In der Vergangenheit verschollen

 

 

 

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Band 35

 

In der Vergangenheit verschollen

 

von Earl Warren

 

 

© Zaubermond Verlag 2013

© "Dorian Hunter – Dämonenkiller"

by Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt

 

Titelbild: Mark Freier

eBook-Erstellung: story2go | Die eBook-Manufaktur

 

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Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

Was bisher geschah:

 

Die Gefahr, die vom Giftatmer ausging, ist gebannt – zumindest in der Gegenwart. Doch offenbar hatte er in der Vergangenheit etwas mit Dorian Hunters sechster Inkarnation als Matthias Troger von Mummelsee zu tun. Doch was? Die Erinnerungen an dieses Leben sind für Hunter noch verschwommen, nicht zuletzt, weil Olivaro zum Schutz des Dämonenkillers einen Gedächtnisblock um ihn errichtet hat.

Der Kampf um die Macht in der Schwarzen Familie zwischen dem geschwächten Luguri und der Vampirin Rebecca erreicht inzwischen neue Ausmaße. In einem erloschenen Vulkan irgendwo auf der Erde kommt es zu einem neuerlichen Aufeinandertreffen, das für beide nicht zum gewünschten Ziel führt. Rebecca kann Luguri nicht vernichten, aber auch er scheitert an ihr, obwohl sie durch die Blutuhr einen Großteil ihrer Kräfte verliert.

Dorian Hunter, Coco Zamis und Unga werden in die Auseinandersetzung verwickelt und stürzen gefesselt dem centro terrae entgegen. Im letzten Augenblick kann der der Hausgeist Zicci sie retten. Der Preis dafür ist hoch: Zicci stürzt selbst ins centro terrae – und von Coco Zamis fehlt jede Spur.

 

 

 

 

In der Vergangenheit verschollen

 

 

In der Vergangenheit verschollen

 

von Earl Warren

 

1. Kapitel

 

Abi Flindt heftete seinen Blick auf die Bilder, die in prächtigen Rahmen an der frisch geweißten Wand hingen. Sie zeigten Bauteile und Ausschnitte der längst verschwundenen Ringmauer, die vor unendlich langer Zeit die Burg umgeben hatte.

»Unruhe!«, sagte er halblaut. »Unruhe kennzeichnet die Lage. Wir scheinen alle auf irgendein besonderes Ereignis zu warten.«

»Und es könnte so ruhig sein«, gab Ira Marginter zurück.

»Es könnte. Aber es ist nicht«, murmelte Abi gedankenverloren.

Ira nickte; eigentlich hatte Abi völlig recht. In den letzten Tagen war nicht wirklich etwas geschehen, dennoch schien es unter der Oberfläche zu brodeln.

Dorian Hunter trieb sich in der Weltgeschichte herum, auf der Suche nach Erinnerungen an sein Leben als Matthias Troger von Mummelsee. Auf einen Anruf von ihm waren Coco und Unga vor einigen Tagen abgereist, um ihn im Kampf zu unterstützen. Seitdem hatte sich keiner der drei gemeldet.

Abi glaubte nicht, dass ihnen etwas zugestoßen war. Martin, der die Räume von Basajaun mit lärmender Fröhlichkeit erfüllte, hätte es bemerkt, wenn mit seiner Mutter etwas nicht in Ordnung wäre.

»Phillips Zustand ist bedenklich«, meinte Ira. »Vermutlich schlägt seine Unruhe auf uns über.«

»Das ist es nicht allein«, widersprach Abi.

Aus Gründen, die keiner im Castillo genau kannte, schien sich so etwas wie ein Aufstand der Bergbauern anzubahnen. Bisher hatten sie sich, von gelegentlichen, unbedeutenden Vorfällen abgesehen, friedlich verhalten. Nun versammelten sie sich, stießen Drohungen aus, verlangten die Räumung des Castillos. Juan Urales hatte sich zu ihrem Wortführer gemacht. Schon vor Dorians und später Cocos Abreise hatte Abi eindrücklich davor gewarnt, dass sich etwas zusammenbraute, aber der Herr Dämonenkiller hatte nichts davon hören wollen.

Abi erinnerte sich, wie sich vor vier Tagen die quälende Unruhe zum ersten Mal entladen hatte.

 

Langsam kam Phillip die Treppenstufen hinauf. Seine golden schillernden Augen hefteten sich auf die Stirnwand, die von zwei wuchtigen Mauerbögen begrenzt wurde.

Das Fresko war fast völlig restauriert. Leitern und die fahrbare Plattform, auf der Ira arbeitete, standen noch da. Ebenso Farbtöpfe und Teile ihres Handwerkszeugs. Bunt und abstoßend brutal, aber künstlerisch genau, breiteten sich die uralten Fresken um die erhaben ausgeführten Teile der Wand.

Der Hermaphrodit blieb stehen und begann zu zittern. Aus seiner Kehle drang ein keuchender Laut. Sein engelhaftes Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse. Er schüttelte den Kopf. Das wirre Haar, das in blonden Locken bis auf die Schultern fiel, wirbelte durcheinander. Wieder keuchte er auf und stieg ein paar Stufen höher. Die Bilder und Farben schienen ihn magisch anzuziehen.

Ira hatte die starken Speziallampen nicht ausgeschaltet. Wahrscheinlich wollte sie keine lange Pause machen. Das gesamte Fresko breitete sich in der Helligkeit aus, und die Figuren, Ranken und Dämonenwesen erhielten ein neues, eigenständiges Leben in dieser Beleuchtung.

Phillips Finger bewegten sich wie aufgeregte Schlangen. Er schwankte vorwärts und zurück. Er schien sich nicht entscheiden zu können, was er tun sollte. Schließlich zitterte er am ganzen Körper. Er schaute sich um und machte dann förmlich einen Satz die Stufen aufwärts.

Er sprang auf die Plattform los, warf Leitern und Stative um, dann schrie er schrill:

»Böse! Böse!«

Er krallte seine Finger in das farbbespritzte Holz und zog sich in die Höhe. Klappernd fielen Werkzeuge und leere Farbtöpfe herunter. Über der Plattform ragte eine steinerne Dämonenfratze, umgeben von mythologischen Schlangenleibern. Jetzt war der einst verwitterte Stein gereinigt und restauriert worden; grimmig und starrend von spitzen Zähnen, einer schnabelartigen Nase und hypnotisierendem Blick aus Halbedelsteinaugen schien der Dämon aus der Wand geradewegs auf Phillip losspringen zu wollen.

Aber Phillip war es, der die steinerne Fratze angriff. Er war außer sich. Phillip schrie unverständliche Worte, er griff den Stein mit den Händen an und versuchte, ihn zu zerstören. Er attackierte den überlebensgroßen Kopf, als sei er lebendig. Er riss daran, zerrte und schürfte die Haut an Fingern und Handgelenken auf. Seine Fingernägel brachen ab; er schien den Schmerz nicht zu spüren. Dann bückte er sich, suchte zwischen Iras Werkzeugen und fand einen Meißel und einen kleinen Hammer. Wieder kam er hoch und schlug in besinnungsloser Wut oder Angst auf die Fratze ein. Der Meißel hinterließ auf dem Stein lange Kratzer. Dann glitt er ab und schlug schwer auf die Finger des Rasenden. Phillip stieß einen gellenden Schrei aus, hob den Hammer und drosch auf die Augen des Steingebildes ein. Splitter summten durch die Luft, und der Schrei hallte nachzitternd durch Gänge und Treppenhaus. Das kalkweiße Gesicht des Hermaphroditen war schweißbedeckt. Er atmete schwer, sein Puls ging rasend schnell. Blut tropfte aus den Schnitten und den halb aufgerissenen Fingergelenken. Phillip hatte nicht gespürt, dass er sich einige Finger gebrochen hatte. Mit der rechten Hand hielt er den Hammer. Das Blut verschmierte den steinernen Halbkopf, tropfte auf die frischen, leuchtenden Farben. Als Phillip wieder ausholte und den Arm weit nach hinten streckte, verlor er das Gleichgewicht. Er stolperte über herumrollende Farbdosen. Dann kippte er zur Seite, fing sich halb ab und fiel über die Kante des Gerüsts.

Burian Wagner, der inzwischen wieder zum Team gestoßen war, und Ira Marginter waren aus zwei Nebenkorridoren herangelaufen. Sie stießen am Fuß der Plattform fast zusammen. Als Phillip aufkreischend über den Rand kippte, konnte ihn Burian auffangen. Sie fielen beide zu Boden, und langsam befreite sich der stämmige Bayer von dem zuckenden, zitternden Körper.

»Phillip!«, rief Ira. »Was ist los? Was hast du angestellt?«

Sie fassten ihn unter den Schultern und stellten ihn auf die Beine. Sein Atem ging schrill und pfeifend. Auch seine Lippen, übernatürlich rot im kalkweißen Gesicht, zitterten. Speichel tropfte aus dem Mundwinkel.

»Weiß nicht«, wimmerte er. »Böse!«

Ira blickte hinauf zum steinernen Kopf und den Restaurierungsarbeiten. Die Schäden schienen auf den ersten Blick gering zu sein.

»Komm!«, sagte Burian und führte Phillip zur Seite. »Beruhige dich. Nichts ist vorgefallen.«

Das war der dritte Anfall des Hermaphroditen in den zurückliegenden Tagen. Burian merkte, dass Phillip den Arm hochhielt. Die Hand war blutbeschmiert. Die Fingerglieder bildeten ungewohnte Winkel.

»Mann!«, rief Burian. »Du hast dir die Finger gebrochen!«

»Die Dämonen ...«, lispelte der Hermaphrodit. Ira lief herbei, und dann kam auch Abi Flindt. Ira berichtete voller Aufregung, wie sie Phillip angetroffen hatten.

»Die Finger müssen geschient werden!«, entschied Abi nach einer kurzen Untersuchung. Phillip starrte seine zuckenden Finger an, als gehörten sie ihm nicht mehr.

»Und verbunden«, brummte Burian. »Was machen wir mit ihm? Er bringt sich selbst mehr und mehr in Gefahr.«

»Stellt euch vor«, sagte Ira und hob die Schultern, »er rennt aus dem Castillo hinaus, zu den Bauern, und Urales erwischt ihn«

Ira versorgte zusammen mit Burian die Hände Phillips. Er spürte den Schmerz, den die gebrochenen Finger unweigerlich verursachen mussten, offenbar nicht. Burian schüttelte den Kopf.

»Der arme Kerl«, sagte er brummig. »Er ist völlig durcheinander. Ganz plötzlich muss es über ihn gekommen sein.«

»Warum eigentlich ausgerechnet dieser Dämonenkopf?«, wunderte sich Ira Marginter.

»Keine Ahnung.«

Ira löste einige milde Schlaftabletten auf und gab Phillip die aufschäumende Flüssigkeit zu trinken. Er streckte sich dann auf seinem Bett aus und war eine halbe Stunde später eingeschlafen. Abi schloss leise die Tür und winkte seine Freunde in die Bibliothek.

»Es ist zu riskant, Phillip hierzubehalten«, sagte er. »Hast du einen vernünftigen Vorschlag, Ira?«

»Warum schickst du ihn nicht zu Trevor nach England? Er kümmert sich liebend gern um Phillip!«

Abi nickte, auch Burian stimmte in seiner bedächtigen Art zu.

»Richtig. Nach London«, murmelte der Däne. »In der Jugendstilvilla wird Trevor Sullivan ihn auf andere Gedanken bringen. Ich kann mir nicht denken, warum er plötzlich so unruhig wurde. Keine Prophezeiungen, keine dunklen Reden – nur diese seltsamen, sinnlosen Angriffe.«

Der Hermaphrodit, der schon oft wichtige Hinweise hatte geben können, schien einem unheilvollen Einfluss erlegen zu sein. Er war nicht in der Lage, ihnen sagen zu können, wovor er sich fürchtete, oder warum er plötzlich in Raserei verfiel. Zweifellos war es das Castillo, in dessen Mauern und Gewölben etwas hockte und lauerte und nach Phillips wirrem Verstand griff.

»Einverstanden?«, fragte Abi. »Wir schicken ihn nach London.«

»Dort ist er am besten aufgehoben«, bestätigte Ira. »Könntest du das erledigen, Burian?«

»Selbstverständlich.«

Zwei Tage später flogen Burian und Phillip vom Flughafen Nizza ab. Burian Wagner kam allein zurück, überbrachte herzliche Grüße von Trevor Sullivan und bestätigte, dass sich Phillip völlig ruhig verhalten hatte.

Dennoch blieb Abi unsicher. Alle hier im Castillo meinten, dass Phillip, schon immer eine lebende Merkwürdigkeit und so gut wie in allen Reaktionen undurchschaubar, nun völlig den Verstand verloren hatte. Aber der Däne war mit dieser Erklärung nicht einverstanden. Sie war ihm zu glatt, zu schnell gefasst. Weil er auch keine sinnvolle Erklärung fand, nahm auch in ihm das Gefühl der Bedrückung zu.

 

Der nächste Tag

Abi Flindt setzte die Sonnenbrille ab und deutete auf die Wolkenwand im Westen.

»Wahrscheinlich haben wir heute Nacht ein schönes Gewitter«, sagte er. »Vielleicht klärt der Regen die Luft.«

»Und nicht nur sie«, antwortete Ira und lächelte. Sie verstanden sich in den letzten Tagen noch besser als sonst, auch wenn Abi sich innerlich dagegen wehrte, sich in sie zu verlieben. Allerdings war er nicht sicher, ob ihm das noch lange gelingen würde.

Sie standen auf der obersten Plattform des Wehrturms. Von hier aus war die Aussicht bis tief in ein Nebental hinein besonders spektakulär. Die andere Hälfte des Himmels zeigte ein durchdringendes Blau.

»Du meinst die Bauern, nicht wahr?«

»Ja. Sie bereiten mir echte Sorgen. Ich rechne nicht damit, dass sie mit Sensen und Sturmleitern die Mauern stürmen. Aber dort in den Bergdörfern geht etwas vor, das mir gar nicht behagt.«

»Mir noch weniger. Aber ohne wirkliche Informationen können wir nichts unternehmen. Noch nicht.«

»Warum kann es nicht immer so ruhig sein. Wenigstens so wie jetzt, im Augenblick.«

»Das weißt du ebenso gut wie ich«, wich er aus. »Diese Ruhe ist leicht zerbrechlich. Ich kann nicht glauben, dass sie lange anhält.«

»Pessimist!«

»Nicht grundlos, Ira. Aber ich hoffe auch, dass die lebensgefährlichen Abenteuer nicht auftreten.«

Ira hatte auf einmal eine Idee. »Wenn sich hier wirklich etwas zusammenbraut, sollten wir die Kinder in Sicherheit bringen.«

Abi nickte. »Der Gedanke kam mir auch schon.«

»Sollen wir sie nicht nach Island bringen, um Reena, Don und Dula einen Besuch abzustatten? Für sie wäre es mal eine Abwechslung, und vor allem wären sie aus der Schusslinie.«

»Du hast recht.« Er grinste. »Also kann sich Burian gleich auf die nächste Reise machen. Denn ich werde das Castillo nicht verlassen, solange Gefahr besteht. Dorian mag keine Probleme damit haben, dies alles im Stich zu lassen, um längst vergangenen Zeiten nachzujagen. Für mich kommt diese Verantwortungslosigkeit nicht infrage.«

Ira legte die Hand auf seine Schulter. »Sei nicht so hart mit ihm.«

Abi winkte ab. »Wenn er endlich wieder hier ist, werde ich ihm ein paar unangenehme Wahrheiten sagen müssen. Aber jetzt sind erst einmal die Kinder wichtiger.«

Die Vorbereitungen waren schnell getroffen, allzu viel Reisegepäck benötigten die Jungen ja auch nicht, schließlich hatten die Freunde in Island alles Notwendige immer vorrätig.

Martin und Tirso waren außer sich vor Freude. Endlich konnten sie diesem düsteren Gemäuer – und vor allem Virgil Fenton, ihrem Privatlehrer – mal für ein paar Tage entkommen.

 

Dunkle Augen unter buschigen Brauen starrten die uralten Mauern an. Hass und Abscheu lagen in dem Blick. Langsam stand der Bauer auf und stützte sich auf dem Felsvorsprung ab. Das Gestein war von gelb schillerndem Moos und von schwarzen Flechten überzogen. Neben dem Felsen, der wie ein hingekauertes Fabelwesen aussah, wuchs ein verkrüppelter Baum. Der Bauer murmelte einen Fluch und spuckte aus. Er mochte sie alle nicht, die im Castillo Basajaun lebten.

Ungewöhnlich heiß brannte die Spätsommersonne. Schrundige Felsen warfen pechschwarze Schatten. Büsche und Bäume, die ihre knorrigen Wurzeln in die Ritzen und Spalten des Gesteins geschlagen hatten, wurden vom warmen Wind geschüttelt, der die Berghänge hinaufstrich. Im Westen stieg eine riesige Gewitterwolke auf.

Es gab viele Bergbauern, Hirten und Waldarbeiter, die so wie Pero dachten und empfanden. Sie kannten die hässliche Geschichte des Castillos.

Auch Pero erinnerte sich an die vielen Legenden und Berichte, die seine Eltern und Großeltern ihm erzählt hatten – an die Geschlechter, die auf Castillo Basajaun gelebt und geherrscht und kaum vorstellbare Gräueltaten begangen hatten. Und er kannte auch die seltsamen Gestalten im Innenhof, die Besucher und jene Vorfälle, die in gewissen Nächten die Bergbauern verängstigten.

Bald, sagte er sich, würde sich der Zorn entladen. Jeder hasste das Castillo; die Bauern würden es am liebsten sehen, wenn Zerstörung über Basajaun käme. Vater Arias, ein Wandermönch, der seit einiger Zeit zwischen den Dörfern umherzog und den Bauern seelischen Beistand leistete, unterstützte sie in diesem Gedanken.

Wieder fluchte Pero. Seine Finger tasteten nach einem scharfkantigen Stein. Nachdenklich wog er ihn in der Hand. Es war sinnlos, ihn zu schleudern; das Castillo war viel zu weit entfernt.

Plötzlich erstarrte er. Ein Wagen verließ das Castillo. Pero grub in der Tasche und zog ein altes Fernglas heraus. Er hob es an die Augen und blickte hinunter zum Haupteingang des wuchtigen Bauwerks. Im Inneren des Autos erkannte er zwei Kinder sowie einen Mann. Die Namen kannte er nicht, aber der kleine Junge musste der Sohn von Dorian Hunter und Coco Zamis sein, von der man sich erzählte, dass sie eine Hexe war. Waren sie überhaupt verheiratet, wie jeder anständige Mensch in Andorra? Die Kinder lachten und alberten in dem Wagen. Sie schienen fröhlich zu sein.

Dann blinzelte er, überrascht und fast erschreckt.

Der andere Junge war vielleicht zehn Jahre alt, aber überraschend groß für dieses Alter. Aber das war es nicht, was den Bergbauern bleich werden ließ. Er hatte nur ein Auge! Ein einziges Auge, mitten auf der Stirn. Und seine Haut war blau.

Pero schüttelte sich und fluchte wieder. Diese gespenstischen Schlossbewohner. Gab es denn nur Monstren dort?

»Ihr seid alle verflucht! Höllengespenster! Teufelsspuk«, murmelte er und bekreuzigte sich.

Dann schwieg er.

In diesem Augenblick schob sich eine Wolke vor die Sonne.

Es wurde dunkel; der Schatten bewegte sich über das Land. Es war wie ein Omen.

Gerne hätte er den Wagen verfolgt. Der blaue Junge interessierte ihn brennend. Das musste er den Leuten im Dorf erzählen – und wenn Vater Arias erst davon erfuhr ...

Da drehte das einäugige Monstrum den Kopf und sah direkt in seine Richtung. Auch wenn Pero es nicht genau sehen konnte, fühlte er, wie der Blick des Jungen ihn durchschnitt und sezierte.

»Das ist böse Hexerei!«, stammelte er vor sich hin. Unbewusst war er zurückgewichen und stolperte dabei über einen Felsbrocken, der hinter ihm lag. Entsetzt rappelte er sich wieder auf und rannte zurück, als wenn tausend Teufel seiner armen Seele hinterhechelten.

Unbeobachtet vom Bauern Pero hatte noch eine weitere Person die Geschehnisse verfolgt. Eine große, haarige, zottelige Gestalt stand hoch oben in einem Baumwipfel, der sich seltsamerweise, trotz des gewaltigen Gewichts dieser Kreatur, kein bisschen durchbog.

»Warum sind Hunter und die Hexe noch nicht wieder hier? Habe ich mich getäuscht, und sie haben den Sturz in den Vulkan doch nicht überlebt? Egal, ich kann nicht mehr länger warten. Mein genialer, großer Plan kann beginnen! Arias – tu deine Pflicht!«

Luguri lachte und lachte und lachte. Dann verschwand er urplötzlich, aber das Lachen hallte noch lange nach.

Pero, der das unheilvolle Geräusch hörte, rannte noch ein wenig schneller.

 

»Zakum!«

»ZAKUM!!«

Luguri wurde langsam ungeduldig. Warum meldete sich der dämonische Archivar nicht? Gut, er hatte Zakum beauftragt, ein neues Archiv mit den Daten aller Dämonen anzulegen. Dieser Aufgabe ging Zakum wohl momentan mit Eifer nach. Aber das war noch lange kein Grund, dem Ruf des Erzdämons nicht Folge zu leisten. Nicht nach dem, was er sich zuletzt geleistet hatte. Verraten hatte er ihn! Im Kampf gegen Rebecca den Gehorsam verweigert, weil er um sein eigenes Leben fürchtete. Zu Recht, wie sich herausgestellt hatte, deshalb hatte Luguri ihm in seinem Großmut auch verziehen. Dennoch sollte der Archivar aufpassen, in der nächsten Zeit nicht noch häufiger Luguris Unmut zu erregen.

»ZAAAKUUU ...«

Zakum erschien.

Er war eine Erscheinung von mittelgroßer Gestalt. Was besonders an ihm auffiel, war seine graue und verrunzelte Haut und seine Spinnenfinger. Seine Arme waren ebenso spindeldürr wie die Beine. Sein Antlitz bestand aus einer wahren Teufelsfratze, die seine innere Bösartigkeit in vollem Umfang widerspiegelte. Da gab es nichts zu verbergen. Seinen Feinden gegenüber trat Zakum zynisch und spöttisch auf. Er wirkte durch seine analysierende, abwartende Haltung verschlagen. Überhaupt, mit seiner Meinung legte er sich nie fest, um sich nicht bloßzustellen. Er trug einen togaartigen Umhang, wie meistens.

»Herr und Gebieter, du hast mich gerufen?«

»Wo warst du so lange? Den Fürsten der Finsternis lässt man nicht warten, wenn einen sein Ruf ereilt!«

Zakum buckelte. »Ich bitte vielmals um Verzeihung, Eminenz, aber die Aufgabe, die du mir übertrugst ...«

»Hör mit dem dummen Gequassel auf, ich habe wichtige Sachen mit dir zu besprechen und Großes vor!«

»Eminenz?«

»Und hör auch mit dieser blöden Anrede auf. Wir haben viel zu erledigen, du und ich gemeinsam. Du bist ein alter und mächtiger Dämon, dem man nichts weismachen kann. Also hast du auch sicherlich schon mitbekommen, dass ich durch die Trennung von Malkuth arg geschwächt worden bin ...«

»Aber Eminenz ...«

»Unterbrich mich jetzt nicht! Wie gesagt, die unterbrochene Verbindung zu Malkuth macht mir momentan schwer zu schaffen. Und das Tor ins centro terrae habe ich immer noch nicht öffnen können. Dies ist umso ärgerlicher, da ich gerade jetzt eine Großoffensive gegen diesen Wicht von Dämonenkiller plane. Der Augenblick ist günstig und ich darf ihn nicht ungenutzt verstreichen lassen. Deswegen brauche ich Unterstützung – und zwar von jemandem, der mir vorbehaltlos ergeben ist, jemand dem ich vertrauen kann und der in den magischen Künsten kein Stümper ist. Um die Sache zu konkretisieren: Mit deiner Hilfe soll es mir gelingen, die gesamte Dämonenkiller-Clique allesamt auszulöschen. Noch haben sich Hunter und Zamis nicht blicken lassen, aber wenn sie erst einmal erfahren, was mit dem Castillo geschieht, werden sie herbeieilen. Du als mein Lordkanzler wirst einen großen Anteil am entscheidenden Schlag gegen das Dämonenkiller-Pack haben.«

Zakum überlegte. Luguri schien sein Vertrauen in ihn zurückgewonnen zu haben. Dies war die Chance, auf die er schon so lange gewartet hatte. Endlich könnte er seine Machtposition weiter ausbauen und schließlich auch Luguri ...

Aber so weit wollte er jetzt gar nicht denken und vor allem musste er seine ketzerischen Gedanken gut abschirmen. Auch wenn Luguri momentan geschwächt war, was Zakum selbstverständlich schon registriert hatte, war er immer noch einer der mächtigsten Dämonen, denen Zakum je begegnet war. Also erst einmal im Kleinen anfangen und dann ...

»Was überlegst du so lange?«

»Luguri, da gibt es nichts zu überlegen. Ich dachte nur gerade darüber nach, wer sich weiterhin um das Archiv der Dämonen kümmern soll.«

»Wie, dachtest du etwa, dein Auftrag würde dich von dieser Aufgabe entbinden? Nein, diese Arbeit wirst du natürlich auch weiterhin erledigen. Für jemanden wie dich ist es doch ein Klacks, beides zu meiner Zufriedenheit auszuführen!«

Na warte nur ab, dachte Zakum bei sich.

»Selbstverständlich, Luguri«, sagte er laut.

 

Dorian Hunter stand am Fenster des Hotelzimmers, in das Ziccis Magie ihn versetzt hatte, und starrte den Telefonhörer in seiner Hand an.

Alles normal, alles wie zuvor, hatte er zunächst gedacht, nachdem der Hausgeist ihn vor dem Sturz in die Lavahölle bewahrt hatte und er wieder an dem Ort herausgekommen war, von dem aus er aufgebrochen war.

Alles normal.

Diesen Gedanken hatte er jedoch verworfen, als er den Telefonhörer abgenommen hatte. Er wollte im Castillo Basajaun anrufen, um zu sehen, ob Coco dort gelandet war. Ziccis Rettungszauber hatte sie und Unga nicht an den gleichen Ort versetzt wie Dorian, und nun machte er sich verständlicherweise Sorgen, dass ihnen etwas geschehen sein könnte.

Dann jedoch war sein Blick auf das Telefondisplay gefallen – und vor allem auf die Datumsanzeige. Sie behauptete nämlich, dass seit seinem Aufbruch zum Haus des Giftatmers zwei Wochen vergangen waren!

»Nein!«, ächzte er. »Das kann nicht sein.«

Sie waren doch höchstens eine Nacht in diesem erloschenen Vulkan unterwegs gewesen.

Da fielen ihm Ziccis letzte Worte ein.

Nun denn, lebt wohl. Wohin auch immer es euch verschlägt. Mehr kann ich nicht für euch tun. Aber immerhin dies.

Er musste die zwei Wochen bei Ziccis Rettungsaktion verloren haben. Etwas anderes konnte er sich nicht vorstellen.

Mit zittrigen Fingern wählte er die Nummer des Castillos.

Abi Flindt ging an den Apparat und hatte nichts Besseres zu tun, als Dorian zu kritisieren. Wie er sich so lange in der Weltgeschichte herumtreiben könne, ohne sich zu melden, wo die Bauern beim Castillo doch kurz davor standen, ihrem Hass freien Lauf zu lassen. Wie er und Coco ihren Sohn so lange allein lassen könne. Glücklicherweise habe Abi Martin und Tirso inzwischen in Sicherheit gebracht. Wie er es wagen könne, nach so vielen Tagen einfach anzurufen, als sei nichts geschehen.

Dorian versuchte ihm die Lage zu erklären, aber der Däne hatte sich so in Rage geredet, dass er nicht richtig zuhörte.

Erst als er nach Coco fragte, stutzte Abi.

»Ist sie nicht bei dir?«

»Hätte ich dann gefragt?« Diese Spitze war Dorian herausgerutscht, bevor er es verhindern konnte.

»Auf jeden Fall ist sie auch nicht im Castillo. Vor zwei Tagen hat Unga vom Elfenhof angerufen und ...«

»Was? Unga ist in Island?«

»Hätte ich es sonst gesagt?«, feuerte Abi zurück. »Wie auch immer, er hat etwas von einem Sturz in einen Vulkan gefaselt, und dass er sich plötzlich in Island wiedergefunden hatte. Er klang gestresst. Krank. Hat nach dir und Coco gefragt, aber natürlich konnte ich ihm nichts sagen. Du meldest dich ja erst jetzt!«

»Das mit dem Vulkan stimmt. Zicci hat uns rausgehauen. Für mich ist das aber gerade einmal fünf Minuten her. Er hat uns also in verschiedene Zeiten versetzt. Vielleicht taucht Coco in ein paar Tagen wieder auf.«

Aber sie tauchte nicht auf.

Dorian reiste nach Island, obwohl Abi darauf bestand, dass er ins Castillo kommen solle, um der wachsenden Bedrohung zu begegnen.

Er sprach mit Unga, der tatsächlich nicht auf dem Damm zu sein schien, diskutierte alle Möglichkeiten durch, wartete, redete, wartete und redete und wartete.

Aber Coco kam nicht.

 

 

2. Kapitel

 

Zwischenbericht Coco

Die Reise durch die Dimensionen erfolgte.

Ich, Coco Zamis, eine entartete Hexe aus der Schwarzen Familie, hörte das Toben der Winde, als ich zusammen mit Dorian, Unga und der Vampirin Rebecca in Richtung Lava stürzte. Ich fühlte die Hitze, die immer schlimmer wurde – und plötzlich ins Gegenteil umschlug. Der Eisatem der Ewigkeit wehte mich an. Mein Herz flatterte. Noch bevor ich Zeit hatte, viel Angst zu empfinden, landete ich in einem sonnigen Wald. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Nackt lag ich im Gras, hörte das Zwitschern der Vögel und glaubte zunächst zu träumen. Wo waren meine Kleider geblieben? Was war jetzt geschehen?

Mir fiel die Luft auf, die so völlig anders roch als die, die ich kannte. Frischer und sauberer. Als gebe es keine Fabriken und Autos, die mit ihren Abgasen alles verpesteten.

Ein absurder Gedanke kam mir.

»Ich werde doch nicht«, murmelte ich, »in einer anderen Zeit gelandet sein? Nein. Zicci hat mich bestimmt nur irgendwohin versetzt, wo es sehr ruhig ist. Der Verlust meiner Kleider muss anders zu erklären sein.«

Ich war nun wirklich nicht prüde. Doch in einer wildfremden Gegend ohne einen Faden am Leib dazustehen, war nicht nur eine Frage der Schamhaftigkeit für eine bildschöne Frau mit langen schwarzen Haaren und grünen Augen. Meine Figur konnte sich mit der jedes weiblichen Filmstars messen. Meine Brüste schienen mir immer zu groß für meinen schlanken Körper zu sein. Doch Dorian Hunter gefielen sie sehr und hatten auch jeden anderen Mann begeistert, den ich vor ihm kannte. Mein Hinterteil brauchte ich auch nicht zu verstecken. Während ich noch überlegte, wo ich etwas zum Anziehen finden sollte, hörte ich plötzlich Rufe.

»Holla, siehst du die Metze?«

»Was für ein Rasseweib!«

Sofort wirbelte ich herum. Ich war nach der Reise noch desorientiert und hatte nicht gehört, wie sich zwei Reiter näherten. Ich staunte, denn es handelte sich um zwei Männer in der Kleidung von Söldnern der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Sie gafften mich großäugig an. Sie trugen Helm, Pluderhose und Wams, hohe Reitstiefel, zwei schwere Sattelpistolen und den Degen an der Seite. Sie waren schnurr- und spitzbärtig, wilde Gesellen auf kräftigen, gut genährten Pferden.

Ich bedeckte meine Blößen, so gut ich konnte, und fragte mich, wo ich da hineingeraten war. Wurde hier etwa ein Film gedreht, dass die zwei Kerle derart ausstaffiert durch die Gegend ritten? Eine schlimme Ahnung überkam mich. Die Reiter trabten durchs Unterholz näher.

»Heda, Mädchen, hast du deinen Liebhaber in der Nähe?«, fragte der eine Reiter derb lachend. Er sprach ein altertümliches Deutsch. Wenn er ein Schauspieler war, lebte er sich intensiv in die Rolle ein. »Oder bist du gar eine Hex', dass du nackt umeinanderspringst?«

Der zweite Reiter sprach mit kroatischem Akzent.

»Wenn sie ein' Liebsten hat, wollen wir rasch die Arbeit zu End bringen, die er versäumt.«

Ich versuchte, die beiden zu hypnotisieren. Doch ich konnte keine meiner Hexenfähigkeiten anwenden. Die Reise musste mich zu sehr ausgelaugt haben. Wer wusste, wie lange es dauerte, bis ich meine Fähigkeiten zurückgewann? Die beiden Reiter stiegen vom Pferd. Jetzt standen sie vor mir.

»Wo bin ich?«, fragte ich.

»Sie ist fürwahr eine Hex'«, sprach der Kroate. »Hat sich mit Hexensalbe eingerieben, dass sie nicht mehr weiß, ob sie ist Männlein oder Weiblein.«

»Das werden wir ihr schnell beibringen, Mirko!«, rief der erste Reiter lachend. Komm her, du Hex', auf so eine Schönheit habe ich schon lange gewartet!«

Die Männer näherten sich mir mit funkelnden Augen. Ich senkte die Hände. Mirko und Rübenhans – so nannte der Kroate seinen Kumpan – blieben stehen, von meiner Schönheit überwältigt. Jetzt hatte ich sie doch gebannt, wenn auch ohne Zauberkraft und nur für Augenblicke.

»Ich habe eine Frage gestellt. Wo befinde ich mich? In welcher Gegend?«

»Am Bodensee natürlich«, antwortete Rübenhans. »Weißt du das wirklich nicht? In Schwaben.«

»Wer seid ihr?«

»Wir sind Landsknechte des Kaisers und kämpfen für das Heilige Römische Reich. Wir schlagen alle Hundsfötter, Schockschwerenote und Protestanten mausetot, wenn sie aufmucken.«

Das war eine wenig schöne Einstellung, fand ich.

»Welches Jahr schreiben wir?«

»Anno Domini 1629, im Spätsommer«, antwortete jetzt der Kroate. Ich glaubte es kaum.

»Genug geredet!«

Als er mich anfassen wollte, versetzte ich ihm einen Handkantenschlag. Der Reiter röchelte und lief blau an im Gesicht. Rübenhans stürzte sich auf mich. Wir rangen miteinander. Obwohl ich mich lieber auf meine Hexenfähigkeiten verließ, war ich körperlich durchtrainiert und beherrschte die waffenlose Selbstverteidigung genauso wie das Reiten, Schießen und Fechten. Aber Rübenhans war stark wie ein Ochse. Weil ich mich meiner Haut wehren musste, hatte ich keine Zeit, über das mir Gesagte nachzudenken. Kummer, Verzweiflung, Verwirrung, Angst und Sorge, all das konnte ich später empfinden. Wütend zog ich dem Söldner die Fingernägel durchs Gesicht. Rübenhans schrie auf.

»Ha, Weibsbild, das sollst du mir büßen! Einen Kaiserlichen Reiter weist man nicht ab.«

Wüste Schimpfwörter folgten. Rübenhans packte mich bei der Gurgel und schüttelte mich. Röchelnd rang ich nach Luft. Der Handrücken des Söldners traf mich, und ich stürzte nieder. Wenigstes würgte er mich jetzt nicht mehr. Während ich röchelnd nach Luft schnappte, nestelte Rübenhans an seinem Gürtel herum. Er ließ seine Hosen herunter. Mit einem gierigen Aufschrei wollte er sich auf mich werfen. Sein Glied stand empor. Im letzten Moment rollte ich zur Seite. Der Söldner fiel auf die harte Erde anstatt auf einen weichen, willfährigen Frauenkörper. Er fluchte wüst und gebrauchte üble Schimpfworte. Ich sprang auf, lief zu den Pferden – und fiel hin, weil Mirko, der sich von meinem Handkantenschlag erholt hatte, mir ein Bein stellte. Im nächsten Moment sah ich des schwarzhaarigen Mirkos Degenklinge vor meinen Augen funkeln.

»Jetzt ist genug herumgetändelt, Hex'!« Funken der Wut sprühten in seinen Augen. »Lass die Possen, dann kommst du mit einer Tracht Prügel davon, und wir haben unseren Spaß. Oder kannst du es nur mit Asmodi treiben?«

Der Name des Fürsten der Finsternis war in der Zeit geläufig.

Blitzschnell schlug ich die Degenklinge weg. Dabei verletzte ich mich leicht an der Hand, sprang auf und lief davon. Die Söldner verfolgten mich und riefen hinter mir her. Nachdem ich splitternackt eine Weile durch den sonnigen Wald gerannt war, stand ich plötzlich vor einem Söldnerlager mit Kanonen, Zelten, Trosswagen und buntem Getümmel. Ich blieb stehen und blickte mich gehetzt um.

»Ha!«, kreischte eine blatternarbige Dirne, die an einem der Feuer kochte, und deutete auf mich.

Sofort sprangen mehrere Männer auf. Sie hatten teils faul im Schatten gelegen, teils gewürfelt. Jetzt näherten sie sich mir. Hinter mir erschienen Mirko und Rübenhans mit seinem zerkratzten Gesicht, schnaufend und wütend. Gegen die vielen Männer hätte ich keine Chance gehabt. Doch ein wüster Streit erhob sich um mich. Ich stellte mich mit dem Rücken zu einer Buche. Meine Reize betörten die Söldner, und fast hätte es meinetwegen Mord und Totschlag gegeben.

»Uns gehört sie!«, schrie Rübenhans mit hochrotem Kopf. »Wir haben sie eingefangen! So ist das Kriegsrecht!«

»Wenn du eine Forelle im Fluss greifen willst, sie schlüpft dir durch die Finger, ein anderer erwischt sie, so ist sie sein«, erwiderte ein langer Kerl mit breitkrempigem Hut und anmaßendem Wesen. Er hielt Rübenhans und Mirko seine Radschlosspistolen unter die Nase. »Schleicht euch, ihr Gartbrüder, oder ich brenn euch eins auf! Ich nehme sie mit in mein Zelt, und dann könnt ihr um sie würfeln.«

Ich begriff, wo ich hier hineingeraten war. Der seit 1618 dauernde Krieg hatte die Sitten derart verrohen lassen, dass ein Menschenleben oft weniger Wert als einen Kreuzer besaß. Die zuchtlosen Landsknechte, denen ich da in die Hände gefallen war, meinten es ernst.

»Dass dich der Donner und der Hagel miteinander erschlagen, Isidor Blagender, du Hundsfott von einem Soldaten! Hast schon zwei Dirnen bei dir und willst die auch noch. Nie! Eher haue ich dich in Stücke!«

»Heb nur den Arm und es kracht, Rübenzähler!«

Unter den Söldnern waren Streitigkeiten an der Tagesordnung, die man meist auf blutige Weise austrug. Auch drakonische Strafen verhinderten das nicht. Man schlug sich nicht nur mit dem Feind die Köpfe ein. Es gab ein Geplärr und Hin und Her. Doch noch hatten die Waffen nicht gesprochen. Gaffer und Trossbuben liefen hinzu.

»Was ist hier los?«, ertönte da eine autoritäre Stimme. »Potzblitz und Sapperment!«

Die Flüche hatten im Dreißigjährigen Krieg eine Hochkultur. Wer nicht mindestens in sieben Sprachen fluchen konnte, der war kein Landsknecht. Die Streithähne wichen auseinander. Ein streng dreinschauender Mann mit gerötetem Gesicht und Halskrause ritt heran. Er war auch besser gekleidet als die gemeinen Söldner.

»Der Profoss«, hörte ich tuscheln.

Ich hatte eine Respektsperson vor mir. Der Profoss war der Zuchtmeister des Regiments. Ihm oblag die Vollstreckung von Strafen, wofür er allerdings seine Gehilfen hatte – und er konnte auch welche verhängen.

»Sie sind sich wegen der Tatern da in die Haare geraten, Meister Carlo«, meldete ein am Rande Stehender. »Rübenhans und der Isidor Blagender wollten sich schlagen.«

»Ich bin keine Tatern!«, begehrte ich auf. Tatern war ein altertümliches Wort für eine Zigeunerin. »Die beiden, Mirko und Rübenhans, haben mich im Wald entdeckt, mir die Kleider vom Leib gerissen und mich angefallen wie wilde Tiere. Ist das die Sitte in Tillys Heer? Ich will sofort zum kommandierenden Offizier gebracht werden!«

»Sie ist nackig im Wald gewesen!«, rief Mirko und hob die Schwurhand. »Bei meiner Seel! Sie ist eine Hex', sage ich!«

»Pah!«, rief ich mit erhobenem Kinn. »Gib mir ein Wams, Profoss, damit ich mich bekleiden kann. Ihr solltet euch schämen!«

Der Profoss runzelte die Stirn. Mein selbstsicherer Ton verwirrte ihn. Er kratzte sich hinterm Ohr und entschied, dass er den Fall weiterleiten müsse. Ob meine Aussage nun stimmte oder die der beiden, konnte und wollte der Profoss nicht nachprüfen.

»Du möchtest sie selber gern haben, Carlo«, rief ein dickes Weib aus einem der Zelte. »Bei so einer Schönheit juckt es selbst dich alten Stockfisch.«

»Halt dein Maul, Berta, oder ich lasse dich auspeitschen und ums Lager jagen!«, fuhr der Profoss sie an. »Du da, gib ihr dein Wams! Wie heißt du, Weibsbild?«

»Coco Zamis – und ich bin nicht dein Weibsbild.« Ich zog mir das Wams über. Es reichte mir bis knapp auf die Schenkel und stank so sehr nach Schweiß, dass ich die Nase rümpfte. »Ich stamme aus einer vornehmen Wiener Familie.«

Das sagte ich absichtlich. In Wien war der Hof des Kaisers, dessen erfolgreichster Feldherr neben Wallenstein Tilly war. Kaiser Ferdinand II., der Herr des Heiligen Römischen Reiches, stand auf dem Höhepunkt seiner Macht. Man sollte ruhig glauben, dass ich zum Kaiserlichen Hof Beziehungen hätte. Ich musste mich mit Schlauheit und List über die Runden bringen, bis meine magischen Kräfte wieder vorhanden waren.

»Wien ist weit«, murmelte ein Zuhörer. »Hier befiehlt Hauptmann Czersky.«

Zu dem brachte man mich. Anton von Czersky, ein narbengesichtiger Haudegen, hatte das größte Zelt in der Mitte des Lagers. Er saß unter einem Vordach und schimpfte gerade mit dem Regimentsschreiber. Eine rassige Brünette mit drallen Hüften, eine der beiden Dirnen des Hauptmanns, stand aufgeputzt dabei. Das Wort Dirne galt zu der Zeit als ein allgemein gebräuchlicher Ausdruck für ein nicht angetrautes Landsknechtsliebchen ohne abschätzigen Beiklang.

»Hundsfott!«, brüllte Czersky den Schreiber an. »Das soll man lesen können? Eine Sauklaue hast du, du Stümper! Das ist falsch geschrieben, völlig falsch! Und da ist ein Klecks! Hier noch einer. Und ein Fettfleck! So soll ich meine Befehle gegenüber dem Oberkommando nachweisen? Man sollte dich vierteilen.«

»Den Fettfleck habt Ihr selber verursacht, Herr Hauptmann, als Ihr den Erlass anfasstet!«

»Was, du widersprichst mir auch noch, Hundskreatur? Da hast du und da. Hier!«

Der cholerische Hauptmann schlug dem Schreiber seine Stulpenhandschuhe ins Gesicht. Dann bemerkte er die Ankommenden. An mir blieb sein Blick haften. Freilich sah er nicht alle Tage eine so bildschöne Frau, nur mit einem Landsknechtswams bekleidet.

»Was ist jetzt wieder? Was hatte der Tumult vorhin zu bedeuten, Meister Carlo?«

Der Profoss berichtete mit dürren Worten, was er vorgefunden hatte. Die Kontrahenten unter den Söldnern vertraten jeweils leidenschaftlich ihren Standpunkt.

»Ruhe!«, schnauzte Czersky. Er ging um mich herum und betrachtete mich, wie jemand ein Pferd abschätzt. Er tätschelte meinen Hintern. Am liebsten hätte ich Czersky dafür eine schallende Ohrfeige versetzt. Doch ich unterließ es, es wäre mir übel bekommen. »Du bist also eine Zamis aus Wien?«

»Ja. Kennt Ihr meine Familie? Melchior Zamis ist kaiserlicher Rat.«

Leider hatte ich keine Ahnung, ob mein Vorfahr Melchior aus der Hexersippe der Zamis tatsächlich um die Zeit gelebt und was er da getrieben hatte. Es wäre prekär für mich gewesen, tatsächlich auf einen Zamis jener Zeit zu treffen. Aber die Gefahr war gering. Die Zamis-Sippe war zu der Zeit noch gar nicht in Wien aufgetaucht. Ich bluffte.

»Der Kaiser hat mehr Hofschranzen als ich Haare auf dem Kopf«, entgegnete Czersky barsch. »Was treibst du hier? Spionierst du etwa? Was bist du, eine gute Katholikin oder eine elende Ketzerin?«

Die Fürsten bestimmten über die Religion ihrer Untertanen. Katholiken und Protestanten bekriegten sich blutig. Nach den entscheidenden Erfolgen der Truppen der Katholischen Liga unter Johann Tserclaes Graf von Tilly und der kaiserlichen Armee des böhmischen Grafen Albrecht von Wallenstein, der auf eigene Kosten eine 20.000 Mann starke Armee aufgestellt und ausgerüstet hatte – dafür ernannte ihn Ferdinand II zum kaiserlichen Heerführer –, hatte der dänische König Christian IV kapitulieren müssen. Die Dänen hatten zugunsten der Protestanten 1625 in den Krieg eingegriffen und mussten sich im Frieden von Lübeck am 22.5.1629 zur Neutralität gegenüber den Vorgängen in Deutschland verpflichten. Eine Rekatholisierung aller seit 1552 von den Protestanten eingezogenen katholischen Güter war vorgesehen. Der Dänenkönig musste die niedersächsischen Bistümer abgeben. Im Moment triumphierten die Katholiken über die Protestanten. Aber es war schon abzusehen, dass es sich nur um eine Atempause handelte und der Große Krieg bald in die nächste Phase treten würde.

»Ich bin auf der Seite des Rechts und der Wahrheit«, antwortete ich auf die Frage des Hauptmanns. »Und des wahren Glaubens.«

Welchen ich damit meinte, sagte ich nicht. Czersky legte es günstig aus.

»Also auf unserer. Wir haben große Gefahren bestanden und uns ruhmreich geschlagen.«

So wild war es in der hiesigen Gegend jedoch noch nicht gewesen. Czersky und seine Soldaten waren als Ordnungsmacht aufgeboten, um das Ausbrechen von Unruhen zu verhindern. Czersky und seine Landsknechte schoben schon seit einiger Zeit eine ruhige Kugel am Bodensee.

»Der Fall ist entschieden«, sagte Czersky zu den Soldaten. »Coco Zamis wird in mein Zelt gebracht und bleibt unter Bewachung dort, bis ich sie eingehend befragt habe. Dann wird man weitersehen. Ihr Soldaten habt sie gefangen und hergebracht. Das war eure Pflicht. Jetzt ist sie in meiner Hand.«

Rübenhans, Mirko, Isidor Blagender und die andern murrten zwar, mussten sich aber fügen. Ich aber wusste genau, was der Hauptmann wollte, nämlich mich. Und wenn ich mich ihm nicht fügte, konnte er mich jederzeit seinen Soldaten ausliefern oder als Spionin hinrichten lassen.

Der Profoss führte mich zu seinem Zelt. Die brünette Dirne schaute mich mit wütend funkelnden Augen an und folgte uns. Sie hieß Barbara Mohr, wie ich noch erfahren sollte. Sie war eifersüchtig und witterte in mir eine Rivalin. Zwar hatte sie schon eine in der hübschen, zierlichen Luisa Stratti, aber mit ihr konnte sie leben und sich die Gunst des Hauptmanns teilen. Ob sie es mit einer dritten auch so würden halten können, bezweifelten beide.

Kaum im Zelt, sah ich mich den beiden wütenden Dirnen gegenüber. »Du!«, fauchte die schwarzhaarige Luisa. »Ich zerkratze dir so das Gesicht, dass dich nicht mal bei Nacht mehr einer anschaut!«

»Dir reiße ich die Haare aus!«, drohte Barbara. »Siehst du das Messer in meiner Hand? Du hast zwei Möglichkeiten. Entweder ich schneide damit einen Schlitz in die Rückwand des Zeltes und du verschwindest auf der Stelle, oder ich stoße es dir in den Leib – du kannst wählen!«

 

Gegenwart, Elfenhof, Island, Dorian Hunter

»Meine Mama wird nie, nie mehr wiederkommen!«, jammerte Martin. »Ich spüre ihre Gedanken nicht mehr! Sie ist tot!«

Tränen liefen ihm übers Gesicht. Tirso Aranaz, der blauhäutige Zyklopenjunge, war knapp sechs, Martin fast vier Jahre alt. Tirso, groß und kräftig wie ein Zehnjähriger, im Gegensatz zu dem körperlich normal entwickelten Martin, wurde von seiner Trauer angesteckt.

»Ist Coco wirklich tot?«, fragte er Dorian.

Seit einigen Tagen hielt sich der Dämonenkiller nun in Island auf. Zuerst hatte er geglaubt, Coco habe es lediglich in eine andere Ecke der Welt verschlagen, und sie würde sich dann schon wieder melden und zu ihm und Martin gelangen. Aber hätte sie dann nicht längst von sich hören lassen? Er versuchte sich mit dem Gedanken zu trösten, dass sie einfach noch nicht angekommen war. Immerhin hatte Zicci ihn und Unga auch nicht in die gleiche Zeit gerettet. Dennoch versetzte ihm Martins Bemerkung einen Stich. Der Dämonenkiller hatte Angst um seine Lebensgefährtin.

»Dummes Zeug«, sagte er unwirsch. »Coco ist natürlich nicht tot. Sie wird bald wieder bei uns sein.«

Martin schluchzte immer noch.

»Aber ich empfange Mamas Gedanken doch nicht mehr«, schniefte er.

Coco und ihr Sohn standen in einer telepathischen Verbindung, die allerdings nicht konstant war. Einer konnte spüren, wie es dem anderen ging. Manchmal vermochten sie sogar Botschaften auszutauschen. Auf den Punkt berief sich Dorian jetzt.

»Du hast momentan keine Verbindung zu deiner Mutter. Das war schon oft der Fall. Kein Grund zur Verzweiflung, Junior.«

Er fuhr Martin über die schwarzen Haare. Martin schöpfte Hoffnung. Schließlich wollte er glauben, was sein Vater sagte. Dorian stellte für ihn, nach anfänglichem Misstrauen, hervorgerufen durch das Gesichtsstigma des Dämons Srasham, das ja mittlerweile entfernt werden konnte, inzwischen eine wichtige Autoritätsperson dar. Dorian war froh darüber. Er warf sich mitunter vor, ein schlechter Vater zu sein, weil er seinem Sohn nicht mehr Zeit widmen und ihm kein normales Familienleben bieten konnte. Aber dafür war er nun einmal der Dämonenkiller. Ein beschauliches Glück kam für ihn nicht infrage. Die Schwarze Familie hätte es niemals zugelassen. Seit er als Baron Nicolas de Conde 1484 mit Asmodi I. den Pakt geschlossen hatte, war er immer wiedergeboren worden, bis ihm Asmodi II. vor wenigen Jahren auf Haiti durch eine Beschwörung die Reinkarnation raubte. In sämtlichen Leben hatte Dorian Hunter mit den Mächten der Finsternis zu schaffen gehabt. Jetzt hatte er, wie jeder Mensch, nur noch ein Leben zu verlieren. Die Last der Ewigkeit lastete nicht mehr auf seinen Schultern. Das war einerseits gut und andererseits schlecht.

Sie saßen zu dritt um den Küchentisch, wo sie gerade Karten gespielt hatten, als Martin zu weinen begonnen hatte.

Reena, Ungas indische Freundin, trat ein. Sie war einen Meter siebzig groß und hatte langes schwarzes Haar. Sie trug ein modisches Wollkleid – es war kühl auf Island – und es fiel ihr immer noch schwer, nach der heißen Sonne ihrer indischen Heimat und deren Leben und Buntheit auf dem nordischen, stillen Island heimisch zu werden. Ohne Unga wäre Reena längst abgereist.

»Was ist denn los?«, fragte sie Martin. »Warum weinst du?«

»Nichts«, schniefte er. »Geht schon wieder.«

Dorian wusste, dass sie die letzten Stunden an Ungas Bett gesessen hatte. Sie war voller Sorge. Eigentlich hatte der Cro-Magnon eine wahre Rossnatur. Selbst Infektionen und Seuchen, die andere ins Sterbebett geworfen hätten, beeinträchtigten ihn kaum. Hermes Trismegistos, der ihn in die Jetztzeit herübergeholt hatte als seinen Wächter, hatte ihn immunisiert. Umso beunruhigender war es, dass ihn nun doch etwas auf die Bretter gezwungen hatte.

»Wie geht es Unga heute?«, fragte Dorian.

»Nicht gut. Ich weiß nicht recht«, antwortete Reena traurig. »Aber ich glaube, es hängt mit Rebecca zusammen.«

Das gefiel Dorian überhaupt nicht. Instinktiv dachte er an den Zauber, den sie in der Caldera eines erloschenen Vulkans auf Unga gelegt hatte. »Ich will ihn sofort sehen«, sagte Dorian.

Jetzt liefen Don Chapman und Dula herbei. Sie waren beide gerade einen Fuß groß. Chapman, dem früheren Frauenhelden, hatte sein Schrumpfungsprozess arg zugesetzt. Ohne das Alraunenmädchen Dula wäre er vielleicht vor die Hunde gegangen.

Martin jubelte, und auch Tirso strahlte. Die Kinder hatten die zwei Puppenmenschen besonders gern und konnten herrlich mit ihnen spielen. Don und Dula mussten nur aufpassen, dass ihnen die beiden in ihrer Begeisterung nicht die Knochen zerbrachen.

Während Reena und Dula sich um Martin und Tirso kümmerten, die beide vor Müdigkeit fast umfielen, suchten Dorian und Don den in der Kammer liegenden Unga auf. Mit seinen zwei Metern brauchte der schwarzhaarige Cro-Magnon ein übergroßes Bett. Ungas Gesichtszüge waren keineswegs primitiv, sondern ausgesprochen edel und wie gemeißelt. Er hatte tiefblaue Augen. Seine Natur war jedoch wild. Unter der dünnen Tünche schlummerte immer noch der Cro-Magnon und konnte sich jäh regen. Unga besaß die Kräfte eines Gorillas und strotzte von Muskeln. Er war jedoch ein kluger Kopf, tapfer und treu.

Jetzt sah er matt und krank aus.

»Dorian«, stöhnte er.

»Wie geht es dir?«

»Bescheiden, wie du siehst. Gibt es etwas Neues von Coco?«

»Leider nicht.«

»Und im Castillo Basajaun?«

»Ich habe länger nicht mehr dort angerufen. Abi ist im Augenblick nicht gut auf mich zu sprechen.«

»Hast du es schon in London bei Trevor Sullivan probiert? Vielleicht ist Coco dort aufgetaucht?«

»Sie hätte sich doch sofort gemeldet. Aber ja, ich habe in London angerufen. Dort ist alles beim Alten. Doch Phillip gebärdet sich auch da wie verrückt. In London hat sich sein Zustand nicht wesentlich gebessert.« Natürlich hatte Abi Flindt bei ihrem letzten Telefonat von den Aussetzern des Hermaphroditen berichtet. »Merkwürdig.« Dorian schüttelte den Kopf. Phillips Zustände bedeuteten immer etwas. »Jetzt aber zu dir. Was ist los?«

»Ich glaube, ich sterbe«, röchelte Unga. Er konnte sich nicht einmal aufsetzen. »Du bist gerade noch rechtzeitig eingetroffen, um von mir Abschied zu nehmen, Dorian. Zehntausendjahre habe ich überdauert. Jetzt schlägt mir die Stunde.«

»Alter Freund, nein!« Dorian fasste Unga bei der Hand.

Don Chapman war auf den Nachttisch gehüpft und schaute betreten drein.

»Es muss einen Weg geben, dich zu retten. Was fehlt dir denn bloß? Reena glaubt, dass ein Zusammenhang mit Rebecca besteht.«