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Dörte Müller

Schnee im Juli und andere Katastrophen

Acht Urlaubsgeschichten





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Zwischen Flotta und Hoy

 

Katrina ließ sich gelangweilt auf irgendeinen Sitz im hinteren Teil der Fähre fallen. Wie jeden Freitag fuhr sie nach Schulschluss von Mainland nach Flotta und von Flotta nach Hoy, um das Wochenende zu Hause bei ihrer Familie zu verbringen.

Katrina lebte auf Hoy, einer der Orkney Islands, und musste wie andere Teenager auch die Schule in Kirkwall auf der Insel Mainland besuchen. Die Fähre schaukelte leicht hin und her, gleich würde sie ablegen. Die Sonne schien kräftig an diesem wunderschönen Vorfrühlingstag im April, doch Katrina hatte im Moment keinen Sinn für den einbrechenden Frühling und die wunderschöne Natur, die sie umgab. Im Gegenteil. Katrina war schlecht gelaunt und irgendwie traurig.

Nachdem noch einige Schüler in letzter Minute eingetrudelt waren, ertönte das gewohnte Signal und die kleine Fähre legte vom Ufer ab. Katrina starrte gelangweilt auf die vorbeiziehende Landschaft. Wasser, Berge, Wasser und Berge. Flotta verschwand im Hintergrund zu einem winzigen Punkt und Katrina wünschte sich oft, dass sie ihre Sorgen und Probleme einfach dort lassen könnte. Doch manchmal hatte sie das Gefühl, dass sie sie mit sich herumschleppte wie einen schweren Rucksack.

Noch ungefähr eine halbe Stunde, dann würde sie endlich zu Hause sein. Katrina freute sich schon auf den deftigen Linseneintopf ihrer Mutter und ihren kleinen Bruder Brad, der sie bestimmt wieder mit Fragen bestürmen würde, wie er es immer tat, wenn sie nach Hause kam. Und heute würde sie sogar zwei Stunden früher zu Hause sein als sonst. Vor drei Tagen war sie achtzehn geworden und hatte das heute gleich ausgenutzt, um sich selber eine Entschuldigung für den lästigen Sportunterricht zu schreiben. Das war schon ein tolles Gefühl! Sie hatte geschrieben:

Sehr geehrte Mrs Macleod, leider kann ich heute nicht am Sportunterricht teilnehmen, da ich starke Bauschschmerzen habe. Daher werde ich schon die Fähre um 14 Uhr nach Hoy nehmen.

Die Lehrerin hatte sie skeptisch angesehen und sich wahrscheinlich gedacht, dass die Bauchschmerzen nur eine faule Ausrede waren, um nicht am Square Dance teilnehmen zu müssen. Katrina hasste diesen Kurs. Sich die schweren Figurenfolgen zu merken, war ein Graus für sie. Außerdem war ihr Tanzpartner ein winziger Typ aus der Parallelklasse, der ständig diese karierten Hemden trug und von nichts anderem sprach als Physik. Er war ein waschechter nerd, mit dem keiner gesehen werden wollte.

Katrina litt regelrecht darunter, wenn sie etwas vorführen musste. Sie hatte das Gefühl, dass keiner sie mochte und dass sie immer alles falsch machte. Freunde hatte sie eigentlich gar keine.

Immerhin musste sie heute nicht am Sportunterricht teilnehmen und nächste Woche würde sie sich etwas anderes überlegen. Der Nachmittag war gerettet und sie konnte sich länger ihrem Pferd widmen, das bestimmt schon sehnsüchtig auf sie wartete. Für Katrina gab es nichts Schöneres, als über die saftigen Weiden von Hoy zu galoppieren. Wenn der frische Meereswind ihr um die Nase blies und die Möwen kreischten, fühlte sie sich frei wie der Wind.

Die Fähre war wie immer rappelvoll. Die jüngeren Schüler nervten durch Geplapper und Geschrei. Einige Sitze vor ihr saß John Mac Allister aus dem Nachbardorf. Er hatte letztes Jahr beim Festival of Music in Birmingham die Dudelsackmeisterschaften gewonnen. Katrina schwärmte schon eine halbe Ewigkeit für ihn, doch er hatte sie noch nie beachtet. Wieso auch? Katrina war eine graue Maus, die immer in Deckung ging. Und doch hörte sie nie auf zu träumen. Denn Träumen machte Spaß und half ihr, aus der Alltagswelt zu entfliehen. Gerade gestern Abend hatte sie aus dem Fenster ihres Internates in den Sternenhimmel geschaut. Da hatte sie plötzlich eine Sternschnuppe gesehen und sich gewünscht, dass John Mac Allister sie einmal in die Arme nehmen würde. Sie musste lächeln, als sie jetzt an diesen Wunsch dachte. Da saß er nun, einige Sitze vor ihr und hatte nicht die geringste Ahnung von ihren Wünschen und Träumen. Er hatte seine weißen Kopfhörer auf und schien der Welt entrückt zu sein. „John wird mich sicher niemals in die Arme nehmen!“, dachte Katrina traurig und seufzte leise. Sie glaubte einfach nicht an Sternschnuppen, auch wenn sie es zu gerne täte.

Gleich würde sie da sein. Sie lebte in einem kleinen Dorf, wo jeder jeden kannte. Das nervte manchmal ganz schön, denn sie hatte einen schweren Stand. Die Dorfclique machte üble Späße über sie und das nur, weil sie sich in der ersten Klasse einmal eingenässt hatte. Diese Geschichte hatte sich bei den Kindern eingebrannt wie eine Tätowierung, die man nicht mehr los wird. Katrina konnte es kaum abwarten, endlich mit der Schule fertig zu sein und in eine größere Stadt zu ziehen, wo sie keiner kannte. Sie wollte nach Edinburgh oder Glasgow und stellte sich vor, wie viel leichter das Leben dort sein würde, wenn sie noch einmal ganz von vorne anfangen könnte.

Endlich war die Fähre an der Haltestelle angekommen. Möwen kreischten aufgeregt und warteten gierig auf Brotkrumen oder andere Essensreste. Einige Touristen, bewaffnet mit Fotoapparaten, stiegen ein und freuten sich an der Landschaft. „Schau, ein Papageientaucher!“, rief ein kleines Kind aufgeregt. Katrina fand die Touristen einfach nur nervig und war froh, wenn möglichst wenige von ihnen ihr Stückchen Heimat aufsuchten. Katrina wollte von ihrem Sitz aufstehen, doch irgendetwas zog sie nach hinten. Sie versuchte es noch einmal. Schließlich drehte sie sich um und erkannte, dass ihre Jacke fest hing. Und nicht nur das: Ein frecher Fünftklässler hatte anscheinend während der Fährüberfahrt mit den Kordeln ihrer Jacke unzählige kleine Knoten gemacht und Katrina am Sitz festgebunden. Der Junge und seine Freunde lachten laut. Katrina bekam Panik, denn die Fähre war bereits wieder kurz vorm Ablegen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte sie endlich alle Knoten auf und war befreit. Die Stimmung auf der Fähre hatte inzwischen ihren Höhepunkt erreicht. Das euphorische Getrampel und Gejohle nahm kein Ende. Der pausbäckige Junge grinste sie frech an. Seine Zahnspange funkelte im Sonnenschein, er sah aus wie ein kleines Monster. Und dann passierte es. Katrina holte aus und gab dem Jungen eine Backpfeife, dass es nur so klatschte. Augenblicklich fühlte sie sich besser. Es war einfach unbeschreiblich. So etwas hatte sie noch nie getan. Sie fühlte sich wie befreit. Als wären Wut und Enttäuschung mit einem Schlag verpufft und hätten sich in Luft aufgelöst. Die Umsitzenden blickten sie wie vom Donner gerührt an, der Fünftklässler fing jämmerlich an zu weinen und hielt sich seine Hand an die Wange.

„Wie kommt es, dass du schon so früh aus hast?“, fragte er neugierig. „Ich, äh, habe mir heute selber eine Entschuldigung für Sport geschrieben, weil ich keinen Bock hatte ...!“, erzählte Katrina und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Coole Aktion ... bist du denn schon achtzehn?“, fragte John interessiert nach. „Ja, ich hatte vor drei Tagen Geburtstag!“, antwortete Katrina mit klopfendem Herzen und tausend Schmetterlingen im Bauch. Die Welt schien für einige Sekunden still zu stehen, Katrina wagte kaum zu atmen.