Panik in New York

 

 

 

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Band 31

 

Panik in New York

 

von Ernst Vlcek, Neal Davenport, Earl Warren und Damion Danger

 

 

© Zaubermond Verlag 2013

© "Dorian Hunter – Dämonenkiller"

by Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt

 

Lektorat: Reinhard Schmidt

Titelbild: Mark Freier

eBook-Erstellung: story2go

 

http://www.zaubermond.de

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

Was bisher geschah:

 

Der ehemalige Reporter Dorian Hunter hat sein Leben dem Kampf gegen die Schwarze Familie der Dämonen verschrieben, seit seine Frau Lilian durch eine Begegnung mit ihnen den Verstand verlor.

Seine Gegner leben als ehrbare Bürger über den gesamten Erdball verteilt. Nur vereinzelt gelingt es Dorian, ihnen die Maske herunterzureißen.

Bald kommt Hunter seiner eigentlichen Bestimmung auf die Spur: In einem früheren Leben schloss er als französischer Baron Nicolas de Conde einen Pakt mit dem Bösen, der ihm die Unsterblichkeit sicherte. Um seine Sünden zu büßen, verfasste de Conde den »Hexenhammer« – jenes Buch, das im 16. Jahrhundert zur Grundlage für die Hexenverfolgung wurde. Doch der Inquisition fielen meist Unschuldige zum Opfer; die Dämonen, auf die de Conde es abgesehen hatte, blieben ungeschoren.

Der Pakt galt, und als de Conde selbst der Ketzerei angeklagt und verbrannt wurde, wanderte seine Seele in den nächsten Körper. So ging es fort bis in die Gegenwart.

Dorian Hunter begreift, dass er die Wiedergeburt de Condes ist. Es ist seine Aufgabe, den Dämonen nachzustellen und sie zu vernichten. Vielleicht ist dieser angeborene Dämonenhass der Grund dafür, dass er die Unterstützung des britischen Secret Service verliert, dessen »Inquisitionsabteilung« Dorian vorübergehend leitete.

Hunter wäre auf sich allein gestellt, blieben ihm nicht die engsten Mitstreiter im Kampf gegen die Dämonen: Zunächst wäre da die junge Hexe Coco Zamis, die früher selbst ein Mitglied der Schwarzen Familie war, bis sie wegen ihrer Liebe zu Dorian den Großteil ihrer magischen Fähigkeiten verlor. Hin und wieder eine große Hilfe ist ebenfalls der rätselhafte Olivaro, der früher selbst einmal als Oberhaupt der Schwarzen Familie fungierte, inzwischen aber offenbar die Seiten gewechselt hat und Dorian unterstützt. Allerdings bleiben die wahren Absichten des undurchsichtigen Überläufers meist im Dunkeln.

Weitere Mitstreiter sind neben Unga, dem Steinzeitmann, und dem magisch auf Zwergengröße geschrumpften Ex-Secret-Service-Agenten Don Chapman vor allem die Bewohner von Castillo Basajaun, einer alten Burg in Andorra, die Dorian Hunter als Hauptstützpunkt für das Dämonenkiller-Team ausgewählt hat.

Von Castillo Basajaun aus starten Dorian und Coco ihren Versuch, die – neben der Schwarzen Familie der Dämonen – größte Gefahr für die Menschheit zu bannen. Es handelt sich um die kürzlich erstmals aufgetauchten Janusköpfe, die die Erde von der Januswelt Malkuth aus überschwemmen. Bösartiger und teuflischer als die Dämonen, versuchen sie offenbar, die totale Gewalt über die Menschheit zu erlangen. Auch Olivaro und Coco sind offenbar in ihre Fänge geraten und auf Malkuth verschollen – einer gefährlichen Welt, auf der unter anderem körperlich entstellte sogenannte Psychos als gegensätzliche Abbilder hiesiger Menschen ihr Unwesen treiben.

Um Coco und Olivaro zu retten, unternimmt Dorian eine Reise nach Malkuth – und findet sich im Innern eines riesigen Organismus wieder, aus dem die Januswelt offenbar besteht. Nur mithilfe des Ys-Spiegels gelingt es ihm, die Herausforderungen auf Malkuth zu meistern und Coco unversehrt zur Erde zu bringen.

Damit ist die Gefahr, die von Malkuth droht, allerdings nicht gebannt. Immer noch treiben Janusköpfe auf der Erde ihr Unwesen und streben die Herrschaft über Dämonen wie Menschen an.

Dorian und Coco finden allerdings kaum Zeit, sich mit den Janusköpfen zu befassen, denn ihr Sohn Martin wird vom Kinddämon Baphomet entführt. Der Dämonenkiller nimmt die Verfolgung auf. Er findet heraus, dass sich Miss Martha Pickford, seine langjährige Haushälterin, offenbar auf Baphomets Seite geschlagen hat. Und auch die Vampirin Rebecca, eine frühere Freundin von Coco, greift in die Geschehnisse ein.

Schnell stellt sich heraus, dass sie ihre eigenen Pläne verfolgt, die sie zur Todfeindin des Dämonenkiller-Teams machen. Die Lage spitzt sich zu und nähert sich unaufhaltsam dem Showdown, der eine Weltstadt in den Untergang reißen könnte: New York ...

 

 

 

 

Erstes Buch: Panik in New York

 

 

Panik in New York

 

von Neal Davenport

 

1. Kapitel

 

Gordon Calder wählte sich seine Opfer immer äußerst sorgfältig aus. Innerhalb seiner Sippe galt er als ausgesprochener Gourmet; er war ein Feinschmecker in jeder Beziehung.

Zufrieden blickte er Liz Fidler an, die ihm gegenüber im ›Club 133‹ saß. Hätte das Mädchen gewusst, dass Calder ein Werwolf war, wäre sie wohl nicht so ruhig sitzen geblieben, sondern hätte fluchtartig das Restaurant verlassen.

Liz entsprach genau seinen Vorstellungen. Schon immer hatte er eine Schwäche für langbeinige, knabenhafte Blondinen gehabt. Sie war neunzehn Jahre alt, besuchte eine Schauspielschule und stammte aus Concord, New Hampshire. Besonders faszinierte Gordon Calder ihr Puppengesicht mit den aufgeworfenen Lippen, der kleinen Stupsnase und den himmelblauen Augen. Ihr Verschwinden würde nicht so bald auffallen. Sie wohnte bei einer alten Frau, die sich um ihre Untermieterinnen nicht kümmerte. Tagtäglich verschwanden Dutzende von Menschen in New York, die niemals mehr wiedergesehen wurden. Ein Großteil dieser vermissten Personen ging auf das Konto der Schwarzen Familie.

Das junge Mädchen blickte sich scheu um. Nie zuvor war sie in einem so aufwendig ausgestatteten Restaurant gewesen. In ihrem billigen Sommerkleid kam sie sich völlig fehl am Platze vor. Ein Kellner brachte die Speisekarten, und Gordon Calder bestellte zwei Martini.

»Wie gefällt es dir hier, Liz?«, fragte er mit tiefer Stimme.

»Sehr gut«, sagte sie leise.

Dann schlug sie ihre Speisekarte auf, und unwillkürlich hoben sich ihre Brauen. Die Preise waren schwindelerregend. Die billigste Suppe kostete über zehn Dollar, und Fleischspeisen waren unter vierzig Dollar nicht zu haben.

»Worauf hast du Appetit?«, erkundigte er sich freundlich.

»Ich weiß nicht«, stammelte Liz. »Es ist alles so teuer.«

Calder lachte. »Keine Angst, du bist ja eingeladen. Such dir aus, was dir schmeckt! Besonders zu empfehlen ist die Krebssuppe.«

Liz nickte langsam. Sie warf wieder einen Blick in die Speisekarte; dabei beobachtete sie unauffällig Gordon Calder.

Eigentlich war er so gar nicht der Typ Mann, für den sie sich erwärmen konnte. Er war etwa dreißig Jahre alt. Sein Gesicht war aufgedunsen. Die Augen waren fast schwarz, und sein Blick war durchdringend. Das dunkelbraune Haar war kurz geschnitten und lag wie eine Kappe an seinem Kopf an. Die Stirn war niedrig, und die außergewöhnlich buschigen Brauen waren über der Nasenwurzel zusammengewachsen. Ein gestutzter Vollbart verbarg die untere Hälfte seines Gesichtes. Seine Gestalt war klein und gedrungen. Auffällig waren noch die riesigen Hände, die sehr stark behaart waren.

»Ich esse, was du isst«, sagte Liz schließlich und klappte die Karte zu.

Der Kellner servierte die Martinis und nahm Calders Bestellung entgegen.

»Cheerio!«, sagte Calder und hob sein Glas.

Liz folgte seinem Beispiel und nippte kurz an dem Getränk.

Calder lehnte sich bequem zurück und studierte das Mädchen. Langsam strich er sich mit der Zunge über die Lippen. Er hatte sie vor zwei Tagen kennengelernt. Seine magischen Fähigkeiten waren äußerst schwach, doch sie reichten dazu aus, um jede Frau innerhalb weniger Sekunden in seine Gewalt zu bekommen. Nie hatte er die geringsten Schwierigkeiten gehabt. Genussvoll stellte er sich vor, was er alles mit ihr tun würde. Sie ist der Typ, der vor Entsetzen in Ohnmacht fallen wird, wenn ich mich in meiner wirklichen Gestalt zeige, dachte Calder.

»Ich habe eine Überraschung für dich, Liz«, sagte Calder und beugte sich vor.

»Und die ist?«, fragte Liz neugierig.

Plötzlich verspürte Calder einen stechenden Schmerz in seinem Kopf. Er rang nach Luft und schloss die Augen. Irgendetwas Unerklärliches ging mit ihm vor. Ein eigenartiges Ziehen war in seinen Gliedern. Dieses Gefühl kannte er; es stellte sich immer ein, wenn er sich in einen Werwolf verwandelte.

»Was ist mit dir, Gordon?«, fragte Liz ängstlich.

»Mir ist plötzlich so seltsam«, flüsterte er und öffnete die Augen.

»Deine Augen!«, sagte Liz mit bebender Stimme. »Sie sind jetzt ganz rot. Blutrot.«

Mit aller Kraft versuchte Calder, die Metamorphose zu stoppen. Aber sosehr er sich auch bemühte, er konnte seine Verwandlung in einen Wolfsmenschen nicht aufhalten. Innerhalb weniger Sekunden war seine Stirn mit fingerlangen Haaren bedeckt, und sein Mund verformte sich zu einer Wolfsschnauze. Die Form seiner Hände veränderte sich; sie waren jetzt mit einem dunklen Pelz bedeckt, und die Finger wurden zu rasiermesserscharfen Krallen.

Liz stieß einen Entsetzensschrei aus. Sie wollte aufspringen und davonlaufen, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht. Wie eine Statue blieb sie sitzen.

Calders Gedanken verwirrten sich. Seine wahre, die dämonische Natur kam zum Vorschein. Er riss die Schnauze auf und entblößte dabei scharfe Reißzähne. Dann heulte er auf, sprang ruckartig hoch und stieß den Tisch um.

Nun waren auch die anderen Gäste auf ihn aufmerksam geworden. Ein paar Frauen kreischten hysterisch.

Liz kämpfte gegen eine drohende Ohnmacht an. Ein Zittern durchlief ihren Körper, als sich Gordon Calder über sie beugte und eine Pranke zum Schlag erhob.

Ein beherzter Gast ergriff einen Stuhl und rammte ihn Calder in den Rücken. Der Schlag des Wolfsmenschen ging daneben. Wütend drehte er sich um, fletschte die Zähne, duckte sich und fauchte den Mann an, der breitbeinig vor ihm stand und noch immer den Sessel mit beiden Händen gepackt hielt.

»Ruft die Polizei!«, brüllte eine dicke Frau.

Liz brach ohnmächtig zusammen. Sie rutschte langsam vom Stuhl herunter und fiel auf den Boden. Der Werwolf ging auf den Mann mit dem Stuhl los, der zurückwich und geschickt die Hiebe Calders parierte.

Der tapfere Mann hatte Verstärkung erhalten. Zwei Kellner hatten sich ebenfalls mit Sesseln bewaffnet und gingen nun auf das Monster los, das wild knurrend zurückwich. Ein Großteil der Gäste hatte panikartig das Restaurant verlassen. Das Heulen einer Polizeisirene, die rasch näher kam, war zu hören.

Calder hatte mit seinen scharfen Krallen einen Stuhl gepackt. Da schlug ihm einer der Kellner ein Stuhlbein über den Kopf.

In diesem Augenblick stürmten zwei uniformierte Polizisten ins Lokal. Der Wolfsmensch achtete nicht mehr auf die Hiebe. Er duckte sich, ergriff einen Kellner, riss ihn an sich und versuchte, seine Kehle zu zerreißen. Der Mann hob einen Arm, und Calder verbiss sich darin. Die Polizisten zogen fast gleichzeitig ihre Revolver. Drei Meter vor dem Wolfsmenschen blieben sie stehen. Sie zielten und schossen. Zwei Kugeln bohrten sich in Calders Leib, der ein unmenschliches Gebrüll ausstieß, vom Kellner abließ und sich den Polizisten zuwandte. Beide schossen wieder. Die Kugeln bohrten sich in die Brust des Wolfsmenschen, doch kein Blut drang aus den Wunden.

Calder schlug einem der Polizisten den Revolver aus der Hand, stieß den zweiten zur Seite und lief durch das Lokal.

Ein paar Bedienstete brachten sich schleunigst in Sicherheit. Niemand stellte sich dem Werwolf entgegen.

Calder lief an der Garderobe vorbei auf den Ausgang zu. Auf der Straße hatte sich eine ansehnliche Menschenmenge versammelt, die schreiend auseinanderwich, als der Werwolf auftauchte, über den Bürgersteig raste und auf die Straße sprang.

Ein Taxi brauste heran. Der Fahrer war so verblüfft, dass er vergaß, auf die Bremse zu steigen. Der schwere Wagen erfasste Calder und schleuderte ihn durch die Luft. Der Wolfsmensch schlug mit dem Hinterkopf auf der Gehsteigkante auf und blieb benommen mit gebrochenen Beinen liegen. Mühsam richtete er sich noch einmal auf, dann brach er zusammen. Sein Körper streckte sich. Und von einer Sekunde zur anderen veränderte sich sein Aussehen. Er hatte wieder seine menschliche Gestalt angenommen.

Ein paar Zuschauer hatten die Veränderung bemerkt. Überraschte Rufe wurden laut. Ein zweiter Streifenwagen blieb mit kreischenden Reifen stehen, dann kam noch einer. Die Polizisten drängten die Neugierigen zur Seite. Sie hoben den noch immer bewusstlosen Calder hoch und trugen ihn ins Restaurant.

»Der Bursche sollte eigentlich schon längst tot sein«, sagte einer der Polizisten. »Er hat vier Kugeln im Leib.«

Calder bewegte sich und schlug die Augen auf. Langsam hob er den Kopf und blickte sich um.

»Was ist geschehen?«, fragte er verwundert. Er verzog das Gesicht. »Meine Beine! Ich muss sie mir gebrochen haben.«

»Und von den Kugeln in Ihrer Brust sprechen Sie nicht, Mister?«

»Welche Kugeln?«

»Sie können sich also an nichts erinnern?«

Calder schüttelte den Kopf.

»Bleiben Sie ruhig liegen, Mister! In ein paar Minuten ist Leutnant Mandel da.«

Calder schloss die Augen und überlegte kurz. Mit seinen gebrochenen Beinen kam eine Flucht nicht infrage. Sie dürfen mich auf keinen Fall untersuchen, dachte er. Er musste ganz dringend seine Familie verständigen.

Bevor Calder noch zu einem Entschluss gekommen war, betraten zwei Männer das Restaurant. Einer der Männer, es war Tim Morton, trug eine dunkle Sonnenbrille, doch auch sie konnte nicht ganz das blau geschlagene linke Auge verdecken. Seine Nase war geschwollen, und auf der rechten Wange klebte ein Pflaster. Morton war FBI-Agent – ein Spezialist in der Dämonenbekämpfung.

Der Mann neben ihm war Leutnant Ernest Mandel. Er war tief gebräunt und sein blondes Haar sorgfältig frisiert. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, ihn für einen Polizisten zu halten; eher hätte man auf einen erfolgreichen Manager getippt.

Morton und Mandel unterhielten sich leise mit einem Polizisten, dann gingen sie auf Calder zu und blieben vor ihm stehen. Calder blickte die beiden gleichmütig an.

»Ihr Name?«, fragte Tim Morton. Eine Sekunde lang überlegte Calder.

»Gordon Calder«, sagte er dann.

Es war sinnlos, einen anderen Namen zu nennen, da sicherlich Liz Fidler bereits der Polizei seinen bürgerlichen Namen mitgeteilt hatte.

»Angeblich können Sie sich an nichts erinnern, Mr. Calder?«

»Richtig«, stimmte der Werwolf zu.

Morton und Mandel wechselten einen raschen Blick. Calder konnte sie nicht täuschen. Tim Morton wusste über die einzelnen Sippen der Schwarzen Familie in New York ganz gut Bescheid; und ihm war bekannt, dass die Sippe der Calders aus Werwölfen bestand.

Seit ein paar Tagen hatten sich die Freaks seltsam benommen, und auch innerhalb der Schwarzen Familie sollte es zu einigen Vorfällen gekommen sein. Das alles wies darauf hin, dass ›Magic Martha‹ mit ihrer Prophezeiung, dass am 25. Mai um neunzehn Uhr dreißig eine Katastrophe über New York hereinbrechen würde, recht behalten sollte.

Tim studierte den Werwolf ganz genau. Sein Anzug war zerrissen und schmutzig; und deutlich waren die Einschusslöcher im Sakko zu sehen. Der FBI-Beamte seufzte fast unhörbar. Calder würde bei seiner Aussage bleiben. Und die Schwarze Familie würde alles daransetzen, ihn zu befreien.

»Wir sprechen später mit Ihnen, Mr. Calder«, sagte Tim. »Der Arzt wird jeden Augenblick kommen.«

Ein Polizeifotograf schoss einige Bilder.

»Der Arzt wird staunen, wenn er Calder untersucht«, sagte Mandel fast unhörbar zu Tim.

»Wenn es überhaupt zu einer Untersuchung kommt«, stellte Morton fest. »Ich fürchte, dass Calder nicht lange unser Gefangener sein wird. Die Schwarze Familie wird ihn befreien.«

»Das müssen wir verhindern, Tim.«

Tim lächelte schwach. »Sinnlos, Ernie. Das würde nur unnötige Opfer kosten. Wir wissen, dass sich Luguri in der Stadt aufhält. Er verfügt über die nötigen Fähigkeiten, um Calder zu befreien. Aber sprechen wir mal mit dem Mädchen.«

Liz Fidler hob den Kopf, als Morton und Mandel auf sie zukamen. Sie saß auf einem Stuhl und rauchte hastig eine Zigarette. Ihr Gesicht war bleich, und ihre Hände zitterten. Neben ihr stand ein Polizist.

»Das ist Liz Fidler«, sagte der Polizist. »Sie ist mit Calder hergekommen.«

Morton stellte Mandel und dann sich vor. Beide setzten sich dem Mädchen gegenüber.

»Seit wann kennen Sie Gordon Calder, Miss Fidler?«, fragte Mandel.

»Ich habe ihn vor zwei Tagen kennengelernt«, sagte das Mädchen stockend. »Er hat mich am Times Square angesprochen. Ich verstehe das alles nicht. Normalerweise gehe ich niemals mit Männern mit, die mich auf der Straße ansprechen, doch bei ihm war es anders. Von ihm ging so etwas Zwingendes aus. Verstehen Sie mich? Ach nein, das können Sie nicht begreifen. Wir gingen in den ›Stork Club‹, tanzten ein wenig, und dann brachte er mich nach Hause. Gestern führte er mich ins ›Birdland‹, und für heute verabredeten wir uns zum Lunch. Er holte mich von der Schule ab. Ich gehe auf eine Schauspielschule. Wir fuhren hierher. Er bestellte das Essen, und plötzlich ... Es war so furchtbar. Er verwandelte sich in ein wolfsähnliches Monster und sprang mich an. Ich wurde ohnmächtig.«

Für Tim stand fest, dass Calder über schwache magische Fähigkeiten verfügte. Er hatte das Mädchen beeinflusst. Als er sich die Daten des Mädchens geben ließ, bestätigte sich sein Verdacht, dass Calder sie als Opfer ausersehen hatte. Das Mädchen hat verdammtes Glück gehabt, dachte Tim. Hätte sich Calder nicht hier in einen Wolfsmenschen verwandelt, dann hätte er sicherlich das Mädchen zu sich mit nach Hause genommen.

Vom Lokaleingang drangen laute Schreie herein. Morton und Mandel sprangen auf und liefen zur Garderobe.

Gordon Calder war verschwunden.

»Was ist geschehen?«, wandte sich Mandel an einen Polizisten, der völlig verdattert war.

»Ich kann es nicht sagen, Sir«, stammelte der Polizist. »Plötzlich konnte ich mich nicht mehr bewegen. Und ich sah auch nichts. Als ich wieder sehen konnte, war Calder verschwunden.«

Die anderen Polizisten, ein paar Angestellte des Restaurants und der Polizeiarzt bestätigten diese Angaben.

»Luguri«, sagte Tim leise und hob die Schultern. Er hatte nichts anderes erwartet.

Von den vor dem Lokal postierten Polizisten erfuhren sie auch nicht viel. Plötzlich wäre ein Wagen vorgefahren. Zwei Männer wären ausgestiegen. An mehr konnte sich niemand erinnern.

»Die Zeitungen werden uns in der Luft zerreißen«, sagte Mandel grimmig. »Ich sehe schon die Schlagzeilen vor mir.«

»Das glaube ich nicht«, meinte Tim. »Die Reporter werden den Bericht über den Wolfsmenschen kaum glauben.«

»Es gibt genügend Zeugen.«

»Zum Teufel mit der Presse!«, brummte Tim. »Hier kann ich nichts mehr tun. Ich fahre zu Dorian. Bis später, Ernie!«

Tim winkte Mandel kurz zu, der ihm verdrossen nachblickte. Mandels Gesicht verdüsterte sich, als er einen Reporter der ›New York Post‹ erblickte.

 

Ich ließ Tim in Jeff Parkers Penthouse ein, das Jeff uns zur Verfügung gestellt hatte.

»Wie geht es Trevor?«, fragte Morton und nahm die Sonnenbrille ab.

»Und wie geht es dir?«, entgegnete ich und starrte sein blaues Auge an.

»Das blaue Auge vergeht«, sagte Tim. »In einer Woche ist es verschwunden. Aber die gestrigen Ereignisse werden mir unvergesslich bleiben. Meine Freaks, die immer meine Freunde waren, gingen auf mich los und wollten mich töten. Aber lassen wir das. Was hat der Arzt gesagt?«

»Er hat Trevor genau untersucht. Eigentlich sollte Trevor in ein Hospital. Er ist völlig erschöpft. Der Arzt hat ihm eine Stärkungsspritze gegeben und Bettruhe verordnet. Er wird am Abend wiederkommen. Im Augenblick schläft Trevor. Coco ist bei ihm. Und was gibt es bei dir Neues?«

Wir durchquerten das fußballfeldgroße Wohnzimmer und betraten den Dachgarten, der mit einem echten Rasen bedeckt war. Unzählige Blumen und Bäume wuchsen auf dem Dachgarten. In der Mitte befand sich ein riesiges, grün gekacheltes Schwimmbecken.

Unga saß neben dem Swimmingpool und nickte Tim kurz zu. Wir nahmen Platz, und Tim steckte sich eine Zigarette an. Dann berichtete er von Gordon Calder. Interessiert hörten Unga und ich zu.

»Jetzt bin ich aber gespannt, was Luguri unternehmen wird«, sagte ich nachdenklich. »Die Sippen werden ihm ordentlich zusetzen. Sein Befehl, dass kein Mitglied der Schwarzen Familie New York verlassen darf, gilt ja wohl noch?«

»Ich habe nichts Gegenteiliges gehört«, antwortete Tim. »Habt ihr von Trevor etwas erfahren?«

»Kein Wort«, stellte Unga fest. »Ich hielt ihm den Kommandostab vor das Gesicht, und er brach bewusstlos zusammen. Bis jetzt ist er nicht aus der Bewusstlosigkeit erwacht. Aber ich fürchte, dass er uns verlassen wird, sobald er erwacht.«

»Das werden wir nicht zulassen.«

»Sehen wir doch den Tatsachen ins Auge, Dorian. Rebecca hat Trevor freigelassen, da er ihr nicht schaden kann. Ich bin sicher, dass er uns nicht sagen kann, wo sich Baphomet versteckt hält. Trevor hat indessen von Rebecca den Auftrag erhalten, uns zu töten. Coco hat das verhindern können. Danach wollte er uns unbedingt verlassen. Er hat uns nicht erkannt. Er ist ein Besessener. Wir können ihn nur mit Gewalt aufhalten, und das könnte sein Tod sein.«

Ich überlegte kurz. Unga hatte leider nur zu recht.

»Wenn er tatsächlich gehen will, dann können wir ihn ja verfolgen«, sagte Tim.

»Das dürfte doch einigermaßen schwierig sein.«

»Überhaupt nicht. Wir befestigen einen Peilsender an seiner Jacke. Wir können damit jederzeit seinen genauen Aufenthaltsort feststellen.«

»Hast du so einen Sender bei dir, Tim?«, fragte ich.

Tim nickte und holte ein Etui aus der Tasche, dem er ein winziges Gerät entnahm. Fünf Minuten später befand sich die Wanze im Futter von Trevors Jacke.

Coco trat auf den Dachgarten hinaus. Sie lächelte Tim zu, sah sich kurz sein zerschlagenes Gesicht an und setzte sich. Ihr Haar war noch immer kastanienbraun. Bei der gestrigen Kundgebung von Martha war sie als Vera Dorset verkleidet erschienen; dazu hatte sie sich auch das Haar färben müssen. Vera Dorset hatten wir gestern noch nach Hause geschickt und ihr aufgetragen, dass sie uns sofort verständigen sollte, wenn sie irgendwelche Neuigkeiten erfuhr.

Ich sah nach Trevor Sullivan. Er lag in einem verdunkelten Zimmer und schlief ruhig. Leise verließ ich das Zimmer und gesellte mich zu den anderen. Und wieder drehte sich unser Gespräch um Marthas Prophezeiung, dass am 25. Mai das Chaos über New York hereinbrechen würde. Doch Unga und ich hatten Hermes Trismegistos' Büchern entnommen, dass die Katastrophe schon einen Tag früher eintreten würde; und wir fragten uns nun, ob Martha bei ihren Berechnungen ein Fehler unterlaufen war oder ob sie absichtlich ein falsches Datum genannt hatte. Aber unsere Mutmaßungen halfen uns nicht weiter.

»Trevor ist aufgewacht«, sagte Coco rasch. Sie sprang auf und lief in das riesige Wohnzimmer.

Er sah noch immer erschreckend aus. Sein Gesicht war eingefallen; dunkle Ringe zeichneten sich unter seinen trüben Augen ab. Trevor war bis auf die Knochen abgemagert.

Coco stützte ihn und führte ihn auf den Dachgarten hinaus. Ich schob Trevor einen Stuhl hin, und er setzte sich. Müde blickte er uns an, dann nickte er langsam.

»Erkennen Sie uns jetzt, Trevor?«

Sullivan nickte langsam. »Wo bin ich, Dorian?«

»Das ist Jeff Parkers Penthouse«, sagte ich. »Erinnern Sie sich, was geschehen ist, Trevor?«

Der Alte schloss die Augen. Seine Lider zitterten leicht.

»Ich bin so müde, so entsetzlich müde«, sagte er fast unhörbar.

»Gehen Sie zurück ins Bett, Trevor!«, sagte Coco sanft.

»Nein, ich muss gehen.«

»Woran können Sie sich erinnern, Trevor?«, fragte ich drängend.

Resigniert hob er die Schultern.

»Alles ist so verschwommen«, flüsterte er. »Gestern war doch die Versammlung, nicht wahr?«

Er blickte mich fragend an, und ich nickte zustimmend.

»Hm. Wir verließen das Hotel. Und dann ... Ich kann mich nicht erinnern. Ein dunkler Raum. Eine Zelle, wenn ich mich nicht irre. Rebecca. Ja, sie war auch da. Sie gab mir einige Befehle, doch ich kann mich nicht entsinnen, was sie von mir verlangte.«

»Coco bat Rebecca, dass sie Sie freilassen sollte«, sagte ich. »Sie ließ Sie auch gehen. Als Sie hier eintrafen, zogen Sie einen Revolver und wollten uns erschießen. Sie wurden bewusstlos, und wir riefen einen Arzt, der Ihnen ein Stärkungsmittel gegeben hat. Sie müssen weiterschlafen, Trevor.«

»Ich höre den Ruf«, sagte er fast unhörbar. »Ich muss gehen. Mir bleibt keine andere Wahl. Ich muss zu ihr.«

»Zu wem, Trevor?«

»Zu ihr«, antwortete er.

»Wissen Sie, wo Martin versteckt gehalten wird, Trevor?«

»Ja, Martin«, flüsterte er. »Wenn ihr mich nicht gehen lasst, dann wird es Martin schlecht ergehen. Ja, das weiß ich ganz genau. Sie wird ihn ...«

»Was wird sie?«, fragte Coco drängend.

»Ich darf darüber nicht sprechen.«

Schweißperlen standen plötzlich auf Sullivans Stirn. Coco tupfte sie mit einem Papiertaschentuch ab.

»Lasst mich gehen!«, flehte er. »Ihr müsst mich gehen lassen, denn sonst wird es Martin büßen, und das wollt ihr doch nicht.«

»Wohin werden Sie gehen, Trevor?«

»Ich weiß es nicht. Ich werde dem Ruf folgen.«

Coco und ich wechselten einen raschen Blick. Es war hoffnungslos. Trevor würde uns nichts sagen. Coco hatte vergeblich versucht, ihn zu hypnotisieren. Trevor stand ganz im Bann von Rebecca oder Baphomet.

Trevor stand auf. Seine Bewegungen waren unsicher. Er konnte sich nur mühsam gerade halten.

»Sie sind zu schwach, Trevor«, sagte Coco. »Sie können nicht alleine gehen. Ich werde Sie begleiten.«

»Nein, das kommt nicht infrage. Ich muss allein gehen. Niemand darf mir folgen. Sie würde es merken.«

»Lasst ihn doch gehen!«, sagte Tim.

»Wo ist meine Jacke?«, fragte Trevor mit zittriger Stimme.

Ich brachte sie ihm. Er schlüpfte hinein. Dann starrte er mich durchdringend an. Seine Gestalt straffte sich, so als hätte er plötzlich neue Kräfte bekommen. Der Ausdruck seiner Augen änderte sich ebenfalls. Eine Gesichtshälfte leuchtete nun dunkelrot.

»Alles wird gut werden«, sagte er.

Er betrat das Wohnzimmer, und Coco brachte ihn zum Aufzug.

Kaum hatte Trevor das Penthouse verlassen, als sich auch schon Tim auf das Telefon stürzte und eine Nummer wählte. Rasch erteilte er einige Befehle. Dann legte er den Hörer auf.

»Sullivans Verfolgung wird aufgenommen«, sagte Tim. »Die Wagen mit den Peilempfängern sind unterwegs. Wir fahren mit meinem Wagen.«

Ein paar Minuten später waren wir in Tims Auto. Er hatte Funkverbindung mit den Peilwagen.

»Sullivan hat den Central Park betreten«, sagte eine Stimme. »Er geht in Richtung Transverse Road No. l.«

»Das ist eine der Straßen, die durch den Central Park führt«, sagte Tim erklärend.

»Jetzt bleibt Sullivan stehen«, meldete sich die Stimme wieder.

Ich saß neben Tim, während Unga und Coco im Fond Platz genommen hatten. Ein paar Minuten lang geschah nichts. Aus den Meldungen, die wir von den Peilfahrzeugen erhielten, war eindeutig zu entnehmen, dass sich Sullivan noch immer im Central Park befand und nicht von der Stelle rührte.

»Sollen wir vielleicht an ihm vorbeifahren?«, fragte Unga.

»Das ist zu riskant«, sagte ich. »Es sieht ganz so aus, als würde Sullivan auf jemanden warten.«

»Genau meine Meinung«, stimmte Tim mir zu. »Keine Angst! Wir können seine Spur nicht verlieren, auch wenn er von einem Wagen abgeholt wird.«

»Sullivan hat sich in Bewegung gesetzt«, sagte die Stimme aus dem Lautsprecher. »Nun geht er rascher. Nein, er muss in ein Auto eingestiegen sein. Das Auto fährt in Richtung Westen. Es fährt jetzt die 65. Straße entlang.«

Tim startete und fuhr los. Beim Tempel Emanu-El bog er in die Transverse Road ein und stieg stärker aufs Gaspedal.

»Sullivan fährt die Columbus Avenue entlang. Der Wagen befindet sich auf der Höhe der Philharmonic Hall.«

Ich griff nach einem Stadtplan von New York.

Nun hatte auch Tim die Columbus Avenue erreicht. Er fuhr in Richtung Norden. Immer wieder kamen Meldungen durch. Sullivan fuhr am American Museum of Natural History vorbei. Der Wagen, in dem er sich befand, konnte kaum mehr als fünfhundert Meter vor uns sein.

»Sullivan biegt nach links in die 95. Straße ein.« Dann folgte eine kurze Pause. »Er hat nun den Broadway überquert und fährt weiter in Richtung Henry Park.«

Tim war in der 90. Straße bereits abgebogen und fuhr im Augenblick den Broadway entlang.

»Der Wagen ist stehen geblieben«, meldete sich die Stimme. »Und zwar Ecke 95. Straße und West End Avenue.«

Wir erreichten die 95. Straße, und Tim riss den Wagen nach links herüber.

Ein schwarzer Cadillac war zu sehen, aus dem eben Trevor Sullivan stieg. Zwei schwarz gekleidete Witwen führten ihn auf ein dreistöckiges Backsteinhaus zu.

»Wir sehen Sullivan«, sagte Tim in ein Mikrofon.

»Sollen wir weiter beobachten, Tim?«

»Ja. Wartet noch! Vielleicht brauche ich euch später. Vorerst mal herzlichen Dank für eure Hilfe.«

Tim suchte sich einen Parkplatz.

Der Cadillac fuhr langsam los, überquerte die West End Avenue und war dann nicht mehr zu sehen. Sullivan und die zwei Witwen waren im Haus verschwunden.

»Was nun?«, fragte Coco, als Tim endlich einen Parkplatz gefunden hatte.

Ich starrte das Backsteinhaus an. Es machte einen unbewohnten Eindruck. Alle Fenster waren blind vor Schmutz. Rasch holte ich den Kommandostab heraus und blickte durch das magische Loch.

»Vom Haus geht keine magische Ausstrahlung aus«, sagte ich und steckte den Stab wieder ein.

»Ich schlage vor, dass wir ganz einfach ins Haus gehen«, sagte Unga. »Irgendwelche Pläne können wir ohnedies nicht entwickeln, da wir nicht wissen, was uns drinnen erwartet.«

»Nicht so hastig!«, sagte Tim. »Bedienen wir uns doch der modernen Technik.«

»Wie meinst du das?«, fragte ich.

Tim grinste breit. »Sullivan trägt eine Wanze in seiner Jacke. Und diese Wanze ist gleichzeitig auch ein leistungsstarkes Abhörmikrofon. Ich brauche nur auf eine andere Frequenz zu schalten, und schon hören wir, was Trevor alles erzählt.«

»Und das sagst du uns erst jetzt?«, fragte Coco entrüstet.

Tim hob die Schultern und hantierte an einigen Geräten herum. Ein durchdringender Piepton kam aus dem Lautsprecher. Wieder drehte Tim an einigen Knöpfen. Dann war Stimmengemurmel zu hören.

»Hast du sie erschossen, Trevor?«

Das war Marthas Stimme, die aus dem Lautsprecher klang.

»Ich habe es versucht, Martha«, sagte Trevor mit kläglich klingender Stimme. »Aber Coco versetzte sich in den rascheren Zeitablauf und entriss mir die Waffe. Dann hielt mir Unga den Kommandostab hin, und ich wurde bewusstlos.«

»So ähnlich habe ich es mir vorgestellt«, sagte Martha brummend. Ihre Stimme klang zufrieden. »So leicht kann man Coco nun auch nicht töten. Aber Rebecca kommt sich ja so gescheit vor.«

»Wie geht es Martin?«

»Frag nicht danach! Du weißt, dass wir vorsichtig sein müssen. Kein Wort mehr davon!«

Ich runzelte überrascht die Stirn. Was hatte das nun wieder zu bedeuten?

»Bleiben wir hier im Haus?«

»Nein. Rebecca wird uns holen. Wir sollen nun ganz bei Baphomet und Martin bleiben. Rebecca will, dass ich mich mit meinen Unterlagen beschäftige. Baphomet will nämlich wissen, wo es zu dem nächsten magielosen Zustand kommen wird.«

»Aber ich dachte, dass du ...«

»Halt den Mund, Trevor!«

»Dieses Gespräch ist allerdings recht aufschlussreich«, sagte Coco.

»Das hört sich ja ganz so an, als wäre Martha gar nicht auf Baphomets Seite. Ich muss unbedingt mit ihr sprechen. Wir müssen in das Haus.«

»Gut. Tim, du bleibst hier! Vielleicht müssen wir rasch fliehen. Lass den Motor laufen! Du kommst auch mit, Unga!«

Tim wollte ebenfalls mitkommen, doch ich bestand darauf, dass er auf uns im Wagen warten sollte.

Wir stiegen aus, gingen rasch auf das Backsteinhaus zu, die zehn Stufen zum Haustor hinauf und blieben stehen. Ich drehte mich rasch um. Kein Mensch beachtete uns.

Unga griff nach der Türklinke, drückte sie nieder, doch die Tür ging nicht auf.

»Stellt euch so auf, dass ihr mich verdeckt!«, sagte ich.

Mit meinen Spezialdietrichen hatte ich das einfache Schloss in einer halben Minute offen. Unga und ich zogen die Kommandostäbe.

»Sobald wir das Haus betreten haben, versetzt du dich in den rascheren Zeitablauf, Coco! Und gib uns Bescheid, wie viele Personen im Haus sind!«

Coco nickte.

Ich stieß das Haustor auf. Eine große Halle lag vor uns. Die Wände und der Boden bestanden aus Marmor. Kein Mensch war zu sehen. Rasch schloss ich das Tor. Und dann versetzte sich Coco in den rascheren Zeitablauf.

Sie schien nur für einen Sekundenbruchteil zu verschwinden, dann war sie wieder da.

»Ich habe das Haus durchsucht«, sagte sie keuchend. »Martha und Sullivan sind im ersten Stock. Dort befinden sich noch sechs Witwen, aber keine von Baphomets Beschützerinnen. Im zweiten und dritten Stock hält sich kein Mensch auf.

Geräuschlos huschten wir zur Treppe.

»Ich werde mich nun mit Martha unterhalten«, sagte Coco.

Und wieder erstarrten wir für Coco zur Bewegungslosigkeit.

 

 

2. Kapitel

 

Coco raste im rascheren Zeitablauf die Treppe hoch. Sie betrat einen Gang, in dem zwei Witwen standen. Blitzschnell huschte sie an den beiden vorbei, öffnete eine Tür und betrat ein großes Zimmer. Sullivan saß auf einer breiten Couch. Martha stand ihm gegenüber. So wie gestern bei der Versammlung trug sie ein bodenlanges Kleid.

Coco blieb vor Martha stehen. Sie zog die Alte eng an sich und schloss sie mit in den rascheren Zeitablauf ein.

Martha riss die Augen verwundert auf.

»Coco!«, sagte sie laut. »Wie kommen Sie denn hierher?«

»Ich bin Trevor gefolgt, Martha«, antwortete Coco. »Wir befinden uns im rascheren Zeitablauf. Niemand kann uns belauschen. Ich kann aber nur wenige Minuten diesen Zustand aufrechterhalten. Ich möchte jetzt endlich wissen, welche Rolle Sie spielen, Martha.«

»Das kann ich mir denken. Ich bin so froh, dass ich Ihnen endlich die Wahrheit sagen kann. Lange hätte ich es nicht mehr ausgehalten. Ich bin ganz auf Ihrer und Dorians Seite, auch wenn alles dagegen spricht. Aber ich hatte keine Wahl. Ich musste Baphomet täuschen, musste sein Vertrauen erringen.«

»Das müssen Sie mir näher erklären, Martha.«

»Ich habe nie daran gedacht, mit den Mächten des Bösen zu paktieren, das müssen Sie mir glauben, Coco. Ganz im Gegenteil. Ich wollte mein Wissen verwenden, um zusammen mit Trevor Ihren Sohn zu retten. Ich schloss mich dem Baphomet-Kult an und machte dem Kinddämon mit meinen Voraussagen den Mund wässrig. Ich habe ihm sogar gesagt, dass ich es war, die die Ereignisse auf Sizilien heraufbeschworen hat. Aber ich glaube nicht, dass er mir das abgenommen hat. Ich durfte euch nicht sagen, dass ich auf eurer Seite stehe. Jetzt vertraut mir Baphomet.«

»Und was ist mit Trevor?«

»Er ist teilweise in meine Pläne eingeweiht.«

»Aber er steht doch unter Rebeccas Bann?«

»Nur ganz gering. Keine Angst, sie erfährt die Wahrheit nicht. Ich habe auch nichts mit Trevors schlechtem Gesundheitszustand zu tun. Sein altes magisches Leiden wurde wieder akut. Trevor glaubt, dass er sterben muss. Er war es, der mir angeboten hat, ihn zu heiraten, denn sollte er sterben, hätte ich behaupten können, dass ich ihn getötet habe. Doch ich glaube nicht, dass er sterben wird. Auf Sizilien habe ich ja die Auswirkung der magielosen Phase auf Dämonen miterlebt. Die Dämonen degenerierten damals. Und ich bin sicher, dass sich dieser magielose Zustand auf Trevor umgekehrt auswirken wird, also positiv. Das war mit einer der Gründe, weshalb ich ihn nach New York mitgenommen habe.«

»Und was ist mit Martin? Wo versteckt ihn Baphomet?«

»Das weiß ich nicht, Coco. Wir dürfen das Haus nur zusammen mit Rebecca verlassen. Und da bedient sie sich einer Art Dämonentor. Ich habe das Haus noch nie von außen gesehen. Ich weiß nicht, ob es überhaupt in New York steht. Sollte ich die Adresse erfahren, benachrichtige ich Sie, sollte es mir möglich sein.«

»Welche Pläne verfolgt Baphomet?«

»Darüber weiß ich nur wenig. In meiner Gegenwart spricht er darüber nicht.«

»Sie haben die Katastrophe für den ...«

Coco brach ab. Sie spürte eine starke magische Ausstrahlung, die es ihr unmöglich machte, länger im rascheren Zeitablauf zu bleiben.

»Ich muss mich in den normalen Zeitablauf versetzen«, sagte Coco rasch. »Wahrscheinlich taucht Rebecca auf. Ich werde es so drehen, als wäre ich eben erst ins Zimmer gelangt.«

Coco ließ Martha los und raste zur Tür. Sie befand sich nun wieder im normalen Zeitablauf. Deutlich war eine magische Ausstrahlung zu spüren, die immer stärker wurde.

Rasch wandte Coco den Kopf. Die Ausstrahlung kam aus dem Nebenzimmer. Coco riss ihre Handtasche auf und entnahm ihr einen Revolver.

»Das ist ja Coco!«, sagte Trevor überrascht und versuchte aufzustehen.

Martha wirbelte herum. Ihr Gesicht war plötzlich hasserfüllt.

»Schon wieder Sie!«, brüllte Martha. »Wie haben Sie uns gefunden?«

»Ich bin Sullivan gefolgt. Bleiben Sie ruhig stehen, Martha! Ich muss mit Ihnen sprechen.«

»Verschwinden Sie, Coco! Mit Ihnen spreche ich nicht.«

Deutlich spürte Coco, dass die magische Ausstrahlung schwächer geworden war. Sicherlich stand Rebecca hinter der Tür und hörte zu; und um Coco nicht misstrauisch zu machen, hatte sie die magische Strahlung gedrosselt.

»Trevor hat uns nichts verraten. Er behauptete, dass er von nichts etwas wüsste. Aber das glaube ich nicht. Zumindest Sie wissen etwas, Martha.«

»Ihr Revolver kann mich nicht beeindrucken. Verschwinden Sie endlich!«

»So nehmen Sie doch endlich Vernunft an! Lösen Sie sich von Baphomet!«

»Ich denke nicht daran. Ich bin seine treueste Dienerin.«

»Ich kann auch anders, Martha«, sagte Coco drohend. »Mithilfe des rascheren Zeitablaufes kann ich Sie mitnehmen. Und ich verfüge über genügend Mittel, um Sie zum Sprechen zu bringen.«

Martha lachte spöttisch. »Sie wollen mich wohl hypnotisieren, was? Da kann ich nur lachen. Das gelingt nicht einmal Baphomet, der über mächtigere magische Kräfte als Sie verfügt.«

Coco versetzte sich in den rascheren Zeitablauf, lief auf Martha zu, packte sie und riss sie an sich. Dann raste sie auf die Tür zu. Da wurde die magische Ausstrahlung im Nebenraum stärker. Coco gelang es noch, die Tür zu öffnen, dann musste sie sich wieder normal bewegen. Die magische Kraft war nun so stark, dass sie ihre Kräfte nicht mehr einsetzen konnte.

Eine Tür wurde geöffnet, und Rebecca trat in den Gang. Die beiden Witwen, die Wache halten sollten, starrten Coco verwundert an.

Martha riss sich los.

»Coco hat mich entführen wollen!«, brüllte Martha. »Töte sie, Rebecca!«

»Schon wieder du!«, sagte Rebecca.

»Du bist eine verdammte Lügnerin, Rebecca«, sagte Coco wütend. »Du hast versucht, mich zu täuschen. Sullivan wollte uns erschießen.«

Die Dämonin lachte schallend. »Ich habe dir nur versprochen, dass ich dir Sullivan ausliefern würde. Und dieses Versprechen habe ich gehalten.«

Rebecca kam langsam auf Coco zu. Sie hatte Cocos Größe. Ihre Haut war unnatürlich blass, ihr Gesicht lang und schmal. Das in der Mitte gescheitelte Haar fiel weit über ihre Schultern. Ein tief ausgeschnittenes Kleid entblößte mehr als nur die Ansätze ihres festen Busens. Zwei Schritte von Coco entfernt blieb die Vampirin stehen und zeigte ihre Vampirzähne.

»Auf diesen Augenblick warte ich schon lange«, sagte Rebecca. »Diesmal entkommst du mir nicht, Coco. Ich werde dein Blut trinken.«

»Ob du dich da nicht täuschst, Rebecca?«

Die Vampirin wirbelte herum. Dorian stand mitten im Gang. In der linken Hand hatte er den Kommandostab, während er in der rechten eine Spezialpistole hielt. Hinter ihm war Unga zu sehen.

Der Dämonenkiller zog den Abzug durch. Ein fingerdicker Eichenbolzen schoss auf die Vampirin zu, die sich blitzschnell duckte. Der Bolzen bohrte sich in ihre rechte Schulter.

Rebecca stieß einen durchdringenden Schrei aus. Ihr Gesicht verzerrte sich. Mit der rechten Hand versuchte sie, sich den Bolzen herauszureißen, doch als sie ihn berührte, war ihre Hand mit Brandblasen übersät. Rasch zog sie die Hand zurück.

Von dem Schreien angelockt, traten vier Witwen auf den Gang.

»Packt sie!«, brüllte Rebecca.

Zwei der Witwen stürzten sich auf Unga, zwei auf den Dämonenkiller, die beiden anderen kümmerten sich um Rebecca. Eine riss ihr den Bolzen heraus, die andere sprang Coco an.

Der Cro Magnon schüttelte eine der Witwen ab und hob seine mit Pyrophorkugeln geladene Pistole. Als er abdrückte, schlug eine Witwe gegen seine Hand.

Die Kugel verfehlte Rebecca, prallte gegen eine Wand und explodierte. Steintrümmer flogen durch die Luft.

Bevor Unga nochmals schießen konnte, hatte Rebecca bereits die Flucht ergriffen. Sie stieß Martha in das Zimmer und warf die Tür hinter sich zu.

Unga schlug zwei Witwen nieder, die bewusstlos zu Boden sanken. Dann riss er die Tür auf, hinter der Rebecca verschwunden war. Deutlich spürte er für einen Augenblick eine starke magische Ausstrahlung, die dann in sich zusammenfiel.

Rebecca war zusammen mit Martha und Trevor die Flucht gelungen. Als Unga wieder den Gang betrat, lagen alle sechs Witwen bewusstlos auf dem Boden.

»Rebecca ist uns entkommen«, sagte Unga wütend. »Warum hast du sie nicht gefangen genommen, Coco?«

»Ich konnte meine Kräfte nicht einsetzen. Die magische Gegenstrahlung war zu stark.«

»So eine Gelegenheit, die Vampirin zu fangen, wird sich nicht so rasch mehr ergeben«, sagte Dorian verärgert. »Hast du wenigstens etwas erfahren, Coco?«

»Darüber will ich hier nicht sprechen. Wir fahren zurück ins Penthouse. Dort werde ich euch alles erzählen.«

»Was machen wir mit den Weibern?«, fragte Unga.

»Nichts«, antwortete der Dämonenkiller. »Sie können uns nicht weiterhelfen.«

Langsam verließen sie das Backsteinhaus und stiegen in Tims Wagen.

»Einen Teil der Ereignisse habe ich ja mitbekommen«, meinte Tim. »Ich verfolgte Cocos Gespräch. Aber plötzlich war nichts mehr zu hören. Ich verständigte die Peilwagen. Sullivan ist verschwunden. Er hat sich einfach in Luft aufgelöst. Die Wagen sind unterwegs. Wir haben noch immer eine Chance, dass wir Sullivan entdecken.«

Missmutig fuhren sie ins Penthouse, wo Coco von ihrem Gespräch mit Martha berichtete.

 

Luguri blickte in die magische Kugel. Das Gesicht eines Wolfsmenschen sah ihm entgegen. Es war Angus Calder.

»Was willst du von mir, Angus?«, fragte Luguri zischend.

»Mein Sohn Gordon wurde eben zu mir gebracht«, sagte Angus. »Es waren deine Diener, die ihn geholt hatten. Ich danke dir dafür, dass du ihn gerettet hast.«

»Schenk dir deinen Dank!«, sagte Luguri bösartig. »Ich lasse alle Dämonen von meinen Irrwischen überwachen – eine Maßnahme, die euch allen nicht gepasst hat. Aber sie war gut. Der Irrwisch meldete mir, dass sich dein Sohn plötzlich im Lokal verwandelte und durchdrehte. Ich bereinigte die Angelegenheit. Und jetzt belästige mich nicht länger! Ich habe wichtigere Dinge zu tun.«

»Einen Moment, Luguri!«, sagte Angus Calder rasch.

»Was gibt es sonst noch?«, fauchte der Erzdämon.

»Das war nun schon der zweite Fall in meiner Sippe«, sagte Angus. »Gestern schnappte Bert über. Wir mussten ihn töten. Und heute verwandelt sich Gordon. Gibt dir das nicht zu denken, Luguri? Dabei ist heute erst der 19. Mai. Die Schrecken, die über New York kommen sollen, werfen bereits die ersten Schatten voraus. Und wir Werwölfe scheinen besonders anfällig zu sein. Deshalb, Luguri, bitte ich dich, dass unsere Sippe New York verlassen darf.«

»Diese Bitte lehne ich ab«, sagte Luguri gleichgültig. »Ihr bleibt so wie alle anderen Dämonen in New York.«

»Aber ich muss ...«

Luguri unterbrach einfach die Verbindung. Sein abstoßend, hässliches Gesicht war unbewegt; nur die tief in den Augenhöhlen liegenden Froschaugen schienen zu glühen.

»Feiglinge!«, sagte Luguri verächtlich und blickte Trigemus an.

Der Rattenpsycho reagierte nicht auf Luguris Worte. Er war klein, und seine Schultern waren schmal. Seine Haut war grau und lederartig. Alles an Trigemus erinnerte an eine Ratte. Die kurzen Beine und Arme endeten in Rattenpfoten mit Krallen. Das Gesicht war menschenähnlich, doch die abstehenden Barthaare, das Gebiss und die riesigen Augen unterstrichen das Rattenhafte. Seine gefährlichste Waffe, den langen Rattenschwanz, hatte er um seinen Körper geschlungen. Mit dem Schwanz konnte er einen Gegner erdrosseln oder ihn mit dem Giftstachel töten.

Trigemus langweilte sich. Die bevorstehende Katastrophe interessierte ihn herzlich wenig. Viel lieber wäre er auf Jagd nach den Janusköpfen, die sich auf der Erde versteckt hatten, gegangen.

»Schwächlinge!«, knurrte Luguri. »Ja, das sind sie alle. Hast du Baphomets Botschaft gehört, Trigemus?«

»Nein«, antwortete Trigemus und blickte Luguri flüchtig an.

»Der Kinddämon wird immer frecher«, stellte Luguri fest. »Jetzt behauptet er, dass er die Katastrophe auslösen wird. Und es gibt Dämonen, die es nicht wert sind, dass man sie als solche bezeichnet, weil sie Baphomet das glauben.«

»Vielleicht stimmt es aber«, sagte Trigemus, der mit diesen Worten den Erzdämon reizen wollte.

Er amüsierte sich immer, wenn Luguri wütend wurde, und in letzter Zeit war der Herr der Schwarzen Familie oft zornig gewesen. Auch ein Zeichen von Schwäche, stellte Trigemus fest; Luguri wurde einfach mit den modernen Zeiten nicht fertig. Er hatte die Welt nach seinen Gesichtspunkten verändern wollen, war aber damit überall auf Schwierigkeiten gestoßen.

»Baphomet, dieser jämmerliche Wicht, ist zu schwach dazu.«

»Du belügst dich selbst, Luguri. Hast du nicht gesagt, dass er Verbündete unter den New Yorker Sippen haben muss?«

»Vermutlich sind es die Silvers, aber ich habe keine Beweise dafür.«

»Du hast lauthals verkündet, dass du Baphomet mit der linken Hand erledigen wirst. Bis jetzt ist es dir aber nicht einmal gelungen, eine Spur von ihm zu finden.«

»Daran waren diese verdammten magischen Kristalle schuld, die sie hier im Schacht versteckt hatten.«

»Du hättest eben alle Möglichkeiten bedenken müssen. So entsteht der Eindruck von ...«

»Sprich ruhig weiter!«, sagte Luguri gefährlich ruhig.

»Ich will dich nicht beleidigen, Luguri, aber einige Sippen könnten auf die Idee kommen, dass du nicht mehr der starke und mächtige Dämon bist, der du noch bis vor wenigen Wochen gewesen warst.«

»Dafür sollte ich dich eigentlich töten, stinkende Ratte.«

»Niemand hört die Wahrheit gern. Und du bist da auch keine Ausnahme.«

Der Erzdämon schwieg. Trigemus hatte nicht einmal so unrecht. Er hatte sich tatsächlich alles viel leichter vorgestellt. Als er wiedererweckt worden war, hatte er die Welt in wenigen Wochen verändern wollen. Doch das war ihm nicht gelungen. Er war mit einer Unzahl von Problemen konfrontiert worden, denen er sich einfach nicht gewachsen fühlte. Und je mehr er sich an die neuen Zeiten anpasste, umso schwächer wurde er.

»Lass mich allein, Trigemus!«, sagte Luguri nach ein paar Minuten.

Trigemus stand auf. Eine Rattenhorde folgte ihm. Der Rattenpsycho verließ den verlassenen Subway-Schacht, und Luguri setzte sich an die Blutorgel, der er unglaublich schrille Töne entlockte. Die Welt versank für ihn; nur die schaurige, disharmonische Musik existierte noch.

Aber es war nicht wie sonst, dass er aus den unheimlichen Klängen neue Kraft schöpfen konnte. Irgendetwas ging um ihn herum vor. Er spürte es ganz deutlich. Unerklärliche Kräfte wurden in New York frei, die immer stärker wurden. Wütend stand er auf. Er bedauerte seine gestrige Schwäche, als er die Oberhäupter der vier mächtigsten Sippen hatte laufen lassen, ohne aus ihrem Blut zu lesen. Aber vielleicht konnte er diesen Fehler noch korrigieren.

 

»Das ist allerdings eine Überraschung!«, sagte ich, als Coco ihren Bericht über das Gespräch mit Martha beendet hatte. »Und wir glaubten schon, dass sie auf Baphomets Seite steht.«

Unga blickte Coco misstrauisch an. »Martha kann gelogen haben«, sagte der Cro Magnon.

»Dagegen spricht einiges«, meinte Coco. »Erinnert euch an das Gespräch, das wir mithörten, bevor wir in das Backsteinhaus gingen. Da deutete schon einiges darauf hin, dass Martha nicht dem Kinddämon verfallen ist.«

»Das könnte zu unserer Täuschung gedient haben.«

»Das kommt mir aber reichlich unwahrscheinlich vor, Unga«, mischte ich mich ein. »Sullivan wusste ja nicht, dass wir ihm gefolgt waren.«

»Das ist durch nichts bewiesen«, entgegnete Unga.

»Du bist zu misstrauisch, Unga«, sagte Coco.

»Damit bin ich bis jetzt recht gut gefahren.«