Das Kind der Hexe

 

 

 

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Band 11

 

Das Kind der Hexe

 

von Ernst Vlcek und Neal Davenport u.a.

 

 

© Zaubermond Verlag 2012

© "Dorian Hunter – Dämonenkiller"

by Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt

 

Titelbild: Mark Freier

eBook-Erstellung: story2go

 

© 2008 Zaubermond-Verlag

http://www.zaubermond.de

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

Was bisher geschah:

 

Der ehemalige Reporter Dorian Hunter hat sein Leben dem Kampf gegen die Schwarze Familie der Dämonen verschrieben, seit seine Frau Lilian durch eine Begegnung mit ihnen den Verstand verlor.

Seine Gegner leben als ehrbare Bürger über den gesamten Erdball verteilt. Nur vereinzelt gelingt es Dorian, ihnen die Maske herunterzureißen.

Unterstützung in seinem Kampf erhält er durch den englischen Secret Service, den er von der Wichtigkeit seiner Mission überzeugen konnte. Der Service gründete die Inquisitionsabteilung, deren Leiter Trevor Sullivan seitdem auch Dorians Vorgesetzter im Kampf gegen die Dämonen ist. Ihr Hauptquartier ist die Jugendstilvilla in der Londoner Baring Road, die durch Dämonenbanner gegen einen Angriff der Schwarzen Familie gesichert ist.

Bald kommt Hunter seiner eigentlichen Bestimmung auf die Spur: In einem früheren Leben schloss er als französischer Baron Nicolas de Conde einen Pakt mit dem Teufel, der ihm daraufhin die Unsterblichkeit gewährte. Um seine Sünden zu büßen, verfasste de Conde den »Hexenhammer« – jenes Buch, das im 16. Jahrhundert zur Grundlage für die Hexenverfolgung wurde. Doch der Inquisition fielen meist Unschuldige zum Opfer; die Dämonen, auf die de Conde es abgesehen hatte, blieben ungeschoren.

Der Pakt galt, und als de Conde selbst der Ketzerei angeklagt und verbrannt wurde, ging seine Seele in den nächsten Körper über. So ging es fort bis in die Gegenwart.

Dorian Hunter begreift, dass er die Wiedergeburt de Condes ist. Es ist seine Aufgabe, den Dämonen nachzustellen und sie zu vernichten. Vielleicht ist dieser angeborene Dämonenhass der Grund dafür, dass er sich nicht an die Vorgaben des Secret Service hält. Er jagt die Dämonen auf eigene Faust, und als die Erfolge ausbleiben, gerät der »Observator Inquisitor« Trevor Sullivan unter Druck. Die Abteilung wird aufgelöst.

Hunters engste Gefährten lassen sich durch die Rückschläge nicht schocken: Da wäre zunächst die junge Hexe Coco Zamis, die früher selbst ein Mitglied der Schwarzen Familie war, bis sie wegen ihrer Liebe zu Dorian den Großteil ihrer magischen Fähigkeiten verlor. Weiterhin der Hermaphrodit Phillip, der weder Mann noch Frau, weder Mensch noch Dämon ist und dessen hellseherische Fähigkeiten ihn zu einem lebenden Orakel machen – sowie der Puppenmann Don Chapman, der als Agent für den Service arbeitete, bis er von einem dämonischen Puppenmacher auf Zwergengröße geschrumpft wurde.

Hunter gelingt es, seine dämonischen Brüder zu töten und Asmodi, das Oberhaupt der Schwarzen Familie, zu vernichten. Doch mit Olivaro steht schon ein Nachfolger bereit. Zwar ist seine Position innerhalb der Familie nicht unumstritten, aber das lässt ihn im Kampf gegen Dorian nur umso gewissenloser agieren.

Der neuste Schachzug Olivaros bringt Hunter an den Rand der endgültigen Niederlage. Der Dämonenkiller muss tatenlos zusehen, wie seine Gefährtin Coco Zamis die Seiten wechselt und sich dem selbst ernannten Fürsten der Finsternis anschließt.

Ist Cocos dämonisches Erbe für den Sinneswandel verantwortlich, oder verfolgt die junge Hexe einen Plan, den selbst Dorian nicht durchschaut?

Die Antwort erhält er in Griechenland, wo er Zeuge einer Schwarzen Messe wird. Coco Zamis soll Olivaro den Teufelseid schwören. Stattdessen aber gesteht sie ihm ihre Schwangerschaft, und Vater des Kindes – ist der Dämonenkiller!

Dorian ist erleichtert, sich in Coco nicht getäuscht zu haben. Von jetzt an kennt er nur noch ein Ziel: Die Mutter seines ungeborenen Kindes aus den Klauen der Dämonen zu retten ...

 

 

 

 

Erstes Buch: Der Schatten des Werwolfs

 

 

Der Schatten des Werwolfs

 

von Neal Davenport

 

1. Kapitel

 

Panik stieg in ihm hoch.

Er konnte sich an nichts mehr erinnern, er hatte alles vergessen, sogar seinen Namen. Die Straßenbeleuchtung brannte. Ein roter doppelstöckiger Autobus fuhr an ihm vorbei. Rasch blickte er sich um. Ich bin in London, stellte er fest. Der Autobus und die Wagen fuhren auf der linken Straßenseite. Auf einem Haus konnte er den Straßennamen lesen: Baring Road, S. E. 12. Die Baring Road war ihm unbekannt, er wusste aber, dass er sich im Südosten Londons befand, in einem Stadtteil, in dem er nie zuvor gewesen war. Er starrte seine rechte Hand an. Lange, schlanke Finger; der Handrücken war gebräunt und mit dunklen Haaren bedeckt. Er umklammerte einen Schlüsselbund; einen der Schlüssel hielt er zwischen Zeigefinger und Daumen. Sein Blick wanderte weiter und fiel auf ein gewaltiges schmiedeeisernes Tor, das mit scheußlichen abstoßenden Mustern verziert war. Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück. Hinter dem Tor lag ein gepflegter Garten, und er sah eine Villa. Jugendstil, stellte er fest und wunderte sich, woher sein Wissen stammte.

Kein Grund zur Aufregung, versuchte er sich zu beruhigen. In wenigen Augenblicken werde ich mich wieder erinnern können. Ich werde wissen, wer ich bin und was ich hier will.

Nochmals blickte er sich um. Kein Mensch war auf der Straße, nur gelegentlich raste ein Auto vorbei.

Mühsam unterdrückte er das Zittern seiner Hände, hob dann den linken Arm und sah, dass er eine Lederjacke trug. Er schob den Ärmel zurück. Die Rolex zeigte an, dass es zehn Minuten nach neun war. Er wartete einige Minuten, schloss die Augen und dachte angestrengt nach, doch seine Erinnerung kehrte nicht zurück. Er griff in die Außentaschen der Jacke und fand eine angebrochene Packung Players und ein Feuerzeug.

Schritte näherten sich. Er wandte den Kopf nach rechts. Es war ein verwachsener Zwerg, der rasch näher kam. Nie zuvor hatte er etwas Ähnliches gesehen.

Das unheimliche Geschöpf blieb vor ihm stehen. Es trug einen braunen Anzug. Der linke Arm war winzig klein und wirkte wie eine Geschwulst, die sich unter dem Ärmel abzeichnete. Dafür war der rechte Arm fast zwei Meter lang und dünn wie eine Liane. Die Beine waren unterschiedlich lang. Das Gesicht war abstoßend hässlich, mit Geschwüren und eitrigen Beulen übersät.

»Endlich erreiche ich dich, Dorian«, sagte der Zwerg mit schriller Stimme.

»Sie kennen mich?«

Der Zwerg lachte bösartig. »Du willst dich wohl nicht mehr an mich erinnern, Bruder, was?«

»Ich soll Ihr Bruder sein?«

»Stell dich nicht dumm, Hunter!«, knurrte der Zwerg. »Ich will, dass du mich tötest.«

»Wie nannten Sie mich?«

»Jetzt reicht mir diese Komödie!«, schrie der Zwerg. »Du bist Dorian Hunter, und ich bin Jerome Hewitt.«

Der Mann presste die Lippen zusammen. Der Zwerg kannte ihn. Er nannte ihn Dorian Hunter, doch dieser Name rief keine Erinnerung in ihm hervor. »Ich kann mich nicht entsinnen«, sagte er schwach. »Ich habe mein Gedächtnis verloren.«

Hewitt musterte ihn aufmerksam. »Ich glaube dir kein Wort, Hunter.«

»Es ist aber so. Ich habe die Erinnerung an alles verloren.«

»Töte mich endlich! Erlöse mich von meinen Schmerzen!«

Der muss verrückt sein, dachte der Mann. Ich habe ihn noch nie zuvor gesehen, und er will, dass ich ihn töte.

Der Freak versuchte, ihn zu packen. Der Mann schüttelte den dünnen Arm ab und näherte sich langsam dem Tor. Er steckte den Schlüssel ins Schlüsselloch. Er passte. Seine Vermutung war richtig gewesen. Er sperrte das Tor auf, drückte einen der Flügel auf, trat in den Garten und wandte den Kopf um. Hewitt verfolgte ihn nicht. Er blieb draußen stehen, hüpfte wie ein Verrückter auf und ab und beschimpfte Dorian.

Ich heiße also Dorian Hunter, dachte der Mann. Und wie es aussieht, wohne ich hier.

Die wilden Verwünschungsschreie des Freaks wurden leiser. Der Mann ging rascher, blieb vor der Haustür stehen, griff nach der Klinke und drückte sie nieder. Die Tür war versperrt. Zögernd blickte er den Schlüsselbund an, steckte ihn in die Jackentasche und drückte auf den Klingelknopf.

Es dauerte mehr als eine Minute, bis die Haustür geöffnet wurde.

Eine ältere Frau, an die Sechzig, stand vor ihm und musterte ihn missbilligend. Sie trug ein altmodisches Kleid, und das graue Haar hatte sie aufgesteckt.

»Sie haben wohl den Schlüssel vergessen, Mr. Hunter?«

»Wer sind Sie?«

»Haben Sie den Verstand verloren, Mr. Hunter?«, fragte die Frau spöttisch.

»Ich kenne Sie nicht.«

»Aber ich bin doch Martha Pickford!«

Der Mann schüttelte den Kopf.

Hinter der Frau tauchte ein Mann auf. »Hallo, Dorian!«, sagte er. Er wirkte bullig, und sein Gesicht hatte brutale Züge.

»Soll ich Sie kennen?«, fragte der Mann.

»Na klar. Ich bin Marvin Cohen.«

Auch dieser Name sagte ihm nichts.

Die Alte trat einen Schritt zur Seite. Der Mann ging an ihr vorbei und blickte sich um. Die Diele rief keine Erinnerung bei ihm hervor. Seine Hoffnung, dass sein Gedächtnis zurückkehren würde, hatte sich nicht erfüllt. Tiefe Verzweiflung stieg in ihm hoch.

Der Mann, der sich als Marvin Cohen vorgestellt hatte, baute sich vor ihm auf. »Was hat das alles zu bedeuten, Dorian?«

Er hob verzweifelt die Schultern.

»Ich weiß es nicht«, sagte er tonlos. »Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Sie behaupten, dass ich Dorian Hunter sei, doch dieser Name sagt mir überhaupt nichts. Ich kenne Sie und die Frau nicht.«

»Sieh mal in den Spiegel, Dorian!«, sagte Cohen. »Vielleicht hilft dir das weiter.«

Er folgte zögernd. Vor einem hohen Spiegel blieb er stehen und beugte sich vor. Er war groß, mindestens ein Meter neunzig, schlank und hatte eine sportliche Figur. Sein Haar war mittellang und schwarz. Das Gesicht mit den stechenden, grünen Augen war dunkelbraun. Die Oberlippe zierte ein dichter Schnurrbart, dessen Spitzen nach unten gezwirbelt waren.

»Kannst du dich jetzt erinnern, Dorian?«

»Nein«, sagte Hunter heiser. »Es kommt mir so vor, als würde ich mich das erste Mal sehen.«

Cohen fuhr sich nachdenklich mit der Zunge über die Lippen. Er führte den Mann, der wie Dorian aussah, in ein großes Wohnzimmer. Auf einem Stuhl saß ein älterer Mann, der langsam aufstand. Er sah durchschnittlich aus. Das einzig Auffallende an ihm war, dass die rechte Gesichtshälfte wesentlich heller als die linke zu sein schien.

»Dorian behauptet, dass er sein Gedächtnis verloren hat«, erklärte Cohen.

»Sie soll ich wohl auch kennen?«, fragte der Mann mit Dorians Gestalt.

»Ja, ich bin Trevor Sullivan.«

»Nie gehört.«

»Setzen Sie sich, Dorian!«, sagte Sullivan.

Er setzte sich auf eine Couch und schüttelte den Kopf.

»Ich verstehe das einfach nicht«, sagte er. »Ich soll Sie alle kennen, doch ich kenne niemanden.«

Sullivan nickte. »Holen Sie bitte Phillip, Miss Pickford!«

Die Alte nickte und ging rasch aus dem Zimmer.

»Wer ist Phillip?«

»Sagt Ihnen der Name Lilian etwas?«

Er schüttelte den Kopf.

»Das ist Ihre Frau«, sagte Sullivan. »Sie haben noch eine Wohnung, Dorian. In der Abraham Road. Ein Reihenhaus, in dem Sie mit Lilian wohnen.«

»Ich kann mich nicht erinnern«, wiederholte er und stützte den Kopf zwischen seine Hände. »Es ist furchtbar.«

Sullivan und Cohen wechselten einen Blick.

»Ob die Schwarze Familie dahinter steckt?«, fragte Cohen leise.

»Schwarze Familie?«, wiederholte er verwundert.

»Er kann sich tatsächlich an nichts erinnern«, stellte Trevor Sullivan fest. »Das kann ziemlich böse werden.«

»Dorian hat sich doch mit der Dämonengruppe verbündet, die Olivaro feindlich gegenübersteht«, sagte Cohen.

»Vielleicht war das eine Falle«, meinte Sullivan.

»Ich verstehe nicht ein Wort«, sagte der Mann in Dorians Gestalt. »Sie sprechen von Dämonen und Olivaro. Was hat das alles zu bedeuten?«

»Später«, sagte Sullivan.

Die Tür wurde langsam geöffnet, und Phillip trat mit geschlossenen Lidern ins Zimmer. Er schien in Trance zu sein. Der Mann stand überrascht auf. Phillips Haut war fast durchscheinend. Blondgelocktes Haar fiel über die schmalen Schultern. Er blieb vor Dorian stehen und öffnete die Augen. Sie waren goldfarben und schimmerten geheimnisvoll. Phillip lächelte.

»Hallo, Dorian!«, sagte er.

Der Mann nickte schwach. Aus den Augenwinkeln sah er eine Bewegung und wandte den Kopf um. Ich muss träumen, dachte er, als sein Blick auf eine dreißig Zentimeter große Gestalt fiel. Sie war normal gekleidet und wirkte trotz der Kleinheit überaus männlich. Das dunkle Haar des Puppenmannes war mit Silberfäden durchzogen.

»Wer ist das?«, fragte er und zeigte auf den Puppenmann.

»Don Chapman«, sagte Cohen.

»Ich träume«, sagte er und ließ sich auf die Couch fallen.

Er fürchtete, verrückt zu werden, schloss die Augen und kniff sich in die rechte Hand. Deutlich spürte er den Schmerz und riss die Augen auf.

Die Versammlung der seltsamen Gestalten verschwand nicht. Das geheimnisvolle Wesen mit dem blondgelockten Haar lächelte freundlich, drehte sich um und ging langsam aus dem Zimmer.

»Phillip zeigte keine Reaktion«, sagte Cohen nachdenklich.

»Ich bin verrückt«, flüsterte der Mann.

»Keine Bange!«, tröstete Cohen ihn. »Wir bekommen dich schon wieder hin. Du wirst dich bald an alles erinnern.«

»Das hoffe ich sehr«, sagte er.

 

Fred Archer war fünfunddreißig Jahre alt und seit vier Jahren beim Detektivunternehmen Observer angestellt. Er war ein mittelgroßer Mann, der ein wenig zum Dicksein neigte. Sein Gesicht war rosig, das rotblonde Haar kurz geschnitten und der Blick seiner blauen Augen aufmerksam.

Die Villa stand inmitten eines großzügig angelegten Gartens und wirkte streng und modern. Vor der Haustür erwartete ihn ein hochnäsiger Butler.

»Madame erwartet Sie bereits«, sagte der Butler, öffnete die Tür und ließ Archer ins Haus eintreten. »Sie gestatten, dass ich vorgehe, Sir?«

Archer nickte. Der Butler führte ihn einen breiten Gang entlang, blieb vor einer Tür stehen und klopfte leise an. Dann öffnete er die Tür und verbeugte sich leicht. Der Privatdetektiv trat in ein langgestrecktes Zimmer. In der linken Längswand war ein gewaltiges Fenster eingelassen, durch das man in den Garten blicken konnte. Die rechte Wand wurde von kostbaren Gobelins und Gemälden bedeckt. Das Zimmer war im Empirestil eingerichtet.

»Guten Tag«, sagte Archer förmlich. »Fred Archer vom Observer

Auf einem der Stühle saß eine dicke Frau, die ein himmelblaues Seidenkleid trug, das sich über der gewaltigen Brust spannte. Ihr Alter war schwer zu schätzen; wahrscheinlich war sie Ende Dreißig.

»Setzen Sie sich, Mr. Archer!«, sagte die Frau ungeduldig. »Ich bin Mrs. Chasen.«

Archer deutete eine Verbeugung an und setzte sich der Frau gegenüber. Ihr Gesicht mochte irgendwann einmal hübsch gewesen sein. Jetzt war es aufgedunsen und mit einer dichten Make-up-Schicht bedeckt. Bei jeder ihrer Bewegungen schwabbelte das Doppelkinn. Das dunkelbraune Haar fiel glatt auf ihre breiten Schultern.

»Ihre Agentur wurde mir von Sir William empfohlen«, sagte Carol Chasen und musterte den Detektiv durchdringend. »Es geht um meinen Mann.«

Archer unterdrückte einen Seufzer. Wieder mal eine eifersüchtige Frau, die Angst hatte, dass sich ihr Mann in fremden Betten herumtrieb. »Ich verstehe.«

»Sie verstehen gar nichts«, brummte Carol Chasen. »Ich kann Ihre Gedanken erraten, aber Sie irren sich. Mein Mann war mir bis jetzt treu, aber seit einer Woche erscheint er mir völlig verändert. Möglicherweise steckt eine andere Frau dahinter, aber das kann ich mir bei Ron einfach nicht denken. Ich möchte wissen, wie es möglich ist, dass sich ein Mann innerhalb von wenigen Tagen grundlegend ändert. Und das sollen Sie für mich herausbekommen.«

»Erklären Sie mir, bitte ...«

»Lassen Sie mich erzählen«, sagte Carol Chasen scharf. »Mein Mann war bis vor einer Woche ein Pantoffelheld. Er kam jeden Abend pünktlich um neunzehn Uhr nach Hause, nahm vor dem Abendessen einen Drink, war freundlich und zuvorkommend zu mir. Nach dem Essen spielten wir Karten oder eine Partie Schach. Gelegentlich hatten wir auch Gäste, aber das war in den vergangenen Jahren immer seltener vorgekommen. Meist blieben wir zu Hause. Seit einer Woche ist mein Mann nun verändert. Er ist geistesabwesend, antwortet nicht auf meine Fragen, ja, er brüllte mich sogar an, dass ich ihn in Ruhe lassen sollte. So etwas war bisher einfach undenkbar. Ron hat nie seine Stimme erhoben. Einmal – das war vor zwei Tagen – als ich ihn wieder etwas fragte, stand er auf und schlug mir über den Mund, dann zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück. Ich kann mir nicht erklären, was in ihn gefahren ist. Er ist ein anderer Mann geworden.«

»Vielleicht hat er berufliche Sorgen, Mrs. Chasen?«

»Nein«, sagte Carol entschieden. »Er ist erfolgreich und kann sich kaum vor Aufträgen retten. Mein Mann ist Architekt, ein ganz hervorragender. Aber vielleicht hat es doch etwas mit seinem Beruf zu tun. Er erhielt vor einer Woche den Auftrag, Pläne für ein Großprojekt auszuarbeiten.«

»Worum geht es bei diesem Projekt?«

»Das ist ja so seltsam, Mr. Archer. Er zeigte mir einige Skizzen. Sie waren fantastisch, stellten ein Gebäude dar, das so gigantisch wie der Turm zu Babel aussah. Auf meine Frage, wo dieses Gebäude gebaut werden sollte, gab mir mein Mann keine Antwort. Und seither ist er wie ausgewechselt.«

»Wissen Sie, wer der Auftraggeber ist?«

»Eine Familie Lorrimer«, sagte sie. »Ich kenne sie nicht, habe nie zuvor etwas von ihnen gehört.«

»Kam Ihr Mann in den vergangenen Tagen später nach Hause?«

»Ja«, sagte Carol. »Zweimal. Einmal kam er nach zweiundzwanzig Uhr, das zweite Mal weit nach Mitternacht. Als ich ihn fragte, wo er gewesen sei, antwortete er nicht. Er ignorierte mich einfach.«

»Wirkte er da verändert?«

»Das kann man wohl sagen«, stellte Carol Chasen spitz fest. »Er wirkte betrunken. Seine Augen waren glasig. Seine Bewegungen unsicher. Er schloss sich in seinem Schlafzimmer ein, und ich hörte, wie er lange Zeit auf und ab ging. Ich mache mir Sorgen. Und da er sich weigert, auf meine Fragen zu antworten, beschloss ich, mich an Sie zu wenden. Ich will wissen, was mit Ron los ist. Irgendetwas hat ihn verändert.«

»Wo hat Ihr Mann sein Büro?«

»In der Regent Street. Hier haben Sie ein Foto meines Mannes. Es wurde vor einem halben Jahr aufgenommen.«

Archer griff nach dem Foto. Es zeigte einen unscheinbaren Mann, der gezwungen lächelte. Er war klein und schlank. Sein Gesicht mit den weit auseinanderstehenden Augen wirkte ungesund. Das helle Haar war kurz geschnitten und links gescheitelt.

»Mein Mann ist sechsundvierzig Jahre alt«, sagte Carol Chasen. »Ich will, dass Sie ihn beobachten.«

 

Trevor Sullivan und Don Chapman hatten sich in Hunters Arbeitszimmer zurückgezogen, während Marvin Cohen bei Hunter im Wohnzimmer geblieben war.

»Dorian kann sich tatsächlich an nichts erinnern«, stellte Don Chapman fest.

Trevor Sullivan nickte unbehaglich. »Irgendjemand hat ihm das Gedächtnis geraubt. Aber wer?«

»Olivaro«, sagte der Puppenmann.

»Ich weiß es nicht«, sagte Sullivan. »Und ich weiß auch nicht, was wir unternehmen sollen.«

»Vielleicht kann ein Arzt helfen.«

»Daran dachte ich auch schon, aber der hilft uns sicher nicht weiter, da Dorians Gedächtnisverlust auf magische Art verursacht wurde.«

»Wahrscheinlich haben Sie Recht, Trevor«, sagte der Puppenmann nachdenklich. »Aber irgendwie müssen wir Dorian helfen.«

»Ich sehe im Augenblick keine Möglichkeit«, meinte Sullivan und strich sich übers Kinn. »Wir können nur hoffen, dass es sich um einen vorübergehenden Zustand handelt.«

»Dorian war schon in den vergangenen Tagen geistesabwesend«, sagte Chapman. »Seit seiner Rückkehr aus Mexiko wirkte er anders. Ob der Pakt mit den Dämonenfamilien eine Rolle spielt?«

»Möglich. Unsere Vermutungen helfen uns jedoch nicht weiter. Wir ...«

Sie hörten das Anschlagen des Türgongs.

»Das wird Parker sein«, sagte Chapman. »Er kündigte für heute seine Ankunft an.«

Sullivan nickte und stand auf. Der Puppenmann kroch rasch von seinem Stuhl und folgte Sullivan, der die Tür offen hielt.

Miss Pickford hatte die Haustür geöffnet, und Jeff Parker trat, gefolgt von seiner Freundin Sacheen, in die Diele.

»Einen schönen Abend allerseits!«, sagte Jeff Parker fröhlich.

Er war Ende der Dreißig, gab sich aber betont jugendlich. Sein gebräuntes Jungengesicht mit dem blonden Haarschopf war zu einem breiten Grinsen verzogen, das langsam erstarb, als er in Trevor Sullivans ernstes Gesicht blickte.

»Was macht ihr denn alle für Leichenbittermienen? Ist wer gestorben?«

Sullivan schüttelte den Kopf.

»Das nicht«, sagte er und senkte seine Stimme. »Dorian hat das Gedächtnis verloren.«

»So etwas gibt es nur in Filmen und Romanen«, sagte Parker grimmig.

»Es ist aber so.«

»Hm«, brummte Parker. »Seit wann hat er sein Gedächtnis verloren?«

»Seit ein paar Stunden«, schaltete sich Martha Pickford ein. »Vormittags war er für eine Stunde hier. Da war er noch ganz normal. Er kam mir nur verschlossener als sonst vor. Irgendwie geistesabwesend.«

»Ist er hier?«, fragte Parker.

»Im Wohnzimmer«, sagte Don Chapman.

»Ich werde ihn mir mal ansehen«, sagte Parker. »Komm mit, Sacheen!«

Parkers Freundin war eine auffallend junge Frau. Sie war groß und schlank und hatte breite Hüften und große Brüste, die sich unter der enganliegenden Bluse deutlich abzeichneten. Das blauschwarze Haar fiel in zwei dicken Zöpfen über ihre Schultern und reichte fast bis zu den Hüften. Das Indianerblut in ihren Adern ließ sich nicht verleugnen und gab ihrem Gesicht einen aparten Reiz. Sie bewegte sich geschmeidig wie eine Raubkatze.

Parker blieb in der Tür stehen. Marvin hob grüßend den rechten Arm, und Parker nickte ihm flüchtig zu. Er kniff die Augen zusammen und studierte Dorian, der ihn interessiert ansah.

»Hallo, Dorian!«, sagte Parker und kam langsam näher.

Ihm fiel nichts Absonderliches an seinem Freund auf.

»Wer ist das?«, fragte der Mann mit Dorians Aussehen und wandte sich an Cohen.

»Dein alter Freund Jeff Parker«, antwortete Cohen. »Das Mädchen ist Sacheen. Seine Freundin.«

Parker blieb vor Dorian stehen. »Du hast also tatsächlich dein Gedächtnis verloren«, stellte er missmutig fest. »Erinnere dich an unsere Abenteuer mit den Inkas, Dorian! An Machu Picchu!«

»Ich kann mich einfach an nichts erinnern«, sagte der Mann, und sein Gesicht bekam einen gequälten Ausdruck. »Cohen versucht schon seit mehr als einer Stunde vergebens, mein Erinnerungsvermögen zu wecken. Er hat mir schauerliche Geschichten erzählt. Darin wimmelt es von Dämonen, Hexen und Vampiren. Mir kommt das alles so unwirklich vor.«

Parker setzte sich und schüttelte den Kopf.

»Du hast also dein Gedächtnis verloren«, wiederholte er nachdenklich. »Beschränkt sich dein Gedächtnisverlust nur auf deine persönlichen Erinnerungen, oder ...?«

Der Mann beugte sich vor.

»Ich weiß, dass ich in London bin«, sagte er. »Ich kann mich an geschichtliche Daten erinnern und weiß ganz genau, was in den vergangenen Wochen in der Welt vorgegangen ist. Aber ich habe keinerlei Erinnerung an mein Leben. Und das macht mich fast wahnsinnig.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Parker und lehnte sich zurück. »Wir haben uns einige Zeit nicht gesehen. Ich hoffte, dass du mit mir nach Frankfurt kommen würdest. Ich nahm Kontakt mit den okkultistischen Freimaurern auf.«

Dorian hob bedauernd die Schultern. »Das sagt mir alles nichts.«

Parker seufzte. »Ist Dorian noch mit Lilian zusammen?«

»Ja«, sagte Cohen und sah dabei ziemlich verlegen drein.

»Was ist mit Machu Picchu?«

»Sie ist tot«, schaltete sich Sullivan ein. »Selbstmord. Sie wollte nicht mehr weiterleben.«

»Das tut mir Leid«, sagte Sacheen. »Sie war ein nettes Mädchen.«

»Das aber nicht in unsere Zeit passte«, meinte Parker. »Habt ihr schon einen Arzt geholt, der Dorian ...«

»Nein«, unterbrach ihn Sullivan. »Wir versprechen uns nichts davon.«

»Sie tippen wohl darauf, dass Dorians Gedächtnisverlust von den Dämonen hervorgerufen wurde? Möglich, aber es muss nicht sein. Ich kenne da einen Spezialisten. Mit dem werde ich mich morgen in Verbindung setzen. Er soll Dorian untersuchen. Wir müssen jede Chance ergreifen, um ihm zu helfen. Bearbeitet er irgendeinen Fall, bei dem er mit einem Dämon zusammengetroffen sein könnte?«

»Dorian kam vor ein paar Tagen aus Mexiko zurück«, sagte Sullivan. »Er verbündete sich mit einer Dämonengruppe, die Olivaro nicht als Herrn der Schwarzen Familie akzeptieren will. Und noch eines stellte sich heraus: Coco ist weiterhin auf Dorians Seite. Sie bekommt ein Kind von ihm.«

»Was?«, fragte Parker überrascht.

»Ich erzähle Ihnen später alles genauer«, meinte Sullivan.

»Weiß Lilian davon?«

»Nein«, sagte Cohen rasch. »Wir hielten es für besser, ihr nichts zu sagen.«

»Ist Lilian noch immer so schreckhaft?«

»Nein«, antwortete Cohen. »Sie ist ganz normal.«

Der Mann, der Dorian sein sollte, hatte verständnislos zugehört. Die Gespräche kamen ihm völlig wirr vor. Die erwähnten Ereignisse und Namen riefen in ihm keine Erinnerung hervor.

 

Fred Archer saß zusammen mit seinem Kollegen John Wood in einem unauffälligen beigen Morris. Archer hatte versucht, zu Ronald Chasen vorzudringen, doch er war nicht vorgelassen worden. Er hatte ein Spezialabhörgerät in Chasens Arbeitszimmer platzieren wollen. Schließlich hatte er Carol Chasen angerufen, die sich bereit erklärt hatte, diese Aufgabe für ihn zu erledigen. Sie hatte von Archer das daumengroße, flache Spezialgerät bekommen. Ihre Aufgabe war ziemlich einfach. Sie brauchte es nur an der Unterseite des Schreibtisches ihres Mannes zu befestigen.

Deutlich hörten Archer und Wood die Stimmen. Wood regulierte die Lautstärke.

»Ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass ich nicht will, dass du mich im Büro besuchst, Carol«, hörten sie eine helle Männerstimme.

»Das weiß ich«, antwortete Carol Chasen. »Aber ich muss mit dir sprechen, Ron.«

»Ich habe keine Zeit«, brummte ihr Mann. »Ich arbeite an einem wichtigen Auftrag.«

»Du bist so verändert in letzter Zeit. Kann ich dir helfen?«

»Ja«, fauchte Ronald Chasen. »Geh und lass mich allein!«

»Ist das alles, was du mir zu sagen hast, Ron?«

»Ja, das ist alles.«

Die Stimme des Mannes klang jetzt eisig.

»Kommst du heute nach Hause?«

»Das weiß ich noch nicht. Bitte geh, Carol!«

Sesselrücken war zu hören, dann Schritte und das Öffnen einer Tür, wieder Schritte, das Läuten des Telefons.

»Chasen«, meldete sich der Architekt.

»Sie hat es geschafft.« Wood war zufrieden. »Es ist Carol Chasen gelungen, die Wanze zu befestigen.«

»Sei still!«, zischte Archer.

»Ich habe einige Pläne vorbereitet, Miss Lorrimer«, sagte Chasen. »Ich hoffe, dass sie Ihnen gefallen werden.«

Chasen sagte einige Sekunden nichts, dann: »Ja, ich verstehe, ich werde heute zu Ihnen kommen. Um neunzehn Uhr. Ja, ich habe verstanden.« Wieder herrschte einige Sekunden Schweigen.

»Auf Wiedersehen, Miss Lorrimer!«, sagte Chasen abschließend. »Ja, ich werde pünktlich sein. Um neunzehn Uhr.«

»Das mit der Wanze war eine gute Idee«, sagte John Wood zufrieden. Er war ein breitschultriger, gut aussehender Fünfundzwanzigjähriger.

Archer nickte und legte die Stirn in Falten. »Du wartest hier, John!«, sagte er. »Nimm alle Gespräche Chasens auf Band auf! Ich sehe mir mal das Haus der Lorrimers an.«

Archer stieg aus dem Morris und ging in die New Bond Street, in der er seinen Mini geparkt hatte. Er klemmte sich hinters Steuer und fuhr los.

Die Lorrimers besaßen ein Haus am Stadtrand von London, in der Nähe des Richmond Parks. Die Adresse hatte er von Carol Chasen bekommen.

Der Verkehr wurde erst etwas schwächer, als Archer Kensington erreicht hatte. Nun kam er rasch vorwärts.

In den vier Jahren – seit er für das Detektivbüro Observer arbeitete – hatte er unzählige Fälle zu bearbeiten gehabt. Der Observer war ein ziemlich großes Unternehmen, spezialisiert auf Scheidungsfälle, Versicherungsbetrügereien und Überwachungen. In den vergangenen zwei Jahren war das modernste Ausrüstungsmaterial angeschafft worden – Abhörgeräte und raffinierte Fotoapparate.

Carol Chasen hatte den Auftrag gegeben, ihren Mann nicht aus den Augen zu lassen – und diesen Wunsch würde ihr Archer erfüllen. In seiner Praxis war er mehr als hundertmal mit eifersüchtigen Frauen und Männern konfrontiert worden, und er war ziemlich sicher, dass auch hier eine andere Frau hinter dem veränderten Verhalten Ronald Chasens steckte.

Archer seufzte. Immer das Gleiche, dachte er. Da heiratet ein junger aufstrebender Mann eine Frau. Anfangs geht alles gut, bis der junge Mann Erfolg hat. Die Frau lässt sich in den meisten Fällen gehen, vernachlässigt ihr Äußeres, nörgelt an ihrem Mann herum, der sich das eine Zeitlang gefallen lässt und dann genug von ihr hat. Die Frau geht ihm auf die Nerven. Er überlegt und sucht sich eine andere, was für einen erfolgreichen Mann ziemlich einfach ist.

Archer fuhr nach Roehampton. Er blieb kurz stehen, holte den Stadtplan hervor, studierte ihn, warf ihn zurück ins Handschuhfach und fuhr weiter.

Nach wenigen Minuten erreichte er den Kingston By-Pass, eine gut ausgebaute Schnellstraße. Kurz vor dem Coombe Golf Hill Course bog er in die Robin Hood Road ein und verlangsamte das Tempo. Ringsum waren Wiesen und kleine Wälder zu sehen. Dazwischen standen hübsche Villen.

Als er das Haus der Lorrimers sah, bremste er ab und ließ den Wagen ausrollen. Die Villa stand mehr als fünfhundert Meter von der Straße entfernt. Ein schmaler Weg schlängelte sich zum Haus, von dem nur das Dach hinter den hohen, mit Efeu bewachsenen Mauern zu sehen war.

Archer blieb einige Minuten sitzen. Nur ein Kombiwagen kam an ihm vorbei; der Fahrer interessierte sich nicht für ihn.

Der Privatdetektiv stieg aus, steckte einen Feldstecher ein und schlenderte langsam zum Haus. Das schwere Eisentor war geschlossen und die Mauer fast drei Meter hoch. Rechts befand sich eine steil abfallende Wiese, links wuchsen in etwa hundert Meter Entfernung einige uralte Eichen.

Archer überlegte einige Sekunden. Er wollte einen Platz finden, von dem aus er das Haus beobachten konnte. Die Wiese schied aus.

Er wandte sich nach links und ging rund um die Mauer. Hinter dem Haus entdeckte er noch eine Wiese.

Da bleiben nur die Eichen als Beobachtungspunkt, dachte Archer.

Er ging zu den Säumen und suchte sich einen knorrigen Baum aus. Geschickt packte er einen herabhängenden Ast, hangelte sich hoch, blieb auf einem starken Ast stehen, lehnte sich gegen den Baumstamm und brummte zufrieden. Deutlich konnte er das Haus sehen.

Es war ein zweistöckiger grauer Bau, mindestens zweihundert Jahre alt. Die tiefstehende Sonne funkelte in den geschlossenen Fensterscheiben. Vor dem Haus standen zwei Fahrzeuge – ein Porsche und ein Rolls Royce. Kein Mensch war zu sehen. Der Garten wirkte sehr gepflegt, überall wuchsen Sträucher und Blumen. Hinter dem Haus lag ein kleiner Teich.

Archer holte das Fernglas hervor und betrachtete das Haus genauer. Neben dem Eingangstor befand sich eine gewaltige Terrasse, die mit einer riesigen Sonnenplane überdacht war.

Er beobachtete das Haus einige Minuten, doch nichts rührte sich. Nach einer halben Stunde kroch er von der Eiche herunter und ging zur Mauer. Er suchte nach einer Stelle, um hinaufklettern zu können, doch er fand nichts Passendes. Er schob den Efeu zur Seite, berührte die Mauer und zuckte zurück. Es war ihm, als hätte er einen leichten elektrischen Schlag bekommen. Er probierte es nochmals. Diesmal ließ er seine Hand länger auf der Mauer liegen. Und wieder bekam er einen Schlag.

Er kniff die Lippen zusammen und trat einen Schritt zurück. Dann ging er kopfschüttelnd zu seinem Wagen, griff nach dem Telefon und setzte sich mit John Wood in Verbindung.

»Bei mir gibt es nichts Neues«, sagte Wood. »Chasen ist noch immer im Büro. Er hat seiner Sekretärin Anweisung gegeben, dass er nicht gestört werden will.«

»Sobald er sein Büro verlässt, verfolgst du ihn, John«, sagte Archer. »Ich bleibe einstweilen im Wagen, suche mir aber eine andere Stelle, wo ich ihn unauffälliger hinstellen kann.«

Archer fand einen herrlichen Parkplatz hinter einigen Büschen. Von der Straße aus war er nicht zu sehen.

Er aß zwei Sandwichs, trank eine Dose Bier und wartete. Kurz nach halb sieben Uhr meldete sich John Wood bei ihm. Chasen war in seinen Jaguar gestiegen und fuhr in Richtung Kensington.

Von seinem Standpunkt aus hatte Archer einen guten Blick auf das Eisentor. Einige Minuten vor sieben Uhr tauchte ein cremefarbener Cadillac auf, der vor dem Tor hielt, das Sekunden später geöffnet wurde. Der Cadillac fuhr in den Garten, und hinter ihm schlossen sich die schweren Türflügel.

In Minutenabständen trafen weitere Autos ein, darunter auch Chasen mit seinem silberfarbenen Jaguar. Insgesamt waren es fünf Wagen, die in den Garten der Lorrimers fuhren. Archer notierte die Wagennummern.

Das Autotelefon läutete, und Archer hob den Hörer ab.

»Ich stehe in der Robin Hood Road«, meldete sich John Wood. »Ist Chasen an dir vorbeigekommen?«

»Ja«, antwortete Archer. »Komm zu mir, John! Und vergiss die Ausrüstung nicht!«

»Was soll ich alles mitnehmen?«

Archer zählte es auf.

Zehn Minuten später erschien Wood. Er grinste und trug zwei Koffer.

»Wir werden uns bei der Beobachtung des Hauses abwechseln«, sagte Archer. »Es gibt nur eine Stelle, von der aus wir das Haus unbemerkt beobachten können. Bei den Bäumen.«

Wood nickte und folgte Archer, der vorausging. Unter der Eiche blieb er stehen und sah zu, wie Wood seine Geräte auspackte.

»Ich steige mal hoch«, sagte Archer und kletterte auf den Baum, während Wood sich weiter mit seinen Empfangsgeräten beschäftigte.

Wood war in die Garage gegangen, in der Chasen seinen Wagen abgestellt hatte, und es war ihm gelungen, ein leistungsstarkes Gerät einzubauen. Archer schätzte die Entfernung von Chasens Jaguar bis zur Veranda, wo sich einige Leute aufhielten, ab. Es waren kaum fünfzig Meter.

Wood hockte unter dem Baum und hatte sich Kopfhörer über die Ohren gestülpt. Er hantierte einige Minuten an seinen Geräten herum, setzte dann die Kopfhörer ab und sah zu Archer hinauf.

»Es klappt tadellos«, sagte Wood. »Ich kann die Gespräche mithören.«

»Lass das Tonband laufen, John!«, rief Archer hinunter. »Wenn du was Interessantes hörst, dann gib mir Bescheid! Ich beobachte das Haus weiter.«

»Gut«, sagte Wood und setzte sich.

Er stopfte sich einen Kaugummi in den Mund und hörte zu.

Archer drehte an der Feineinstellung des Fernglases und sah sich der Reihe nach die Leute auf der Terrasse an, die in Gruppen herumstanden. Nach kurzem Suchen entdeckte er Ronald Chasen. Er hielt in der rechten Hand ein Glas. Seine Bewegungen wirkten seltsam verkrampft. Er bewegte den rechten Arm ruckweise. Sein Gesicht war bleich und das braune, leicht gewellte Haar streng nach hinten gekämmt. Sein brauner Anzug saß wie angegossen.

Neben ihm stand ein junges Mädchen, das ein offenherzig ausgeschnittenes, giftgrünes Abendkleid trug. Das tizianrote Haar war zu einem kunstvollen Turm frisiert, in dem Perlen funkelten. Selten zuvor hatte Archer ein derart ausdrucksvolles Gesicht gesehen. Es war nicht schön, dazu waren die Augen zu ungleichmäßig; sie waren schräg gestellt und von einem schillernden Blau, das kalt wie das Eis eines Gletschers wirkte; die Nase war zu klein für das längliche Gesicht, dazu noch leicht aufgeworfen; die buschigen Brauen waren über der Nasenwurzel zusammengewachsen, und der Mund war ein kreisrunder, großer Fleck. Aber das alles fügte sich zu einem faszinierenden Ganzen zusammen. Archer konnte einige Minuten seinen Blick nicht von dem Gesicht losreißen.

Dann blickte er wieder Ronald Chasen an, der neben dem jungen Mädchen unscheinbar und blass erschien.

Rasch sah er zu den anderen Leuten. Insgesamt waren es zwölf. Einen der Männer kannte er. Es war Robert Adam, ein bekannter Architekt, über den in letzter Zeit ziemlich viel geschrieben worden war, da er einige aufsehenerregende Bauten entworfen hatte. Die anderen Leute hatte Archer nie zuvor gesehen.

Wood setzte die Kopfhörer ab. »Scheint eine ganz normale Party zu sein, Fred«, sagte er. »Sie unterhalten sich über Architektur und Kunst. Dabei ist immer wieder von besonders beachtlichen Bauwerken die Rede. Für mich ist das unverständlich, da ich von Architektur keinerlei Ahnung habe.«

»Ich will zuhören«, sagte Archer. »Klettere mit den Kopfhörern hoch!«

»Ich weiß nicht, ob das Kabel reichen wird«, sagte Wood.

»Dann nimm ein Verlängerungskabel!«, knurrte Archer ungehalten. »Und bring mir den Fotoapparat mit! Den mit der Infraroteinrichtung!«

»Ich komme«, sagte Wood.

Fünf Minuten später hatte Archer den Fotoapparat um den Hals hängen und die Kopfhörer übergestülpt. Es dauerte einige Zeit, bis sich Archer an das Stimmengewirr gewöhnt hatte, das aus den Hörern drang, und er Einzelheiten verstehen konnte. Er hatte ein gutes Stimmengedächtnis und konnte Chasens Stimme herausfinden.

»Wo soll dieses Gebäude errichtet werden?«, hörte er Chasen fragen.

»Das werden Sie später erfahren«, sagte eine Frauenstimme, die tief und rauchig klang.

»Aber es ist wichtig, Miss Lorrimer.«

Der ungeduldige Ton in Chasens Stimme war nicht zu überhören.

Die Rothaarige ist also Miss Lorrimer, stellte Archer fest.

»Sie haben die Entwürfe mitgebracht, Mr. Chasen?«, fragte Miss Lorrimer.

»Ja«, sagte Chasen. »Ich habe sie im Auto.«

Der Privatdetektiv setzte das Fernglas ab und hob die Kamera. Mit dem Teleobjektiv schoss er einige Fotos von Chasen und der jungen Frau. Dann hörte er den Gesprächen weiterhin zu. Nach einer halben Stunde wusste er mehr. Fünf Architekten waren eingeladen worden, die alle den Auftrag bekommen hatten, ungewöhnliche Bauwerke zu entwerfen. Die anderen Personen gehörten zur Familie Lorrimer.

Als sich die Gesellschaft um einen hübsch gedeckten Tisch setzte und zwei junge Frauen Speisen servierten, nahm Archer die Kopfhörer ab und ließ das Fernglas sinken. Er kletterte vom Baum herunter.

»Ich gehe was essen, John«, sagte er. »Lass das Band weiterlaufen! Ich fürchte, dass wir hier nur unsere Zeit verschwenden. Das scheint eine ganz normale Zusammenkunft zu sein, halb geschäftlich, halb privat. Ich bin in einer Stunde zurück.«

Archer war schon nach fünfzig Minuten zurück. Er hatte in einem kleinen Restaurant rasch gegessen. Als er wieder auf die Eiche kletterte, wurde es langsam dunkel. Einige Minuten hörte er wieder den Gesprächen zu; sie waren völlig belanglos.

Die Gesellschaft aß noch immer. Archer rauchte eine Zigarette, setzte sich so bequem wie möglich auf einen Ast und blickte alle fünf Minuten durchs Glas.

Auf der Terrasse brannten einige Kerzen. Der Himmel war wolkenlos, und der Vollmond stand hoch. Es war eine schwüle Julinacht, völlig windstill.

Hier vergeude ich nur meine Zeit, dachte Fred Archer. Lustlos hob er das Fernglas. Dann beugte er sich vor und atmete rascher. Nach einer Weile setzte er das Glas ab, schüttelte den Kopf und kniff die Augen zusammen. Er griff nach den Kopfhörern, die er auf einen Ast gelegt hatte, und schob sie über die Ohren.

Lautes Keuchen war zu hören.

Wieder hob er das Glas. Er glaubte seinen Augen nicht trauen zu können. Und dann hörte er das Schreien. Es klang überlaut in den Kopfhörern. Er ließ das Fernglas sinken und griff mit zitternden Fingern nach der Infrarotkamera.

In seiner Laufbahn als Privatdetektiv hatte er ja schon einiges gesehen. Er hatte Fotos von wilden Partys geschossen, die in Orgien ausgeartet waren.

Aber noch nie zuvor hatte er gesehen, dass sich völlig normale Menschen in unheimliche Geschöpfe verwandelten, die man höchstens in einem Horrorfilm zu Gesicht bekam.

Archer schüttelte seine Überraschung ab und konzentrierte sich ganz aufs Fotografieren.

Miss Lorrimer – er wusste jetzt bereits aus den mitgehörten Gesprächen, dass sie Elvira hieß – verwandelte sich langsam. Die buschigen Brauen in ihrem Gesicht wurden immer dichter. Die Perlen fielen aus ihrem kunstvoll aufgebauten Frisurenturm, und das lange Haar fiel locker auf ihre nackten Schultern. Haare wuchsen aus ihrer Stirn und verschmolzen mit dem Haupthaar. Ihre Augen änderten sich, wurden rund und schimmerten glutrot. Sekunden später war das Gesicht mit einem dichten, rötlich schimmernden Pelz bedeckt. Der Mund wurde zu einem geifernden Maul, das sich rasch öffnete und schloss und dabei gewaltige Zähne entblößte.

Die junge Frau riss sich mit einem Ruck das giftgrüne Kleid vom Leib. Für einen Augenblick waren lange Beine zu sehen, schlanke Arme und feste, große Brüste; dann schien die Gestalt des Mädchens durchscheinend zu werden, die Arme und Beine verkürzten sich. Als ihr Körper wieder deutlich zu erkennen war, war er nur noch entfernt menschenähnlich – er war mit einem dicken Pelz bedeckt.

Aber nicht nur Elvira Lorrimer hatte sich verwandelt, auch die anderen durchliefen eine Metamorphose und wurden zu abscheulichen Bestien. Lediglich fünf Männer wurden von der Verwandlung nicht betroffen. Sie saßen bewegungslos auf ihren Plätzen – darunter auch Ronald Chasen – und nahmen von den unheimlichen Geschehnissen nichts wahr. Sie schienen in Trance zu sein.

Sieben Wolfsgestalten umtanzten die fünf Männer. Dabei stießen sie klagende Schreie aus. Eine hüpfte auf allen vieren auf und ab, andere streckten verlangend die Arme nach den Fünf aus.

Archer begann zu zittern. Die Laute klangen jetzt sinnlich, lockend. Er riss sich die Kopfhörer von den Ohren und legte einen neuen Film in die Kamera. In die fünf Männer kam Bewegung. Zuerst hoben sie die Arme, dann bewegten sich die Finger ruckartig. Die Kerzen auf den Tischen erloschen; nur der hochstehende Vollmond erhellte die Szene. Ronald Chasen stand schwankend auf.

Durch die Infrarotbrille konnte Fred Archer alles ganz genau sehen. Immer wieder fotografierte er. Chasen stützte sich mit einer Hand auf der Tischplatte auf, die sich langsam zur Seite neigte. Einige Gläser rutschten runter und zerschellten auf dem Terrassenboden. Eine der unheimlichen Wolfsgestalten näherte sich Chasen. Es war Elvira Lorrimer, die ihre prankenartigen Hände auf seine Schultern legte und sich an seinen Rücken schmiegte. Aus den Kopfhörern, die Archer über einen Ast geworfen hatte, drang dumpfes Röcheln, in das sich heisere Lustschreie mischten.

Das kann es alles gar nicht geben, dachte der Privatdetektiv. Er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach.

Einige der Wolfsmenschen griffen nach den fünf Männern, die noch immer wie in Trance waren. Sie trieben sie auf die schmale Tür zu, die ins Haus führte. Einer nach dem anderen verschwand.

Schließlich waren nur noch Ronald Chasen und Elvira Lorrimer zu sehen. Archer bedauerte, dass er kein Gewehr bei sich hatte. Er konnte nicht eingreifen ... ihm blieb nichts anderes übrig, als die unfassbaren Vorgänge zu fotografieren.

Das Wolfswesen, in das sich Elvira Lorrimer verwandelt hatte, umtänzelte Ronald Chasen, gab ihm einen Stoß in den Rücken und drängte ihn zur Tür, die weit offen stand. Chasen verschwand in der Dunkelheit des Hauses, und das Wolfsmädchen folgte ihm. Archer setzte die Kamera ab und griff nach den Kopfhörern. Es blieb still, aber nur wenige Sekunden, dann hörte er einen schrecklichen Schrei. So schrie nur ein Mensch in höchster Todesangst. Der Schrei erstarb, und alles blieb ruhig.

Archer wischte sich den Schweiß von der Stirn und schloss die Augen. Er war ziemlich sicher, dass er Ronald Chasen nicht mehr lebend sehen würde. Nach einigen Minuten hatte er sich etwas von seinem Schock erholt und begann die Ereignisse zu verarbeiten.

Verdammt noch mal, jetzt gerade musste Wood nicht da sein!

Er fragte sich, was er unternehmen konnte. Viel war es nicht ... Er konnte nur abwarten. Allein – oder auch zusammen mit seinem Kollegen – konnte er nicht viel gegen die sieben reißenden Bestien unternehmen.

Er schüttelte den Kopf. Wenn er es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, würde er es nicht glauben. Werwölfe! Es gab tatsächlich Menschen, die sich in Wolfsmenschen verwandeln konnten. Die Tonbandaufnahmen und Fotos würden es beweisen.

Er lauschte immer wieder nach verdächtigen Geräuschen, doch kein Laut drang aus den Kopfhörern. Es war unnatürlich still. Kein Licht war hinter den Fenstern des Hauses zu sehen.

Nach einer halben Stunde hörte er schwere Schritte.

»Ich bin's, Fred!«, vernahm er John Woods Stimme. »War was los?«

»Das kann man wohl sagen«, meinte Archer leise.

»Erzähle!«

»Du würdest mir doch kein Wort glauben.«

Archer beobachtete das Haus weiter. Er musste zehn Minuten warten, dann kam ein Paar auf die Terrasse. Es zündete die Kerzen an und setzte sich, so als wäre nichts geschehen. Sie sahen jetzt wie ganz normale Menschen aus, waren korrekt gekleidet ... dabei hatte Archer deutlich gesehen, wie sie sich vor mehr als einer Stunde in Wolfsmenschen verwandelt hatten.

Habe ich mir das alles nur eingebildet?, fragte er sich.

Immer mehr Leute kamen auf die Terrasse, darunter auch Elvira Lorrimer, die wieder ihr giftgrünes Kleid trug.

Das geht nicht mit rechten Dingen zu, stellte Archer fest. Er hatte ganz deutlich gesehen, wie Elvira aus ihrem Kleid geschlüpft war und es auf der Terrasse zurückgelassen hatte. Doch jetzt saß sie lächelnd an einem Tisch und trug das gleiche Kleid.

Von den fünf Gästen war nichts zu sehen, stellte Archer fest.

Doch einige Minuten später traten die fünf Männer auf die Terrasse. Sie setzten sich an die Tische und taten, als wäre nichts Außergewöhnliches geschehen. Lachen drang aus den Kopfhörern. Die Zwölf unterhielten sich recht vergnügt.

Archer musterte Ronald Chasen. Sein Gesicht war vielleicht eine Spur bleicher, aber das konnte auch täuschen. Er wirkte geistesabwesend und war schweigsam.

Entweder habe ich mir das alles nur eingebildet, sagte sich Archer, oder ich habe geträumt oder bin verrückt.

Kopfschüttelnd hantelte er von der Eiche hinunter und blieb vor John Wood stehen.

»Was hast du so Außergewöhnliches gesehen, Fred?«

Archer brummte ungehalten.

»Nichts«, sagte er.

Er wollte sich Gewissheit verschaffen und die Filme entwickeln und sich die Tonbänder anhören.

»Ich fahre ins Büro, John«, sagte Archer. »Du beobachtest das Haus weiter. Ruf mich jede Stunde im Büro an.«

»Und was soll ich tun, wenn Chasen das Haus verlässt?«

»Dann verfolgst du ihn und gibst mir sofort Bescheid! Verstanden?«

»Verstanden.«

Archer nahm die bespielten Tonbänder und die zwei Filme, die er geschossen hatte, an sich. Spätestens in zwei Stunden würde er wissen, ob er sich geirrt hatte, oder ...

 

 

2. Kapitel

 

Der Mann, der Dorian heißen sollte, hatte versucht, alles Gehörte zu einem verständlichen Ganzen zusammenzufügen, doch es gelang ihm nicht. Er kam sich wie ein Künstler vor, dem man einige Mosaiksteine hingeworfen hatte, aus denen er ein Bild formen sollte. Zu viele Informationen hatte er erhalten, die für ihn keinen Sinn ergaben.

Er saß neben Marvin Cohen im Rover. Es war weit nach Mitternacht. Die Straßen waren leer. Er hatte das Fenster herunter gekurbelt und saß mit halbgeschlossenen Augen auf dem Beifahrersitz. Cohen hatte das Radio angedreht. Leise Musik war zu hören. Das Brummen des Motors und die Musik schläferten ihn ein.

Er schreckte hoch, als Cohen vor einem Haus bremste.

»Wir sind da«, sagte Cohen.

Er blickte sich flüchtig um. Die Straße war ihm unbekannt. Kleine, einstöckige Häuser, die sich wie ein Ei dem anderen glichen. Aber das war in London kein ungewohnter Anblick.

Cohen stieg aus. Der Mann, der Dorian genannt wurde, kurbelte das Fenster hoch. Er zögerte, dann öffnete er die Tür und folgte Cohen.

In einigen Fenstern des Hauses brannte noch Licht. Abraham Road, las er auf einem Straßenschild. Das Haus weckte keinerlei Erinnerung in ihm.

Marvin Cohen läutete. Sekunden später wurde die Tür geöffnet, und eine junge Frau war zu sehen. Er blieb neben Cohen stehen und musterte die Frau. Sie wirkte zerbrechlich wie eine Porzellanfigur. Der Eindruck wurde noch durch ihre bleiche Haut und das zarte Puppengesicht, das von blondem Haar eingerahmt war, unterstrichen. Eine hübsche Frau, stellte er fest. Wirkt ein wenig steril, verkrampft und unecht.

»Erinnerst du dich an mich, Rian?«, fragte sie.