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IMPRESSUM

Zurück in den Armen des Playboys erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 2012 by Harlequin Books S.A.
Originaltitel: „Fortune’s Unexpected Groom“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe COLLECTION BACCARA
Band 353 - 2015 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: Anja Mehrmann

Umschlagsmotive: Harlequin Books S.A.

Veröffentlicht im ePub Format in 02/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733776336

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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PROLOG

30. Dezember 2011

„Was hat deine Familie sich bloß dabei gedacht, bei diesem Sturm loszufliegen?“ Tanner Redmond schloss die Tür und sperrte das Unwetter aus.

Als er sich zu ihr umdrehte und sie mit einem zärtlichen Blick bedachte, ging Jordana Fortunes Puls schneller. Tanner hatte allen Grund, verärgert über sie zu sein. Stattdessen machte er einen mitfühlenden Eindruck, als er das Zimmer durchquerte und sich mit beiden Händen den Regen aus dem Gesicht wischte.

„Das habe ich mich selbst schon ein Dutzend Mal gefragt.“

Er setzte sich neben sie auf die abgewetzte Couch, das einzige Möbelstück in der baufälligen Jagdhütte, in der sie wegen des Sturms gezwungen gewesen waren, Unterschlupf zu suchen. Jetzt saß er so dicht bei ihr, dass sich ihre Beine fast berührten.

Fast.

Aber nicht ganz.

Jordana hielt den Atem an. Sie bekämpfte den natürlichen Reflex, wegzurücken, zurück auf sicheres Terrain. Sie hatte Tanner auf der Hochzeit ihrer Schwester kennengelernt und ihn gleich sympathisch gefunden. Später am Abend war er noch in ihrem Hotel vorbeigekommen, um sich von ihr zu verabschieden.

Sie hatte sich gefreut, ihn wiederzusehen.

Wegen des schlechten Wetters hatte sie es abgelehnt, ihre Eltern zum Flughafen zu begleiten, und überlegt, eine spätere Maschine von Red Rock zurück nach Atlanta zu nehmen, sobald sich der Sturm gelegt hatte. Sie hatte wegen des Sturms gleich ein ungutes Gefühl gehabt. Mehr als das. Sie war zu Tode erschrocken gewesen. Aber sie hatte ihre Pläne rasch umgeworfen, als Tanner im Hotel aufgetaucht war.

Es war schon lange her, dass sie wegen eines Mannes ihre Meinung geändert hatte. Er war auf dem Weg zu seiner Firma gewesen, der Redmond Flugschule, um sie auf den Sturm vorzubereiten. Sie hatte ihn gebeten, sie am Flughafen abzusetzen. Die Angst, bei einem Tornado zu fliegen, war wie weggeblasen gewesen. Es war nur noch darum gegangen, mehr Zeit mit Tanner zu verbringen.

Nun saßen sie in dieser Hütte fest. Allerdings hätten sie aufgrund ihres unbedachten Verhaltens bereits tot sein können. Tanner wäre längst in seiner Firma gewesen, wenn sie ihn nicht aufgehalten hätte, weil sie zurück auf ihr Zimmer gelaufen war, ihr Gepäck geholt und ausgecheckt hatte. Stattdessen hockte er in diesem Schuppen und sein Auto hing im Straßengraben, weil er einer umstürzenden Eiche ausgewichen war, die der Sturm entwurzelt hatte.

Warum hatte sie nicht auf ihr Bauchgefühl gehört und war im Hotel geblieben? Was war nur in sie gefahren?

Verstohlen schaute sie Tanner von der Seite an, betrachtete sein markantes Kinn, prägte sich seine männlichen Züge ein. Pulsierende Wärme schien sich in ihr auszubreiten.

Auf einmal erkannte sie ihr Problem: Sie war neunundzwanzig Jahre alt und immer noch Jungfrau. In dieser Nacht hätte sie sterben können und die Gefahr drohte nach wie vor, sollte es zu weiteren Tornados kommen. Ihre sorgfältige Planung, sich für den Einen aufzusparen, könnte genauso gut für nichts gewesen sein.

Hatte sie sich zurückgehalten, damit es so endete?

Plötzlich fühlte sie sich wie Dorothy aus der „Zauberer von Oz“. Ein Wirbelsturm hatte ihr Zuhause, ein Farmhaus, erfasst und es in das magische Land Oz getragen. In Gedanken sah sie die böse Hexe auf ihrem Besen vorbeifliegen, während die Jagdhütte in unbekannte Gegenden entschwand.

Sie würde als Jungfrau sterben. Jordana zitterte.

„Ist dir kalt?“, fragte Tanner.

Bevor sie antworten konnte, legte er ihr einen Arm um die Schultern und zog sie an sich. Gleich fühlte sie sich geborgen und sicher.

Er roch gut und sie schmiegte sich an seinen muskulösen Körper. Bedauerlich, dass sie schon morgen tot sein könnten. Erneut zitterte sie und kuschelte sich an ihn. Sie schloss die Augen und wünschte sich, unsichtbar zu werden, bis der Regen aufhörte und der Wind nicht mehr heulend um die Ecken fegte.

Jungfrau … ich werde als Jungfrau sterben.

„Du zitterst ja immer noch“, bemerkte er.

„Sag nichts. Halt mich einfach nur fest.“

Er nahm sie richtig in die Arme und ließ sie nicht mehr los. Sie legte den Kopf an seinen Hals und atmete seinen markanten und unwiderstehlichen Geruch ein.

Warum hielt sie an ihrem Vorsatz fest, wenn sie nicht als Jungfrau sterben wollte, wo sie doch in Tanner Redmonds Armen lag?

1. KAPITEL

20. April 2012

Tanner Redmond hatte bisher an den Grundsatz geglaubt, dass alles, was einen nicht tötete, einen härter machte. Die Tatsache, dass er nach allem, was er durchgemacht hatte, immer noch lebte, bewies, dass er hart im Nehmen war. Warum glaubte er dann, dass ein Kind sein Verderben bedeuten konnte?

Er parkte vor Jordana Fortunes Wohnung in Buckhead, einem Stadtteil von Atlanta, und blieb einen Augenblick im Wagen sitzen. Nur mühsam bezwang er die Wut, die in ihm brodelte, seit er vor weniger als vierundzwanzig Stunden mit ihr telefoniert hatte. Mit den Fingern trommelte er auf das Lenkrad. Hatte sie wirklich vorgehabt, ihm dieses Geheimnis vorzuenthalten? Woher nahm sie das Recht dazu?

Nachdem ihr Gespräch ohne Ergebnis geblieben war, hatte er sich sofort in ein Flugzeug von Red Rock nach Atlanta gesetzt. So leicht würde er sich nicht abspeisen lassen. Er würde ihr unmissverständlich klarmachen, dass er nicht davonlief.

Entschlossen löste er den Sicherheitsgurt und sprang aus dem Auto. Eiligen Schrittes legte er den Weg zur grünen Eingangstür des zweistöckigen, eleganten Backsteingebäudes zurück. Er ergriff den Messingtürklopfer und ließ ihn dreimal kräftig gegen die Tür fallen. Es war kurz vor sieben, noch früh am Morgen, sein Plan war, sie abzufangen, bevor sie zur Arbeit ging. Sie hatte keine Ahnung, dass er kam. Er hatte sie nicht vorgewarnt, um zu vermeiden, dass sie ihm auswich. Sie sollte sich dem Geheimnis stellen, das sie bereits seit vier Monaten vor ihm hatte.

Wenn ihm ihre Cousine Victoria nicht erzählt hätte, dass er Jordana dringend anrufen müsste, hätte er bis heute nicht gewusst, dass die Frau, die ihn nach einer Nacht abserviert hatte, mit seinem Kind schwanger war.

Als die Tür sich öffnete, wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Da stand eine verdammt hübsche Jordana und starrte ihn fassungslos an. Bei ihrem Anblick – ungeschminkt und mit nassem Haar – wusste er nicht, ob er sie küssen oder mit der Faust durch die Wand schlagen wollte.

Sie zog den Gürtel ihres Morgenmantels enger und verschränkte die Arme vor der Brust. Diese beschützende Geste lenkte seine Aufmerksamkeit auf ihren Bauch, der keine Anzeichen einer Schwangerschaft zeigte, was bei dem großen Bademantel, den sie trug, nicht verwunderlich war. Er verhüllte die Rundungen, die sich seit jener Nacht in der Jagdhütte in sein Gedächtnis gebrannt hatten. Langsam glitt sein Blick zurück auf ihr Gesicht.

Mit einem Mal wurde ihm klar, dass Jordana Fortune in einer völlig anderen Liga spielte. Ihre Eltern besaßen mehr Geld als die europäischen Königsfamilien, und allein schon ihr Auftreten, diese Mischung aus Anmut und unnachgiebiger Strenge, machte ihn sprachlos.

So wie in dem Moment, als sie sich mit einem Handschlag und einem nüchternen „Danke für alles“ nach der ersten und einzigen Nacht, in der sie miteinander geschlafen hatten, von ihm verabschiedet hatte. Das war in jener Nacht gewesen, als der Tornado Red Rock und Teile von San Antonio zerstört hatte.

Seitdem war nichts mehr wie vorher. Die Tatsache, dass er noch in diesem Jahr Vater werden würde, veränderte alles komplett. Es machte ihm Todesangst, da sein eigener Erzeuger in der Beziehung versagt hatte. Tanner schob diesen Gedanken in die hinterste Ecke seines Gedächtnisses, dorthin, wo er die vagen Erinnerungen an den Mann verstaut hatte, der einst sein Vater gewesen war. Er schwor sich, dass er immer zu seiner Familie stehen würde.

„Tanner! Was machst du denn hier?“

„Ist das eine ernsthafte Frage?“ Seine Stimme klang rau, er krächzte fast. „Du bist mit meinem Kind schwanger, Jordana. Ich wollte dein Gesicht sehen, wenn du mir erzählst, wie lange du das noch vor mir verheimlichen wolltest.“

Jordana seufzte tief. Vorsichtig schaute sie nach links und rechts. Er konnte nicht deuten, ob ihre Reaktion auf Resignation oder Furcht – wenn ja, wovor? – hinwies. Befürchtete sie, dass die Nachbarn ihr kleines Geheimnis entdeckten?

„Komm rein.“

Sie trat einen Schritt zur Seite und winkte ihn hinein. Er betrat den Parkettboden im Eingang und schaute sich in der teuer eingerichteten Wohnung um. Hohe Decken und Wände in kraftvollen Farben, an denen Gemälde hingen. Der Anblick erinnerte ihn an einen Schnappschuss aus einer dieser Einrichtungszeitschriften. Allmählich drang das erste Tageslicht durch die großen Fenster, die einen wuchtigen Kamin einrahmten. Einladend und elegant. So wie Jordana. Von der Kronprinzessin der Familie, der das erfolgreiche Unternehmen Fortune South gehörte, hatte er nichts anderes erwartet.

„Okay. Es tut mir leid, Tanner. Anscheinend hast du unser gestriges Gespräch missverstanden. Du hättest nicht kommen müssen.“

Sie schloss die Tür, ließ aber die Hand auf dem Türgriff, als nähme sie an, er würde nicht lange bleiben. „Du hast keinerlei Verpflichtungen gegenüber diesem Kind. Weder brauche ich noch möchte ich deine Hilfe. Ich dachte, das hätten wir geklärt.“

Ihre kühlen Worte waren wie ein Schlag ins Gesicht. „Ich bin nicht deinetwegen hier“, entgegnete er. „Ich bin wegen meines Kindes hier. Und ich habe vor, jeden seiner Schritte im Leben zu begleiten.“

Sie erblasste. „Seines Lebens?“ Mit der rechten Hand strich sie über ihren Bauch. „Woher weißt du, dass es ein Junge wird?“

„Das weiß ich nicht, aber ich habe vor, dabei zu sein, wenn wir das herausfinden, sowie bei jedem anderen Fortschritt im Leben unseres Kindes. An diesen Gedanken solltest du dich besser gewöhnen.“

Er selbst war nur von seiner Mutter großgezogen worden, die manchmal zwei Jobs gleichzeitig hatte, um ihnen ein Dach über dem Kopf und eine Mahlzeit auf dem Tisch zu sichern. Das hatte sie verdammt gut gemacht. Der Versager von einem Vater hatte nicht einen Cent Unterhalt gezahlt. Es war offensichtlich, dass Jordana seine finanzielle Unterstützung nicht brauchte, aber die Vorstellung, dass sie ihn bei der Erziehung des Kindes nicht dabeihaben wollte, traf ihn ins Mark. Sein eigener Vater hatte in seinem Leben und in dem seiner Geschwister durch Abwesenheit geglänzt, daher nannte er ihn nur den Samenspender. Soweit es ihn betraf, hatten Männer die Bezeichnung Vater oder Dad nur dann verdient, wenn sie ihre Rolle und die damit verbundene Verantwortung ernst nahmen. Er hatte sich immer geschworen, für seine Kinder da zu sein, sobald die Zeit für Kinder gekommen war.

So schnell hatte er allerdings nicht damit gerechnet. Seit er vor sieben Jahren die Air Force verlassen hatte, war er mit seiner Firma, der Redmond Flugschule, verheiratet. Obwohl er irgendwann, in ferner Zukunft, Kinder haben wollte, hatte er eine eigene Familie bisher nicht geplant. Die bescherte ihm nun der spontane und ungeschützte Sex mit Jordana, den sie in der Nacht des Wirbelsturms hatten, als sie Trost und Wärme in den Armen des anderen gefunden hatten. Eins hatte zum anderen geführt und … nun ja, wer spielt, der zahlt.

„Das ist der denkbar schlechteste Augenblick für diese Frage, das ist mir klar, aber hast du nicht verhütet, als wir …?“ Wie dumm von ihm. Das ging ihm auf, kaum dass er die Worte ausgesprochen hatte. Er sah die Bestätigung in ihrem Blick, in dem Traurigkeit und Niedergeschlagenheit aufblitzten. Sie zuckte die Achseln und führte ihn ins Wohnzimmer.

„Setz dich, Tanner. Ich brauche eine Tasse Tee, bevor ich mich um diese Uhrzeit mit dir befassen kann. Tee oder Kaffee?“

Er schaute sie an. Mit ihm befassen? „Kaffee. Aber momentan möchte ich keinen.“

Sie erwiderte seinen Blick. „Wie trinkst du ihn?“

„Ich will dir keine Umstände machen.“

„Ich koche eh welchen. Daher machst du mir weniger Umstände, wenn du einfach auf meine Frage antwortest.“

Die Frau war unglaublich dickköpfig. „Gut. Dann bitte schwarz.“ Zumindest würde er ihre Aufmerksamkeit für die Dauer einer Tasse Kaffee haben, die er langsam trinken würde. Er schaute Jordana nach, wie sie barfuß und hüftschwingend in Richtung Küche verschwand.

Als sie außer Sicht war, machte er es sich in einem der geblümten Ohrensessel bequem und strich sich durchs Haar, das er kurz geschoren trug. Wie hatte er nur so blöd nach ihrer Verhütung fragen können? Normalerweise hatte er keinen ungeschützten Sex. In letzter Zeit hatte er so viel zu tun gehabt, dass es kaum Gelegenheit für geschützten Sex gegeben hatte. Aus offensichtlichen Gründen schlief er nie ohne Kondom mit einer Frau, aber verflucht, Jordana war so initiativ gewesen. So traumhaft fordernd und nachgiebig. Nur ein toter Mann hätte sie abweisen können.

Sobald er an ihre gemeinsame Nacht dachte, regte sich sein Verlangen. Er atmete tief durch und unterdrückte diese Empfindung. Ihr Anblick nach all den Monaten erinnerte ihn daran, wieso er ihr nicht hatte widerstehen können. Mit ihren blonden schulterlangen Haaren und ihrer natürlichen Schönheit war sie verflucht verführerisch, und trotz des Schlamassels, in dem sie steckten, begehrte er sie.

Er beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf den Knien ab. Vielleicht gab es nur einen schmalen Grat zwischen Liebe und Hass. Verlangen und Hass, korrigierte er sich rasch. Er kannte sie nicht gut genug, um in sie verliebt zu sein, gleichgültig, wie sein Körper auf sie reagierte, doch er hasste sie nicht. Er war durcheinander und wütend wegen des Verlaufs der Dinge. Das hatte ihn auf diese Formel gebracht. Seine Gefühle liefen gerade ziemlich aus dem Ruder, aber eins wusste er genau. Er hasste die Art und Weise, wie Jordana ihre Schwangerschaft vor ihm verborgen hatte.

Wut brandete durch seine Adern und ließ ihn klarer sehen. Er würde an seinem Plan festhalten. Er würde Atlanta nicht eher verlassen, bis sie einer Heirat mit ihm zugestimmt hatte und bereit wäre, mit ihm nach Red Rock, Texas, zurückzukehren. Sein Kind würde nicht unehelich zur Welt kommen. Zum Teufel mit Jordana Fortune, er würde das Richtige tun.

Jordana füllte Wasser in den Kessel. Ihre Hand zitterte, als sie das Kaffeepulver in die Espressomaschine löffelte. Dieser Geruch und der Gedanke an Tanner Redmond, der mit grimmigem Blick in ihrem Wohnzimmer saß, ließen ihren Magen verrücktspielen. Sie hielt den Atem an, in der Hoffnung, der Situation Herr zu werden.

Bei Gerüchen wie dem nach Kaffee oder ihrem Lieblingsparfum, die sie vor Beginn ihrer Schwangerschaft gemocht hatte, drehte sich ihr inzwischen der Magen um. Nun nahm sie dieses Unwohlsein als Preis für die Entschuldigung in Kauf, Tanner eine Zeit lang aus dem Weg zu gehen und ihre Gedanken zu sortieren. Denn der Mann, den sie als freundlich und geduldig in Erinnerung hatte, schien jetzt ein völlig anderer zu sein. Sie hatte vier Minuten, um sich zu überlegen, wie sie seine Meinung ändern und ihn wegschicken konnte.

Jordana schluckte, da die Übelkeit stärker wurde, obwohl sie nichts gegessen hatte. Mehrmals atmete sie tief durch die Nase ein und durch den Mund aus, bis sich ihr Magen beruhigte. Seit Beginn des zweiten Schwangerschaftsmonats war ihr morgens oft schlecht. Es war das erste Anzeichen gewesen, dass sich in ihrem Körper etwas veränderte. Ihre Ärztin hatte ihr versichert, diese Symptome würden im dritten Monat verschwinden, aber bisher ohne Erfolg. Heute schien es wieder einer dieser Tage zu werden. Anfangs war es ihr schwergefallen, trotzdem arbeiten zu gehen und ihre Schwangerschaft vor den Kollegen geheim zu halten. Da ihr keine bessere Ausrede eingefallen war, hatte sie ihr Unwohlsein auf kursierende Grippewellen und starke Erschöpfung geschoben, aber sie musste sich bald etwas Neues einfallen lassen. Das Letzte, was sie brauchte, war, dass Tanner sich wie ein Elefant im Porzellanladen aufführte und ihre Tarnung zerstörte.

Am liebsten hätte sie ihre Cousine Victoria umgebracht, die ihm von der Schwangerschaft erzählt hatte, obwohl sie sie ausdrücklich um Stillschweigen gebeten hatte. Auf ihre übliche Art hatte Victoria ihr zugesetzt, sie solle sich ein Herz fassen und es ihm sagen. Für solche Neuigkeiten gebe es nie den richtigen Moment. Sie hätte Victorias Äußerung, ansonsten übernähme sie das, ernster nehmen müssen. Die Frau hatte noch nie ein Geheimnis für sich behalten können und platzte am Ende immer damit heraus.

Jordana schaute auf die Uhr. In Texas war es jetzt kurz vor sieben. Plötzlich verspürte sie den starken Drang, zum Hörer zu greifen und der Plaudertasche ein paar Takte zu erzählen. Der Pfiff des Wasserkessels ließ sie innehalten. Sie machte die Getränke fertig und stellte die Zeitschaltuhr auf drei Minuten. Mit Victoria würde sie später reden, würde ihr so gründlich den Kopf waschen, wie die es bisher noch nie erlebt hatte. Sie ahnte bereits, was ihre Cousine antworten würde …

Vielleicht war es ja nicht richtig, die Dinge so voranzutreiben, aber ehrlich, Jordana, ich habe dir einen Riesengefallen getan.

Bei ihrem letzten Gespräch hatte Victoria die unsinnige Meinung vertreten, eine Heirat zwischen ihr, Jordana, und Tanner sei unvermeidlich. Angeblich gehörten sie zusammen wie Victoria und ihr Verlobter Garrett. Victoria schwor, dass sie ein sicheres Gespür dafür habe. Ihre Cousine schien einfach nicht begreifen zu wollen, dass, nur weil sie und Garrett verliebt waren, dies noch lange nicht hieß, dass sie und Tanner es auch waren.

Tanner war nicht verliebt in sie. Wenn ja, hätte er sie in den letzten vier Monaten angerufen, was er nicht getan hatte. Nicht ein einziges Mal.

Ihr blieb noch eine Minute, bevor sie wieder ins Wohnzimmer zurückkehren und sich mit ihm auseinandersetzen musste. Sie brauchte einen Plan.

Denk nach

Nach nur einer gemeinsamen Nacht kannte sie ihn kaum. Am Abend von Wendys und Marcos Hochzeit hatten sie zusammen getanzt und sich über Belanglosigkeiten unterhalten. Die kurze Zeit hatte gereicht, dass sie ihn für einen anständigen Mann hielt. Und tatsächlich stellte er sich seiner Verantwortung, nachdem ihre Cousine aus dem Nähkästchen geplaudert hatte. Sie musste ihn wissen lassen, dass er von allen Verpflichtungen befreit war. Doch sie hatte das ungute Gefühl, nette Jungs gaben ihre Pflichten nicht so leicht auf.

Die Zeitschaltuhr schrillte. Kaffee und Tee waren fertig. Mit scheinbarer Gelassenheit trug sie beide Becher ins Wohnzimmer. Jetzt musste sie Klartext reden. Je eher sie das hinter sich brachte, desto schneller flog Tanner Redmond zurück nach Texas und war aus ihrem Leben verschwunden. Er richtete sich auf, als sie auf ihn zuging. Seine kräftige Erscheinung wirkte etwas fehl am Platz in ihrem geblümten Sessel. Wie gut aussehend er ist, schoss es ihr durch den Kopf.

„Bitte schön“, sagte sie und reichte ihm den Kaffeebecher. „Ich möchte nicht unhöflich sein, aber in knapp einer Stunde habe ich einen Termin im Büro, und ich bin immer noch nicht angezogen. Also beeil dich mit dem Austrinken.“

Er zog eine Augenbraue hoch und hielt ihren Blick fest. „Ich bin nicht wegen des Kaffees hier. Auch wenn ich mich freue, dass du mir einen gemacht hast.“

„Ich weiß. Daher lass uns zur Sache kommen. Du bist hier, weil meine Cousine Victoria dir den Eindruck vermittelt hat, ich bräuchte deine Hilfe. Tue ich aber nicht. Ich mag schwanger sein, doch ich bin nicht in Schwierigkeiten. Ich werde dieses Kind bekommen, und du hast weder mir noch dem Kind gegenüber irgendeine Verpflichtung.“ Sie hielt inne und atmete tief durch, um die nächste Übelkeitswelle zu bekämpfen. „Ich denke, damit ist alles gesagt.“

Sie blieb stehen und hoffte, dass er den Wink verstanden hatte.

Er nahm einen großen Schluck aus dem Becher. „Mmm … ausgezeichneter Kaffee.“

War das sein Ernst? Allmählich wurde sie ärgerlich.

„Tanner, hast du mich verstanden?“

Er nickte. „Jedes Wort. Aber du scheinst nicht zu begreifen, dass es nicht nur dein Kind ist. Es ist auch meins. Du kannst gerne glauben, dass du die alleinige Entscheidungsgewalt hast, aber du solltest eins wissen: Ich werde nicht eher gehen, bis du einer Heirat mit mir zugestimmt hast, denn kein Kind von mir wird unehelich geboren.“

„Dich heiraten?“, stieß sie hervor.

Widersprüchliche Gefühle spiegelten sich in Jordanas Blick. Auf Verwirrung folgte eine Schrecksekunde. Die Farbe wich aus ihren Wangen und sie wurde leichenblass. Die Haltung des trotzig vorgeschobenen Kinns veränderte sich jedoch nicht.

Sie wollte es ihnen also nicht leicht machen. Begriff sie denn nicht, wie einfach alles sein konnte? Sie musste doch nur das Richtige tun und zustimmen, ihn zu heiraten. Dann wäre Tanner erst einmal weg. Sie könnte sich anziehen, ihren Termin im Büro wahrnehmen, während er mit dem Notar oder dem Friedensrichter in Atlanta sprach. Dem Baby zuliebe wollte er so rasch wie möglich heiraten.

Vielleicht aber auch, weil er sie festnageln wollte, bevor sie ihm wie beim letzten Mal entwischte. Am Morgen nach dem Sturm hatte er sie zu ihrer Familie gebracht und sie hatte ihn mit einem Handschlag verabschiedet. Einem Handschlag und einem „Danke für alles“. Er war nicht unerfahren und hatte schon mit einigen Frauen eine Nacht verbracht, keine hatte ihm jedoch danach die Hand geschüttelt.

„Hör zu, Tanner. Du kannst nicht einfach hier reinplatzen und erwarten, dass ich dich heirate.“ Fassungslos schaute sie ihn an. „Glaubst du wirklich, dass das die Antwort auf das … diese … Situation ist?“

So nannte sie das also. Schweigend blickte er sie an und wägte seine Worte ab. „Wer weiß noch über unsere kleine Situation Bescheid?“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und zog den Bademantel enger um ihren Körper. Ihre Schwangerschaft war nicht zu sehen, er hatte keine Ahnung, in welchem Monat Frauen sein mussten, damit etwas zu erkennen war.