Band 1  Mia legt los!
Band 2  Mia und das Mädchen vom anderen Stern
Band 3  Mia und der Traumprinz für Omi
Band 4  Mia und das Liebeskuddelmuddel
Band 5  Mia und der Großstadtdschungel
Band 6  Mia und das Schwesterndings

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Copyright deutsche Erstausgabe © by Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2011
Digitale Ausgabe © by Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2013
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.
Umschlagillustration: Dagmar Henze
Typografie Umschlag: Gerhard Schröder
E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-646-92566-1

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Pickel, Fischstäbchen und Hormone

Es ist ein pieselig-nasser Morgen, im Vorraum der Schultoilette mieft es nach Eintopf, und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, schreiben wir gleich auch noch Englisch.

„Pfui Spinne, ein Pickel!“ Jette steht dicht vorm Spiegel und tastet Millimeter für Millimeter ihr Gesicht ab. „Mia, guck mal!“

„Quatsch, wo denn?“

Sofern meine Augen nicht auf einen Schlag um 65,5 Jahre gealtert sind, ist meine beste Freundin schön wie eh und je. Blond, mit blank geputzter Brille und süßem Mausezähnchen-Lächeln, in das sich sämtliche Ballettlehrerinnen, Mamis und Eisverkäufer – besonders die italienischen mit den Glutaugen – zuverlässig verknallen.

„Na, hier.“ Jette schnellt zurück und deutet auf einen klitzekleinen roten Punkt in ihrem Mundwinkel.Eigentlich brauchte man eine Lupe, um überhaupt irgendetwas zu erkennen.

„Das ist doch nur ein klitzekleiner roter Punkt“, meint Leonie, als habe sie meine Gedanken gelesen, und wischt den feuchten Fleck vom Spiegel, den Jettes Atem dort zurückgelassen hat.

„Bist du blind? Da ist ein dicker, fetter Pickel, der mich total entstellt!“, jault Jette auf.

„Weißt du eigentlich gar nicht, dass Eitelkeit mit richtig fiesen Beulen bestraft wird?“, zieht Leonie sie auf und zwickt sie in die Taille.

„Dann pass du mal auf, dass dir keine Teufelshörner wachsen“, gibt Jette eingeschnappt zurück.

Hoffentlich kriegen sich die beiden jetzt nicht wieder in die Haare. So gern sie sich im Grunde ihres Herzens haben, nutzen sie doch jede Möglichkeit, um sich zu kabbeln. Keine Ahnung, warum das so ist. Ich mag es nicht, wenn sie sich streiten, und schon gar nicht wenige Minuten vor einer Englischarbeit.

„Stell dich nicht so an“, sagt Leonie ernst. „Dein kleiner Mini-Pickel ist nun wirklich nicht der Rede wert.“

„Sagt ausgerechnet eine, die immer noch mit einem Babyface herumläuft! Du hast ja keinen Schimmer, wie das ist, wenn man völlig entstellt …“ Jette hält mitten im Satz inne. Gerade ist meine Banknachbarin Streber-Christi hereingeplatzt.

„Wenn man was?“, hakt Leonie nach, während sie ihre Knutschlippen mit Fettstift einschmiert.

„Wie es ist, ein armes Waisenkind zu sein, das die ersten vier Jahre in einem Kinderheim auf einer sibirischen Halbinsel zugebracht hat, wo es immer nur rohen Fisch und Lebertran zu essen gab“, sagt Jette jetzt so laut, dass es alle, aber auch wirklich alle hören können. „Stellt euch bloß vor. Nie Bananenchips! Nie Mango! Nicht mal Schokoriegel mit Cranberrys gab es da!“

Streber-Christis Augenbrauen rutschen in die Höhe. „Bananenchips, Mango, Cranberrys … Sag mal, spinnst du? Wer von uns futtert denn so was? Und seit wann bist du überhaupt ein Waisenkind?“ Sie klickt ihr Handtäschchen auf und kramt eine Drahtbürste hervor. Seit neuestem kämmt sie sich alle naselang ihre schulterlangen braunen Haare. In den großen Pausen im Waschraum, in den kleinen an ihrem Platz im Klassenzimmer. Dabei fallen ihr ständig ein paar Fusselhaare aus, die dann entweder auf meine Schulhefte oder auf meine Bücher wehen. Weil ich das ziemlich eklig finde, puste ich sie jedes Mal zu ihr zurück.

„Wirklich wahr? Du isst nie Cranberrys?“, ruft Jette so entsetzt aus, als würden ihre Apotheken-Eltern sie von morgens bis abends damit füttern.

„Nö, stell dir vor, mir reichen Äpfel. Die sind auch lecker und genauso gesund.“ Christi steckt die Bürste weg und lässt den Verschluss ihres Handtäschchens wieder zuschnappen. „Schlau machen sie übrigens auch noch.“

Bevor Jette auch nur Piep sagen kann, ist Christi schon nach draußen gehuscht. Stimmt, sie ist irre schlau. Ob das an den Äpfeln liegt?

„So eine Ziege!“ Jette zieht ein Papiertuch aus dem Spender und schnäuzt sich trompetend. „Will sie damit etwa sagen, dass ich ein bisschen plemplem bin?“

„Bestimmt nicht“, schalte ich mich ein. „Aber du bist ja auch selbst schuld. Wieso erzählst du so einen Unsinn? Waisenkind … Lebertran … Und wie kommst du überhaupt auf diese komische Halbinsel?“

„Ich bin eben gebildet“, brummt Jette und macht sich wieder an ihrem unsichtbaren Pickel zu schaffen. „Christi schreibt doch gleich sowieso wieder eine Eins und ich … Ich kann mich wegen der doofen Beule hier nicht richtig konzentrieren. Das ist so was von ungerecht!“

„Ungerecht ist höchstens, dass Christi mit dem Streber-Gen zur Welt gekommen ist“, verteidige ich meine Banknachbarin, obwohl wir nicht gerade die besten Freundinnen sind. Als ich anfangs neben ihr sitzen musste, fand ich sie einfach nur schrecklich. Weil sie sich ständig zu Wort meldet und bei den Lehrern auf lieb Kind macht. Inzwischen muss ich aber zugeben, dass sie nicht nur eine Streberin ist, sondern auch ihre netten Seiten hat. Ab und zu lässt sie mich abschreiben, und wenn ich richtig auf dem Schlauch stehe, sagt sie mir sogar vor.

„Trotzdem“, murmelt Jette. „Ich bin lieber strunzblöd als eine Christi Nummer zwei.“

Es klingelt zum Unterricht. Zwei geschminkte Tussis, von einer üblen Geruchsmischung aus Zigarettenrauch und kaugummisüßem Parfüm umweht, kommen kichernd aus den Kabinen.

„Strunzblöd bist du ganz bestimmt nicht.“ Ich ziehe liebevoll an Jettes Zopf. „Außerdem … so als Eskimo-Mädchen, das nur mit Lebertran aufgewachsen ist, müsste dein Hirn doch wie geschmiert laufen.“

Jette nickt. Und schüttelt den Kopf. Dann wackelt sie mit dem Kinn auf und ab, als wäre sie ein batteriebetriebenes Spielzeug.

„Alles gut, Jette?“, erkundigt sich Leonie besorgt.

Statt zu antworten, formt Jette ihren Mund zu einem Entenschnabel und quakt so laut, dass die Tussis am Waschbecken entnervt zu uns rübergucken und etwas wie Babys! zischen.

Ich kann den Mädchen nur zustimmen. Jette ist in letzter Zeit wirklich ein bisschen komisch. Mal kichert sie minutenlang, als würden ihr unsichtbare Wesen Witze erzählen, mal ist sie stumm wie ein Fischstäbchen im Tiefkühlfach, dann wieder erzählt sie so wirre Dinge, dass nicht mal ein Mensch mit dem IQ von Albert Einstein ihre Gedankengänge begreifen würde. Laut Mami und Papi ist die Pubertät daran schuld. Weil die Hormone Karussell fahren. Manche regen sich dann über nicht vorhandene Pickel auf (wie Jette), andere knallen mit den Türen, auch wenn sie nicht den geringsten Anlass dazu haben (wie mein großer, schöner Bruder Lukas). Schade nur, dass Jette zur ersten Sorte gehört. Türenknallend wäre sie mir eindeutig lieber.

Schmetterlingsvignette

Als ich nach der Schule nach Hause komme, steht Papi am Herd und brutzelt Fischstäbchen mit Gemüse – hoffentlich ohne Lebertran und Cranberrys. Da er montags nur vier Stunden Unterricht hat (Papi ist Lehrer für Deutsch und Geschichte an meiner Schule), erledigt er danach den Großeinkauf für die Woche und übernimmt meistens auch noch den Kochdienst.

Mami sitzt schon am gedeckten Tisch. Mit der einen Hand hält sie sich ihr Schwangerschaftsbäuchlein, als könnte es sonst unter den Tisch kullern, mit der anderen Hand legt sie Wäsche zusammen.

„Na, Mia, wie war die Englischarbeit?“, erkundigt sie sich.

„Och, geht so.“

Papi grinst mich an. „Heißt das übersetzt, sie war eine mittelschwere Katastrophe?“

Ich schüttele langsam den Kopf. „Nö. Aber Jette meint, sie hat die Arbeit vergeigt.“

„Und du?“

„Keine Ahnung.“ Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine große Lust, über die Schule zu reden. Es reicht doch schon, dass ich eben sechs lange Stunden die Schulbank drücken musste und gleich Hausaufgaben vor mir habe. „Wie geht’s Josefinchen?“, wechsele ich das Thema.

„Gut!“ Mami strahlt mich so erwartungsvoll an, dass ich meine Hand auf ihren Bauch lege. Obwohl er noch nicht besonders dick ist, fühlt er sich prall wie ein Luftballon an, in den man aus Versehen zu viel Luft gepumpt hat. Nur mit dem Unterschied, dass in Mamis kleinem Luftballon keine Luft ist, sondern Fruchtwasser, und Josefinchen darin eine Art Wasserballett aufführt. Mami hat erst vor wenigen Tagen erfahren, dass es ein Mädchen wird (meine Schwester Nummer zwei), und mit meinem Vorschlag, das Wesen Josefine zu taufen, bin ich bei ihr offene Türen eingerannt.

Der Rest der Familie ist allerdings weniger begeistert. Meine kleine Schwester Lena meint, Josefine klingt viel zu sehr nach Josef, also nach einem Jungen, und das findet sie doof. Sie ist für Chantal, Lolita oder Loreley, was ich ziemlich doof finde (Achtung, Kitschalarm!). Lukas ist es völlig schnuppe, wie seine neue Schwester heißt – Hauptsache, sie nervt ihn nicht. Papi ist für Annegret, so wie seine längst tote Großtante hieß. Das wiederum findet Mami doof, weil Annegret ihrer Ansicht nach ein total altmodischer Name ist. Und Josefinchen soll ja nicht altmodisch werden. Nur Omi Olga hat sich aus der Namensdiskussion bisher rausgehalten. Was vielleicht nur gut so ist. Meine Omi hat zwar seit bestimmt zwanzig Jahren grau gesträhnte Haare, trotzdem denkt man manchmal, dass sie gerade erst dreizehn geworden ist. Sie trägt knallbunte Klamotten, liebt Bauchtanz und hat seit neuestem einen Freund, der etliche Jährchen jünger ist als sie. So wie ich Omi einschätze, würde sie sich niemals mit einem normalen Namen wie Mia oder Lena zufriedengeben, sondern etwas Ausgefallenes wie Sunshine oder Suzie-Woozie, vielleicht sogar Chickie-Chiquita vorschlagen. Das wiederum fände ich dann blöd.

„Kommt Omi heute eigentlich zum Essen?“, erkundige ich mich und stelle rasch noch Gläser und Wasser auf den Tisch.

Papi schüttelt den Kopf. „Sie wollte mit ihrem Freund nach Travemünde.“

„Die hat’s gut!“, seufze ich.

„Ja, das hat sie wirklich“, seufzt Mami hinterher. „Sie braucht nicht mehr zu arbeiten, geht ihren schönen Hobbys nach und hat auch noch einen taufrischen Liebhaber.“

„Neidisch?“ Papi grinst Mami verschmitzt an. „Weil dein Mann nicht mehr ganz so taufrisch ist?“

„Bingo!“, erwidert sie. Aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Erst neulich hat sie erzählt, dass Papi ihre große Liebe ist und auch immer bleiben wird. Das Einzige, was sie vielleicht an ihm nervt, sind seine ewigen Öko-Klamotten: schlabberige Cordhosen, karierte Hemden … Wenn man nicht aufpasst, trägt er sogar Sportsocken in Sandalen!

„So, fertig!“, verkündet er und hievt die heiße Pfanne auf den Tisch. „Auf Lukas und Lena brauchen wir ja nicht zu warten.“

„Wieso das denn nicht?“, will ich wissen. Montags essen wir eigentlich immer zusammen. Schon allein deswegen, weil wir alle zur selben Zeit Schulschluss haben.

„Lena ist bei Merle und Lukas wollte mit Thommi Sportschuhe …“

Bevor er den Satz zu Ende bringen kann, wird die Haustür aufgeschlossen.

„Mutter?“, ruft Papi. „Bist du das?“

„Nee, ich nur“, ertönt eine kratzige Jungenstimme, die verdächtig nach meinem Bruder klingt. Er ist zwar schön wie sieben Models auf einem Haufen, nur hat er leider Gottes die Stimmbänder eines Nilpferds in der Pubertät.

„Dann komm mal gleich essen!“

Dumm – dumm – dumm macht es auf dem Flur, als würde dort ein Elefantenbaby spazieren gehen, dann steckt Lukas seine Nasenspitze zur Tür herein.

„Hi.“ Seine Hand fliegt in die Luft. „Futtert mal alleine. Ich geh in mein Zimmer.“

„Was ist denn mit dir los?“, fragt Mami erschrocken.

„Nichts. Hab nur keinen Hunger.“

Peng – lässt er die Küchentür zufallen. Meine Eltern sehen sich ratlos an. Lukas hat immer Hunger. Selbst wenn er mit 39 Grad Fieber im Bett liegt, kann er noch halbe Lämmer, wagenradgroße Pizzas und riesige Tafeln Vollmilchschokolade verputzen.

„Was für eine Laus ist dem denn über die Leber gelaufen?“ Papis fragender Blick wandert zu mir.

„Woher soll ich das wissen?“, entgegne ich. „Bin ich etwa Hellseherin, Psychologin oder seine Mami?“

„Nicht so frech, Mia!“, ermahnt mich Mami. „Es könnte ja sein, dass er dir was gesagt hat.“

„Nein, hat er nicht.“ Ich knipse meine Schmetterlingsspange auf und wieder zu. „Lukas ist ein Junge. Und Jungs erzählen ihren Schwestern nichts. Nie. Das ist so was wie ein Naturgesetz.“

Mami schiebt ihren Stuhl ratschend nach hinten. „Ich glaub, ich seh mal nach ihm.“

„Vielleicht will er ja lieber mal einen Moment allein sein“, wendet Papi ein.

„Trotzdem muss er was in den Magen kriegen.“ Sie füllt ein paar Fischstäbchen und Gemüse auf einen Teller, dazu eine doppelte Portion Ketchup, dann watschelt sie im Schwangeren-Entengang aus der Küche.

„Wieso betütelt sie ihn eigentlich so, als hätte er noch Windeln an?“, frage ich und schiebe mir heißhungrig eine Gabel voll in den Mund. Papi ist ein eins a Fischstäbchen-Brater. Nur die Erbsen schmecken leider etwas angebrannt.

„Du kennst doch deine Mutter.“ Er grinst. „Aber bald hat sie ja ein echtes Baby zum Betüteln. Dann habt ihr endlich ein bisschen Ruhe vor ihr.“

Vielleicht sind wir dann auch komplett abgemeldet, denke ich. Auch wenn ich mich mittlerweile ziemlich auf das Baby freue, kann ich mir immer noch nicht vorstellen, wie alles mal werden soll. Ob Lena, Lukas und ich dann nur noch so was wie Statisten in unserer Familie sind, während Mami und Papi mit glänzenden Augen um Josefinchen herumtanzen?

Schmetterlingsvignette

Nach dem Mittagessen nutze ich die schwesternlose Zeit und setze mich gleich an die Hausaufgaben. Wenn Lena hinter dem Stoffvorhang, der unser Zimmer in zwei etwa gleich große Hälften teilt, gerade mal keinen Radau macht, flutschen sie besonders gut. Meine Schwester ist nämlich groß darin, andere Leute (sprich: mich) abzulenken. Ich weiß nicht, ob sie es mit Absicht tut, aber häufig summt sie, während sie ihre Schularbeiten macht, trommelt wie wahnsinnig auf die Tischplatte oder trällert uralte Kinderlieder von früher. Ich weiß genau, dass sie die CD noch heimlich hört. Das ist schlimmer als Folter.

Erst kurz vorm Abendessen – ich habe gerade meine Schmetterlingssammlung entstaubt und will mich aufs Bett lümmeln, um ein paar Zeilen in mein Tagebuch zu schreiben – platzt Lena herein. Wortlos verschwindet sie hinter dem Vorhang.

„He! Hallo, Schwester!“, rufe ich dem sich noch bauschenden Vorhang zu.

„Ja, auch hallo. Auch Schwester“, tönt es dumpf zurück, dann knistert, raschelt und poltert es nur noch.

„Lena, wo warst du eigentlich die ganze Zeit?“

„Geht dich das was an?“

„Lass mich mal raten. Du hast einen Liebhaber?“

Es kann nicht schaden, mein kleines Schwesterchen ein bisschen zu ärgern. Von Zeit zu Zeit ist es nämlich so rotzfrech, dass einem fast die Spucke wegbleibt.

„Einen Liebhaber? Zwei bis vier!“ Lena kichert schrill. „Und jetzt sei still. Ich muss mich konzentrieren.“

„Worauf denn?“, nerve ich sie weiter.

„Mia! Ich muss noch zwei Seiten Aufsatz schreiben.“

Ich grinse bloß in mich hinein. Wahrscheinlich ist Lena nun feuerrot im Gesicht und ärgert sich so fürchterlich über mich, wie ich mich immer über sie ärgere, wenn sie einen ihrer rotzigen Anfälle hat.

Einen Moment lang ist es still, dann höre ich es jenseits des Vorhangs klimpern. Kurz darauf fällt etwas zu Boden, kullert umher und rollt schließlich unter dem Vorhang hervor. Es ist eine 2-Euro-Münze. Eine zweite folgt bloß den Bruchteil einer Sekunde später, dann eine dritte.

„Hey! Woher hast du so viel Geld?“, will ich wissen, aber da hat meine Schwester bereits den Vorhang beiseitegeschlagen und sammelt hastig die Münzen auf.

„Schon mal was von Taschengeld gehört?“, fragt sie mürrisch.

„Hm, wart mal.“ Ich ziehe die Stirn so kraus, dass ich bestimmt wie Omi Olga aussehe. „Ist das nicht dieses Geld, das manche sofort in Eis und Gummibärchen umsetzen und von dem sie dann am Ende der Woche garantiert keinen Cent mehr übrig haben?“

„Ja, so ähnlich.“ Lena birgt die Münzen in ihrer rechten Hand. Die linke legt sie schützend darüber, als habe sie Angst, dass ich sie gleich überfallen und ausrauben könnte. „Und falls du es noch nicht gemerkt hast“, fährt sie fort, „heute ist Wochenanfang.“

„Mami gibt dir jetzt schon sechs Euro? Ich dachte, du kriegst zwei fünfzig.“

„Und tschüss. Schönen Abend noch. Schlaf gut“, erwidert Lena, dann entschwindet sie wieder in ihr kleines Reich und wechselt bis zum Abendbrot kein einziges Wort mehr mit mir.

Auch als wir später alle zusammen Vollkornbrot mit Käse, Schinken und Tomaten essen, tut sie, als wäre ich unsichtbar. Genauso mein Bruder Lukas.

Was ist nur mit den beiden los? Warum beachtet mich keiner?

Als hätte ich niemals wegen Josefinchen Zweifel gehabt, freue ich mich mit einem Mal riesig, bald ein zweites Schwesterchen zu kriegen. Mit ein bisschen Glück redet das zahnlose Wesen dann mit mir (oder grinst mich zumindest an) und behandelt mich nicht wie einen Pups im großen schwarzen Weltall.