Corvus, Robert Söldnergold

PIPER

PIPER

Diese Handlung dieser Novelle aus der Welt der »Schwertfeuer-Saga« ist angesiedelt zwischen den Band 1, »Rotes Gold«, und Band 2, »Weißes Gold«.

 

ISBN 978-3-492-97712-8

Januar 2017

© Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2017

Covergestaltung: www.buerosued.de

Covermotiv: www.buerosued.de/Stephanie Gauger

Datenkonvertierung: abavo GmbH, Buchloe

 

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten.

Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann

zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.

1. Söldner

Der Zweifel, ob er seine Kameraden besser in die Kneipen von Rorgator begleitet hätte, regte sich nur schwach in Gonter. Er bildete sich ein, Eivora noch auf sich zu spüren, obwohl ihr wilder Ritt schon vor einer Stunde zum Ende gekommen war. Seine Geliebte war jetzt in der Kaserne bei der Besprechung mit den anderen Kampfherren. Gonter hatte seinem Körper Zeit gelassen, in wohliger Erschöpfung abzukühlen. Aber ihr Feuer war noch in ihm, auch jetzt noch, hier draußen. Es schienen ihre Hände zu sein, nicht seine, die ihn berührten, als er die Tunika glatt strich. Eivora liebte es, über seinen kräftigen Brustkorb zu tasten, und ermahnte ihn, nur ja nicht zu sanft mit ihr umzugehen.

Er blieb stehen und atmete tief ein. Am Hang des Vulkans wurde es niemals kalt, und er roch den Staub in der Luft. Das Quartier des Sturmbanners war eine ehemalige Bergbausiedlung am Nordrand der Söldnermetropole. Im Westen stand die kalte Silberscheibe des Mondes, grau zernarbt wie das Gesicht eines alten Kriegers, der ein Leben in Stürmen und Feldlagern führte. Der Rauch aus den Kratern lag wie ein Schleier davor.

Die Söldner des Sturmbanners wohnten in flachen, eckigen Gebäuden, die sich um den runden Turm ihrer Anführerin gruppierten. Er hätte auch bei ihr schlafen können, aber er wollte als gewöhnlicher Krieger akzeptiert werden. In seinem alten Leben war er ein Prinz gewesen, dem jeder eine Sonderbehandlung hatte angedeihen lassen. Davon hatte er genug.

Ein Geräusch wie beständiger Nieselregen knisterte durch die Nacht. Es kam vom nächstgelegenen Berghang. Die Kräfte des Vulkans zerbrachen die schwarzen Steine und zermahlten sie, bis sie in Teppichen scharfkantiger Körner die Flanken herabrutschten.

Gonter setzte seinen Weg fort und betrat jenen Bau, in dem man ihm ein Zimmer zugewiesen hatte. Noch bevor er seine Kammer erreichte, hörte er ein Poltern im Obergeschoss. Kurz darauf stampfte jemand auf.

Gonters Misstrauen erwachte. Heute hatte der Zahlmeister den Sold ausgegeben, nahezu alle Kameraden waren unten in der Stadt.

Er fasste den Griff seines Schwerts und stieg vorsichtig die Holztreppe hinauf. Trotz seines Gewichts knackten die Stufen nur leise.

Die Geräusche hielten an. Jemand trat gegen Holz. »Soll sie einen Tag lang nicht mehr gehen können! Hat ihre verdammte Geilheit nicht im Griff!«

Das klang nicht nach einem Räuber, aber möglicherweise wurde ein Kamerad zusammengeschlagen? Vielleicht sogar einer, den eine Verwundung daran hinderte, in den Kneipen zu feiern?

Gonter gehörte zum Klingenrausch – irgendwie, und irgendwie auch noch nicht, denn er musste den Eid noch schwören. Das war keine bloße Formalität, auch die Kameraden sahen ihn noch nicht als Teil der Einheit.

Dennoch würde er verhindern, dass man einen von ihnen verprügelte. Er zog das Schwert eine Handbreit aus der Scheide, stieß es aber wieder zurück. Wenn es nur eine Schlägerei wäre, könnte eine blanke Klinge eine harmlose Auseinandersetzung zu einer ernsten Sache machen. Für alle Fälle behielt er die Hand am Griff.

Eine Tür flog auf, eine Söldnerin stampfte heraus. Sie trug eine Laterne, deren Schein die Metallringe ihrer Rüstung beleuchtete. Die Kette eines Morgensterns lag über ihrem Nacken, sodass auf der einen Seite die stachelbewehrte Kugel, auf der anderen der Stab herabhing.

Gonter setzte den linken Fuß zurück und senkte den Schwerpunkt in eine Kampfstellung ab. »Wer da?«, rief er.

Die Frau fasste gemächlich den Griff ihrer Waffe und hob die Lampe, damit die Helligkeit ihn erreichte.

Er schloss die Lider bis auf Schlitze, um nicht geblendet zu werden.

»Immer mit der Ruhe.« Die Stimme der Söldnerin rasselte ein wenig, sie hatte wohl Probleme mit der Lunge. »Du kennst mich, Prinz.«

Sie war einen Kopf kleiner als Gonter, aber recht groß für eine Frau. Die leicht nach vorn fallenden Schultern zeugten von langsam schwindender Kraft, das Haar war in einem Pferdeschwanz zusammengefasst, aber eine graue Strähne bewegte sich neben der linken Wange.

»Chanz?«, vermutete er. »Was machst du hier? Wieso bist du nicht mit den anderen in der Stadt?«

Sie schnaubte. »Weil ich Wache beim Blitzstein hatte. Und jetzt will ich noch eine weitere Pflicht hinter mich bringen. Eigentlich dachte ich, Porla würde mir helfen, aber auf manche Freundinnen ist eben kein Verlass.«

»Sie wird mit den anderen feiern, nehme ich an.«

»Unsinn! Sie lässt sich vom neuen Lustknaben im Purpurnen Gehänge durchrammeln. Im Feldlager hat sie von nichts anderem gesprochen. Soll sie von mir aus machen, ich werde ihn sicher auch noch ausprobieren, so, wie sie von seinen Fingern schwärmt. Aber wegen so etwas darf man nicht vergessen, dass man mit seiner Freundin verabredet ist!«

Die Unbefangenheit, mit der die weiblichen Söldner ihre Geschlechtlichkeit auslebten, war neu für Gonter. Dass Eivora diese Direktheit teilte, erregte ihn, verunsicherte ihn aber auch ein wenig.

Gonter begleitete Chanz die Treppe hinab. »Was hattet ihr denn vor?«

»Ein letzter Dienst für Leronn«, antwortete Chanz mürrisch.

Gonter erinnerte sich an den alten Kämpfer. Er war vor Ygôda gefallen, aber nicht gegen einen Feind, sondern in einem Duell. »War er dein Freund?«

Chanz blieb am Fuß der Treppe stehen und spie auf den Holzboden. »Ich konnte ihn nicht leiden. Er hat nie verstanden, wie man richtig mit einem Morgenstern kämpft.« Sie tippte an die Stachelkugel. »Seinetwegen musste ich die Kette kürzen, er hatte Angst, dass ich unsere eigenen Leute treffe, wenn ich aushole. Hat mir den ganzen Spaß verdorben. Aber ich bin ihm was schuldig. Leronn hat ein Wort für mich eingelegt, als ich die Rotte wechseln wollte. Dadurch konnte ich von Salvaya weg und zu Lostor.«

Sie wandte sich zum Gehen.

»Und jetzt kümmert ihr euch um Leronns Gebeine?«, rief er ihr hinterher.

Sie drehte sich wieder zu ihm. »Die sind verbrannt«, stellte sie klar. »Ich weiß ja nicht, wie man das gemacht hat, wenn jemand in deinem Palast den Geist aufgegeben hat, aber unsere Körper gehen ins Feuer, damit die Götter sie nicht finden.«

Rorgators Söldner standen mit Dämonen im Bunde. Im Jenseits erwartete sie nichts Gutes. Nur die Mächtigsten von ihnen versuchten, sich im Reich der Feuerherren eine bedeutende Stellung zu erstreiten, die anderen waren froh, wenn sie dem Vergessen anheimfielen.

»Es geht um seinen Enkel«, erklärte Chanz. »Ulano, einen Knaben von sieben Jahren. Der kriegt sein Erbe, auch den letzten Sold. Leronn war ein Fuchs, das muss ich ihm lassen. Hat seine Ersparnisse immer schön in Goldmünzen getauscht, damit man nicht das ganze Silber schleppen muss. Ich habe ihm versprochen, dem Knaben die Truhe zu bringen.«