Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist »Landluft für Anfänger«?
  3. Die Autorinnen
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Folge 09
  7. Folge 10
  8. Folge 11
  9. Folge 12

Was ist »Landluft für Anfänger«?

»Landluft für Anfänger« ist ein zwölfteiliger Serienroman, der ein Jahr lang jeden Monat über zwei unterschiedliche Schwestern und ihr Leben auf einem geerbten Hof im Spreewald berichtet. Dieser Sammelband enthält die Folgen 09-12 der Serie.

»Landluft für Anfänger« gibt es sowohl als eBook als auch als Audio-Download (ungekürztes Hörbuch).

Die Autorinnen

Simone Höft, geboren 1968, und Nora Lämmermann, geboren 1978, trennen – wie die Protagonistinnen ihrer Romanreihe – zehn Jahre Lebenserfahrung, ein Kind und 475 Kilometer Luftlinie zwischen Köln und München. Gemeinsam sind ihnen ein abgeschlossenes Germanistikstudium, die langjährige Arbeit für Film und Fernsehen sowie eine mal mehr mal weniger gut funktionierende WLAN-Verbindung.

»Landluft für Anfänger« ist ihre erste, gemeinsame Romanreihe.

Nora Lämmermann
Simone Höft

Abbildung

Sammelband 3

Nora Lämmermann
Simone Höft

Abbildung

Folge 09

 

»Und wenn sie aber nicht kommen …?«

Eine Pension ohne Gäste ist wie ein Spreewaldkahn auf dem Trockenen. Die Schwestern warten vergeblich auf Touristen und werden stattdessen von Überraschungen ganz anderer Art heimgesucht

 

www.pensionhedwig.de

Landleben mit Haus- und Hoftieren mitten im schönen Spreewald. Individuell eingerichtete Zimmer und ein weitläufiger Garten laden zum Entspannen ein. Paddel- und Kahntouren direkt von der Haustür aus möglich. Halbpension mit Spezialitäten der Region bei unserem Partner, der Traditionsgaststätte »Zum Schlangenkönig«.

Freitag, 6. Juni

Abbildung

16:00. Fließ zwischen Schlangenkönig und Pension Hedwig

Wer hätte das gedacht. Marlies, Iris und ich sitzen in einem Boot. Genau genommen in einem Kahn. Wir schippern hinüber zu unserer kleinen Pension, um Marlies unsere Zimmer zu zeigen. Denn: Sie ist unsere neue Geschäftspartnerin. Während Putin und der Westen alte Feindschaften wieder aufleben lassen, war Marlies überraschenderweise bereit, die Waffen niederzulegen. Als Jutta und Marlies, die beiden ehemaligen Freundinnen, vor ein paar Wochen von ihrem ausgedehnten Spaziergang zurückkamen, hat Marlies uns den Schulterschluss angeboten: Anstatt uns im Konkurrenzkampf zu zerfleischen, sollten wir unsere Kräfte bündeln. Und uns als Familienclan das Touristengewerbe in Feulenitz unter den Nagel reißen! Konkret heißt das: Unsere Gäste profitieren von der reichhaltigen (wenn auch sehr traditionellen) Speisekarte des Schlangenkönigs, Marlies’ Gäste dürfen im Gegenzug unseren Garten für Kaffee und Lesestunden nutzen. Vor allem aber verspricht sich Marlies von unserem Zusammenschluss Entlastung in der Küche. Schließlich habe sie sich auch mal Schöneres vorgestellt, als in den besten Jahren ihres Lebens allein eine ganze Wirtschaft zu schmeißen! Der Seitenhieb ging in Richtung Jutta, die diesen in Büßerstellung hinnahm. Iris’ Mutter ist nämlich, wie ich schon geahnt hatte, zu guten Teilen schuld daran, dass Marlies so einen Hals auf Iris und mich hatte. Wenn ich Jutta, die mit Marlies auf der Bank am Bug sitzt, jetzt so ansehe, kann ich immer noch nicht glauben, dass diese mausgraue Frau ihrer besten Freundin den Mann ausgespannt haben soll. Na ja, richtig ausgespannt stimmt eben nicht. Sie und Marlies’ Mann hatten eine Affäre. Vielleicht war es sogar die große Liebe, zumindest muss die Anziehung sehr groß gewesen sein, wenn Jutta eine ganze Mauer brauchte, um sie abzuwehren. Auf jeden Fall ist Jutta – so hat Iris berichtet – gar nicht wegen ihrer großen, unverbrüchlichen Liebe zu Bernd in den Westen gegangen, sondern vor der Gefahr geflohen, die Ehe ihrer besten Freundin zu zerstören. Ob Maik wusste, dass sein Vater Iris’ Mutter geliebt hat? Maik hat gesagt, seine Eltern seien schon lange, bevor sein Vater gestorben ist, geschieden gewesen. Heißt das, die Ehe ist trotz Juttas Abwesenheit in die Brüche gegangen? Anja hat beim Zampern auch so komische Andeutungen gemacht, also wissen sie es wahrscheinlich. Na ja. Kann mir egal sein. Maik kann mir egal sein. Und ob er eine unglückliche Kindheit hatte, auch. In dem Streit zwischen Jutta und Marlies am Tag des Maibaumwerfens, von dem ich nur den letzten Wutausbruch mitbekommen hatte, ging es jedenfalls genau darum. Inzwischen scheinen die beiden Frieden geschlossen zu haben. Was wohl dazu führt, dass Marlies jetzt den Vorteil sieht, den unsere neue Verwandtschaft mit sich bringt. Das betrifft leider vor allem meine Person. Marlies will nämlich schon seit einiger Zeit kürzertreten und hat sich in den letzten Monaten umsonst um einen zweiten Küchenchef bemüht. Kein Wunder, Feulenitz ist eben nicht New York, habe ich noch innerlich gefeixt. Doch dann sah Iris’ Mutter mich an und sagte: »Und da dachten wir an dich.« Ausgerechnet ich sollte Marlies’ Küchensklave werden?! Mein erster Impuls war, das Angebot auszuschlagen. Nicht nur, weil ich Marlies’ plötzlicher Wandlung vom Saulus zum Paulus nicht ganz traue. Seit dem Kuss zwischen Svenja und Maik beim Maibaumwerfen hat Maik sich nicht mehr blicken lassen, woraus ich schließe, dass sein Geständnis, er habe noch Gefühle für mich, eine Luftnummer war. Mir reicht es, dass mich die Frage, ob zwischen ihm und seiner Ex jetzt wieder etwas läuft, in meinen Nächten verfolgt. Da muss ich nun wirklich nicht auch noch an dem Ort arbeiten, wo ich ihm (und ihr?) mit größter Wahrscheinlichkeit über den Weg laufe! Auf den zweiten Blick wurde mir dann aber klar, dass es hier leider nicht nur um meine privaten Gefühle geht. Zur Rettung unserer Pension müssen Opfer gebracht werden. Und so bin ich, nachdem Iris mich hart in die Seite geknufft hatte, Marlies hinterhergewetzt, die mit einem »Wer nicht will, der hat schon« unsere Küche bereits wieder verlassen hatte. Da Marlies nicht im Traum daran dachte, mir ein Gehalt zu zahlen, knüpfte ich eine Bedingung an meine Mitarbeit: Wir arbeiten als gleichberechtigte Partner. Marlies’ Mund wurde noch schmaler, als er eh schon ist. Doch dann schlug sie mit festem Händedruck ein.

»Du wirst sehen, die Mädchen haben wirklich etwas ganz Entzückendes gezaubert. Ich bin sicher, dir wird es auch gefallen. Und dann … könnte man ja überlegen, ob das nicht auch für den Schlangenkönig … also das wäre doch …« Meine Mutter wirft einen verzweifelten Blick zu Mia auf der hinteren Bank im Kahn und zu mir, die die drei über das Fließ stakt. Ich weiß, dass meine Mutter sich innerlich selbst kasteit, weil sie Marlies eben bei der Besichtigung des Schlangenkönigs auf dem falschen Fuß erwischt hat. Ich weise mit dem Kinn auf Marlies’ Rücken und verdrehe dabei die Augen. Ich möchte meiner Mutter zu verstehen geben, dass sie es mit dem Katzbuckeln nicht übertreiben soll. Immerhin hat sie, um Marlies’ Ehe nicht zu gefährden, ihre Heimat, ihr Leben aufgegeben und ist mit mir in eine ungewisse Zukunft aufgebrochen. Wäre Marlies das bei der gemeinsamen Aussprache nicht klar geworden, hätte sie wohl kaum so eingelenkt. Aber das schlechte Gewissen meiner Mutter ist nicht zu unterschätzen. Obwohl die beiden seit ihrer Aussprache beinahe unzertrennlich sind, fürchtet meine Mutter, dass sich ihre neu geschlossene Freundschaft wie eine labile Molekülverbindung bei der kleinsten Erschütterung auflösen könnte. Eben, als wir durch Marlies’ Hotelzimmer gingen, gab es eine solche Erschütterung. Ich hatte fest damit gerechnet, dass Mia sich einen Fauxpas erlauben würde beim Anblick der braunmelierten Couchecken, der massiven Ehebetten und der Beistelltische mit Glasplatten über den Häkeldeckchen. Aber nein, während Mia neben mir zwar große Augen machte, sich aber auf die Zunge biss, um nichts Gehässiges über das DDR-Museum vor uns zu sagen, rutschte ausgerechnet meiner Mutter ein verblüfftes »Hier hat sich wirklich gar nichts verändert!« heraus. Was sie damit sagen wolle?, argwöhnte Marlies gleich. »Na ja, ich meine nur, die Leute sind vielleicht heutzutage anderes gewöhnt. Du hast doch selbst gesagt, es fehlt an Gästen.« In ihrer Verzweiflung schwärmte meine Mutter von unserem Umbau, bis Marlies spitz einwilligte, sich unsere Vorstellung von einem modernen Pensionszimmer einmal anzusehen. Mit einem letzten beherzten Einstaken bringe ich den Kahn an unsere Anlegestelle. »Jetzt bin ich aber mal gespannt auf eure Luxusbehausungen«, knurrt Marlies und steigt überraschend sicher – sie ist eben eine echte Spreewälderin – aus dem Kahn. Dann streckt sie meiner Mutter die Hand hin, um ihr beim Aussteigen zu helfen. Während die beiden Frauen auf das Haus zugehen, wechseln Mia und ich einen Blick, der so viel sagt wie: Da haben wir uns was eingebrockt.

»Eure Pension platzt aber auch nicht gerade vor Besucheransturm aus allen Nähten«, ist das erste Kompliment, zu dem sich Marlies hinreißen lässt, als sie unsere Pension betritt, in der gespenstische Stille herrscht. »Wir haben ja auch noch nicht geöffnet«, bemerkt Iris nicht ohne Schärfe. Trotzdem hat Marlies leider Recht. Wir haben gerade mal eine einzige Voranmeldung. Feulenitz ist eben nicht New York. Dabei sind unsere Zimmer so schön geworden! Ich zwänge mich an Marlies, die bereits die Treppe erklimmt, vorbei und öffne nicht ganz ohne Stolz die Tür zu meinem ehemaligen Wohnraum mit der damals so hart erkämpften Flügeltür. Die beiden aneinandergrenzenden Zimmer, die nach hinten und zum Fließ hinausgehen, sind jetzt unsere Suite. Goldenes Nachmittagslicht fällt durch die offenen Fenster auf das honiggelbe Parkett und die sandgraue Samtcouch, deren Farbton ich in den Gräserhalmen der Tapete aufgegriffen habe. Wie die Borte ist sie in einem sanften Taubenblau gehalten, so dass das Zimmer, dessen Zentrum ein großzügiges Doppelbett ist, eine angenehme Weite und Ruhe ausstrahlt. Ganz zu schweigen von dem Nebenzimmer im dunkleren Fliederton … Als ich die Flügeltüre aufstoße und mich erwartungsvoll zu Marlies umdrehe, ist diese … verschwunden.

»Da sieht ja jedes Zimmer anders aus«, zieht Marlies ihr erstes Fazit, nachdem sie eigenmächtig auch die anderen Zimmer inspiziert hat. – »Das ist doch der Clou, Marlies. Eine individuelle Pension – im Stil und in den Zimmergrößen. Eine Familiensuite, zwei große Doppelzimmer mit eigenem Bad, drei kleine Zimmer für Alleinreisende oder für die, die es kuschelig wollen«, erfindet meine Mutter quasi einen Werbetext aus dem Stegreif. »Und sollte es gut laufen, können wir das Dach ausbauen«, ergänze ich und ernte einen abschätzigen Blick von Marlies. »Du glaubst doch nicht im Ernst, dass das nötig ist.« Marlies blickt sich noch einmal um. Sie versucht es zu verbergen, aber in ihrem nächsten Kommentar schwingt ein wenig Bewunderung mit. »Das hat doch sicher ein Vermögen gekostet. Alleine diese Designertapeten.« Neben mir platzt Mia vor Stolz. »Die hat Mia selbst gemacht. Für den Schlangenkönig könnte sie sicher auch passende gestalten«, werfe ich den letzten Köder aus. An dem Marlies zappelnd hängen bleibt. Nur, um nicht gleich das Gesicht zu verlieren, stellt sie eine letzte Nachfrage. »Und die … Möbel?« – »Die beziehe ich aus einem Fachgeschäft für Antiquitäten«, lächelt Mia. – »Gut, von mir aus. Aber damit eins klar ist: Ich zahle die Renovierung nicht.« Als hätten wir damit je gerechnet! »Dann sind wir uns also einig?«, signalisiere ich meine Bereitschaft, weiteres Geld jetzt auch in Marlies’ Gaststätte zu investieren. Anstatt einer Antwort beugt sich Marlies zu einem kleinen Schränkchen, das neben der Tür steht, zieht es von der Wand weg und deutet auf ein Label auf der Rückseite: »Wusste ich es doch. DDR-Maßarbeit.« Ich muss grinsen. Mia raunt mir zu: »Stimmt. Aber auf die Kombination kommt es an.«

»Ein Gast! Wir haben einen Gast!« Meine Tochter kommt etwas aus der Puste die Treppe hochgerannt. Fabienne trägt inzwischen eine ordentliche Kugel vor sich her und sieht allerliebst aus in ihrem Frühlingskleid, wie ein Bonbon auf Beinen. (Ich kann mich nicht erinnern, wann Fabienne das letzte Mal Farbe getragen hat, aber gestern kamen sie und Lydia mit diesem Teil an.) »Er ist gerade mit dem Motorrad vorgefahren!« Wie eine Schar pubertierender Mädchen drängen wir uns in dem vorderen Zimmer ans Fenster. Vor dem Fließ steigt eine zierliche Person in Lederkluft von einer roten Suzuki. (Michael wollte sich nach Fabiennes Geburt so eine kaufen, aber ich fand das zu gefährlich …) Sie nimmt den Helm ab und öffnet den Reißverschluss ihrer Lederjacke. Sind das silberne Metallzacken auf dem Jackenrevers, was da so in der Sonne funkelt? »Das ist kein Mann«, höre ich neben mir tonlos Marlies sagen, der angesichts der Erscheinung vor uns beinahe die Augen ausfallen. Nein, denn unter dem Helm kommen eine blonde Strubbelfrisur und ein knallrot geschminkter Mund zum Vorschein. Bei der Art, wie die Frau sich durch ihre kurzen Haare fährt, im gleißenden Sonnenlicht die Lederjacke auszieht, um schließlich in hautenger Lederhose und ebenso engem weißen Tanktop vor dem Fließ zu stehen, könnte man den Eindruck gewinnen, wir wohnten einem Modefotoshooting oder der Anfangsszene eines Motorrad-Softpornos bei. Mit dem einzigen Unterschied, dass die Frau vor uns, das lässt sich trotz der durchtrainierten, aber etwas dünnen Oberarme sagen, keine zwanzig und auch keine vierzig mehr ist. Die Frau setzt eine Sonnenbrille mit roten Gläsern auf, die entfernt an Flower Power erinnert, schnallt zwei Reisetaschen mit großem Blumenmuster von ihrem heißen Gefährt, stellt eine davon auf den Boden und wühlt darin. »Sieht aus wie Nena in Blond«, trifft Fabienne den Nagel auf den Kopf. »Und ist sicher genauso alt«, ergänzt meine Mutter. (Woher kennt die denn Nena?) »Man könnte auch sagen: Sie hat sich gut gehalten«, sage ich. An irgendwen erinnert mich diese Frau, die Art, wie sie sich bewegt … Mittlerweile hat die Frau gefunden, was sie sucht, sie zieht ein Handy hervor, wählt und blickt dabei zum Haus. Instinktiv tritt unsere Versammlung geschlossen einen Schritt vom Fenster zurück. »Muss ich mir meine zukünftigen Gäste also so vorstellen?«, schnarrt Marlies noch, als Mias Handy klingelt, das sie, als hätte sie eine Vorahnung, bereits aus ihrer Hosentasche gezogen hat. Mir fällt auf, dass Mia sich noch gar nicht zu der Erscheinung am Fließ geäußert hat. Aus ihrem Gerät kommt eine grelle Stimme. »Mia, Schatz! Schwimmen eure Gäste zu euch, oder wie habt ihr euch das gedacht?« – »Hallo, Elke. Ich komm runter.« Ich schaue Mia irritiert an. Elke … heißt so nicht …

Ein paar Minuten später vor der Pension

»Das ist meine Mutter«, stelle ich Elke der versammelten Gesellschaft vor, nachdem ich sie mit dem Kahn abgeholt habe. – »Elke, das ist …«, setze ich gerade an, doch meine Mutter hat wohl beschlossen, auf unbeschwerte Konfrontation zu gehen. – »Iris. Das weiß ich doch. Die gleiche Nase wie Bernd. Hat man schon als Teenager gesehen. Und Sie …«, wendet sich meine Mutter an Jutta und Marlies, »… sind die guten Seelen der Pension?« Jutta und Marlies sehen meine Mutter einen Moment konsterniert an. Dann sagt Iris’ Mutter betont langsam: »Jutta Neuberger. Ich bin Iris’ Mutter …« Und Bernds erste Frau. Für einen Moment entgleist meiner Mutter ihr fröhliches ›Ich-hab-alles-im-Griff‹-Pokerface, das sie sich für diesen Auftritt wohl schon vor ihrer Abfahrt zurechtgelegt hat. »Äh, ja, natürlich, seit wir uns das letzte … also einzige Mal … das ist ja schon eine Zeit her. Sie wohnen jetzt also wieder im Osten? Die Wurzeln lassen einen doch nicht los, nicht wahr?« – »Meine Mutter wohnt in Frankfurt. Sie ist zu Besuch«, mischt Iris sich jetzt kühl ein. – »Ah ja. Wie schön.« Betretenes Schweigen. Für einen Moment befürchte ich, dass Elke ihre peinliche Vorstellungsrunde bei Fabienne und Marlies fortsetzt, doch meine Mutter ist Gott sei Dank klug genug, nicht noch weitere Fettnäpfchen in Planschbeckengröße zu suchen. »Wir wollen ja sehen, was die Mädchen auf die Beine stellen, nicht wahr?«, versucht sie stattdessen etwas überfordert, sich mit Jutta zu verbrüdern. Doch ich kenne meine Erzeugerin gut genug, um zu wissen, dass sie enttäuscht ist, keine mütterliche Exklusivität zu genießen. Marlies sieht meine Mutter immer noch an, als käme sie direkt von einem anderen Stern. Darf ich vorstellen, meine Schwiegermutter in spe? Trotz meiner Liebesmisere muss ich bei dieser Vorstellung für einen Moment grinsen. Marlies scheint meiner Mutter nicht die Genugtuung geben zu wollen, weiterhin im Rampenlicht zu stehen. Sie streift mich mit einem Blick, der wohl ›Jetzt wird mir einiges klar‹ bedeuten soll, und wendet sich Iris zu.

»Für die Renovierung, da können wir sicher ein paar Männer zusammentrommeln. Wenn wir den Frankes bei der Heuernte helfen, kommt Benno sicher für ein, zwei Tage zum Ausräumen und Streichen vorbei. Dann spart ihr hier schon mal Kosten.« – »Benno?« Das klang wohl etwas entgeistert. Schon mustert mich Marlies prüfend. »Benno veranstaltet hier jedes Jahr eine historische Heuernte für die Touristen, zum Zuschauen und Mitmachen. Und wir übernehmen das Catering. Das sollte eigentlich an Pfingsten stattfinden, aber bei den Wetteraussichten muss er es wohl auf die Woche danach verschieben. Jetzt fehlen ihm Helfer. Und eine Hand wäscht die andere.« Sie mustert uns vielsagend. – »Ich werde da passen müssen. Ich bin allergisch gegen Heu«, sage ich. Marlies zieht die Augenbrauen hoch. »Oder hast du ein Problem damit, Benno und seine Frau zu fragen?« Jetzt stehe ich endgültig im Fokus des Geschehens. »Ich? Nein, wieso sollte ich?«, antworte ich leichthin und spüre, wie ich trotzdem rot werde. – »Nun ja …«  Meine Mutter schaut ratlos zwischen Marlies und mir hin und her. »Benno Franke? Opa Connys Enkel? Was ist mit dem?« Um das Thema ein für alle Mal zu beerdigen, gehe ich spontan zum Gegenangriff über: »Ich nehme an, du spielst auf den Dorftratsch vor einigen Monaten an. Möchtest du dazu noch etwas loswerden?«, frage ich scharf, woraufhin ein wenig Farbe aus Marlies Gesicht weicht und sie tatsächlich leicht verkniffen sagt: »Nein, das steht mir wohl nicht zu. Mia, was ist mit dir, hast du auch Heuschnupfen?«

Jetzt ist es meine Mutter, die etwas spöttisch in die Runde blickt. »Mia, ich möchte mich jetzt gerne frisch machen.« Auch wenn Elke schweigt, während sie mir die Treppe hinauf folgt, spricht ihr Blick Bände: ›Hier sagen sich ja wirklich Fuchs und Hase Gute Nacht. Würde mich nicht wundern, wenn das halbe Dorf Inzest betreibt.‹ Oder so ähnlich. »Such dir ein Zimmer aus, und lass dir von Iris den Schlüssel geben. Ich muss jetzt leider los«, sage ich. – »Wie? Ich dachte, du zeigst mir alles.« Wie habe ich diesen enttäuschten Blick meiner Erzeugerin vermisst. Hat sich nicht angekündigt, erwartet aber, dass man, wann immer ihre Durchlaucht auftaucht, alles stehen und liegen lässt. »Elke, ich muss arbeiten.« – »Und wann kommst du wieder?« – »Kann spät werden.« Damit lasse ich meine konsternierte Mutter im Flur stehen. Ich bete nur, dass alle vier Frauen noch leben, wenn ich wiederkomme.

Abends. In der Küche der Remise

»Wieso überhaupt ›Pension Hedwig‹?« Mias Mutter blickt durch das Fenster auf die in der Abendsonne glühende Pension. – »Hedwig war doch Bernds Mutter!«, sagt meine Mutter, leicht perplex über die Frage. Schließlich war die Frau, die sie gestellt hat, viele Jahre mit meinem Vater liiert. Immerhin reagiert Mias Mutter ein wenig verlegen. – »Ach so, ja, natürlich. Bernd hat nicht so viel … Ach, egal.« Sie lacht affektiert. Dann schnuppert sie an ihrem Pfefferminztee – das Grünzeug dafür hat sie vor dem Abendbrot höchstpersönlich und unter Kundgabe äußerster Begeisterung auf unserem Kräuterbeet geerntet. Ohne Angabe von Gründen beharrt sie darauf, ansonsten nichts zu sich nehmen zu wollen. Es gibt kalte Küche. Brot und Aufschnitt. Vielleicht ist ihr das zu profan als erstes Gastmahl (aber wer es nicht für nötig hält, sich anzumelden ). »Bin ich eigentlich der einzige Gast in eurem Haus?« Meine Mutter kneift jetzt die Lippen zusammen und konzentriert sich darauf, Senf auf ihren Harzer Käse zu streichen. Ich kann mir denken, welchen Gedanken sie auf diese Weise daran hindert, laut ausgesprochen herauszurutschen. Etwas wie: »Dafür haben Sie ja quasi gleich zwei Zimmer besetzt!« Am Nachmittag hat sie mir nämlich unter vier Augen gesagt, dass sie »diese Elke für eine reichlich ichbezogene Person« hält. Vor allem, weil Elke unter großem Hallo alle in Frage kommenden Räume inspiziert, ihre Feng-Shui-Tauglichkeit kommentiert und sich schließlich für das hellste und größte, nämlich das Flügeltürzimmer, entschieden hat. Ein Verhalten, das meine Mutter befremden muss – nach unserem Umzug in die Remise ist sie sofort aus ihrer Hälfte des Flügeltürzimmers aus- und in Fabiennes ehemaliges kleines Zimmer eingezogen. Wobei sie nur mit Mühe davon abzuhalten war, mit der Besenkammer unter der Treppe vorliebzunehmen. Obwohl mir die duckmäuserische Bescheidenheit meiner Mutter oft genug auf den Geist geht, war ich sofort auf ihrer Seite. Mias Mutter hat eine Art, nicht nur die Umgebung, sondern auch die Menschen um sich herum zu vereinnahmen, die kaum auszuhalten ist. Als wäre ich ihr persönlicher Fremdenführer, sollte ich ›Elke‹ (»bitte, nenn mich doch Elke, sonst fühle ich mich so alt – und wir sind ja quasi verwandt«) unser ›Reich‹ zeigen. Einmal mehr wurde dabei deutlich: Entweder hat Mia ihrer Mutter überhaupt nichts von ihrem Leben hier in Feulenitz erzählt. Oder – was, soweit ich Elke heute kennengerlernt habe, wahrscheinlicher ist – Elke hat nicht danach gefragt bzw. nicht zugehört. Genauso wenig wie ›Oma Hedwig‹ war Elke ›Martha‹ ein Begriff. Und sie dachte wohl, wir hätten einen ganzen Bauernhof geerbt. (Dass ihre Tochter das ganze Federvieh hier angeschleppt hat, kam ihr überhaupt nicht in den Sinn.) Obwohl ich nach wie vor hoffe, dass die Eier unserer Gans Ingrid nicht befruchtet sind, habe ich Elke unter dem Vorwand, ihr eventuell frisch geschlüpfte Gössel zeigen zu können, in den Stall gelotst. Ich muss zugeben, dass mich die Aussicht auf den unausweichlichen Angriff unserer beiden Ganter mit fast diebischer Vorfreude erfüllt hat, zumal Elke behauptete, sie könne mit Tieren ganz ausgezeichnet umgehen. Zu Elkes Ehrenrettung muss man sagen, dass sie sich wacker geschlagen hat. Zäh und ohne sich etwas anmerken zu lassen,  hat sie sich durch das heftige Flügelschlagen in die Dunkelheit des Stalls gequetscht. (Sie war ja auch schon mal im Urwald, wie sie nicht müde wurde zu erzählen. Insgesamt redet die gute Frau ohne Punkt und Komma. Vornehmlich von sich selbst.) Leider hatte das zur Folge, dass ich ebenfalls den herzlichen Empfang unserer beiden Zerberusse über mich ergehen lassen musste. Im Stall war es stickig und still. Ingrid saß alleine auf ihrem Nest und schien zu brüten. Obwohl es mir nur recht gewesen wäre, wenn Elke mit ihrer Neugier den Brutvorgang unterbrochen hätte, musste ich ihr – um nicht aus der Rolle zu fallen – verbieten, Ingrid aufzuschrecken, um nach den Eiern zu sehen. Eigentlich wollte ich die Eier ja stante pede entsorgen. Aber Mia hat mir mit Hungerstreik und Fabienne mit Schweigefolter bis an mein Lebensende gedroht, sollte ich den ungeborenen Gösseln auch nur eine Feder krümmen. Und nachdem Torben gesagt hat, dass Gänse häufig auch unbefruchtete Eier brüten, hoffe ich einfach, dass, falls ›wer auch immer‹ Irene bestiegen haben sollte, dieser Jemand nicht so potent ist wie Fabiennes Kindsvater. Inzwischen rührt es mich auch fast ein wenig, wie Mia und Fabienne täglich hoffen, dass die kleinen Federbälle schlüpfen. Beide haben sich schon richtig schlaugemacht!

Während meine Mutter und ich den Abendbrottisch deckten, saß Mias Mutter mit einer Weinflasche, die sie sich ungefragt aus unserer Pensionsbar genommen hatte, auf der Bank am Fließ. Ich hatte nicht übel Lust, sie dort verhungern zu lassen. Wenn sie bedient werden will, soll sie gefälligst wie ein ordentlicher Gast zahlen! Und jetzt: rührt sie nichts an, sondern nippt nur an ihrem Tee! Meine Mutter und sie mustern einander verstohlen. Ich glaube, seit sie sich heute Nachmittag zum ersten Mal begegnet sind, stellt sich jede dieselbe Frage: Nämlich, was Bernd, Mias und mein Vater, an der jeweils anderen fand. Sie haben so viele Gemeinsamkeiten wie ein Paradiesvogel und eine Napfschnecke. Der Paradiesvogel nickt jetzt und spreizt sich. »Also, ich bin sicher, ihr könntet euer Angebot noch viel attraktiver gestalten«, bricht es aus Mias Mutter heraus. – »Ah, ja?«, frage ich und tue interessiert, während meine sanftmütige Mutter unter dem Tisch deutlich sichtbar ein imaginäres Messer aufklappt. – »Ich meine, so ernährungstechnisch. Wellness, Erholung für Körper und Seele – da ist doch die richtige Ernährung ganz, ganz wichtig! Also, ich halte es ja seit zwei Jahren mit der chinesischen Fünf-Elemente-Küche. Da sind Yin und Yang im Ausgleich, wenn ihr versteht, was ich meine … Mia müsste sich natürlich ein wenig damit auseinandersetzen, und …« Mias Mutter hält inne, nicht, weil sie unsere entgeisterten Mienen bemerken würde, sondern weil Fabienne ein leises Prusten entfährt, das sie mit einem plötzlichen Hustenanfall zu kaschieren versucht. Mias Mutter lächelt sie an. »Gerade als Schwangere sollte dir dein Immunsystem wichtig sein. Du wirst sehr von dieser Art der Ernährung profitieren. Und …«, wendet sie sich voller Enthusiasmus meiner Mutter zu, »sie ist der absolute Schlüssel zum Erfolg, wenn man etwas abnehmen möchte – also dauerhaft.« In diesem Augenblick würde ich für mein Leben gerne mit Mia tauschen und an ihrer Stelle neben Marlies in der Küche schuften, anstatt an diesem Tisch zu sitzen. – »Also«, bringt meine Mutter heraus, als sie sich einigermaßen gefangen hat, »ich glaube, wenn die Leute chinesisch essen wollen, dann fahren sie nach Peking und nicht in den Spreewald.« Und für den Fall, dass sie sich jetzt zu weit vorgewagt hat, setzt sie vorsichtshalber hinzu: »Aber damit kenne ich mich natürlich nicht so aus.«

20.00. Küche im Schlangenkönig

Glaubte ich an Wiedergeburt oder Karma, würde ich denken, ich hätte in meinem letzten Leben Schlimmes verbrochen. Anders kann ich mir nicht erklären, womit ich verdient habe, dass a) meine Mutter bei uns auf unbestimmte Zeit ›die Seele baumeln lassen‹ möchte und b) ich der Rückeroberung von Maik durch seine Ex beiwohnen muss. Als wäre es nicht schlimm genug, dass dieser Mann, an den ich mein Herz verloren habe und der es gebrochen hat, überhaupt hinter der Theke steht und Bier zapft. Seit ein paar Minuten sitzt, aufgehübscht und mit Vier-Zentimeter-Pfennigabsätzen besohlt, auf einem Barhocker am Tresen: Svenja. Sie nippt an einem Prosecco und macht Maik schöne Augen, was anscheinend nicht nur von mir, sondern auch von Marlies argwöhnisch beobachtet wird. »Ich soll dir einen Kuss von Jannik geben. Er wollte wissen, ob wir heute miteinander ausgehen. Süß, nicht?« Sie lacht ihr perlendes Lachen, senkt den Blick, dreht verlegen ihr Glas in den Händen und sagt mit keckem Augenaufschlag: »Sollen wir? Miteinander ausgehen?« Jetzt hängt nicht nur Svenja gespannt an Maiks Lippen. Er sieht sie an … will gerade etwas sagen … da lässt Marlies zwei Biergläser ins Spülwasser plumpsen, so dass der Schaum Svenja entgegenspritzt. »Marlies!«, kreischt Svenja, und Maik sieht seine Mutter mit einem Blick an, der sagt: Musste das sein? Marlies ignoriert beides und sagt nur: »Ich brauche Maik hier. Zwei Pils für Tisch drei.« Es ist deutlich zu spüren, dass die beiden Frauen sich auf den Tod nicht ausstehen können. »Ach komm, Marlies, ihr habt doch eine neue Kraft (damit meint sie mich, hat sich also auch schon rumgesprochen), und außerdem (Svenja dreht ihre Wespentaille und blickt in den Gastraum) ist doch kaum was los.« Stimmt. Darum stehe ich auch, seit Svenja angekommen ist, statt am Herd regungslos hinter der Schwingtür, die den Gastraum mit der Küche verbindet. – »In einer Stunde legt hier Anja mit einer Kahnladung Touristen an, und dann ist was los. Maik muss also leider arbeiten.« Damit dreht Marlies ab und kommt auf mich zu – BOFF – kracht mir die Schwingtür gegen die Stirn.

Drei Stunden später. Auf dem Klapprad in Richtung Zuhause

Das mit der Kahntour war zwar nicht gelogen, allerdings war die Fuhre mit vier Leuten überschaubar. Wir wären gut ohne Maik klargekommen. Marlies wollte anscheinend nicht, dass Maik und Svenja Zeit miteinander verbringen. Dafür fasste sie anscheinend zu mir, da sie mich jetzt wohl im doppelten Sinne als Leidensgenossin ansah, von Minuten zu Minute mehr Vertrauen. Als die Touristen sich einen Tisch ausgesucht hatten, zeigte Marlies verstohlen auf eine Frau mit Dauerwelle, die mit ihrer an einer Kette befestigten Lesebrille und unwilligem Gesichtsausdruck die Speisekarte studierte. Das sei Frau Schröder, ihres Zeichens Vorstand des Tourismusverbandes Spreewald e.V., der demnächst einen neuen Unterkünfte-Katalog für den Spreewald herausbringen wolle. Marlies habe leider keinen besonders guten Draht zu ihr, ob ich vielleicht …? Ich brachte der Runde einen kleinen Gruß aus der Küche, erläuterte der Dame unser neues Konzept und leierte ihr schließlich die müde Zusage aus den Rippen, dass es zwar knapp sei, sie aber, wenn wir ihr bis nach Pfingsten Text und Fotos schickten, unsere Pensionsgemeinschaft in den Katalog aufnehmen würde! Dabei konnte sie sich nicht verkneifen zu erwähnen, dass die Wirtschaft hier auch mal einen neuen Anstrich vertragen könnte und dass man nur Anja zuliebe, und weil Marlies’ Essen so typisch spreewälderisch sei, hier regelmäßig einkehre. Ich frage mich, ob Marlies hier im Spreewald überhaupt Freunde hat. Als ich mit der guten Nachricht hinter die Theke zurückkehrte, warf mir Maik einen anerkennenden Blick zu. Oder habe ich mir das eingebildet? Ich bin auf jeden Fall ohne ein weiteres Wort in die Küche zurückgekehrt. Bis auf ein kurzes »Hallo« und ein kurzes »Tschüs« eben sind wir uns heute erfolgreich aus dem Weg gegangen. Trotzdem frage ich mich: War es ihm recht, dass Marlies ihm den Ausgang verweigert hat? Sonst hätte er sich doch seiner Mutter widersetzt. Klar ist: Svenja interessiert sich wieder für ihn. Und er? Warum hat er sie beim Maibaumwerfen zurückgeküsst? Ob er jetzt noch zu ihr geht? Mia. Hör auf. »Mia!« Meine Mutter. Ich hatte gehofft, sie wäre schon schlafen gegangen, aber sie sitzt auf der Bank. In meine Kuscheldecke gehüllt!

Zehn Minuten später auf der Bank vor dem Fließ

»Das Einzige, was es hier im Überfluss gibt, sind Essiggurken! In zwanzig verschiedenen Geschmacksrichtungen! Willst du hier etwa auch versauern?« Meine Mutter hat ihren ersten Tag hier also genutzt, um nach Lübbenau zu fahren und die Marktstände in der Altstadt zu bewundern. Und jetzt? Mimt sie die Besorgte. »Du kannst doch dein Potenzial nicht so verschenken, Mia. Man hat eine Verantwortung seinen Talenten gegenüber. In der Küche arbeiten! Willst du so dein Leben verbringen? Was ist denn mit deinen Illustrationen? Das war doch dein großer Traum?« Träume fühlen sich in der Realität halt manchmal anders an, will ich eben sagen, doch wenn meine Mutter Fragen stellt, sind sie grundsätzlich rhetorischer Natur. So auch jetzt. Anstatt auf eine Antwort zu warten, doziert sie also munter weiter vor sich hin. Sie bezweifle aber stark, dass ich hier in der Pampa mein Glück fände. Das wäre doch eine reine Flucht. »Dir liegt das Leben in der Metropole doch in den Genen! Hier findest du sicher keine Inspiration, selbst die Menschen sind hier grau! Hast du gesehen, was diese Jutta trägt? Und diese Wischmopp-Frisur von ihrer Freundin, … dieser … dieser …« – »Marlies.« – »Die einzig Farbenfrohe ist dieses Mädchen.« – »Fabienne.« Ausgerechnet, unser Ex-Gruftie. Ich  muss grinsen. »In der blüht das Leben. Die folgt ihrem Instinkt, so wie ich damals, als ich dich bekomme habe. Das passt Iris sicher nicht in den Kram.« – »Elke, als du mich bekommen hast, da warst du immerhin einundzwanzig!« – »Na und? Ich hab mein Studium für dich aufgegeben.« Ja. Leider. – »Ich muss ins Bett, Elke«, versuche ich den Redestrom meiner Mutter einzudämmen. – »Siehst du, diese Küchenarbeit nimmt dir deine ganze Lebensenergie.« Meine Mutter seufzt. »Die anderen schlafen schon seit zehn.« Daran bist du sicher nicht ganz unschuldig, denke ich. »Und die gute Frau schnarcht vielleicht!« Jetzt muss ich doch lachen. »Gute Nacht, Elke.« Als ich meine Mutter auf die Wange küsse, blickt sie mich mit ihrem Dackelblick an. »Machen wir morgen was Schönes zusammen?« – »Ich muss den Schlangenkönig renovieren.« – »Ach …« Wie schafft es meine Mutter nur, mir mit einem Blick ein schlechtes Gewissen zu machen? – »Wie lange bleibst du denn?« – »Ich kann auch morgen wieder fahren, wenn ich nicht erwünscht bin.« Jetzt guckt der Dackel gespielt traurig. »Ich dachte, du freust dich, wenn ich mal nachsehe, wie dein neues Leben hier so läuft.« – »Klar. Du kannst bleiben, solange du willst.« Elke lächelt. Hab ich das jetzt echt gesagt?!

Zur selben Zeit in Iris’ Zimmer

Ich hoffe, diese Elke knattert möglichst schnell wieder auf ihrem Motorrad davon. Ich frage mich, wie Mia diese Frau erträgt. Wenn die schon immer so war – mit so einer Mutter muss man sich fragen, was man in seinem vorigen Leben verbrochen hat. Mich macht ihre Überspanntheit jedenfalls gereizt und irgendwie … hoffe ich, die verursacht hier keinen »Kurzschluss«. Ach was. Jetzt tust du der Frau zu viel Ehre an, Iris. Meine Sorge um den noch schüchternen Frieden, der hier seit der Versöhnung zwischen Marlies und meiner Mutter eingekehrt ist, macht mich nervös. Die Angst, dass unser Pensionskonzept nicht aufgeht. Eben noch mal die E-Mails gecheckt – keine neuen Anmeldungen. Wir brauchen mehr Werbung – und auf keinen Fall können wir Störfaktoren gebrauchen. Oder ist es mein Bedürfnis nach einer ablenkenden Sorge, das Mias Mutter irrationalerweise zu einer tickenden Bombe hochstilisiert? Ablenkung von dem beunruhigenden Gedanken, dass ich morgen Benno begegne, den Marlies tatsächlich zu den anstehenden Renovierungsarbeiten gebeten hat. Wieso eigentlich ›beunruhigend‹? Es ist gut, dass wir uns morgen in einem neutralen Zusammenhang begegnen. Es wird Zeit, zur Normalität zurückzukehren. In einem Dorf wie Feulenitz kann man sich nicht aus dem Weg gehen. Man ist vielmehr aufeinander und auf ›gute Nachbarschaft‹ angewiesen. Das sollte auch Benno begriffen haben. Außerdem würde er sich seine üblichen Anspielungen vor den anderen Dörflern sowieso verkneifen. Und: Ich habe meinem Herzen Stubenarrest verordnet. Nach der Berg-und-Talfahrt der vergangenen Monate und dem finalen – erkenntnisreichen – Ausrutscher mit Torben sollte es sich dringend ausruhen. Torben. Obwohl wir inzwischen zwei, drei beklommene Sätze darüber gewechselt haben, denen fünf, sechs erlösende Gläser Rotwein folgten, und wir uns auf ein »Schwamm drüber« geeinigt haben – die Wunde ist noch frisch. Ich kann nicht mehr an die Jahre unserer Jugendliebe denken, ohne einen schalen Geschmack im Mund zu haben. Am allerliebsten denke ich gar nicht dran, und noch weniger gerne denke ich an besagten Ausrutscher. Seine entschuldigende Erklärung, er sei einfach total verwirrt gewesen, kann ich nur gelten lassen, weil ich mittlerweile glaube, dass ich selbst verwirrt gewesen bin, dass wir beide dann doch alte Vertrautheit mit Liebe verwechselt haben. Wie auch immer, auch in diesem Fall ist es ratsam, sich auf das Gebot der guten Nachbarschaft zu besinnen: Hier im Dorf ist man aufeinander angewiesen (und als Tierhalter ganz besonders auf den Tierarzt). Eine Rückkehr zur Tagesordnung und zu freundschaftlichem Umgang ist daher wohl die vernünftigste Weise, mit den Irrungen und Wirrungen der Vergangenheit umzugehen. Basta. Gute Nacht, Iris!

Eine Minute später

Aaaah! Unten hat die Tür geknallt. Mia ist zu Hause.

Auf der Treppe

Endlich alleine. Als ich die Stufen zu unseren Zimmern hochschleiche, atme ich auf. Obwohl wir hier erst seit ein paar Tagen wohnen, fühlt es sich richtig an. Unser süßer, offener Wohnraum mit Küche und kleinem Bad unten, unsere drei Zimmer (gerecht aufgeteilt!) und ein kleines für den Nachwuchs oben. Auch wenn ich meiner Mutter das nicht erklären kann: Ich fühle mich hier zu Hause. Ich frage mich, warum meine Mutter ausgerechnet jetzt zu meiner Errettung hierhergekommen ist. Was will Elke wirklich hier?

Samstag, 7. Juni

Abbildung

11:00. Vor der Remise

»Vorsichtig abheben und Ta-daa!« Perfekt. Ich halte den Siebdruckrahmen hoch und betrachte das zarte Blütenmuster auf der Tapetenbahn. »Das muss jetzt erst trocknen, bevor ihr hier ansetzen und weitermachen könnt, sonst verschmiert die Farbe.« Jutta kommt näher. – »Also, ob wir das so schön hinbekommen wie du ich weiß nicht «, sagt sie besorgt. Jutta, Fabienne und meine Mutter sollen heute die Tapeten für den Schlangenkönig bedrucken. Bevor ich gestern Feierabend machte, habe ich extra noch die Höhe der Räume ausgemessen. – »Na klar bekommt ihr das hin!«, beruhige ich Iris’ Mutter. »Das ist überhaupt nicht schwer, das kann jeder « – »Also, du musst jetzt dein Licht auch nicht unter den Scheffel stellen«, unterbricht Elke mich. »Nur weil dein Vater deine künstlerische Begabung nicht wertschätzen konnte«, sagt sie dramatisch, und es nützt auch nichts, dass ich sie mit einem warnenden »Elke!« zu stoppen versuche. Meine Mutter will Aufmerksamkeit, und die bekommt sie. Alle starren jetzt sie an anstatt mich. »Ist doch wahr, Kind!«, ruft sie. »Für Bernd zählte doch immer nur das Hamsterrad. Von innen sieht es aus wie die begehrte Karriereleiter, aber wir wissen ja alle, wie begrenzt der Blick ist, wenn man erst mal drinsteckt. Diejenigen, die rechts und links stehen, sieht man schon mal gar nicht!« Sie macht mitleidig eine Handbewegung in meine Richtung, aber ich weiß, dass sie keineswegs von mir, sondern eigentlich nur von sich spricht. Davon, dass Bernd sie missachtet hat. Fabienne äugt unter gesenkten Wimpern zu mir herüber – voller Fremdscham, denn sie kennt ja das Gefühl, wenn Mütter sich peinlich benehmen. Ich starte einen Bremsversuch: »Elke, ich finde nicht, dass « – »Wenn er so schlimm war, wieso hast du dich dann mit ihm eingelassen?!« Das war Iris, die plötzlich einen verbissenen Zug im Gesicht hat. Plötzlich fühlt sich die Luft trotz der Juniwärme irgendwie eisig an. Ist das alles unangenehm! Meine Mutter ist erschrocken und tief verletzt zugleich. ›Waidwundes Reh‹, den Blick kann sie wirklich gut. Wie immer sorgt irgendein blöder ›Brave-Tochter-Reflex‹ in mir dafür, dass die Nadel auf der Mitleidsanzeige kurz ausschlägt. Doch sie fängt sich schneller als ich. – »Ach, ihr kennt Bernd doch«, sagt sie leichthin, »der wickelt doch jeden erst mal mit seinem Charme um den Finger, haha.« Betretenes Schweigen.

Mias Mutter räuspert sich. – »Ich würde ja gerne mal wissen …«, sagt sie jetzt, und ich sehe an Mias bangem Blick, dass sie das Schlimmste befürchtet. Ich sollte mich Elke gegenüber zusammenreißen, um Mia nicht in Verlegenheit zu bringen. Soll ihre Mutter doch quatschen, was sie will. »Also, bei meinem Morgenspaziergang – ich stehe ja immer auf, bevor der Hahn kräht –, da habe ich weiter hinten, da in diesem Wäldchen, ein verfallenes Haus gesehen. Wem hat denn das gehört? Ich meine, ist da was Schlimmes passiert? Das Haus sieht aus, als wäre es abgebrannt …« Themawechsel. Aha. Meine Mutter ist prompt errötet und windet sich verlegen. – »Da hat zu DDR-Zeiten schon keiner mehr drin gewohnt«, sage ich. »Vorher hat es einer jüdischen Familie gehört.« Mias Mutter bekommt kaffeetassengroße Augen. – »Mein Gott, man hat doch nicht …?« – »Nein, das war später«, beruhige ich sie. Unwillkürlich ist mein Blick zu meiner Mutter gewandert. Ich habe damit bestimmt nichts bezweckt, aber sie fängt mit einem Mal stammelnd an zu beteuern: »Aber wir waren das nicht! Der Hans und ich, wir sind ja selbst vor dem Feuer geflohen! Sonst hätte man uns doch gar nicht …« Sie knetet hektisch an ihren Fingern herum und schaut unsicher in die Runde. Ich bin kurz verwirrt, Elke schaut aus der Wäsche, als verstehe sie gar nichts mehr, und ich sehe aus den Augenwinkeln, dass Mia ruckartig den Kopf gehoben hat. Ich habe ihr nicht erzählt, dass meine Mutter und Hans in jener Zampernacht in genau diesem Haus miteinander geschlafen haben – ich habe es ja selbst nur gemutmaßt, wenngleich ich mir ziemlich sicher war. Jetzt aber bin ich mir ganz sicher: Das Haus in unserem Wäldchen war der Ort, an dem Hans seine Frau mit meiner Mutter das letzte Mal betrogen hat. Und offenbar dachte man, die beiden seien verantwortlich für den Brand. Jedenfalls schließe ich das aus der impulsiven Rede meiner Mutter eben. Obwohl ich finde, dass die ganze Sache Elke nichts angeht, bin ich einfach zu neugierig, um mir die Frage zu verkneifen: »Und warum hat es dann dort gebrannt?« Meine Mutter zuckt mit den Achseln. »Das weiß niemand.« – »Und die jüdische Familie?«, macht Mia sich plötzlich bemerkbar. – »Die hab ich nicht mehr kennengelernt«, sagt meine Mutter bedauernd.

Etwas später. Im Schlangenkönig

»Wen könnte man denn bloß mal fragen?« Auf dem Weg hierher hat Mia immer wieder von diesem Foto angefangen. Keine Ahnung, was sie sich da wieder zusammenspinnt. Ich kann mich vage an das Bild erinnern. Wir haben es damals gefunden, als wir den überschwemmten Keller leerschippen mussten. Martha hat es auf unsere neugierige Nachfrage hin ohne Erklärung einkassiert. Ich habe die abgebildete Gestalt nur schemenhaft im Kopf, dass es ein Junge oder ein junger Mann war, das weiß ich gerade noch. Mia aber erinnert sich sogar an den Namen. »Der stand doch hinten drauf!«, sagte sie. »Elias! Das ist ein jüdischer Name! Vielleicht hat der in diesem Haus gewohnt!« – »Möglich«, sagte ich. »Warum interessiert dich das?« Mia zuckte mit den Schultern und sagte nichts mehr. Das kann aber auch daran liegen, dass wir beim Schlangenkönig angekommen waren und direkt auf Maik stießen. Mia war einsilbig und zog sich in das hinterste, bereits ausgeräumte Gastzimmer zurück, um dort mit Anja zusammen alles abzukleben und Löcher zuzukleistern. Ich habe mit Zottel (werde mich nie an den Namen gewöhnen) den nächsten Raum verarztet und fange gleich mit dem dritten an. Während die Männer – Maik, Benno und Ernesto – die Möbel aus dem Obergeschoss nach draußen räumen. Benno. Ich war bei unserer Begegnung vorhin erleichtert, festzustellen, dass mir mein Herz bei seinem Anblick nicht gleich aus dem Leib gesprungen ist, um wild ums Haus zu galoppieren. Anscheinend ist es tatsächlich zu erschöpft, um sich zu irgendwelchen Anstrengungen hinreißen zu lassen. Jedenfalls ist es, als Benno vor mir stand, brav an seinem Platz geblieben und hat auch kaum gezuckt, als er meine Hand einen winzigen Augenblick zu lange festgehalten hat. Zumal ich mir nicht sicher war, ob ich mir das nur einbildete. Tatsache ist, dass die traditionelle Arbeitsteilung hier (Frauen: leichte Arbeiten, Männer: Schleppen, und zwar mit Inbrunst, als würden sie einen Wettkampf in »Wer ist der Fitteste?« ausfechten) Mia und mir den Tag erleichtert, denke ich soeben voreilig, als ich aus der Toilette komme und Benno in die Arme laufe. Er lächelt mich an. – »Braucht ihr eigentlich Hilfe mit euren Schafen?«, fragt er. – »Hilfe mit unseren Schafen?«, frage ich lahm. – »Ick hab sie jestern beim Vorbeifahren von Weitem bei euch stehen sehen. Die müssen jeschoren werden.« – »Ah so.« Ich bemühe mich sehr, als Intelligenzbestie rüberzukommen. – »Einmal im Jahr sollte man, du läufst ja auch nicht im Hochsommer mit drei Norwegern rum.« Ich nicke. – »Ich sag’s Mia.« – »Kann Mia denn Schafe scheren?« – »Wohl eher nicht, aber wir können ja …« Ich wollte mit ›Torben fragen‹ enden, aber Benno unterbricht mich: »Ick komme vorbei. Wie wär’s direkt morgen?« Ich bin etwas überfordert von Bennos Offensive. – »Also, ich weiß nicht, ob Mia …« – »Bist du zu Hause?« – »Ja, schon, aber …« – ›… morgen ist Pfingstsonntag‹, wollte ich sagen, doch Benno sagt nur »Jut«. Dreht sich um und verschwindet drei Türen weiter. Ich starre ihm hinterher und höre Möbelrücken. Morgen bin ich alleine zu Hause. Also, zumindest Mia ist nicht da, sondern Tapeten kleben. Sprich: Ich werde Benno nicht aus dem Weg gehen können, wenn er tatsächlich anrückt. Wir werden vermutlich so ziemlich alleine unter Schafen sein. Das wird dann wohl die Feuertaufe für unsere künftige ›gute Nachbarschaft‹.

Früher Abend. Auf der Dorfstraße

Wie war das noch mit den fünf Stadien des Liebeskummers? Nicht-wahrhaben-Wollen, Verzweiflung, Wut, Neuorientierung, neues Gleichgewicht. Warum nur falle ich immer wieder in die erste Phase der Verleugnung zurück? Heute Morgen habe ich mich dabei ertappt, wie ich mich darauf gefreut habe, mit Maik einen ganzen Tag zu verbringen. Hatte ich doofe Kuh doch wirklich gehofft, er würde etwas sagen, etwas tun, das mir zeigt, dass er mich vielleicht doch will. Als wir nach vier Stunden Tapetenreißen und Möbelschleppen immer noch kein ›privates Wort oder eine vertraute Geste ausgetauscht haben, habe ich dann in einer Mischung aus Resignation und aufgezwungenem Selbstschutz meine Zelte bei der Renovierung abgebrochen und bin mit dem Auto zu dem Vintage-Typen gefahren, um die Möbel für den Schlangenkönig auszusuchen. Das Stöbern in dem staubig-stickigen Kino hat mir wieder so viel Laune gemacht, dass ich voller Hoffnung in den Schlangenkönig zurückkam. Mit dem Gedanken: Jetzt, wo ich weg war, hat er sicher gemerkt, was ihm fehlt. Doch da war gar kein Maik mehr. Iris, die mein langes Gesicht gesehen hat, meinte, er hätte eine Verabredung. Verabredung! Mit Svenja? Vielleicht brauche ich einfach Gewissheit, dass zwischen denen was läuft. Dann müsste ich zwar noch mal durch Phase zwei und drei – Trauer und Wut –, aber dann könnte ich endlich damit abschließen. Diese fixe Idee hat mich, wider besseren Wissens, die falsche Richtung einschlagen lassen, und jetzt sitze ich seit gut zehn Minuten regungslos auf der warmen Bordsteinkante in der sommerlichen Abendhitze, weil das letzte Stückchen Vernunft in meinem Körper mich davon abhält, die Straße noch die paar Meter weiter zu gehen, um mal wieder (!) durch Maiks Fenster zu spähen. (Da lobe ich mir die Großstädte, in denen man im besten Fall eine halbe Stunde mit der Bahn fahren und drei Mal umsteigen muss, um ins Fenster eines Exliebhabers blicken zu können, das selbst dann meist im dritten Stock, wenn nicht sogar höher liegt!! Wo man also nur anhand von Fahrrädern vor der Haustür, Schattenspielen hinter dem Fenster oder verräterischer Musik erahnen kann, wer sich möglicherweise noch dort aufhalten könnte.) Es ist ja auch gar nicht gesagt, dass Maik und Svenja bei ihm zu Hause sind. Und gerade in dem Moment Sex haben, wo ich durchs Fenster luge. Außerdem: Selbst wenn nichts mit Svenja läuft, heißt das ja nicht, dass Maik mich wiederhaben will. Schließlich hat er sich ja wegen unseres inzestuösen Verwandtschaftsverhältnisses von mir getrennt. (Waren wir überhaupt schon zusammen?) Mia. Du musst wirklich dringend zur nächsten Phase – Neuorientierung – übergehen. Nur wie? Mit einem schweren Seufzer strecke ich meine bis dahin angewinkelten Beine aus, genau in dem Moment, wo ich etwas aus der anderen Richtung zischen höre. Ein Rennradfahrer kommt im Affenzahn auf mich zugerast. Ahh! Ich ziehe meine Beine zurück, der Typ weicht aus, kommt ins Schleudern, fährt über eines der Löcher, die der winterliche Frost metertief in den Asphalt der Straße gefressen hat, das dünne Vorderrad bleibt stecken – und zack, ist der Radler gefällt! Au, das muss wehgetan haben! Ich springe auf. »Alles okay!?« Zuerst sehe ich ein blutiges Knie und dann ein gezwungenes Grinsen. »Denke schon.« Der Typ – ein hochgewachsener Kerl in meinem Alter – rappelt sich auf und schiebt sein Fahrrad, an dessen Gepäckträger zwei Fahrradtaschen baumeln, zur Seite. Das Vorderrad eiert deutlich. »Mist, die Felge ist wohl im Arsch.« – »Hast du’s noch weit?« – »Eigentlich wollte ich heute noch bis Cottbus.« Na, das kann er vergessen. »Ich würd dich ja fahren, aber ich muss in einer knappen Stunde arbeiten«, sage ich, da ich mich verantwortlich fühle. Mist, hoffentlich fragt er nicht, was. Kaum ist Elke da, fühle ich mich in meinem Landleben wieder zweitklassig. »Du bist von hier?« War das ein irritierter Blick? Paranoia: Aus! »Und du?« Mit einer Gegenfrage pariert, sehr gut. Er deutet auf sein rotes Rennrad. »Radurlaub.« Ein Tourist. Ach so! »Ich wüsste ja, wo du heute Nacht bleiben könntest.« – »Ja?« Was grinst der denn jetzt so schelmisch? Denkt der etwa … Das war keine Einladung zu mir! – »Ich kenne eine Pension. Ein paar Minuten von hier. Ist auch nicht so teuer.« – »O.k., warum nicht.« Der Typ nimmt seinen Fahrradhelm ab. Ein dunkler Wuschelkopf kommt zum Vorschein. Auf einmal sieht der Typ ziemlich interessant aus, mit seinen blauen Augen und dem rötlichen Dreitagebart. »Das wäre super.« Er lächelt mich an. – »Da lang«, sage ich, und als wir schweigend, nur von dem Geklacker seiner Radlerschuhe begleitet, durch die warme Abendluft laufen, schaltet mein Herz für einen Moment trotzig auf »Neuorientierung«.

Eine Viertelstunde später im großen Bad der Pension

––’’–deine––