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Warum ist die Zahl der Autismus-Diagnosen seit den 1980er-Jahren sprunghaft angestiegen? Ist eine ganze Kindergeneration von einer Epidemie unbekannten Ursprungs erfasst worden? Oder hat es diese neuronale Eigenheit schon immer gegeben und sich nur unsere Sicht darauf verändert?

 

Fragen, die der Ausgangspunkt für Steve Silbermans jahrelange Recherche waren. Mit der Passion eines Biografen, der Kenntnis eines Historikers und der Genauigkeit eines Naturwissenschaftlers widmet sich Silberman seinem Thema und kommt dabei dieser bis heute mysteriösen »genialen Störung« auf die Spur. Er nimmt den Leser mit auf eine Kreuzfahrt nach Alaska, an Bord die führenden Programmierer von Silicon Valley. Oder auch ins London des 18. Jahrhunderts, wo der exzentrische Henry Cavendish das Ohm’sche Gesetz entdeckte – aber niemandem davon erzählte. Und wir erfahren die Geschichte von Hans Asperger, der seine »kleinen Patienten« vor den Nazis zu beschützen versuchte.

autor

© Courtesy of Keith Karraker

Steve Silberman arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Wissenschafts- und Kulturjournalist, u. a. für Wired, The New Yorker und Time Magazine. Er lebt in San Francisco. 2015 wurde sein Buch ›Geniale Störung‹ mit dem renommierten Samuel-Johnson-Preis ausgezeichnet.

Steve Silberman

GENIALE STÖRUNG

Die geheime Geschichte des Autismus und warum wir Menschen brauchen, die anders denken

Aus dem Amerikanischen
von Harald Stadler und Barbara Schaden

 

 

Für Keith Karraker

VORWORT

von Oliver Sacks

Ich lernte Steve Silberman 2001 kennen. Er war damals ein junger Journalist, der vor der Veröffentlichung meines Memoirenbandes Onkel Wolfram ein Kurzporträt von mir erstellen sollte. Er gewann rasch mein Vertrauen, und ich verbrachte viele Stunden im Gespräch mit ihm. Wir fuhren gemeinsam nach London, wo ich aufgewachsen war, und ich stellte ihn vielen meiner Freunde und Kollegen vor. Steve bohrte stets tiefer, stellte weitere eindringliche Fragen. Er dachte über die Dinge nach und knüpfte Verbindungen.

Etwa ab jener Zeit interessierte er sich immer mehr für die ausufernde »Epidemie« von Autismus und Asperger-Syndrom. Er war fasziniert gewesen, als ich in Eine Anthropologin auf dem Mars über Temple Grandin und den Savant-Künstler Stephen Wiltshire geschrieben hatte. Und nun machte er sich daran, mit Forschern, Ärzten und Therapeuten zu sprechen, mit Eltern autistischer Kinder und – vor allem – mit Autisten selbst.

Ich kenne niemanden, der so viel Zeit damit verbracht hat, einfach zuzuhören und verstehen zu wollen, wie es ist, Autist zu sein. Steve hat mit journalistischem Gespür und Geschick ungeheuer viel recherchiert und die Geschichte Leo Kanners und Hans Aspergers sowie ihrer Nachfolger so detailliert beleuchtet wie niemand zuvor. Er hat die bemerkenswerte Haltungsänderung gegenüber Autismus und Asperger-Syndrom in den vergangenen Jahrzehnten eingehend dargestellt.

Steves Buch ist eine ebenso in die Breite wie in die Tiefe gehende Chronik all dieser Facetten, die mit seltenem Verständnis und Einfühlungsvermögen vorgestellt werden. Das Buch ist spannend zu lesen und wird den Blick auf das Thema Autismus verändern. Es gehört neben den Werken von Temple Grandin und Clara Claiborne Park in das Regal eines jeden, der sich für Autismus und das Funktionieren des menschlichen Gehirns interessiert.

EINLEITUNG

Jenseits des Geek-Syndroms

Nicht nur ein Weg führt zum Ziel.

Larry Wall

An einem strahlenden Morgen im Mai 2000 stand ich auf dem Deck eines Schiffs, das mit mehr als einhundert Computerprogrammierern an Bord zur Inside Passage von Alaska tuckerte. Die glitzernden Türme von Vancouver verschwanden hinter uns, als wir unter der Lions Gate Bridge hindurch in die Salish Sea hinausfuhren. Anlass war die erste »Geek-Kreuzfahrt« – der Versuch eines Unternehmers, statt Hightech-Konferenzen in leblosen Kongresszentren erfrischende Schifffahrten mit exotischen Zielen zu bieten. Ich buchte eine Passage an Bord der Volendam, um für das Magazin Wired über die »Jungfernfahrt« zu berichten.1

Der unangefochtene Geek-Star unter den zahllosen legendären Programmierern an Bord war Larry Wall, der Erfinder von »Perl«, einer der ersten und meistverwendeten quelloffenen Programmiersprachen der Welt. Tausende Webseiten, auf die wir täglich vertrauen – darunter die von Amazon, Craigslist und die Internet Movie Database –, würden gar nicht funktionieren ohne Perl, dem geliebten »Schweizer Armeemesser« gestresster Systemadministratoren weltweit.2

Die Programmiersprache ist in einem ungewöhnlichen und schillernden Maße Ausdruck des Geistes ihres Erfinders, eines jungenhaft wirkenden ehemaligen Linguisten mit einem Schnurrbart, der an die Zeichentrickfigur Yosemite Sam erinnert. Einzelne Abschnitte des Codes beginnen mit Epigrammen aus Larrys Lieblingsbuch, Der Herr der Ringe. Alle möglichen albernen Backronyme wurden erfunden, um den Namen »Perl« zu deuten (darunter »Pathologisch eklektischer Ramsch-Lister«), doch Larry erzählte mir, dass er ihn dem »Gleichnis der kostbaren Perle« im Matthäus-Evangelium entlehnt habe.3 Der Code sollte in seiner eigenen bescheidenen Art wie Jesus sein, erklärte er: »Frei, lebensverändernd und allgemein zugänglich.« Ein häufig verwendeter Befehl heißt bless – »segne«.

Das Geheimnis der Vielseitigkeit von Perl besteht darin, dass auch die klugen Köpfe von Larrys weit gespanntem Mitarbeiternetz darin ihren Ausdruck finden: die globale Community von Perl-Hackern. Der Code ist so angelegt, dass Programmierer dazu angeregt werden, ihren eigenen Stil zu entwickeln, und jeder ist dazu eingeladen, zu seiner Verbesserung beizutragen; das offizielle Motto dieser Community lautet: »Nicht nur ein Weg führt zum Ziel.«

So hatte Perl eine florierende digitale Meritokratie hervorgebracht, in der Ideen nicht nach persönlichem Charisma oder nach Einfluss beurteilt werden, sondern nach ihrer Brauchbarkeit und Originalität. Aufgrund dieser Werte – Flexibilität, Demokratie und Offenheit – konnte der Code omnipräsent werden; laut Perl-Hackern ist er »das Klebeband, das das Internet zusammenhält«.

Während die Volendam in offenes Wasser hinaussteuerte, sah ich voller Bewunderung zu, wie meine Reisegefährten Ethernet-Kabel, Router und anderes Vernetzungszubehör auspackten, um die Kommunikationssysteme des Schiffs hochzurüsten. Anstatt neben dem Pool auf Liegestühlen zu dösen, waren meine streberhaften Schiffskameraden eifrig dabei herauszufinden, wie alles Mögliche funktionierte und sich verbessern ließ. Bereits nach wenigen Tagen konnten sie den Kapitän überreden, sie durch den Maschinenraum zu führen.

Auf der Route zum nördlichen Polarkreis bot Larry jeden Abend einen dramatischen Auftritt, wenn er in neonfarbenem Smoking und Rüschenhemd am Arm seiner Frau, Gloria, den Speisesaal betrat. Jeden Abend trug er, dank eines Räumungsverkaufs in seiner Heimatstadt, einen Smoking in einer anderen Farbe – in einem netzhautreizenden Spektrum von Orange über Senfgelb und Limone bis Himmelblau. Larry und meine anderen Kameraden am »Tisch der Genies« widerlegten das stereotype Bild, wonach eingefleischte Programmierer langweilige und unbeholfene Gesprächspartner sind, und zeigten eine erstaunliche Gabe für Wortspiele und Witzelei. An einem Abend unterhielt sich die Runde über theoretische Physik, am nächsten Abend über die Gleittöne in der Kanton-Oper, gefolgt von Erörterungen der Frage, warum so viele Programmierer und Mathematiker zugleich auch Schachspieler und Musiker sind. Ihre unerschöpfliche Neugier verlieh diesen leicht angegrauten Genies etwas liebenswert Jugendliches. Es schien so, als hätten sie Möglichkeiten gefunden, pubertäres Streben nach obskurem Wissen in einträgliche Berufe zu verwandeln. Am Wochenende programmierten sie gleichsam zur Entspannung und lancierten so Nebenprojekte, welche die Grundlagen für neue Technologien und Start-ups bildeten.

Nach einigen Tagen an Bord hatte ich den Eindruck, dass meine Mitreisenden nicht nur eine Gruppe von IT-Experten waren, die zufällig mit denselben Instrumenten arbeiteten. Sie kamen mir eher wie ein Stamm von digital natives vor, mit einer eigenen Geschichte und Überlieferung sowie eigenen Ritualen, Werten und Spielformen. Auch wenn der zentrale Fokus in ihrem Leben die Arbeit war, die sie in Abgeschiedenheit verrichteten, so genossen sie doch sichtbar die Gesellschaft anderer, die auf der gleichen Wellenlänge funkten. Sie bildeten ein geselliges Häuflein von Leuten, die sonst nicht sonderlich umgänglich sind.

Ihre Vorgänger im Mittelalter verbrachten ihre Tage vielleicht damit, Handschriften zu kopieren, Musikinstrumente gestimmt zu halten oder unedle Metalle in Gold verwandeln zu wollen. Ihre Geistesverwandten in der Mitte des 20. Jahrhunderts richteten Teleskope auf Gestirne, bastelten sich aus Bausätzen vom Versandhaus Radios oder ließen in der Garage Laborgläser explodieren. In den letzten vierzig Jahren wanderten einige Angehörige dieses Stammes von den Rändern der Gesellschaft zum Mainstream und arbeiten derzeit für Unternehmen wie Facebook, Apple und Google. Dabei haben sie die Populärkultur nach ihrem eigenen Bild umgeformt; inzwischen gilt es als cool, auf Dinosaurier, Periodentabellen und Science-Fiction-Serien abzufahren – in jedem Alter. Aus Kids, die früher als Streber und Intelligenzbestien verspottet wurden, sind inzwischen Architekten unserer Zukunft geworden.

Als die Volendam zur Halbzeit unserer Reise in Glacier Bay ankam, trieben wir mit abgeschalteten Motoren durch eine natürliche Kathedrale aus Eis. Das Donnern von Gletschern, die ein paar Hundert Meter entfernt kalbten, hallte über das Deck. Um drei Uhr in jener Nacht senkte sich die Sonne nur knapp zum Horizont, bevor sie wieder aufstieg.

Kurz bevor wir wieder in Vancouver eintrafen, fragte ich Larry, ob ich ihn in seinem Haus im Silicon Valley noch einmal ausführlicher interviewen könnte. »Kein Problem«, erwiderte er, »aber Sie sollten wissen, meine Frau und ich haben eine autistische Tochter.« Ich nahm dies zur Kenntnis, dachte aber nicht weiter darüber nach. Alles, was ich über Autismus wusste, hatte ich aus dem Film Rain Man von 1988, in dem Dustin Hoffman einen Menschen mit dem Savant-Syndrom spielte, der ganze Telefonbücher auswendig lernte und die Anzahl von Zahnstochern auf einen Blick erfasste. Diese Figur des Raymond Babbitt war sicherlich unvergesslich, doch die Chance, im wahren Leben solch einer Person zu begegnen, schien doch eher gering. Soweit ich wusste, war Autismus eine sehr seltene und fremdartige neurologische Störung, und Savants wie Raymond waren sogar noch seltener.

Larry zeigte sich während unseres Interviews freundlich und mitteilsam. Er schilderte, wie Perl als streng geheimes Projekt bei der National Security Agency (NSA) entstanden war. Sein Vorgesetzter hatte ihm damals aufgetragen, ein Softwaretool zu entwickeln, mit dem sich zwei verschiedene Computer, einer an der Ostküste und einer an der Westküste, aus der Ferne konfigurieren ließen. Larry, der einmal geschrieben hat, die drei großen Tugenden der Programmierer seien deren Faulheit, Ungeduld und Selbstüberschätzung4, hatte jedoch keine Lust, einen ganzen Monat lang ein Steuerelement zu programmieren, das nur einer einzigen Aufgabe diente. Stattdessen entwickelte er Perl und schmuggelte ein Magnetband mit dem Quellcode in seine Tasche, bevor er Adieu sagte.

Während ich mit Larry über seine berühmte Erfindung plauderte, leuchtete an der Wand hinter uns eine Glühbirne auf. Er hatte das Tonsignal seines Wäschetrockners gegen eine unaufdringliche Lampe ausgetauscht, weil ihn das Klingeln am Ende eines jeden Trockengangs verrückt machte. Solches Tüfteln passte zu einem Mann, dessen Code es einem Perl-Hacker namens Bruce Winter ermöglicht hatte, sämtliche Geräte in seinem Haushalt zu automatisieren und sich seine E-Mails über das Telefon vorlesen zu lassen – und das bereits 1998. Erst viel später wurde mir klar, dass Larrys Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen vielleicht eine Verbindung darstellte – zwischen dem Zustand seiner Tochter und dem exzentrischen Stamm von Einzelgängern, die unsere moderne digitale Welt erfanden.

Einige Monate später begann ich, ein Profil über eine der angesehensten Frauen im Silicon Valley auszuarbeiten. Die Unternehmerin Judy Estrin hatte in den 1970er-Jahren als Doktorandin an der Stanford University dem Informatiker Vinton Cerf geholfen, die TCP/IP-Protokolle zu entwickeln, die zur Grundlage des Internets werden sollten.5 Judy legte eine großartige Karriere hin; sie lancierte Start-ups und managte Risikokapital in der von Männern beherrschten Hightechindustrie. Um ihre persönliche Lebensgeschichte näher zu beleuchten, nahm ich Kontakt zu ihrem Schwager Marnin Kligfeld auf. Ich fragte ihn, ob ich ihn zu Hause interviewen könne.6 »Na klar«, erwiderte er, »aber nur damit Sie es wissen: Ich habe eine autistische Tochter.«

Das kam mir wirklich wie ein seltsamer Zufall vor – zwei technisch versierte Familien im Silicon Valley mit Kindern, die eine seltene neurologische Störung aufwiesen? Am nächsten Tag erzählte ich einem Freund in einem Café bei mir um die Ecke von diesem merkwürdigen Zusammentreffen. Da platzte eine junge Frau am Nebentisch heraus: »Ich bin Sonderschullehrerin. Wissen Sie überhaupt, was Sache ist? Im Silicon Valley grassiert eine Autismus-Epidemie! Etwas Schreckliches geschieht mit unseren Kindern

Ihre Worte trieben mir einen kalten Schauer über den Rücken. Konnte das wahr sein?

Ich begann, jeden Artikel über Autismus zu lesen, den ich finden konnte, und massenweise Fachartikel aus dem Internet herunterzuladen. Bald wurde klar, dass sich die rätselhafte Zunahme an Diagnosen nicht auf das Silicon Valley beschränkte. Das Phänomen war weltweit zu beobachten.

Um mir ein klares Bild zu verschaffen, ging ich zurück zu den Anfängen und machte mich mit der bekannten Geschichte vertraut. So erfuhr ich, wie dieser unergründliche Zustand von einem Kinder- und Jugendpsychiater namens Leo Kanner 1943 in Baltimore entdeckt wurde; Kanner stellte fest, dass elf seiner jungen Patienten in einer Eigenwelt zu leben schienen und die Menschen um sie herum ausblendeten. Sie konnten sich stundenlang mit kleinen Ritualen amüsieren, etwa indem sie Topfdeckel auf dem Boden kreiseln ließen, wurden jedoch durch die geringsten Veränderungen in ihrer Umgebung in Panik versetzt, beispielsweise wenn ein Stuhl oder ein Lieblingsspielzeug ohne ihr Wissen von seinem gewohnten Platz entfernt wurde. Einige dieser Kinder konnten überhaupt nicht sprechen, andere hingegen wiederholten nur Dinge, die sie aufschnappten, oder sprachen von sich in der dritten Person. Kanner zufolge unterschied sich der Zustand dieser Kinder »deutlich und unverwechselbar« von allem, worüber bisher in der klinischen Literatur berichtet worden war, und er bezeichnete ihr Zustandsbild als »Autismus« – nach dem griechischen Wort autós, »selbst« –, weil sie in Abgeschiedenheit am zufriedensten zu sein schienen.

Ein Jahr später stieß ein Wiener Kinderarzt und Heilpädagoge namens Hans Asperger unabhängig von Kanner auf vier junge Patienten, denen andere Menschen, auch die eigenen Eltern, seltsamerweise völlig fremd erschienen. Anders als Kanners junge Patienten in Baltimore drückten sich diese Kinder in einer blumigen Sprache aus und zeigten frühreife Fähigkeiten im mathematischen und naturwissenschaftlichen Bereich. Asperger verglich sie liebevoll mit »kleinen Professoren«. Er bezeichnete deren Zustand ebenfalls als »Autismus«, obwohl noch umstritten ist, ob er es mit dem gleichen Syndrom zu tun hatte, das Kanner beschrieben hatte.

Jahrzehntelang blieben die Schätzungen über die Häufigkeit von Autismus unverändert bei lediglich vier oder fünf Kindern unter zehntausend. In den 1980er- und 1990er-Jahren wuchs die Zahl jedoch lawinenartig an und ließ ein Horrorszenarium fürchten, wonach eine ganze Kindergeneration von einer Epidemie unbekannten Ursprungs erfasst worden war. Nachdem ich meinem Chefredakteur erzählt hatte, welches Schreckgespenst der Lehrerin zufolge im Silicon Valley – der Hochburg der Hightech-beflissenen Leserschaft von Wired – umgehe, durfte ich diese faszinierende Spur weiterverfolgen.

Meine Recherchen wurden dadurch erleichtert, dass ich in San Francisco unweit der University of California wohne, die eine der besten medizinischen Bibliotheken des Landes besitzt. Fortan stöberte ich regelmäßig in den Magazinen, vertiefte mich in Aufsätze über Epidemiologie, Pädiatrie, Psychologie, Genetik, Toxikologie und andere einschlägige Themen. Unterdessen füllten sich meine Regale zu Hause mit Büchern wie Clara Claiborne Parks The Siege (deutsch: Eine Seele lernt leben), Oliver Sacks’ Eine Anthropologin auf dem Mars und Temple Grandins Thinking in Pictures (deutsch: Ich bin die Anthropologin auf dem Mars: Mein Leben als Autistin). Jedes dieser Werke bot eine Sicht aus einem einzigartigen Blickwinkel auf die facettenreiche Welt des Autismus.

Eine Seele lernt leben erschien 1967 und war das erste Buch über das Aufziehen eines autistischen Kindes aus der Feder eines liebevollen und treu sorgenden Elternteils. In einer unaufgeklärten Zeit, in der Psychiater fälschlicherweise behaupteten, »Kühlschrankmütter« seien schuld am Autismus ihrer Kinder, weil sie sie nicht angemessen ernährten, zeichnete Park ein ehrliches Bild vom Leben mit ihrer kleinen Tochter Jessy (die in dem Buch Elly heißt), die stundenlang nur dasaß und Sand durch ihre Finger rieseln ließ. Mit dem sorgfältigen Blick eines Forschers, der unbekanntes Terrain kartografiert, zeichnete Park jede Kleinigkeit auf, die Jessy in ihren ersten Lebensjahren meist mit großer Anstrengung lernte und kurz darauf bereits wieder zu verlernen schien.

In dem Sommer, in dem sie zwei wurde, hörte ich sie oft morgens im Bett ihren Namen aussprechen. »El-ly«, sagte sie, lachend, kichernd, »El-ly«. Die Laute, selbst die Konsonanten, waren außerordentlich klar. Ich freute mich, dass ich Gelegenheit hatte, sie zu belauschen. Ungefähr einen Monat lang sagte sie es. Dann vergingen mindestens zwei Jahre, bis sie ihren Namen wieder aussprach.7

Oliver Sacks betrachtete den Autismus aus der Perspektive eines einfühlsamen Klinikers, ganz in der Tradition scharfsinniger Beobachter wie Jean-Martin Charcot, der die moderne Neurologie begründete, und Aleksandr Lurija, der in den Fallgeschichten seiner Patienten so tiefe Einblicke in die menschliche Verfassung lieferte, dass sie sich wie Romane lesen. In fein nuancierten Porträts autistischer Menschen wie dem Künstler Stephen Wiltshire und der Industrieplanerin Temple Grandin beleuchtete Sacks die Herausforderungen, mit denen Betroffene im Alltagsleben konfrontiert sind, und würdigte zugleich die Weise, in der sie die Stärken ihres atypischen Geistes in ihre Arbeit einbringen. »Kein Autist ist wie der andere; Form oder Ausdruck des Autismus ist in keinem Fall gleich«, schrieb Sacks. »Überdies können die autistischen Merkmale auf höchst komplexe (und potentiell kreative) Weise mit anderen Eigenschaften des Betroffenen zusammenwirken. Für die klinische Diagnose mag also ein Blick genügen, doch wollen wir das autistische Individuum je wirklich verstehen, bedarf es dazu nichts Geringerem als einer umfassenden biographischen Erhebung.«8

Temple Grandin schilderte in ihrem eigenen Buch, Ich bin die Anthropologin auf dem Mars, ihre Lebensgeschichte aus der Innensicht. Sie lernte erst mit vier Jahren sprechen. Ursprünglich wurde ihr ein Hirnschaden attestiert – eine nicht seltene Fehldiagnose in einer Zeit, in der Autismus selbst unter erfahrenen Medizinern weitgehend unbekannt war. Mit der Unterstützung ihrer Mutter, Eustacia Cutler, und eines Naturkundelehrers namens Bill Carlock entwickelte Grandin aus ihrer instinktmäßigen Vertrautheit mit Tieren ganz praktische Fähigkeiten, mit denen sie große Erfolge in der anspruchsvollen Tätigkeit erzielte, Anlagen für die kommerzielle Viehzucht zu entwerfen. Statt der gewohnten Mär vom geplagten Menschen, der über ein tragisches Leiden »triumphiert«, berichtete Grandin darüber, wie sie lernen musste, ihren Autismus sowohl als Behinderung wie auch als Gabe anzusehen – als Eigenart, nicht als Mangel.

Dann erst begann meine echte Reportagearbeit. Ich befragte einen elfjährigen Jungen namens Nick, der mir erzählte, er konstruiere in seinem Computer ein imaginäres Universum. Der pummelige, rotbäckige Knabe war ausgesprochen redegewandt und vertraute mir an, er habe bereits seinen ersten Planeten entworfen: ein ambossförmiges Gestirn namens Denthaim, auf dem Gnomen, Götter und eine Rasse von Lebewesen mit drei Geschlechtern lebten. Während er mir von der Zivilisation erzählte, die er an seinem Computer schuf, starrte er an die Decke und summte immer wieder die Bruchstücke einer Melodie. Seine hohe Sprechstimme klang abwechselnd poetisch und pedantisch, so als sei der Geist eines Oxford-Professors unpassenderweise im Körper eines Jungen wiedergeboren worden. »Ich denke darüber nach, aus der Magie eine Form der Quantenphysik zu machen, aber ich habe mich noch nicht entschieden«, sagte er. Ich schloss den Jungen sofort ins Herz.

Nicks Mutter brach jedoch in Tränen aus, als sie mir gestand, er habe keinen einzigen Freund in seinem Alter. Sie erinnerte sich an einen schlimmen Tag, an dem seine Klassenkameraden ihn dazu verleitet hatten, mit einem lächerlichen Outfit in die Schule zu kommen. Weil es Autisten schwerfällt, soziale Signale in Echtzeit zu verstehen, hatte Nick nicht erkannt, dass seine Mitschüler ihn zum Gespött hatten machen wollen. Ich fragte mich, was aus diesem aufgeweckten, ideenreichen und treuherzigen Jungen werden würde, wenn er älter wird und seine Altersgenossen nur noch an Sozialstatus und Partnersuche denken.

Andere Eltern berichteten mir von den genialen Strategien, die sie entwickelt hatten, damit ihre Kinder lernen konnten, in einer Welt voller unvermeidlicher Veränderungen und Überraschungen zurechtzukommen. Ein Familienereignis wie etwa eine erste Flugreise erforderte wochenlanges Planen und sorgfältiges Vorbereiten. Marnin erzählte mir von den Schritten, die er und seine Frau, Margo, unternommen hätten, damit sich ihre Tochter Leah bei ihrem ersten Termin bei einem neuen Zahnarzt wohlfühlte. »Wir machten Fotos von der Praxis und den Mitarbeitern und fuhren mehrere Male mit ihr an der Praxis vorbei«, erklärte er. »Der Zahnarzt nahm uns am Ende des Tages dran; da waren keine anderen Patienten mehr da. Dann setzten wir Ziele fest. Das Ziel des ersten Termins bestand darin, meine Tochter dazu zu bringen, sich auf den Stuhl zu setzen. Beim zweiten Termin ging es darum, die für die Behandlung notwendigen Schritte zu proben, ohne sie tatsächlich durchzuführen. Der Zahnarzt gab all seinen Geräten und Apparaturen extra für sie besondere Namen. Dabei verwendeten wir ständig einen großen Spiegel, damit sie genau sehen konnte, was vor sich ging, und sicher sein konnte, dass keine Überraschungen auftraten.«

Wie so viele Eltern waren auch Marnin und Margo selbst zu Amateurforschern in Sachen Autismus geworden. Jede Woche verwendeten sie Stunden ihrer wertvollen Auszeit darauf, sich in die neuesten Studien zu vertiefen und Therapien auszuwerten, die Leah helfen könnten. Nicht selten mussten Eltern, deren Finanzlage bereits durch die Kosten für Verhaltenstherapien angespannt war, einen geliebten Beruf aufgeben, um de facto Fallmanager ihrer Kinder zu werden; sie mussten ganze Therapeutenteams rekrutieren und sich mit Schulbehörden sowie Versicherungen herumschlagen, damit ihre Kinder die Versorgung und Förderung erhielten, die sie verdienten.

Eine der größten Schwierigkeiten für Eltern mit einem autistischen Kind bestand indes darin, die Hoffnung nicht aufzugeben, trotz düsterer Prognosen seitens der Ärzte, Schulbehörden und anderer Instanzen, die ihnen eigentlich zur Seite stehen sollten. Als Leah ihre Diagnose erhielt, erklärte ihr Kinderarzt den Eltern: »Es besteht nur ein kleiner Unterschied zwischen Ihrer Tochter und einem Tier. Wir haben keine Ahnung, wozu sie später einmal fähig sein wird.« In gewisser Weise hatte sich nicht viel geändert, seit Clara Claiborne Park und Eustacia Cutler geraten worden war, ihre Töchter in ein Heim zu stecken und ihr eigenes Leben weiterzuleben.

Um herauszufinden, was im Silicon Valley vor sich ging, bat ich Ron Huff vom kalifornischen Referat für Förderungseinrichtungen (California Department of Developmental Services), die Daten aus Santa Clara County mit denen anderer Bezirke zu vergleichen. Huff bestätigte, dass in der Wiege der Hightechindustrie tatsächlich ein unverhältnismäßig hoher Bedarf an Dienstleistungen für Autisten bestand.

Als ich meinen Artikel schrieb, wurde die Vorstellung, dass Hightech-Hotspots wie Silicon Valley und Route 128 außerhalb von Boston Sammelbecken für geniale, aber sozial unbeholfene Programmierer und Ingenieure seien, zu einem Klischee der Populärkultur. In der Branche witzelte man ständig darüber, dass viele eingefleischte Programmierer in IT-Hochburgen wie Intel, Adobe und Silicon Graphics – die früh zur Arbeit kamen, spät gingen und in ihren Arbeitsnischen Cola aus Zweiliterflaschen tranken – irgendwo in Asperger-Gefilden angesiedelt seien. Kathryn Stewart, die Leiterin der Orion Academy, einer Highschool für autistische Kinder im kalifornischen Moraga, bezeichnete das Asperger-Syndrom als »die Störung der Ingenieure«. Und Douglas Coupland witzelte in seinem populären Roman Microserfs (deutsch übersetzt als Microsklaven oder Micro-Sklaven): »Ich glaube, alle Hightech-Leute sind leicht autistisch.«

Eine mögliche Erklärung für ein erhöhtes Auftreten von Autismus in Hightech-Hochburgen wie dem Silicon Valley lieferte der Neurogenetiker Dan Geschwind von der University of California in Los Angeles (UCLA); laut Geschwind eröffnete die Kultur jener Orte Männern und Frauen auf dem Autismusspektrum soziale Möglichkeiten, die noch nie zuvor bestanden hatten. Eine Sprachtherapeutin namens Michelle Garcia Winner erzählte mir, viele Eltern in ihrer Praxis seien sich überhaupt erst nach der Diagnose des Kindes ihrer eigenen autistischen Züge bewusst geworden. Temple Grandin bemerkte in ihrer Autobiografie: »Ehen funktionieren am besten, wenn zwei Menschen mit Autismus heiraten oder wenn eine autistische Person eine behinderte oder exzentrische Person heiratet. […] Sie fühlen sich voneinander angezogen, weil sie sich intellektuell auf einer ähnlichen Wellenlänge befinden.«9

In der Genetik spricht man von »assortativer Paarung«, wenn sich Individuen Partner suchen, die ihnen besonders ähnlich sind, auch auf geistiger Ebene. Im Jahr 1997 stellte der Psychologe Simon Baron-Cohen fest, dass autistische Kinder mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Ingenieure als Väter oder Großväter hatten.10 Könnte die assortative Paarung von Männern und Frauen mit genetischer Veranlagung zum Autismus für die steigende Zahl entsprechender Diagnosen im Silicon Valley verantwortlich sein?

Mein Artikel »The Geek Syndrome«, in dem ich dieser Frage nachging, erschien im Dezember 2001 im Magazin Wired. Die Welt taumelte noch immer nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September jenes Jahres, aber bereits bevor das Heft offiziell in den Kiosken auslag, gingen bei mir massenhaft E-Mails ein. Eltern erklärten mir, sie fühlten sich aufgrund des Aufsatzes weniger isoliert von anderen Eltern, die mit ihren Kindern das Gleiche durchmachten. Ich hörte von Klinikern, die in ihren eigenen Hightech-Communities dieselbe Dynamik beobachteten. Und zahlreiche Leser berichteten, sie hätten fast ihr ganzes Leben lang in sozialen Situationen zu kämpfen gehabt, ohne zu wissen, warum. Die Flut an Rückmeldungen war ebenso erfreulich wie bedrückend.

Ich habe einen zwölfjährigen Sohn. Er belegt beschleunigte Kurse in Mathe und Naturwissenschaften. Als Hobby lernt er Fakten und Zahlen über Zivil- und Militärflugzeuge zurück bis zum Ersten Weltkrieg auswendig. Er hat sich schon immer für Uhren aller Art begeistert. Wie Sie wohl bereits vermutet haben, hat er das Asperger-Syndrom. Ich habe mich immer gefragt: »Warum ist mein Sohn so?« Niemand konnte mir eine plausible Antwort geben, bis ich Ihren Artikel las. Sie müssen wissen: Mein Mann ist Ingenieur. Nach der Lektüre Ihres Artikels hatte ich das Gefühl, alles passt zusammen.

    

Ihr Artikel gab mir Aufschluss über meinen früheren Computerlehrer. Er kann vier Schachpartien gleichzeitig spielen und alle vier Gegner besiegen. Im Supermarkt weiß er immer genau, welche Endsumme auf dem Kassenbon steht, einschließlich der Mehrwertsteuer, bevor er sich an der Kasse anstellt. Aber seinem Sohn fällt es schwer, Blickkontakt aufzunehmen.

    

Als ich fünf Jahre alt war, nahm ich meine elektronischen Spielzeuge auseinander, um zu sehen, wie sie funktionieren. (Ich versuchte auch, sie wieder zusammenzubauen, mit gemischten Ergebnissen.) Ich war schon immer ein begieriger Leser. Bereits in der zweiten Klasse las ich Physiklehrbücher fürs College, die ich auf Flohmärkten kaufte. Meinen Vater nervte ich ständig damit, dass ich maßstabgetreue Modelle von Atomreaktoren, U-Booten, Zügen und allem Möglichen bauen wollte. Ich habe von klein auf nur einen sehr kleinen Kreis enger Freunde gehabt. Ich empfand das immer als merkwürdig, wusste aber nie, wie sich das ändern ließe. Offen gesagt, finde ich die meisten Menschen ziemlich nervig und unlogisch – wahrscheinlich ebenfalls ein verbreitetes Asperger-Merkmal.

    

Es ist sehr wichtig, dass die Allgemeinheit und die Arbeitgeberschaft diese Menschengruppe verstehen. Viele fallen aufgrund ihres »sonderbaren« Verhaltens durch das Raster. Dabei haben viele so viel beizutragen, wenn man ihnen die Chance gibt.

Zum Glück erhielt ich nur wenige E-Mails wie diese:

Wie so viele Menschen habe ich allmählich genug von der ständigen Zunahme psychischer Störungen wie dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom und dem Asperger-Syndrom. Früher wurde man geprügelt, wenn man in der Schule nicht aufpasste, und bei vielen Kids hatte das meist Erfolg.

Auch ein Abteilungsleiter von Microsoft rief mich an und erzählte mir: »Alle meiner besten Programmprüfer haben das Asperger-Syndrom. Sie können sich Hunderte Programmierzeilen als visuelles Bild merken. Sie suchen nach Abweichungen in den Mustern und entdecken so die Fehler.«

Ein paar Monate nachdem mein Artikel erschienen war, bat mich bei einer Konferenz die Großmutter eines kleinen Mädchens, eine Kopie meines Textes zu signieren, die schon so häufig kopiert worden war, dass die Buchstaben kaum noch zu erkennen waren.

Noch Jahre später bekam ich fast jede Woche E-Mails zum »Geek Syndrome«. Im Lauf der Zeit wurde mir allerdings klar, dass ich das eigentliche Thema verfehlt hatte, indem ich mich auf die steigende Zahl von Fällen in einem ganz bestimmten Umfeld konzentriert hatte.

»Der ultimative Hack für ein Team von Programmierern im Silicon Valley«, schrieb ich 2001, »könnte womöglich darin bestehen, den genetischen Code zu knacken, der sie so gut in ihrer Arbeit macht.« Als der Artikel erschien, äußerten viele Eltern die Hoffnung, aufgrund verschiedener sich abzeichnender technologischer Fortschritte könnten Forscher das Rätsel des Autismus lösen. Gleichzeitig war die öffentliche Diskussion über das Thema Autismus von einer erbitterten Debatte über Impfungen beherrscht, die von den umstrittenen Erkenntnissen des englischen Gastroenterologen Andrew Wakefield ausgelöst wurde, der behauptete, einen möglichen Zusammenhang zwischen der Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR-Impfung) und einer Form von Regression entdeckt zu haben, die er als »autistische Enterokolitis« bezeichnete.

Eltern, die nach Rat suchten, wie sie ihre frisch diagnostizierten Kinder großziehen sollten, landeten in einem Minenfeld widersprüchlicher Informationen über die Sicherheit routinemäßiger Kinderimpfungen und die mögliche Mitschuld von Schwermetallen wie Quecksilber (die in geringen Mengen als Konservierungsstoffe in Vakzinen enthalten waren) an der verzögerten Entwicklung ihrer Kinder. Im neu aufkommenden Internet kursierten Ängste über eine riesige Verschwörung der Pharmaindustrie und korrupter Beamter, die einen globalen Impfskandal vertuschen wollten. Und weltweit gingen die Impfraten zurück, was wiederum Ängste vor einem Wiederauftreten von Krankheiten wie Keuchhusten schürte, an denen früher Zehntausende Kinder pro Jahr gestorben waren. Als offizielle Erklärung für die steigenden Fallzahlen hieß es, die Diagnosekriterien für Autismus seien im Lauf der Jahre allmählich ausgeweitet worden. Wenn dies stimmte, stellte sich jedoch die Frage, warum die Kriterien ursprünglich so unangemessen eng definiert worden waren. Wie konnte ein bislang seltenes Syndrom, das angeblich in der Genetik wurzelte, plötzlich scheinbar überall auftreten?

Befeuert durch den öffentlichen Aufschrei über die steigenden Fallzahlen stand die Autismusforschung – die von Förderorganisationen wie den National Institutes of Health (NIH) lange vernachlässigt worden war, eben weil man das Syndrom für so selten gehalten hatte – an der Schwelle einer goldenen Ära. Zwischen 2000 und 2011 stiegen die entsprechenden NIH-Zuschüsse jedes Jahr um durchschnittlich 51 Millionen Dollar, einschließlich einer Milliardenspritze durch das Gesetz zur Bekämpfung von Autismus im Jahr 2006.11 Private Förderer wie die Simons Foundation trugen ebenfalls ihren Teil bei, sodass die Gesamtinvestitionen in die Autismusforschung ein Allzeithoch erreichten.12 Im Jahr 2011 kündigte die größte Autismusförderorganisation der Welt, Autism Speaks, ein 50 Millionen Dollar teures Gemeinschaftsprojekt mit dem Genominstitut von Peking an, mit dem sämtliche Genome von zehntausend Personen aus Familien mit zwei oder mehr autistischen Kindern kartiert werden sollten. Der stellvertretende wissenschaftliche Leiter, Andy Shih, versprach, das Projekt werde »eine transformative Stufe der Information« erzeugen.13

Am Ende des Jahrzehnts zeigte sich, dass die Wissenschaftler genau das vollbracht hatten, wofür sie bezahlt worden waren. Molekularbiologen hatten mehr als eintausend Kandidatengene und Hunderte De-novo-Mutationen identifiziert, die mit Autismus in Zusammenhang gebracht wurden. Sie erlangten auch tiefere Einblicke in die Epigenetik – also jene Faktoren, die Wechselwirkungen zwischen Genen und äußeren Einflüssen steuern. Die Liste mutmaßlicher Autismusauslöser in der Umwelt schien mit jedem Tag länger zu werden; darunter waren Dutzende Chemikalien, die im Alltag verwendet werden. Daraufhin schrieb Emily Willingham, eine Wissenschaftsjournalistin des Magazins Forbes und Mutter eines autistischen Sohnes, einen Blog zum Thema Autismus.14 Für Familien wie die Willinghams trat der lang versprochene transformative Moment, der die Lebensqualität ihrer Kinder verbessern sollte, aber irgendwie nie ein.

Die Autoren einer großen Studie, die in Nature veröffentlicht wurde, räumten ein, dass selbst die häufigsten genetischen Faktoren, die in ihrer Forschung aufgedeckt wurden, bei weniger als einem Prozent der untersuchten Kinder anzutreffen waren. »Die meisten Menschen mit Autismus sind wahrscheinlich genetisch ziemlich einmalig«, erklärte Stephen Scherer vom Kinderhospital in Toronto.15 Der UCLA-Neurogenetiker Stanley Nelson fügte hinzu: »Bei hundert Kindern mit Autismus könnten hundert verschiedene genetische Ursachen vorliegen.«16 Ein sarkastischer Spruch, der unter Autisten geläufig ist, scheint sich selbst für Molekularbiologen bewahrheitet zu haben: »Wenn du einem Menschen mit Autismus begegnest, hast du einen Menschen mit Autismus kennengelernt.« Jeder Autist ist anders.

Im Jahr 2010 unterhielt ich mich mit einem der Väter, die ich neun Jahre zuvor befragt hatte; er erklärte mir, er mache sich keine Gedanken mehr darüber, was den Autismus seiner Tochter verursacht habe. Vielmehr mache er sich Sorgen um ihre Zukunft. Das Mädchen war aus den bescheidenen Förderprogrammen, die der Staat Kalifornien der Familie zur Verfügung stellte, bald »herausgewachsen«. Trotz jahrelanger Verhaltenstherapie hatten sich ihre Fähigkeiten nicht so weit entwickelt, dass die Eltern davon ausgingen, ihre Tochter könnte irgendwann auf eigenen Beinen stehen. »Eine Frage raubt mir immer wieder den Schlaf«, gestand der Mann. »Was wird aus unserer geliebten Tochter, wenn wir nicht mehr leben?«

Da die Centers for Disease Control (CDC, Zentren für Krankheitskontrolle) schätzen, dass eins von 68 Schulkindern in Amerika auf dem Autismusspektrum angesiedelt ist, stehen Millionen Familien in den kommenden Jahrzehnten schlaflose Nächte bevor. Viele autistische Erwachsene verfügen nicht über die Stärken der atypischen Genies in Unternehmen wie Apple und Google. Im Gegenteil: Neun von zehn sind arbeitslos und schlagen sich mit Behinderten- oder Erwerbsunfähigkeitsrenten durch. Zwanzig Jahre nach Verabschiedung des Gesetzes zur Behindertenförderung, das Kindern mit Lernproblemen eine kostenlose, angemessene Ausbildung in einer möglichst uneingeschränkten Umgebung zusichern sollte, müssen Eltern autistischer Kinder ihre örtliche Schulbehörde immer noch regelmäßig verklagen, um ihren Söhnen oder Töchtern das ihnen zustehende Recht auf Bildung zu sichern.

Folgendes kommt hinzu: Sehr wenig von dem Geld, das Organisationen wie Autism Speaks aufbringen, wird für die alltäglichen Bedürfnisse autistischer Menschen und ihrer Familien verwendet. Diese Organisationen fördern in erster Linie die Erforschung möglicher Ursachen und Risikofaktoren und bestärken damit die Annahme, Autismus sei eine zeitgeschichtliche Anomalie – ein spezifisches Problem der modernen Zeit, das sich durch eine Entdeckung lösen lässt, die fortwährend kurz bevorsteht.

Während die übrige Welt endlos über Impfungen debattierte, standen frisch diagnostizierte Erwachsene vor dem Problem, sich in einer Welt zurechtfinden zu müssen, die nicht für sie gemacht war. Indem sie sich über ihre Lebensgeschichten austauschten, kamen sie dahinter, dass viele ihrer Alltagsschwierigkeiten nicht »Symptome« ihres Autismus waren, sondern Belastungen, die ihnen von einer Gesellschaft aufgebürdet wurden, die sich um Menschen mit kognitiven Behinderungen nicht in der gleichen Weise kümmern will wie um Menschen mit körperlichen Behinderungen wie Blindheit oder Gehörlosigkeit.

Eine scheinbar einfache Frage stellte sich mir: Warum wissen wir selbst nach siebzig Jahren Autismusforschung immer noch so wenig über dieses Syndrom?

Um für dieses Buch eine Antwort auf jene Frage zu finden, beschloss ich, mit meiner Reportage ganz am Anfang zu beginnen und die Jahre zu beleuchten, bevor Kanner und Asperger in den 1940er-Jahren angeblich unabhängig voneinander den Autismus entdeckten. Indem ich verwischte Spuren aus vergangener Zeit aufdeckte, kam ich dahinter, dass die übliche Zeitschiene für die Entdeckung des Autismus – sein Gründungsmythos sozusagen – so fehlerhaft und ungenau ist, dass wir autistische Menschen in früheren Generationen nur schwer ausmachen können. Und solange diese falsche Sicht nicht korrigiert ist, können wir auch nicht sachkundig darüber entscheiden, welche Forschungsansätze und Sozialmaßnahmen autistischen Menschen und ihren Familien am meisten zugutekommen würden.

Eine der verheißungsvollsten Entwicklungen in den Jahren seit Erscheinen des »Geek Syndrome« war das Aufkommen des Begriffs »Neurodiversität« – der Vorstellung, dass Zustände wie Autismus, Legasthenie und ADHS als natürlich auftretende kognitive Variationen mit spezifischen Stärken angesehen werden sollten, die zur Entwicklung von Technologie und Kultur beigetragen haben, und nicht als Anhäufungen von Defiziten und Fehlfunktionen. Das Modell eines Autismusspektrums und der Begriff der Neurodiversität gelten zwar weithin als Produkt unserer postmodernen Welt, sind im Grunde aber der älteste Ansatz in der Autismusforschung überhaupt und wurden von Hans Asperger bereits in seinem ersten öffentlichen Vortrag über Autismus im Jahr 1938 vorgebracht.

Der Begriff der Neurodiversität ließ eine rasch wachsende Bürgerrechtsbewegung aufkommen, die sich auf den einfachen Gedanken stützt, dass nicht Ärzte oder Eltern autistisches Verhalten am besten beurteilen können, sondern autistische Menschen selbst. Ein bekanntes Beispiel vermittelte 2007 eine Frau namens Amanda (inzwischen Amelia) Baggs mit ihrem YouTube-Video In My Language (In meiner Sprache). Ihr Verhalten würde von jedem Kliniker als typisch autistische Selbststimulation bezeichnet werden. »In meiner Sprache geht es nicht darum, Wörter oder visuelle Symbole zu entwickeln, die andere Menschen interpretieren können«, erklärte Baggs. »Sie dient dazu, in ständiger Zwiesprache mit jedem Aspekt meiner Umgebung zu stehen und körperlich auf alle Teile meines Umfelds zu reagieren. Die Art, wie ich mich bewege, ist alles andere als zweckfrei und sinnlos, sondern ist eine ständige Reaktion auf das, was um mich herum geschieht.« Ihre Worte werden von einem Programm artikuliert, das eingetippten Text in gesprochene Sprache umwandelt und so klingt, als spreche eine Maschine, doch nur wenige Clips auf YouTube bieten einen so tiefen Einblick in eine so menschliche Psyche.

Eine weitere Anregung, dieses Buch zu schreiben, lieferte der Besuch einer jährlichen Veranstaltung mit dem Titel Autreat, die Autisten für Autisten organisieren. Dabei wird das soziale Umfeld bewusst so gestaltet, dass Quellen der Reizüberflutung ausgeschaltet werden und Autisten aller Grade sich entspannen und austauschen können. Die Gespräche, die ich bei Autreat führte, teils unterstützt durch technische Hilfsmittel, lehrten mich mehr über die Alltagsrealität von Autisten als das Lesen Hunderter Fallgeschichten. Nach nur vier Tagen in diesem »Autismusland« erschien mir die »normale« Welt wie ein Dauerbombardement auf die Sinne.

Die Auffassung, dass eine Heilung für die am stärksten behindernden Aspekte des Autismus niemals in einer Pille zu finden sein wird, sondern in Gemeinschaften des gegenseitigen Respekts, hat sich bei betroffenen Eltern bereits seit Generationen von allein entwickelt. Clara Claiborne Park schilderte in ihrem letzten Buch, Exiting Nirvana, wie die Nachbarn ihrer Tochter halfen, sich in Williamstown, Massachusetts, ein glückliches und erfülltes Leben aufzubauen, wo Jessy heute immer noch lebt, Jahre nach dem Tod ihrer Mutter. Mit ihren 55 Jahren arbeitet sie nach wie vor in der Poststelle des Williams College und malt leuchtende, eigentümlich präzise Bilder der Welt, wie sie sie sieht.

»Dass die Gesellschaft einen Platz für Jessy geschaffen hat, ebnete mehr als alles andere den Weg dafür, dass sie in der Gemeinschaft, in der sie geboren wurde, leben und zu dieser sogar etwas beitragen kann«, schrieb Park 2010. »Ich kann dies mit einem Glauben an eine Zukunft schreiben, die ich nicht mehr erleben werde.«

Steve Silberman

San Francisco

August 2015

1

Der Genius von Clapham Common

Als Experimentator nahm er die Natur nicht als gegeben hin, sondern passte sie so an, dass sie auf seine Fragen antwortete.

Christa Jungnickel und Russell McCormmach, Cavendish: The Experimental Life

In den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts trat jeden Abend genau zur gleichen Stunde eine einzelne Gestalt aus dem ungewöhnlichsten Haus am Clapham Common im Südwesten Londons und unternahm einen Spaziergang. Um den neugierigen Blicken der Nachbarn zu entgehen, hielt sich der Mann in der Mitte der Straße und sprach keinen an, der ihn erkannte, und tippte nicht einmal an den Hut, wenn Passanten ihn grüßten.1 Er trug ein Gewand, das seit Jahrzehnten aus der Mode war, ging leicht gebeugt und hielt seine linke Hand hinter dem Rücken. Stets wählte er dieselbe Route. Er marschierte die Dragmire Lane hinunter zur Nightingale Lane und ging noch eine weitere Meile, vorbei an ruhigen Stadthäusern mit Reihen von Eichen und Weißdorn, bis zum Wandsworth Common. Dann ging er denselben Weg zurück.

Er hatte seine Strecke binnen eines Vierteljahrhunderts nur ein einziges Mal geändert, nachdem er zwei Frauen aufgefallen war, die sich an einer Straßenecke postiert hatten, welche er passieren musste. Als er sie aus der Ferne sah, bog er abrupt im rechten Winkel ab und entkam so auf wirkungsvolle, wenn auch würdelose Weise über ein frisch gedüngtes Feld.2 Fortan verlegte er seine Spaziergänge auf die Zeit nach der Dämmerung, in der er am wenigsten damit rechnen musste, gesehen zu werden.

In seinen eigenen vier Wänden war er ebenso sehr auf sein kostbares Alleinsein bedacht wie außerhalb. Mit seinen Hausangestellten verständigte er sich über Notizzettel, die er in der Diele auslegte. Eine Magd beging einmal den Fehler, ihn auf einer Treppe zu überraschen, woraufhin er umgehend anordnete, im hinteren Teil des Gebäudes eine zweite Treppe einbauen zu lassen, auf dass sich solch ein Vorkommnis niemals wiederholen würde.3 Als Spross einer angesehenen und wohlhabenden Familie sah Henry Cavendish eine streng gewahrte Privatsphäre als unveräußerliches Recht an.

Seine Nachbarn in diesem damals ländlichen Vorort Londons wussten wenig von seinem abgeschiedenen Laborieren in dem Schuppen neben dem Haus, durch das sein Name einst unsterblich werden sollte. In Clapham ging das Gerücht um, er sei eine Art Hexenmeister. Und das auffallendste Merkmal seines Anwesens trug auch nicht gerade dazu bei, diese Gerüchte zu zerstreuen. Auf einem kleinen Hügel im Hof ragte ein fast 25 Meter hoher Pfahl in den Himmel, wie ein Schiffsmast auf trockenem Land.

Weil er sich weigerte, für ein offizielles Porträt Modell zu sitzen, was für einen Mann seines Standes normalerweise ein unerlässliches Zugeständnis war, wäre es ihm fast gelungen, den neugierigen Blicken künftiger Historiker verborgen zu bleiben. Das einzige Abbild Cavendishs, das zu seinen Lebzeiten gefertigt wurde, zeigt einen aristokratisch aussehenden Mann mit Gehrock, gekräuselten Manschetten und weißen Strümpfen sowie einer Perücke unter einem schwarzen Dreispitz. Dies war selbst im ausgehenden 18. Jahrhundert ein eigensinnig unmodischer Kleidungsstil, und Cavendish trug jeden Tag dieselbe Kluft. Jedes Jahr, kurz bevor sein Rock abgetragen war, forderte er seinen Schneider auf, einen neuen zu nähen, stets im gleichen Schnitt und Farbton wie der vorige.

In seinen Essgewohnheiten ließ er genauso wenig Abwechslung zu. Aufgrund seines privaten Vermögens hätte er sich eine bunte Tafel mit exotischen Delikatessen aus den fernsten Winkeln des Empire leisten können, doch er begnügte sich jahrzehntelang bei fast jeder Mahlzeit mit dem gleichen bescheidenen Gericht – Hammelkeule. Wenn er einmal in der Woche mit seinen Kollegen im Royal Society Club speiste, saß er stets auf demselben Stuhl, nachdem er Mantel und Hut an einen Haken gehängt hatte, unter dem sein Name hätte eingraviert sein können.

Einem listigen jungen Zeichner namens William Alexander gelang es aber schließlich, ein Porträt von ihm zu fertigen, indem er ihm wie ein Paparazzo auflauerte. Nachdem sich Alexander Zutritt zu dem Club verschafft hatte, setzte er sich unauffällig in eine Ecke und skizzierte Cavendishs Hut und Mantel, die wie gewohnt an dem Haken hingen. Bei einer späteren Gelegenheit zeichnete er das Gesicht des Kauzes. Dann kombinierte der Künstler die beiden Zeichnungen zu einem vollständigen Abbild.

Die starren Gewohnheiten und der stets gleiche Tagesablauf des Henry Cavendish waren ebenso unabänderlich wie die Gezeiten im Hafen von Portsmouth. Als er einmal bei einem seltenen Anlass vier Kollegen von der Royal Society zu sich nach Hause zum Essen einlud, erlaubte sich ein Koch kühn einzuwenden, eine Hammelkeule werde kaum für fünf Männer reichen. Cavendish erwiderte in seiner kurz angebundenen Art: »Dann besorgt zwei.«

Trotz seiner exzentrischen Kleidung und des seltsamen Totempfahls in seinem Hof war Henry Cavendish kein Hexer. Er war nach der Begrifflichkeit des 18. Jahrhunderts ein Naturphilosoph beziehungsweise nach heutigem Sprachgebrauch ein Naturwissenschaftler. (Das Wort »Wissenschaftler« [scientist] wurde erst im 19. Jahrhundert geprägt, nämlich als Gegenstück zu »Künstler« [artist], und zwar von dem Ozeanografen und Poeten William Whewell.) Cavendish war nicht nur einer der genialsten Naturphilosophen aller Zeiten, sondern auch einer der ersten wahren Wissenschaftler im modernen Sinn.