hellseherische Fähigkeiten ihn zu einem lebenden Orakel machen – sowie der Puppenmann Don Chapman, der als Agent für den Service arbeitete, bis er von einem dämonischen Puppenmacher auf Zwergengröße geschrumpft wurde.

Hunter gelingt es, seine dämonischen Brüder zu töten und Asmodi, das Oberhaupt der Schwarzen Familie, zu vernichten. Doch mit Olivaro steht schon ein Nachfolger bereit. Zwar ist seine Position innerhalb der Familie nicht unumstritten, aber das lässt ihn im Kampf gegen Dorian nur umso gewissenloser agieren. Er hat keine Skrupel, mit Hunter zusammenzuarbeiten, wenn es seinen Interessen dient – so zuletzt beim Kampf gegen die Dämonen-Drillinge, die Hunter mit Hilfe des Hermaphroditen Phillip vernichtete.

Auf der Suche nach Trevor Sullivan, der offenbar von Dämonen entführt wurde, stoßen Coco und Dorian auf den boshaften Arzt Leonhard Goddard, der Menschen opfert, um seinen greisen Klienten durch ein magisches Ritual die Jugend zurückzugeben. Dorian befreit Sullivan aus Goddards Klauen und macht den Arzt unschädlich. Aber der Dämon, der hinter Goddard stand, lebt und geht zum Gegenangriff über. Noch bevor Dorian das Spiel durchschaut, befinden Coco und er sich in der Gewalt des unheimlichen Fremden – und es scheint, als habe auch Olivaro in diesem perfiden Spiel ein Wörtchen mitzureden ...

 

 

 

 

Erstes Buch: Sieg der Schwarzen Magie

 

 

Sieg der Schwarzen Magie

 

von Earl Warren

 

1. Kapitel

 

Ich habe Coco Zamis verloren, die Geliebte meines Herzens und die unerschrockene Gefährtin im Kampf gegen die Schwarze Familie. Früher selbst eine Hexe, verliebte sie sich in mich und machte meine Ziele und Anschauungen zu den ihren. Leicht ist es ihr sicher nicht gefallen. Auch das Zusammenleben mit mir war nicht einfach, denn ich bin ein unbeugsamer und in vielem widerspenstiger Charakter. Ich bin der Dämonenkiller, kein Heiliger.

Aber über alle Streitigkeiten und Zerwürfnisse siegte unsere Liebe. Manchmal stritten und trennten wir uns, doch unsere Gefühle füreinander führten uns immer wieder zusammen, ließen uns unsere Zwistigkeiten vergessen. Die meisten der wenigen Stunden des Glücks und der Entspannung, die mir in diesem Leben beschieden waren, seit ich meine Bestimmung erkannte und den Kampf gegen die Schwarze Familie der Dämonen aufnahm, verdanke ich Coco Zamis. Ohne sie wird es nie wieder so sein wie früher.

Ich verlor Coco auf einer der über dreitausend kleinen und kleinsten Bahamainseln, auf einer Insel, deren Namen niemand kennt, die auf keiner Seekarte eingezeichnet und normalen Menschen nicht ohne magisches Wirken zugänglich ist. Auf der Insel des Dämons Asmagon.

Zu dem Schmerz über den Verlust kommt noch die Ungewissheit. Habe ich sie verloren, weil sie sich für mich, für Donald Chapman, Marvin Cohen und die anderen von der früheren Inquisitionsabteilung aufopferte? Oder weil sie das Leben an meiner Seite nicht mehr ertragen konnte?

Alles begann an einem sonnigen Märztag in einer Villa in Nassau, der Hauptstadt der Bahamas, auf der Insel New Providence.

 

Nassau, Bahamas

»Aaaahhh! Aaaaahhh! Ich sterbe! Helft mir doch, steht mir bei, im Namen Gottes oder aller Dämonen!«

Julio Estaban Maria Ruiz, Ex-Diktator einer südamerikanischen Bananenrepublik, jetzt ein steinalter Mann im luxuriösen Exil, sank röchelnd in seinen bequemen Armstuhl zurück. Sein runzeliges Gesicht war verzerrt und blaurot angelaufen, die Adern am Hals und an den Schläfen wollten die welke Haut sprengen. Die blutunterlaufenen Augen starrten nun hervorquellend die anderen drei Alten an der reichgedeckten Prunktafel an. Ruiz' Hand verkrallte sich im Tischtuch, zerrte es mitsamt den goldenen Bestecken, silbernen Kandelabern und erlesenen Köstlichkeiten herab.

»Hil...«, röchelte Ruiz.

Er starb, bevor er das Wort beenden konnte.

Der schwarze Butler mit der geschmackvollen roten Livree erstarrte bei dem Anblick, der sich ihm bot. Die drei Alten an der nun kahlen Tafel unter dem kristallenen Prachtlüster schauten voller Abscheu, Ekel und Entsetzen auf Ruiz, ihren Schicksalsgenossen.

Sein Leichnam alterte in Minutenschnelle um ganze Jahrhunderte. Eine giftige Wolke von Verwesungsgasen schwebte durch den großen, prunkvoll eingerichteten Raum, während Ruiz' Körper zu einer Mumie verwelkte und verdorrte. Ein fleischloses, schwärzlichbraunes Ding ohne Augen, mit wenigen Haarsträhnen auf dem Mumienschädel und mit bleckenden Zähnen blieb im Stuhl hängen.

Die Zähne des Butlers klapperten wie Kastagnetten. Der Champagner in den hohen Gläsern auf seinem Tablett schwappte über.

»Heilige Mutter Gottes«, betete er, »bewahre mich vor diesem Höllenspuk! Ich will dir auch eine große Kerze stiften. Das schwöre ich dir. Ganz bestimmt.«

»Den Champagner her, du schwarzer Taugenichts!«, schrillte Lydia Goldsteins Greisinnenstimme. »Aber dalli!«

Der Butler servierte.

»Hol Stanweli und Agathe«, befahl die alte Frau mit den scharfen Gesichtszügen. Mit ihrer zu kurzen Oberlippe, dem hervorspringenden Kiefer und den bleckenden Zähnen erinnerte sie an eine Hyäne. »Schafft das da weg und vergrabt es im Garten!«

Das da waren die sterblichen Überreste des Ex-Diktators.

Der Butler war froh hinauszukommen. Fünf Minuten später kehrte er mit zwei Dienstboten zurück: einem dürren, grauhaarigen Schwarzen und einer fülligen Mulattin. Sie wollten die Mumie Ruiz' zunächst nicht anfassen, aber Lydia Goldstein brachte sie schnell zur Räson. Vor ihrer Herrin hatten die drei Dienstboten der Luxusvilla am Stadtrand von Nassau mehr Angst als vor jeder Mumie. Sie schleppten hinaus, was von Julio Estaban Maria Ruiz übriggeblieben war.

Silvio Pereira kicherte dünn.

»Was gibt es da zu lachen, Pereira?«, herrschte die Goldstein ihn an. »Das gleiche kann uns anderen auch jeden Augenblick blühen.«

»Ich dachte an das prächtige Mausoleum, das Ruiz sich auf der Insel Andros hat bauen lassen«, sagte der dreiundachtzigjährige Brasilianer Pereira. »Jetzt bleibt es leer. Ruiz wird genauso verscharrt wie die vielen tausend Opfer, die sein Terror- und Korruptionsregime forderte, ehe ihn die Militärjunta stürzte.«

»Was soll der Unsinn?«, fauchte Lewis D. Griffith, der älteste der drei. »Ich finde nichts Erheiterndes an Ihren Gedanken, Pereira, und wir haben wahrhaftig keine Zeit, lange solchen Stuss zu reden. Wie Lydia sagte, uns kann es in der nächsten Minute genauso gehen wie Ruiz. Und ich für meinen Teil möchte noch sehr lange leben und mein Geld genießen.«

»Wer von uns möchte das nicht?«, fragte Pereira. »Aber Dr. Leonhard Godard ist nun einmal tot. Er kann uns nicht mehr die Lebenskraft junger Leute übertragen und uns damit die ewige Jugend schenken.«

»Goddard ist hin«, krächzte Griffith. Seine Stimme hatte unter dem Alterungsprozess schwer gelitten. Er konnte nicht mehr normal sprechen. Er hörte sich wie eine uralte verstaubte Schallplatte mit Fehlern in allen Rillen an. »Daran ist nur dieser verdammte Dorian Hunter schuld.«

»Ihm möchte ich bei einer Schwarzen Messe die Lebenskraft aussaugen«, giftete Lydia Goldstein voller Bosheit. »Es wäre mir eine doppelte Genugtuung. Ich möchte sehen, wie seine Haut welk und faltig wird, sein Haar schlohweiß, wie seine Gestalt krumm und gebeugt wird, wie seine Gelenke vor Ischias und Arthritis knacken und seine Hände zittern. Und dann möchte ich neben ihm stehen, jung und voller Lebenskraft, und lachend zusehen, wie er elend an Altersschwäche krepiert.« Ihr Hyänengesicht nahm einen verzückten Ausdruck an, als sähe sie eine Vision. Sie goss ein Glas Champagner die Kehle hinunter.

Die dicke Agathe und der Butler Robair kamen zurück und fingen an aufzuräumen.

»Hat noch jemand Hunger?«, fragte die Goldstein die beiden alten Männer.

Beide schüttelten den Kopf.

»Dann wollen wir uns auf die Terrasse begeben. Sonne und Champagner tun mir gut. Sie sind doch einverstanden, Mr. Griffith?«

Griffith nickte. Pereira fragte die Goldstein gar nicht erst. Er war ein widerlicher, buckliger alter Knacker mit bräunlichen Pigmentflecken im runzeligen Gesicht, einer Glatze und gichtigen Fingern. Er konnte sich nur humpelnd am Stock fortbewegen.

Die beiden Bediensteten hoben Lydia Goldstein in den Rollstuhl. Leise summend glitt er durch die sich elektronisch öffnende Glastür hinaus auf die Terrasse. Pereira musste von Robair gestützt werden; trotzdem brauchte er eine Ewigkeit, um die paar Meter zurückzulegen.

Griffith mit seinen fast hundert Jahren war noch der rüstigste. Er trug einen hellen Anzug und hatte ein eingefallenes Ledergesicht mit groben Poren, einer hohen Stirn und schlohweißem Haar. Obwohl er gebeugt und am Stock ging, wirkte er immer noch sehr groß. Er war ein uralter, böser Mann ohne jegliche Skrupel. Als kleiner Waffenhändler aus dem Mittleren Westen der Staaten hatte er seinen Aufstieg begonnen und seither an allen großen und kleinen Kriegen und Konflikten auf der Welt Geld verdient. Jetzt war er Milliardär, einer der reichsten Männer der Welt. Er besaß Flugzeugwerke, Waffen und ganze Ketten von Maschinenfabriken, auch Elektronikwerke und maßgebliche Anteile an Chemiekonzernen. Der Griffith-Trust, vor zwanzig Jahren wegen der Steuer in eine Stiftung umgewandelt, lieferte Waffen an jeden, der genug bezahlen konnte, war aber andererseits auch maßgeblich am Bau von Weltraumprojekten der NASA beteiligt.

So reich und mächtig wie Griffith waren weder die Goldstein noch der alte Knacker Pereira, aber sie waren mindestens ebenso zynisch und skrupellos.

Sie saßen auf der Terrasse von Lydia Goldsteins weißer Luxusvilla und blickten über den parkähnlichen Garten, über den nierenförmigen Swimming-Pool mit der Umrandung aus schwarzem Marmor. Die Goldstein dachte daran, dass sie vor drei Wochen noch wie eine junge Frau im Pool hatte schwimmen können. Jetzt benutzte sie den Rollstuhl, um sich fortzubewegen, weil sie das weniger anstrengte, denn jede Anstrengung zehrte an dem kärglichen, ihr verbliebenen Rest Leben.

»Ich will nicht sterben«, sagte sie leise und wie in Gedanken. »Leben will ich. Leben, leben, leben! Und ich will jung, schön und gesund sein – um jeden Preis. Ich will es einfach. Es muss einen Weg geben. Haben denn Ihre Experimente noch keinen Erfolg gezeigt, Griffith?«

Der uralte Milliardär schüttelte den Kopf. »Schwarze Magie will gelernt sein.« Seine Stimme knarrte wie eine rostige Türangel. »Wir brauchen einen Fachmann. Dr. Goddard konnte uns mit seinen magischen Künsten die ewige Jugend geben. Es ist also möglich, das wissen wir. Es müsste auch anderen außer Goddard gelingen. Aber uns fehlen die Kenntnisse dazu. Ich habe viele sogenannte Magier, Zauberer und Hexen von meinen Leuten befragen lassen und auch selber mit manchen gesprochen, aber es waren alles Stümper und Scharlatane.«

»Also keine Hoffnung?«, fragte Pereira.

»Das habe ich nicht gesagt. Es gibt einen Mann, der uns sicher helfen kann. Aber er wird nicht zur Zusammenarbeit bereit sein.«

»Wer ist es?«, fragte die Goldstein. In ihrem Hyänengesicht zuckte es. »Bringen Sie mir den Kerl oder nennen Sie seinen Namen! Ich bringe ihn soweit, dass er darum fleht, uns zu Diensten sein zu dürfen.« Sie nannte ein paar Dinge, die sie anwenden wollte, scheußliche Folter und Grausamkeiten. Nicht einmal der härteste Mann würde ihnen widerstehen, davon waren Lydia Goldstein und Silvio Pereira überzeugt.

»Gebt ihn nur den Aufsehern auf meinen Plantagen in Brasilien«, sagte der alte Pereira. »Die bringen sogar Taubstumme zum Heulen und Schreien.«

Griffith schüttelte den Kopf. »Der Mann, den ich meine, ist auch von Ihren Hodenquetschern und Nägelausreißern nicht kleinzukriegen, Pereira«, knarrte er.

»So? Wer ist es denn? Rücken Sie endlich damit heraus!«

»Dorian Hunter, der Dämonenkiller.«

Die Goldstein spuckte auf den Boden, und Pereira schlug mit dem goldenen Griff seines Krückstocks auf das kleine Tischchen, dass es krachte.

»Sie wollen uns wohl auf den Arm nehmen, Griffith!«, rief er. »Der Dämonenkiller ist der letzte Nagel an unserem Sarg. Wie soll der uns helfen?«

»Nun, er ist der Fachmann für Schwarze Magie. Er könnte das gleiche erreichen wie Dr. Goddard, davon bin ich überzeugt, wenn er nur wollte. Gewiss, er würde vielleicht andere Methoden anwenden, aber das kann uns egal sein, solange der Effekt der gleiche ist.«

»Ausgerechnet Dorian Hunter!«, sagte die Goldstein. »Dieser widerliche Hund! Unser Todfeind!«

»Sie sollen ihn ja nicht heiraten, liebste Lydia«, krächzte Griffith zynisch. »Er bekämpft die Dämonen schon seit langer Zeit, wie wir hörten, und er kennt die Fähigkeiten, die Tricks, Schlichen und Künste seiner Feinde wie kein zweiter. Er soll sogar selber Schwarzes Blut in den Adern haben. Wenn uns einer helfen kann, dann er.«

»Wahr ist es«, sagte die Goldstein nach einer Weile. »Man müsste ihn nur dazu kriegen. Ich schlage immer noch die Folter vor. So hart kann er gar nicht sein.«

»Mir schwebt eine weit raffiniertere und sicherere Methode vor«, ächzte Griffith mühsam. »Wenn er uns nämlich bei der Folter stirbt, ist unsere letzte Chance dahin. Wir haben keine Zeit zum Experimentieren. Lasst mir freie Hand und gebt mir alle Unterstützung, die ich brauche. Ich werde den Dämonenkiller dahin bringen, wo wir ihn haben wollen.«

Lydia Goldstein und Silvio Pereira schauten ihn an, überlegten, tauschten Blicke miteinander aus.

Die Goldstein war sechsundsiebzig, sah aber wie neunzig aus. Sie war die Tochter und Erbin von Samuel Goldstein, dem Besitzer von Film- und Fernsehstudios, sowie Zeitungsverlagen. Die Goldstein wurde »die Menschenfresserin« genannt, und das nicht nur, weil sie geschäftlich über Leichen zu gehen pflegte.

Silvio Pereira war ein Menschenschinder und Ausbeuter übelster Provenienz. Er besaß in Brasilien Kaffee-, Kautschuk-, Baumwoll-, Zuckerrohr- und Tabakplantagen und einige Bergwerke. Auf seinen Plantagen und in den Bergwerken war die Sterbequote höher als im dichtesten Dschungel des Mato Grosso. Pereira war auch maßgeblich an der Ausrottung eines ganzen Stammes von Amazonasindianern beteiligt. Die Weltöffentlichkeit hatte nur am Rande davon erfahren. Pereiras Name war nie genannt worden. Jetzt besaß er große Plantagen in dem riesigen Gebiet, das früher diesem Stamm gehört hatte.

Die verübten Gräuel konnten Silvio Pereiras Ruhe jedoch nicht stören. Ihn interessierte nur das eigene Wohlergehen. Und jetzt sah er sein kostbares Leben bedroht. Nur wenige Jahre hatte er sich der köstlichen ewigen Jugend erfreuen können.

Das Alter und der nahende Tod trafen Pereira wie auch Griffith und die Goldstein doppelt hart. Sie wussten, dass dieses Schicksal nicht unabwendbar war; wussten, dass sie jung und schön und gesund sein konnten, wenn es nur richtig angefangen wurde. Es war ihnen kein Opfer zu groß dafür, besonders, wenn es von anderen gebracht wurde.

»Gut«, sagte die Goldstein. »Tun Sie, was Sie für richtig halten, Griffith. Ich baue auf Sie.«

Pereira reichte Griffith die knochige Rechte und schüttelte seine Hand. »Zu bestechen ist dieser Narr Hunter leider nicht. Bringen Sie ihn nur so weit, dass er auf unsere Wünsche eingeht. Sollten Sie ihm wider Erwarten nicht beibringen können, dass er uns armen alten hilflosen und kranken Menschen Hilfe schuldet, dann bleiben immer noch meine Aufseher.«

Griffith lächelte zynisch. »Sie kennen den alten Lewis D. noch nicht, Pereira. Ich habe Methoden, die sogar Ihre vielgepriesenen Aufseher zum Flennen und Kotzen bringen würden.«

 

London, Großbritannien

»Pfoten hoch, oder es knallt!«, schrie eine Stimme hinter meinem Rücken.

Der neben mir sitzende Marvin Cohen fuhr sofort blindwütig wie ein Stier hoch und zog seinen .38er. Ich ließ mich vom Stuhl fallen. Eine Waffe trug ich nicht bei mir, denn schließlich saßen wir friedlich in der Jugendstilvilla in der Baring Road zusammen.

In der Tür stand Phillip, der Hermaphrodit, eine merkwürdig aussehende Pistole in der Hand. Er drückte ab. Eine rote Flüssigkeit spritzte aus der Wasserpistole und bekleckerte Cohens Gesicht.

»Peng, peng!«, rief Phillip.

Cohen lief rot an vor Wut. Er fuchtelte mit dem Revolver herum. »Ich möchte dir am liebsten den Kopf von den Schultern schießen, verdammter Narrenkopf.«

Phillip bespritzte ihn wieder mit dem roten Zeug, und das war zu viel für Cohen. Der bullige Mann steckte den .38er weg und ging mit einem Wutschrei auf Phillip los. Ich sprang auf, aber schon fuhr Miss Pickford dazwischen. Wie eine Megäre stellte sie sich vor Phillip.

»Wagen Sie es nicht, Phillip auch nur ein Haar zu krümmen!«, keifte sie. »Sie brutaler Wüstling!«

Cohen packte sie an der Schulter. »Weg mit dir, du alte Schachtel!«

Aber plötzlich schrie er auf. Ich stand schon neben ihm, doch es war nicht mehr nötig, dass ich ihm Einhalt gebot. Ächzend griff er an sein Kreuz.

»Au, verflucht!«

Ich schaute zurück und sah gerade noch, wie Coco Zamis mit den Fingern schnelle Bewegungen machte. Ihr Blick war für eine Sekunde stechend, dann saß sie wieder ruhig da und sah ganz normal aus.

»Was haben Sie, Cohen?«, fragte Trevor Sullivan, der frühere Observator Inquisitor, unwirsch. »Was ist denn das überhaupt für ein Affenzirkus?«

»Verdammt, mein Kreuz!«, fluchte Cohen. »Ich glaube, ich habe einen Hexenschuss. Ich kann mich kaum rühren.«

»So was soll's geben«, sagte der dreißig Zentimeter große Puppenmann Donald Chapman. Er saß auf einem kleinen Stühlchen, das auf einen normalen Stuhl gestellt worden war. Sein Essen war bereits weggeräumt, ein Miniaturglas Bourbon mit Soda stand auf der verbreiterten Armlehne des Stühlchens. Mein kleiner Freund war auch als Zwerg seinen Lastern, dem Rauchen und dem Trinken, treu geblieben. Nur mit den Frauen war es leider nichts mehr.

Er grinste schadenfroh, und ich war sicher, dass auch er Cocos schnelle Aktion beobachtet hatte. Coco hatte einen Teil ihrer Hexenfähigkeiten zurückgewonnen, sicher weil sie mich nicht mehr so liebte wie zu Anfang unserer Bekanntschaft. Vielleicht liebte sie mich überhaupt nicht mehr.

Cohen humpelte stöhnend zu seinem Platz zurück.

»Das kommt davon«, sagte Miss Pickford schadenfroh. Sie nahm Phillips Arm. Ihre Stimme war mitfühlend und mütterlich.

Ich hatte schon genug Differenzen mit der sechzigjährigen Haushälterin der Jugendstilvilla gehabt, aber wie sie so mit Phillip sprach, kam sie mir fast sympathisch vor.

»Was hast du, Phillip? Bedrückt dich etwas?«

Der Hermaphrodit schaute sie entrückt an. »Peng!«, rief er wieder. »Pengpengpeng! Rattata! Wumm!«

»Was hat er denn nur?«, fragte Coco erstaunt. »Spielt er Krieg oder will er uns vor einem Dämonenangriff warnen?«

»Dämonen können hier nicht eindringen«, sagte ich. »Vor Einbruch der Dunkelheit habe ich die Dämonenbanner um das Grundstück herum, auf dem Grundstück und am Haus noch einmal überprüft. Hier käme nicht einmal der verblichene Asmodi persönlich herein.«

»Na also«, meinte Trevor Sullivan. »Miss Pickford, führen Sie Phillip auf sein Zimmer. Er stört hier nur. Wir müssen uns ernsthaft darüber unterhalten, was jetzt mit uns allen werden soll, nachdem die Inquisitionsabteilung nicht mehr besteht.«

Miss Pickford führte den goldhaarigen Hermaphroditen mit den mädchenhaft knospenden Brüsten weg. Sanft schloss sie die Tür. Phillip ging widerstandslos mit, Miss Pickford konnte mit ihm umgehen wie niemand sonst von uns.

Cohen wischte sich murrend die rote Flüssigkeit aus dem Gesicht und versuchte, sie vom Hemd zu entfernen. »Scheint Wasser mit Wasserfarbe oder roter Tinte zu sein. Verdammtes, verrücktes Luder!«

»Phillip hat uns schon sehr geholfen«, fuhr Coco ihn scharf an. »Und mit ihm ist angenehmer auszukommen als mit dir.«

»So?«, fragte Cohen. »Stehst du neuerdings auf Hermaphroditen, Coco? Willst du mal was ganz Spezielles, oder ist Hunter dir zu abgeschlafft? Im letzten Fall könnte ich ...«

Trevor Sullivans Faust krachte auf den Tisch. »Zum Donnerwetter! Ich bitte mir Ruhe und Aufmerksamkeit aus. Sie unterlassen Ihre Ausfälligkeiten, Cohen, und Sie behalten Ihre Bemerkungen auch besser für sich, Coco.«

»Sie tun gerade so, als wären Sie noch unser Chef und wir alle dem Secret Service unterstellt, Sullivan«, begehrte Cohen auf. »Die Zeiten haben sich geändert, falls Sie das vergessen haben sollten. Ich habe genauso viel oder so wenig zu sagen wie Sie.«

Ich war der Streiterei müde. Am Vortag erst war ich von den Orkney-Inseln zurückgekehrt, nachdem ich dort einen Fall abgeschlossen hatte. Alte Männer und Frauen waren durch die Lebenskraft junger Leute wieder jung geworden. Ich hatte dem üblen Spiel ein Ende bereitet und Trevor Sullivan aus den Händen Dr. Goddards befreit.

»Benimm dich zur Abwechslung mal vernünftig, Marvin«, sagte ich. »Du wirst an Phillips paar Wasserspritzern nicht gleich sterben. Also, reden wir weiter über unsere Zukunft. Ich werde den Kampf gegen die Dämonen auf jeden Fall fortführen.«

»Von Luft können Sie den nicht finanzieren«, warf Trevor Sullivan ein. »Rechnen Sie nur mal die teuren Auslandsreisen, die Verpflegung, die Ausrüstung, Autos und Boote – und was Sie sonst noch alles benutzen müssen. Das will alles bezahlt sein.«

»Ich will keine Reichtümer ansammeln, Mr. Sullivan. Irgendwie muss es weitergehen.«

Sullivans Geiergesicht sah verdrießlich aus. Er hatte viel mitgemacht in der letzten Zeit. Zuerst war er beim Endkampf gegen die Dämonendrillinge lebensgefährlich verwundet worden, dann hatte Dr. Goddard ihn in ein Monstrum verwandelt. Gewiss, Sullivan hatte sein altes Äußeres soweit wieder, aber es waren doch mehr Spuren zurückgeblieben, als er mir und allen anderen gegenüber eingestand. Sullivans rechte Gesichtshälfte war wesentlich heller als die linke, als hätte er eine plastochirurgische Operation hinter sich. Und ich glaubte, dass noch weitere, nicht so offensichtliche Schäden geblieben waren.

»Was ist mit deinem amerikanischen Freund Jeff Parker?«, fragte Coco. »Er schwimmt im Geld. Könnte er nicht ...«

Eine Explosion unterbrach sie. Wir sprangen auf. Im Flur wurden Stimmen laut, Getrampel war zu hören. Im nächsten Augenblick flog die Tür auf. Gestalten wie von einem anderen Stern standen draußen. Gasmasken mit spiegelnden Scheiben entstellten ihre Gesichter. Sie hielten Mauser-Maschinenpistolen mit dem charakteristischen langen Stangenmagazin in den Händen. Einer warf ein paar Tränengaspatronen.

Die Gaspatronen zischten. Ich bekam gleich zu Anfang eine volle Prise in die Lunge und war weg vom Fenster. Wer die Wirkung von Tränengas nicht kennt, unterschätzt sie. Meine Augen brannten, als sei Säure hineingekommen, meine Nase lief, ich bekam keine Luft mehr, und mir wurde schlagartig übel. Ich torkelte benommen.

Coco kippte glattweg um, und Don Chapman ebenfalls. Für den Puppenmann war das Gas viel schlimmer als für uns andere. Cohen sprang ächzend auf, die Linke gegen seinen schmerzenden Rücken gepresst, und schon hielt er den .38er in der Rechten.

Er schoss, und der Gaspatronenwerfer brach mit einem dumpf unter der Gasmaske hervordringenden Schrei zusammen. Cohens Aktion war ebenso dumm wie tapfer. Ein kurzer Feuerstoß aus einer Mauser folgte. Cohen ließ den Revolver fallen, brach in die Knie. Außer den Farbwasserspritzern waren jetzt auch andere rote Flecken auf seinem Hemd und seiner Hausjacke aus heller Wolle. Er starrte mit erstauntem Ausdruck darauf, so als wäre ihm so etwas noch nie passiert, als könnte er es nicht begreifen. Dann fiel er abrupt aufs Gesicht und blieb liegen.

Ein großer, breitschultriger Kerl kam auf mich zu. Vergrößert und verzerrt sah ich seine Augen hinter den Sichtgläsern der Gasmaske. Er hielt das Gaszeug in der Linken und holte mit der Faust aus.

Ich wollte noch ausweichen, aber mein Körper gehorchte mir nicht. Es war, als sei ich schwer betrunken oder seekrank. Die Faust des Gangsters bohrte sich in meinen Magen. Ich klappte zusammen, und alles erschien mir wie in Zeitlupe.

Ich sah, wie der protestierende Trevor Sullivan einen Pistolengriff über den Schädel bekam, und wie rotes Blut zu beiden Seiten seiner Geiernase herunterströmte. Dann krachte etwas in mein Genick. Es war die Handkante des großen, breitschultrigen Gangsters. Einen Sekundenbruchteil sah ich noch den Boden, das Teppichmuster, dann war alles weg – die Übelkeit, das Licht, das Bewusstsein.

 

Jacht »Dyane II«, atlantischer Ozean

Das erste, was ich wahrnahm, war meine Übelkeit. Ich lag auf einem weichen, rhythmisch schlingernden Untergrund. Es roch nach Erbrochenem, nach Salzwasser und Holz. An der Decke brannte eine trübe Lampe; ihr Licht stach wie feurige Pfeile in meine Augen.

Ich schloss die Augen wieder und wartete, bis der Kreisel in meinem Gehirn stillstand. Meine Zunge lag trocken und pelzig im Gaumen. Ich fühlte mich wie in Watte gepackt, doch trotz meiner Situation seltsam heiter.

Man hatte mich unter Drogen gesetzt. Jetzt erst klang die Wirkung langsam ab. Von wie vielen Stunden wusste ich nichts? Wo war ich und was war mit den anderen?

Ich zwang mich, die Augen wieder zu öffnen und mich umzusehen. Ich lag auf einer Schaumgummimatratze. Meine Hände und Füße waren mit breiten Lederriemen gefesselt. Neben mir lagen, gleichfalls auf Schaumgummimatratzen, die anderen: Coco Zamis, Marvin Cohen, Trevor Sullivan und sogar Miss Pickford. Nur von Donald Chapman sah ich nichts.

Cohens Oberkörper war nackt und mit einem breiten Verband umwickelt. Der bullige Mann sah sehr bleich aus, sein Gesicht wirkte wie eine Wachsmaske. Sein Unterkiefer war zurückgeklappt. Ich fürchtete schon, er sei tot, doch plötzlich begann er zu stöhnen.

Coco schlug die Augen auf, schaute sich verwirrt um und sah dann zu mir her. »Dorian, wo sind wir hier?« Ihre Stimme klang fremd.

»An Bord eines Schiffes, im Laderaum. Aber frag mich nicht, wie lange wir hier schon sind oder wie wir herkamen. Beim Überfall in der Jugendstilvilla ist der Faden bei mir gerissen.«

Coco nickte matt. Sie sprach nichts in den nächsten Minuten, denn ihr war genauso übel wie mir. Auch dann redeten wir wenig. Ich zwang mich, tief und regelmäßig zu atmen, und nach einiger Zeit spürte ich, wie mir etwas besser wurde. Von meiner Topform war ich aber noch weit entfernt.

Miss Pickford erwachte längere Zeit nach uns.

Später wurde eine Falltür oben in der Decke geöffnet. Zwei Kreolen mit schmuddeligen, ehemals weißen Hemden und Hosen stiegen die steile Treppenleiter herab. Es waren üble Burschen, muskelbepackt, kraushaarig, mit finsteren, nichts Gutes verheißenden Gesichtern. Beide trugen Pistolentaschen am Gürtel. Die Hosentasche des einen beulte sich aus, als hätte er einen Totschläger darin. Der Größere der beiden leuchtete mit einer Stablampe im düsteren Laderaum umher.

»Wer ist Hunter?«, fragte er in einem üblen, kaum noch ans Englische erinnernden Slang.

»Der Schwarzhaarige mit dem Sichelbart da hinten in der Ecke«, sagte der andere. »Komm, schaffen wir ihn hoch, Prentice!«

Prentice blieb stehen und leuchtete Coco Zamis an. »Was haben wir denn da? Wer hätte gedacht, dass so was Hübsches in den Decken, die wir in Palm Beach an Bord getragen haben, eingewickelt ist? Die Puppe wäre im Mannschaftsquartier besser aufgehoben als hier unten im Laderaum, meinst du nicht auch, Bull?«

»Und ob ich das meine! Aber beeil dich jetzt! Der Alte wartet. Wenn er böse wird, ist der Teufel los, das weißt du ja.«

Prentice fasste kurz an Cocos Brust und ließ die Hand über ihren kurvenreichen Körper gleiten. Aber er hatte vor dem Alten – wer immer das auch war – eine Menge Respekt, denn er riss sich gleich wieder von Coco los. Sie musterte ihn eiskalt und verächtlich. Natürlich war sie genauso gefesselt wie ich und die anderen. Sogar den schwerverletzten Cohen hatten sie festgebunden.

»Anders kriegen Sie wohl keine Frau«, sagte Coco.

Prentice drehte sich heftig zu ihr um. Einen Augenblick sah es so aus, als wollte er sich auf die Gefesselte stürzen, aber dann grinste er. »Puppe, du ahnst gar nicht, welches Glück du hast, oder vielleicht auch welches Pech, dass ich gleich zum Alten muss. Aber ich komme auf dich zurück. Verlass dich drauf!«

»Was gibt's da unten so ewig lang zu quatschen?«, schrie eine barsche Stimme herunter. »Los, bringt den Kerl hoch, verdammt noch mal! Sonst gibt's was aufs Maul!«

Ein schöner Ton herrschte an Bord. Er passte zur Besatzung.

Die beiden Kreolen packten mich und stellten mich auf die Füße. Ich musste lange gelegen haben, denn mir wurde so schwindelig, dass ich gestürzt wäre, hätten sie mich nicht gehalten. Die Droge musste sehr stark gewesen sein. Um mich in Palm Beach, Florida, einschiffen zu können, hatten die Gangster mich erst einmal quer über den Atlantik fliegen müssen.

Meine Fußfesseln wurden durchschnitten. Die beiden Kreolen stützten mich und schleiften mich zur Treppenleiter.

Ich machte mir und auch den anderen die größten Vorwürfe, denn wir hatten uns in London wie dumme Jungen übertölpeln lassen. Nur weil die Dämonenbanner Dämonen abhielten, hatten wir uns sicher geglaubt. Aber jeder Vorstadtgangster konnte die einfache Alarmanlage der Jugendstilvilla außer Betrieb setzen und bei uns eindringen.

Dass die Schwarze Familie, oder wer immer auch hinter diesem Anschlag stand, sich ganz normaler Gangster bedienen könnte, daran hätten wir wirklich denken müssen. Aber nun war es zu spät, wie so oft im Leben. Was geschehen war, war geschehen.

Bull schob mich von hinten, Prentice packte mich an den Haaren; und so zerrten sie mich aus dem Laderaum ins Zwischendeck. Ein untersetzter, stämmiger Weißer mit einer Uniformjacke, an der zwei Knöpfe fehlten, einer dreckigen Kapitänsmütze und schweren Tränensäcken in der breiten, verschlossen wirkenden Visage erwartete mich. Ein Priem beulte seine linke Backe aus.

Ich musste ziemlich elend aussehen, denn er musterte mich geringschätzig von Kopf bis Fuß.

»Verdammter, hartbrotfressender Sohn einer Seejungfrau«, brummte er. »Deinetwegen also hat der Alte den ganzen Aufwand aufgezogen. Möchte wissen, weshalb. Kerle wie dich findet man in Kingston in jedem Spucknapf.«

Ich antwortete nicht, aber ich merkte auf. Kingston, das war die Hauptstadt von Jamaika. Steuerten wir etwa dorthin?

»Los, zum Alten!«, sagte der Kapitän.

Ich wurde durchs Zwischendeck in den Kabinentrakt geschleppt. Es war eine elegante moderne Luxusjacht, auf der ich mich befand. Die Besatzung passte dazu wie ein Schwein in die Westminster Abbey. Die Wände waren mit Teakholz getäfelt. Ich zählte vier Kabinen.

Aus Erfahrung wusste ich, dass dieser Typ Jacht über Bäder und Duschen verfügte, zwei bis drei WCs hatte, einen schönen Salon, eine Messe und sicher auch ein Sonnendeck. Radar, Echolot und Radiotelefon gehörten ebenso zur Ausstattung wie eine leistungsfähige Funkanlage.

Diese Luxusjacht gehörte keinem armen Mann, das war sicher. Meine Spannung wuchs, wer wohl der Alte war, zu dem ich gebracht wurde und der hinter der ganzen Aktion stand. Ich stellte mich schwächer und benommener, als ich war. Vor der letzten Kabinentür blieben wie stehen. Der Kapitän rückte seine Mütze gerade, räusperte sich und nahm eine aufrechte Haltung an, ehe er klopfte.

»Herein!«, krächzte es heiser von drinnen.

Der Kapitän öffnete die Tür, und die beiden Kreolen stießen mich in die Kabine. Es war ein großer, hell und freundlich eingerichteter Raum. Eine Tür führte zum Bad und WC. In der Ecke, unter einem der beiden Bullaugen, stand ein bequemes breites Bett. Ein ausgemergelter alter Mann mit lederartiger Gesichtshaut lag darin. Nur seine Augen schienen zu leben. Dunkel und böse sah er mir entgegen. Seine Krallenhand winkte mir, näher zu treten.

Meine Hände waren vorn gefesselt. Ich wankte. Immer noch kam mir alles unwirklich vor, aber die verrückte Heiterkeit war jetzt verschwunden.

Hinter mir trat der Kapitän ein, einen großkalibrigen Colt in der Faust. Er schloss leise die Tür hinter sich. »Dorian Hunter, Sir. Wie Sie befohlen haben.«

Ich trat vor das Bett mit dem uralten Mann. Irgendwie kam er mir bekannt vor, aber ich wusste erst, wer er war, als ich das Bild an der Wand über dem Bett sah. Es zeigte einen jungen Mann. Alles an ihm war straff und elastisch. Seine Augen blitzten vor Vitalität, und er sah ganz so aus, als könnte er einen dreißigjährigen Nebenbuhler in jeder Beziehung bei einer hübschen und verwöhnten jungen Frau ausstechen.

Der uralte Mann im Bett war zweifellos der gleiche wie der auf dem Bild, aber er war nur noch ein Schatten seiner selbst.

Der Alte hatte meinen Blick bemerkt. »Dieses Bild wurde vor vier Wochen fertiggestellt. Sechs Wochen habe ich dafür Modell gestanden. Sie hätten mich wohl nicht erkannt, Mr. Hunter? Aber mein Bild erkennen Sie sicher, oder?«

Natürlich kannte ich ihn. Wer kannte den geheimnis- und skandalumwitterten Milliardär Lewis D. Griffith nicht? Er hatte einen Nimbus wie Howard Hughes, Al Capone und Aristoteles Onassis zusammen; es hieß, dass all diese Männer gegen ihn Waisenknaben gewesen wären. Er war der Gerissenste, Cleverste und Skrupelloseste. Und er hatte nicht nur die Geschäftswelt das Fürchten gelehrt.

»Weshalb haben Sie mich entführen lassen?« Ich ahnte schon etwas, seit ich das Bild gesehen hatte, aber ich wollte es von ihm selbst hören.

»Ich bin alt geworden, Hunter. Besonders in den letzten drei Wochen. Für mich wäre dringend eine Verjüngungskur bei Dr. Goddard auf der Orkney-Insel in der Pentland Firth fällig, aber diese Möglichkeit haben Sie mir genommen. Sie haben mir die ewige Jugend gestohlen, Hunter.«

Er war also auch einer von den reichen Alten, die sich ihre Jugend mit dem Leben junger Menschen erkauften. Wie Vampire und Nachtmahre hatten sie ihnen die Lebenskraft ausgesaugt, bis die Unglücklichen mit fünfundzwanzig oder dreißig Jahren an Altersschwäche starben.

»Was wollen Sie jetzt tun? Sich an mir rächen? Dann lassen Sie wenigstens meine Gefährten laufen. Sie haben mit der Sache nichts zu tun.«

»Rache, Hunter? Was hätte ich davon?« Er schnaubte verächtlich. »Nein, ich will die ewige Jugend wiederhaben. Und ich weiß auch schon, wie ich sie bekommen kann. Aber dazu brauche ich einen Mann, der sich in der Schwarzen Magie auskennt. Einen Experten. Einen Mann wie Sie.« Den letzten Satz bellte er mir heiser ins Gesicht.

»Bedaure, man hat Sie falsch informiert. Ich habe keine Ahnung, wie ich Ihnen die ewige Jugend geben könnte. Wenn ich das wüsste, wäre ich reicher als Sie.«

Er lachte nicht über diesen Scherz, sondern griff unter sein Kopfkissen, zog einige eng beschriebene Schreibmaschinenseiten heraus und gab sie mir.

»Hier – lesen Sie!«

Ich setzte mich auf einen Stuhl. Der Kapitän stand schweigend an der Tür. Sein Colt zeigte auf mich. Er kaute seinen Priem.

Ich las, was auf den Schreibmaschinenseiten stand, und schon nach wenigen Sätzen überlief es mich kalt, obwohl es Mittag war und die Sonne auf den wogenden Ozean schien. Es war eine Abschrift von Fragmenten des sechsten und siebenten Kapitels des »Daemonicon«, des berüchtigten Hauptwerks über Schwarze Magie und Dämonenbeschwörung. Genauer gesagt, es war die fehlerhafte lateinische Übersetzung der vom Dämon Marchocias besessenen Nonne Alberta von Brabant – eine Kebstochter des französischen Königs Ludwig VIII. Sie hatte im Kloster von Cantimpre gelebt, tagsüber eine fromme Nonne, in manchen Nächten aber dem Dämon ausgeliefert. Unter seinem Einfluss hatte sie einen Teil des »Daemonicon«, dessen Grundlagen schon in Mesopotamien, Persien und im alten Ägypten bekannt gewesen waren, in lateinischer Schrift niedergeschrieben. Alberta von Brabant hatte grässliche Dinge getan und immer wieder alle möglichen Versuche angestellt, um ihren Inkubus loszuwerden. Bis sie sich endlich im Alter von sechsunddreißig Jahren, nachdem sie von einem Kardinal die kirchlichen Sakramente empfangen hatte, bei Einbruch der Dunkelheit aus eigenem Willen auf einem Scheiterhaufen verbrennen ließ. Ihr Herz war in der Glut unversehrt geblieben und wurde ein halbes Jahrtausend in der Klosterkirche von Cantimpre als Reliquie aufbewahrt, bis es in den Wirren des Revolutionsjahres 1789 verlorenging.

Ich las eine Seite und überflog die anderen. Die hier aufgeführten Beschwörungen und Riten waren so schaurig und furchtbar, dass sie mich entsetzten, obwohl ich gewiss allerhand gewohnt war. Das Vermächtnis der unglückseligen Alberta von Braband war unvollständig und fehlerhaft, aber für einen in der Schwarzen Magie erfahrenen Mann reichte es aus. Das Fehlende konnte man leicht hinzufügen, Fehler korrigieren. Ich wusste, dass ich es konnte, obwohl ich kein Anhänger, sondern vielmehr ein Gegner der Schwarzen Magie war. Natürlich hütete ich mich, das Lewis D. Griffith mitzuteilen.

»Tut mir leid. Wenn Sie mich und die anderen nur deswegen von Gangstern haben entführen lassen, sind Sie hereingefallen. Damit kann ich nichts anfangen. Das ist kindisches Zeug und barer Unsinn.«

Der uralte Milliardär winkte matt mit der Hand. Bevor ich reagieren konnte, stand schon der Kapitän hinter mir und hieb mir den Griff des Colts in die Nieren, dass ich in die Knie ging.

»Lügen Sie mich nicht noch einmal an. Hunter! Ich weiß, dass Sie anhand dieser Aufzeichnungen einen Dämon beschwören können. Und genau das werden Sie auch tun.«

»Wissen Sie, was Sie da von mir verlangen? Sie kennen die Dämonen nicht, Griffith. Wer sich ihnen ausliefert, der liefert sich der Hölle aus. Er wird immer der Verlierer sein und ein Schicksal erleiden, das weit schlimmer ist als das, dem er entgehen wollte. Die Dämonen und der Teufel spenden keinen Segen, nur Fluch.«

»Geschwätz!« Der Milliardär setzte sich auf. »Ich spüre, wie der Tod nach mir greift. Ich will um jeden Preis leben. Und ich bin nicht der einzige. Es ist mir egal, ob Sie den Satan selbst beschwören und sich und uns ihm auf ewig ausliefern müssten, Dorian Hunter. Sie werden uns zur ewigen Jugend verhelfen.«

Ich dachte daran, wie ich mich als Baron Nicolas de Conde 1484 dem Teufel ausgeliefert hatte und welches Elend daraus entstanden war. Mein Entschluss stand fest: Nie wieder wollte ich so etwas tun. Nie wieder! Eher wollte ich sterben.

Genau das sagte ich auch Lewis D. Griffith und fügte hinzu: »An Ihren Anstand und Ihre Moral kann ich nicht appellieren, denn Sie haben mir gezeigt, dass Sie beides nicht besitzen. So appelliere ich an Ihren Stolz. Ihre Zeit ist gekommen. Treten Sie würdig ab, wie es alle Menschen müssen, und lassen Sie diese schreckliche dämonische Farce. Sie waren im Leben ein großer Mann, wollen Sie im Tod ein jämmerlicher Halunke und Versager sein?«

Er sah mich an, als hätte er es noch nie von der Seite betrachtet, aber dann schüttelte er den alten Kopf. »Nein, Hunter, so kriegen Sie mich nicht herum. Ich weiß genau, was ich will. Sie werden gehorchen. Es gibt Mittel und Wege, um auch Sie gefügig zu machen.«

Da griff ich mit beiden Händen nach seinem Hals. Doch blitzschnell fuhr seine Hand unter die Bettdecke, kam mit einem kleinen Sprayfläschchen wieder hervor und sprühte mir etwas ins Gesicht.

Ich bekam keine Luft mehr. Feurige Räder kreisten vor meinen Augen. Vor Griffiths Bett brach ich röchelnd in die Knie.

»Ein K.O.-Spray«, hörte ich seine Stimme wie aus weiter Ferne. »Ein kleines Nebenprodukt meiner chemischen Forschungslabors. Kapitän, bringen Sie ihn in den Salon! Prentice und Bull sollen sich um ihn kümmern! Aber richtet ihn nicht zu übel zu, klar?« Er hatte dem Kapitän schon vorher genau gesagt, was zu tun war.

»Zu Befehl, Sir. Wir bringen Ihnen diesen Dämonenkiller so zahm wie ein dressiertes Schoßhündchen zurück.«

Die beiden Kreolen Prentice und Bull kamen. Sie trugen mich mit Hilfe des Kapitäns aus der Kabine. Die Wirkung des Lähmungssprays dauerte noch an, als sie mich im luxuriös eingerichteten Salon der Jacht an einen am Boden festgeschraubten Stahlrohrsessel banden.

Der Kapitän ging zur Brücke, um beim Steuermann nach dem Rechten zu sehen. Die beiden Kreolen bearbeiteten mich unterdessen. Später kam der Kapitän zurück, kaute auf seinem Priem herum, spuckte ab und zu eine Ladung Tabaksaft in einen Spucknapf und sah zu.

Was die beiden Kreolen mit mir machten, braucht hier nicht angeführt zu werden. Es genügt zu sagen, dass sie brutale und gemeine Sadisten waren. Sie folterten mich auf demütigende und äußerst schmerzvolle Weise. Irgendwann konnte ich die Qualen nicht mehr schweigend ertragen und fing zu stöhnen an. Ich hörte das Stöhnen eine ganze Weile, bis ich begriff, dass ich selber diese Töne hervorbrachte. Es stank nach Schweiß und versengtem Fleisch. Mir wurde vor Schmerzen so übel, dass ich mich mehrmals übergeben musste, bis ich nichts mehr im Magen hatte und mir nur noch Speichelfäden über die Lippen liefen.

Einmal verlor ich das Bewusstsein. Sie überschütteten mich mit kaltem Wasser, ließen mich Salmiak riechen und machten mich wieder fit für weitere Folterungen. Dann gingen Sie draußen eine Zigarette rauchen. Durch die Tür hörte ich sie reden und lachen. Sie sprachen obszön über die Mulattinnen auf den Bahamas, die sie den weißen Frauen und auch den gelben und roten weit vorzogen. Sie waren Schweine und brutale Sadisten, willige Werkzeuge für einen milliardenschweren und völlig skrupellosen Mann wie Lewis D. Griffith.

 

 

2. Kapitel

 

Der Matrose starrte fassungslos in die Ecke, wo Augenblicke zuvor noch der Hermaphrodit Phillip gefesselt gelegen hatte. Phillip war spurlos verschwunden, als hätte er sich in Luft aufgelöst, vom einem Augenblick zum anderen. Er zwinkerte ein paarmal, aber davon tauchte Phillip nicht wieder auf.

»Wo ist der Kerl hin?«, brüllte er Coco Zamis, Miss Pickford, Trevor Sullivan und den bewusstlosen Marvin Cohen an.

Niemand antwortete.

Wütend stieg der Matrose die Treppenleiter hoch und rannte zum Kapitän.

Coco konzentrierte ihre Hexenfähigkeiten darauf, ihre Fesseln zu sprengen. Sie murmelte die Messerbeschwörung und wollte die Lederriemen mit unsichtbarer Klinge durchschneiden, aber es gelang ihr nicht. Nicht etwa, weil ihre Hexenfähigkeiten zu schwach gewesen wären; irgendetwas hemmte sie, blockierte sie; ein dämonischer Einfluss, der über der Jacht hing und ihre Magie zunichte machte.

Coco fluchte wenig damenhaft. Sie war sehr nervös und gereizt und machte sich große Sorgen um Dorian, denn er war schon vor Stunden abgeholt worden. Und jetzt war auch noch Phillip auf geheimnisvolle Weise verschwunden.

Trevor Sullivan begann zu stöhnen. Seine sonst so bleiche rechte Gesichtshälfte hatte sich verfärbt. Er warf sich auf der Schaumgummimatratze hin und her. Seine Augen waren so verdreht, dass man nur noch das Weiße sah, seine Halsmuskeln und Sehnen zum Zerspringen angespannt. Sein Kopf zuckte hin und her. Coco konnte sich nicht erklären, was er hatte, und Miss Pickford begann entsetzt um Hilfe zu rufen.

Endlich kamen der Kapitän und der schwarze Matrose.

»Halt's Maul, Alte!«, rief der Kapitän mit den groben Gesichtszügen. »Sonst kriegst du einen Tritt! Also, Caiman, wie war das mit diesem komischen Jungen oder was immer es auch war?«

»Der Kerl lag dort hinten. Ich hab mich nur kurz umgedreht, und als ich wieder hingesehen hab, war er weg. Verfluchter Zauber!«

»Er muss irgendwo auf dem Schiff sein«, sagte der Kapitän.

»Ich hätte ihn gesehen, wenn er über die Treppe entwischt wäre. Er ist einfach weg!«

»Wenn das der Alte hört!«, seufzte der Kapitän. »Na, machen wir Meldung, sonst regt er sich noch mehr auf, weil wir nicht gleich zu ihm gekommen sind.«

Die beiden gingen zur Treppenleiter, ohne sich um Trevor Sullivan oder den schwerverletzten Marvin Cohen zu kümmern.

Cohen hatte hohes Fieber. Er sprach manchmal irre und kämpfte in seinen wirren Phantasien mit Dämonen, pfählte Vampire und schoss mit Silberkugeln auf Werwölfe.

Coco stellte die Fragen, die ihr schon lange auf der Zunge lagen.

»Was ist mit Donald Chapman? Ist er nicht an Bord? Und wollt ihr euch nicht um Marvin Cohen kümmern? Hat er etwa noch die Kugel in der Brust?«

»Den kleinen Wicht haben wir zum Frühstück gefressen«, antwortete der Kapitän höhnisch.

Ohne weiter auf Cocos Fragen einzugehen, verließen er und der Matrose den kleinen Laderaum der Jacht.

Etwa eine Viertelstunde später kam der Kapitän wieder, eine Spritze in der Hand. Coco hatte noch einmal versucht, sich durch Hexerei von ihren Fesseln zu befreien – vergeblich.

Trevor Sullivan war wieder ruhig geworden. Er war bei Bewusstsein, aber völlig erschöpft. Miss Pickford schimpfte vor sich hin, sorgte sich laut um ihren Schützling Phillip und wünschte den Gangstern alle Qualen der Hölle an den Hals.

Der Kapitän trat zu Coco. »Halt still, sonst tut es nur noch mehr weh.«

Er krempelte ihren Blusenärmel hoch und suchte die Vene. Die Mühe, die Einstichstelle zu desinfizieren, machte er sich nicht. Er fand die Vene nicht gleich und stocherte ein paarmal herum. Coco hatte die Augen geschlossen. Der Kapitän zog die Spritze heraus. Noch bevor er ohne ein weiteres Wort die Treppenleiter wieder hinaufstieg, hatte Coco das Bewusstsein verloren.

Ihr Geist glitt aus der Realität in eine Welt wirrer Phantasien. Sie hörte Stimmen und sah Fabelgestalten und Horrorwesen, sie erlebte Alpträume und Visionen und hatte sie im nächsten Augenblick schon wieder vergessen; nur die Schweißtropfen auf ihrem Gesicht und ihrem Körper blieben zurück.

In ihrem Alptraum wanderte sie durch eine dunkle, große Grotte. Im Hintergrund brannte ein Feuer, weit entfernt, und Schatten huschten und tanzten dort über die Wände. Coco wusste, dass etwas unsagbares Grauenhaftes auf sie wartete, aber sie musste weitergehen, auf das Feuer zu. Aus den Höhlen in der Grottenwand, die von spärlichem, düsterem Lichtschein beleuchtet war, schauten Monster- und Gnomenköpfe, schlängelten sich hässliche Tentakel. Stimmen wisperten und raunten, geiferten und schimpften.

Coco ging immer weiter, und plötzlich stand Olivaro vor ihr, jener Dämon, der sich nach dem Tod Asmodis auf Haiti als Magus VII. zum Herrscher der Schwarzer Familie gemacht hatte.